Opa und die Colafabrik

Erinnerungen von Reiner Kolodziej (18/4)

Als ich zehn Jahre alt war, Mitte der 1950er Jahre, da war eine Flasche Coca-Cola ein Luxus. Mein Großvater Hermann Klein hatte damals in Berlin ein kleines Fuhrunternehmen. Nach dem Krieg waren es hauptsächlich Schuttfahrten, mit denen er sein Geld verdiente. Schutt gab es zu dieser Zeit ja reichlich. Schon im jüngsten Schulalter durfte ich in den Ferien Opa bei seiner Arbeit begleiten. Meine größte Freude war es, wenn ich nach dem Abladen beim Runterfahren vom Müllberg den Lenker halten durfte, während Opa sich eine Zigarre anzündete. Als die Schuttfahrten weniger wurden, lebte die Firma hauptsächlich von Umzügen und Möbeltransporten. 1956 kam dann Coca-Cola ins Spiel. Opa wurde beauftragt, die Colaflaschen von der Abfüllanlage in der Hildburghauser Straße an Geschäfte auszuliefern. Ich weiß eigentlich nicht, wie dieser Auftrag zustande kam, ob Coca-Cola die große Nachfrage noch nicht mit eigenen Lastwagen bedienen konnte. Egal, es war eine schöne Zeit, und die Cola schmeckte. Ich glaube, ich konnte so viel davon trinken, wie ich wollte.

Coca-Cola zu den Olympischen Spielen

Schon 1929 eröffnete die erste deutsche Coca-Cola-Niederlassung in Essen – an den Krupp-Fabriken, dort, wo man die meisten durstigen Kehlen vermutete. Der Verkauf in Berlin startete 1935 über sieben selbstständige Konzessionäre. Coca-Cola, hergestellt in Berlin, gab es dann ein Jahr später. Der Eröffnungstag der Olympischen Spiele 1936 war zugleich der erste Auslieferungstag der kurz zuvor eröffneten, ersten Coca-Cola-Abfüllanlage in der Hauptstadt. Diese befand sich in einem ehemaligen Brauereigebäude an der Hildburghauser Straße 224. Von hier aus wurden nun die Teilnehmer und Besucher der Olympischen Spiele beliefert. Schon drei Jahre später meldete man den Verkauf von 200.000 Kisten Coca-Cola aus Berlin.

Eine neue Firmenzentrale in Berlin

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Abfüllanlage bald lahmgelegt – durch den Rohstoffmangel, vor allem durch den fehlenden Zucker. Nach der Zerstörung durch Bombentreffer begann direkt nach Kriegsende der Wiederaufbau. 1948 wurde der Betrieb wieder aufgenommen, um die GIs mit dem Lieblingsgetränk ihrer Heimat zu verwöhnen. In den folgenden Jahren gab es dann auch wieder Cola für die Deutschen und damit einen rasanten Aus- und Neubau der Anlagen in der Hildburghauser Straße. 1957 wurde mit einem neuen Verwaltungs- und Produktionsgebäude begonnen. Die alten Liegenschaften der ehemaligen Brauerei mussten weichen. In den folgenden Jahren stiegen die Produktionszahlen. Als 1960 die Schultheiss Brauerei AG die Abfüllanlage übernahm, wurden jährlich 1,3 Millionen Kisten Coca-Cola (zu je 24 Flaschen) abgefüllt und vertrieben.

Billy Wilder kommt

1961 war es dann der Regisseur Billy Wilder, der mit seiner Filmkomödie „Eins, Zwei, Drei“ auf die Abfüllanlage in der Hildburghauser Straße aufmerksam machte. Der Film wurde kurz vor dem Mauerbau begonnen und hatte die Coca-Cola-Erschließung hinter dem Eisernen Vorhang zum Inhalt. Außenaufnahmen zeigten das Verwaltungsgebäude und den Schauspieler Horst Buchholz, wie er mit einem Motorrad von der Hildburghauser Straße abfährt. Wegen dieses politischen Hintergrunds fand der Kinofilm zunächst weder in den USA noch in Deutschland Zuspruch. So bezeichnete ihn zum Beispiel die BZ damals als den „scheußlichsten Film über Berlin“. Doch als er 1985 in Frankreich und Deutschland wiederaufgeführt wurde, entwickelte er sich insbesondere in West-Berlin zum Publikumshit.

Währenddessen expandierte das Geschäft mit der Limonade weiter. Es wurde nicht nur Coca-Cola produziert, auch Marken wie Fanta, Sprite, Mezzo-Mix liefen über die Abfüllanlage. 1969 kaufte Schultheiss das angrenzende Grundstück der ehemaligen Gewächshausfirma Böttcher und Eschenhorn dazu und baute weitere Lagerhallen. Neue Ein- und Ausfahrten entstanden, was die Anwohner in der Hochstraße begrüßten.

Jetzt werden hier Autos geprüft

Der LKW-Lärm reduzierte sich zwar, aber der Alltagslärm einer so großen Anlage war weiterhin eine Belastung. So waren auch die Anwohner der Hochstraße nicht gerade traurig, als 1994 die letzte Kiste Coca-Cola vom Band lief und die Produktion nach Hohenschönhausen verlagert wurde. Noch einmal wurde das inzwischen in die Jahre gekommene Gebäude Kulisse für eine Komödie. Wolfgang Beckers „Good Bye Lenin“ machte davon Gebrauch.  2010, nach 16 Jahren der Verwilderung, kehrte erneut Leben in das denkmalgeschützte Gebäude ein. Seit 2011 werden hier keine Flaschen mehr befüllt, sondern Autos geprüft.

Titelmotiv: Berlin, ehemalige Coca-Cola-Zentrale (Bild: Sukuru, CC0, 2013)

Zum Weiterlesen

Gräwe, Christina, Spurensuche. Hans Simon (1909-1982), in: Baunetzwoche 302, Januar 2013.

Schmiedeke, Sabine, Die ehemalige Coca-Cola-Abfüllfabrik in Lichterfelde-Ost , auf: berlin.de, Denkmal des Monats Juni 2012.

Kolodziej, Reiner, „Coke“ aus der Hildburghauser Straße. Die Lichterfelder Coca-Cola-Story, auf: petrus-giesendorf.de, Januar 2011 (hier wurde der obige Text erstmals veröffentlicht).

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Herbst 18: „Geht aufs Haus!“

"Buy the World a Coke"

„Buy the World a Coke“

LEITARTIKEL: Jürgen Tietz über Trinken als Kunst.

Die Trinkhalle

Die Trinkhalle

FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck kurt in Bad Neuenahr.

Die Forschungsbrauerei

Die Forschungsbrauerei

FACHBEITRAG: Ralf Giebl aus einem Münchner Sudhaus.

Der Entenflötenkessel

Der Entenflötenkessel

FACHBEITRAG: Karin Berkemann auf Pomo-Spurensuche.

Opa und die Colafabrik

Opa und die Colafabrik

PORTRÄT: Reiner Kolodziej erinnert sich an Berlin.

"Ernst gibt es genug"

„Ernst gibt es genug“

INTERVIEW: Hendrik Bohle über den Milchpilz.

Ostbrause

Ostbrause

FOTOSTRECKE: Limonaden- und Cola-Etiketten der DDR.

„Ernst gibt es genug“

der Fotograf und Architekt Hendrik Bohle über den Regensburger Milchpilz (18/4)

Der Milchpilz steht nicht im Verdacht, im Geist der Bauhaus-Bewegung entstanden zu sein. Eher denkt man an die Märchenparks der 1950er Jahre. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, war der Berliner Architekt und Fotograf Hendrik Bohle auf einer Stippvisite in Regensburg schockverliebt in den rot-weiß-getupften Kiosk: „Ernste Architektur gibt es genug“, kommentiert er die selbstbewusste Farbgebung. Als Mitherausgeber des E-Magazins „the link“ ist er es gewohnt, Inkunabeln der Architekturmoderne in Szene zu setzen. Nach seiner Einschätzung kann der Regensburger „Schwammerl“, das „Stehcafé“ im Milchpilz, da locker mithalten. moderneREGIONAL sprach mit Bohle, was für ihn das Besondere an dieser etwas anderen Trinkhalle ausmacht.

moderneREGIONAL: Herr Bohle, als Architekt und Fotograf haben Sie viel mit richtig guten, ernsthaften Bauten zu tun. Warum ist ausgerechnet ein pilzförmiger Kiosk so beliebt?

Hendrik Bohle: Beinahe jeder erinnert sich gerne an früher. Das müssen eben nicht die verklärenden „guten, alten Zeiten“ sein. Wieso nicht ein märchenhafter Fliegenpilz aus den Träumen der Kindheit? Einer Zeit in der der Tag mit einem richtig kalten Glas Milch begann. Um den Milchkonsum besonders bei den Kleinen anzukurbeln, wählte die Firma Hermann Waldner KG in den 1950er-Jahren ganz geschickt eine Behausung, in der Wichtel und Elfen wohnen. Da konnte es doch nur Gutes geben. Den Passanten zaubert der knallige Schirmling auch heute noch ein Lächeln ins Gesicht. Wie sympathisch.

mR: Der Namen „Milchpilz“ war sogar gesetzlich geschützt.

HB: Eine frühe Form des Brandings. Milchhäuschen waren bis zum Ersten Weltkrieg besonders in der rheinisch-westfälischen Industrieregion weit verbreitet. In den 1950ern wollte Waldner daran anknüpfen. Sie lieferten den hölzernen Kiosk fertig montiert und vollausgestattet mit Kühlschrank, Sahne- und Eismaschine. Ihre Milchpilze waren äußerst beliebt. Etwa 50 Stück wurden neben Deutschland auch nach Österreich, in die Schweiz, nach Italien und ins entfernte Griechenland geliefert. Überdauert haben leider nur wenige.

mR: Ein Milchpilz kam 1954 nach Regensburg. Seit 2003 steht er unter Denkmalschutz. Heute gibt es hier auch Kaffee zu kaufen. Was bevorzugen Sie?

HB: Einen Espresso. Kurz und heiß gebrüht. Maximal mit Milchschaumhäubchen.

mR: Und das schmeckt besser unter einem Pilz-Dach?

HB: Wichtig ist mir, sich Zeit zu nehmen, inne zu halten und sich hin und wieder eine Pause zu gönnen. Auch wenn es nur ein schneller Espresso ist. Gerne dann auch geschützt unter einem Milchpilz zu einem kurzen Schnack an der Theke. Ich habe nie den Sinn verstanden, kulturlos mit einer Pappe durch die Gegend zu laufen oder mit einem Thermobecher für das gute Gewissen.

mR: Seit 1961 verkauft die Modellfirma Faller den „Pilzkiosk“. Die Grenzen zwischen den Genres scheinen fließend.

HB: Architekturen kehren zurück und Märchenwelten scheinen die Baukunst oder ganze Städte zu inspirieren. Augmented Reality überlagert den öffentlichen Raum. Früher war es Las Vegas, heute ist es Dubai. Die Zeiten des kompromisslosen Funktionalismus, der Nüchternheit und Strenge scheinen vorbei. In der Architektur ist heute beinahe alles möglich dank smarter Technik sowie neuer Planungs- und Produktionsmethoden. Manchmal geht mir das zu theatralisch, selbstverliebt und effekthascherisch zu, aber insgesamt finde ich das bereichernd. Es muss nur darauf geachtet werden, die Balance zwischen Inszeniertem, handwerklicher Qualität und gestalterisch Überzeugendem zu halten.

mR: Doch immer mehr Kioske verschwinden aus den Städten.

HB: Nicht zuletzt weil den Betreibern immer mehr genehmigungsrechtliche Hürden in den Weg gelegt werden. Das finde ich fahrlässig. Die Büdchen sind für viele mehr als nur ein Ort des schnellen Kaffees, des Biers oder der Curry-Wurst. Sie sind ein wichtiger Treffpunkt im Kiez, ein Stück Heimat zum Plaudern und Diskutieren. Die Betreiber sehen sich oftmals als Seelsorger und Vermittler. Da spielt auch sehr viel Emotionalität eine Rolle. Deshalb sollten sie gepflegt werden.

mR: Und was haben die Nicht-Kiosk-Gänger davon?

Kioske beleben den Stadtraum. Der öffentliche Raum ist viel wichtiger als jedes einzelne Gebäude. In Lissabon beispielsweise hat man ihren Wert bereits erkannt. Viele der historischen Kioske wurden in den letzten Jahren restauriert und revitalisiert. Mittlerweile stehen sie in jedem Reiseführer, sind aber eben auch bei den Einheimischen weiterhin sehr beliebt. Im MoMa erlebt gerade der legendäre Kiosk K67 des slowenischen Architekten und Designers Saša J. Mächtig sein Revival. In Berlin-Kreuzberg wurde sogar eine restaurierte Variante als „Kioski“ neu eröffnet. Der öffentliche Raum sollte nicht leergeräumt und mit Werbung zu geräumt werden. Wir brauchen auch zukünftig eine niedrigschwellige Vielfalt für alle, denen eine demokratische Stadt wichtig ist.

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Hendrik Bohle ist Projektarchitekt, Stadtforscher und Autor. Sein Studium führte den gebürtigen Bielefelder nach Hannover, Cottbus, Berlin. Erschienen sind seine Architekturführer Istanbul, Vereinigte und Arabische Emirate erschienen, alle mit dem Journalisten Jan Dimog. Gemeinsam geben Sie die Onlinepublikation „THE LINK“ heraus, die Architektur und Reisen verbindet.

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Herbst 18: „Geht aufs Haus!“

"Buy the World a Coke"

„Buy the World a Coke“

LEITARTIKEL: Jürgen Tietz über Trinken als Kunst.

Die Trinkhalle

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FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck kurt in Bad Neuenahr.

Die Forschungsbrauerei

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FACHBEITRAG: Ralf Giebl aus einem Münchner Sudhaus.

Der Entenflötenkessel

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FACHBEITRAG: Karin Berkemann auf Pomo-Spurensuche.

Opa und die Colafabrik

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PORTRÄT: Reiner Kolodziej erinnert sich an Berlin.

"Ernst gibt es genug"

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INTERVIEW: Hendrik Bohle über den Milchpilz.

Ostbrause

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FOTOSTRECKE: Limonaden- und Cola-Etiketten der DDR.

Was schief gehen kann

von Dina Dorothea Falbe, mit Fotos von Christopher Falbe (17/2)

Energetische Sanierung: Dämmwahn, notwendiges Übel oder vielleicht doch ökologisch sinnvoll? Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern nur mit Blick auf den Einzelfall – genau wie die Frage nach einem möglichen Denkmalwert. Wo beide Fragen zusammenkommen, gehen die Meinungen besonders weit auseinander. Der Fall eines Wohnensembles in Berlin-Schmargendorf illustriert auf eindrucksvolle Weise, was in diesem Zusammenhang alles schief gehen kann.

Expressionismus oder Heimatstil?

Die viergeschossigen grauen Putzbauten mit Walmdächern zwischen Orber Straße und Salzbrunner Straße wurden 1938/39 errichtet, ohne sich dies gestalterisch anmerken zu lassen. Sie passen weder zum Heimatstil der gartenstadtartigen SS-Siedlung an der Krummen Lanke, noch zur monumentalen Strenge der Wohnsiedlung am Grazer Damm. Mit den abstrakten Klinkerornamenten um die Eingangstür und am Treppenaufgang könnten sie auch ein konservatives Beispiel der 1920er Jahre sein. Insgesamt sieben Häuserzeilen sind durch verklinkerte Pergolen miteinander verbunden und schließen einen etwas tiefer liegenden Innenhof ein. Als Architekten des Ensembles nennt das Buch „Berlin und seine Bauten Teil IV A“ den Namen „Sänger“. Beauftragt wurde er durch die Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten (Gagfah).

Viele verschiedene Wohnungsbaugesellschaften, private Bauherren und mindestens ebenso viele Architekten bestimmten in den1920er und 1930er Jahren den Wohnungsbau in Berlin. Legendär ist der „Zehlendorfer Dächerkrieg“, in dem sich u. a. Bruno Taut und Hans Poelzig gegenüberstanden. Der Architekt Harry Rosenthal hatte in beiden Büros gearbeitet. So scheint sein „Haus Salzbrunn“ (1927) in der Salzbrunner Straße beide Auffassungen zu verbinden. Für einen privaten Bauherrn errichtete er dort ein Wohnhaus mit großen, schmucklosen Fenstern, runden Balkonen und weißem Anstrich – ganz im Sinne des Neuen Bauens, wie es die Stuttgarter Weißenhofsiedlung repräsentierte. Darauf setzte er allerdings ein geneigtes Dach, wie in traditionellen Bauformen üblich.

Polystyrol statt Grauputz

Elf Jahre später, als Architekt Sänger auf der gegenüberliegenden Straßenseite für die Gagfah baute, hatte Harry Rosenthal Deutschland bereits verlassen müssen. Die Dachform und die Gebäudeanordnung, wie sie einen losen Blockrand markiert, verbinden jedoch dieses Gegenüber unterschiedlicher Fassaden. Eine Straßenecke weiter steht ein Haus von Hans Scharoun aus dem Jahr 1932. Die unterschiedlichen Architekturauffassungen der 1920er und 1930er treffen dieser Nachbarschaft zusammen und illustrieren so auf engem Raum ein wichtiges Kapitel Berliner Stadtentwicklung. Die Gegend nahe dem S-Bahnhof Hohenzollerndamm wurde nicht auf einmal beplant: Einige Blocks und Straßenecke blieben auch nach dem Krieg noch lange unbebaut. Der zeittypische Wohnungsbau vieler weiterer Jahrzehnte ergänzte Schritt für Schritt die inzwischen historischen Häuser.

Die Gagfah trug indessen wenig zum Unterhalt ihrer Gebäude in der Orber, Salzbrunner und Charlottenbrunner Straße bei. „Kriegsbedingte Zerstörungen wurden im Rahmen des Aufbau-Programms 1952 beseitigt“, weiß das Bezirkslexikon von Charlottenburg-Wilmersdorf. Dies war die letzte Modernisierung des Ensembles – bis zu dem Jahr, in dem die Deutsche Annington sich mit der Gagfah zu Deutschlands größtem Immobilienkonzern „Vonovia“ zusammen schloss: 2015. Plötzlich wurden die Mieter mit einer geplanten Mieterhöhung konfrontiert, die sich aus einer energetischen Sanierung ergeben sollte. Polystyrol sollte nun den Grauputz verdecken, dessen Widerstandsfähigkeit sich ein Dreivierteljahrhundert bewährt hatte. Weiße Kunststofffenster ersetzen die bauzeitlichen Holzkastenfenster. Auch die roten Haustüren werden bald nicht mehr aus handwerklich bearbeitetem Holz, sondern aus Metall sein.

Besitzstörung

Am 23. Januar 2016 empfahl der unabhängige Denkmalrat der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) das Ensemble unter Schutz zu stellen. Im Mai fasste die BVV den Beschluss sich beim Landesdenkmalamt (LDA) für die Eintragung in die Denkmalliste einzusetzen. Im August bestätigte das LDA die Denkmalwürdigkeit unter Vorbehalt weiterer Prüfungen. Die Bauarbeiten der Vonovia schritten indes voran, denn vor der Eintragung in die Denkmalliste sah sich das Landesdenkmalamt offenbar nicht in der Lage, in die Bauarbeiten einzugreifen. Zwischenzeitlich berichtete die Berliner Zeitung (BZ) über den „Aufstand in Schmargendorf“ – insgesamt 16 Mieter der 190 Einheiten umfassenden Wohnanlage hatten vor dem Verwaltungsgericht Klage wegen „Besitzstörung“ eingelegt, um sich gegen die Dämmung ihrer Wohnungen zu wehren. Die erwartete Heizkostenersparnis fällt gegenüber der Mieterhöhung marginal aus. „Die wollen nur die Mieterhöhung verhindern“, meint ein junger Anwohner, „der Denkmalschutz wäre nur ein Mittel dazu gewesen.“

Anfang April 2017 berichtete dann der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) vom „vergeblichen Protest in Berlin-Schmargendorf“ – der Denkmalschutz für die Wohnhäuser kommt nun doch nicht. Nach letztem Stand sollen nur die Gartenanlagen in die Denkmalliste eingetragen werden, da an den Bauten bereits zu viel verändert wurde. Dies erfuhren die Mieter nicht direkt vom Landesdenkmalamt, sondern vor Gericht im Februar 2017 von der Vonovia, die sich nach eigenen Angaben im „ständigen Austausch mit dem Denkmalamt“ befand. Gegenüber dem rbb erklärte die Vonovia zudem, dass das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf ihr bereits im September 2016 „nach Prüfung“ der Planungen „bestätigt“ habe, dass das Bauvorhaben „mit baukulturellen Belangen vereinbar“ sei.

Schmargendorfer Mieterprotest

Mieter Fred Grätz fühlt sich betrogen, zumal laut dem in Berlin geltenden Denkmalschutzgesetz die Denkmalliste „eben nicht mehr konstitutiv, also rechtserzeugend, sondern nur noch deklaratorisch, also rechtsbezeugend“ sei. Als Rentner engagiert sich Grätz als Sprecher des „Schmargendorfer Mieterprotestes“. Auch der pensionierte Denkmalpfleger Dr. Dieter Worbs, der als Mitglied des Denkmalbeirats die Eintragung empfohlen hatte, bedauert die nun ungehindert fortschreitenden Baumaßnahmen und bezeichnet sie angesichts der Bausubstanz als „unnötig“. Holzkastenfenster und massive Ziegelwände von 38 bis 50 Zentimetern Dicke bieten bereits mehr Isolation als viele konstruktive Lösungen der Nachkriegszeit.

Im selben Bezirk, etwas weiter südlich befindet sich die „Gartenstadt am Südwestkorso“, auch bekannt als „Künstlerkolonie“. Die 1927 bis 1930 für sozial nicht abgesicherte Künstler und Schriftsteller erbaute Siedlung steht seit 1990 unter Denkmalschutz und gehört ebenfalls der Vonovia. Obwohl die Bausubstanz dieser Siedlung mit der in der Orber Straße vergleichbar ist, sieht die Vonovia hier keinen Bedarf zur energetischen Sanierung.

„Man kann das doch so machen, dass es wie aus den 30ern aussieht“, meint ein älterer Anwohner, der wenig Verständnis für die Beschwerden des „Schmargendorfer Mieterprotestes“ hat. Mit dieser Aussage hat er gewissermaßen Recht, doch auch hier muss man wieder mit Blick auf den Einzelfall entscheiden – gerade die konkrete Bauausführung bereitet den Mietern wohl mit die größten Sorgen. Sie befürchten Schimmel und Algen an ihren Wänden und werfen der Vonovia vor, nicht nur bei den verwendeten Produkten, sondern auch an der Verarbeitung zu sparen. Dämmplatten sollen bei Regen und beidseitig an Balkontrennwänden verklebt werden, ein Mieter will verhindert haben, dass ein Fensterblech ohne den erforderlichen Abflusswinkel montiert wurde, sodass das Wasser in seine Wohnung geleitet worden wäre. Hier steht Aussage gegen Aussage. Tatsächlich fällt aber beim Besuch der Baustelle auf, dass die Bauarbeiten relativ unkoordiniert ablaufen. An verschiedenen Ecken wurde mit der Dämmung begonnen. Wirklich abgeschlossen scheint die „Sanierung“ bisher nirgends zu sein, obwohl die Bauarbeiten nun ins dritte Jahr gehen. Einige Holzfenster liegen achtlos auf einem Haufen, andere sind noch in Takt.

Aus Sicht benachteiligter Mieter erlaubt die Energieeinsparverordnung den „Missbrauch der Dämmung“ zur Mietsteigerung. Sie befürchten außerdem, dass die Vorgehensweise deutschlandweit „Schule macht“ und Immobilienfirmen möglichst schnell „Fakten schaffen“, damit sie sich um den Denkmalschutz keine Sorgen machen brauchen – berichtete der rbb. Umgekehrt kann auch die Denkmalpflege Schlüsse aus diesem Misserfolg ziehen. Wäre für eine Modernisierung dieser Art beispielsweise eine Baugenehmigung notwendig, könnten die Behörden Zeit gewinnen, die Denkmalwürdigkeit rechtzeitig zu prüfen.

„Deutschland macht’s effizient“

Ob nun rechtens oder nicht – die Abläufe in diesem Fall bestätigen jedes Vorurteil gegenüber Behörden, die im Zweifelsfall nicht auf der Seite der Mieter, der Baukultur oder der Umwelt, sondern auf der Seite der „Wohnungskraken“ stehen – so bezeichnet Fred Grätz die Vonovia, die durch Übernahme weiterer Immobilienfirmen ständig ihre Rendite steigert. Gleichzeitig zeigt der Fall die aktuellen Problemstellungen der institutionellen Denkmalpflege auf: Wie könnte man, oder könnte man überhaupt den Unterschutzstellungsprozess demokratisieren? Die Empfehlung des unabhängigen Denkmalbeirates in Verbindung mit dem Engagement der Mieter zeigt ein öffentliches Interesse an den baukulturellen Werten der Wohnanlage. Obwohl ein solcher Wert fachlich bestätigt war, verlief das Verfahren sehr zögerlich und letztlich erfolglos.

Umweltschützer warnen vor den Folgen, die Kunststoffabfälle für Flora und Fauna haben. Auch Asbest galt lange Zeit als günstiger und sicherer Dämmstoff, bis man die Risiken erkannte. Trotz der Sondermüllklassifizierung von Dämmplatten aus Polystyrol wird auf den Seiten der Kampagne des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie „Deutschland macht’s effizient“ weiterhin zuallererst auf Polystyrol verwiesen, das nach Angaben der Kampagne „etwa drei Viertel aller gedämmten Gebäude in Deutschland“ verkleidet. Immerhin engagiert sich das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mit dem HolzbauPlus-Wettbewerb für das Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen und prämiert unter dem Motto „additive Ehrlichkeit“ auch eine Dämmung aus diesen Materialien, die im Gegensatz zu ihrem künstlichen Gegenstück komplett wiederverwertbar und biologisch abbaubar sind.

Der staatlichen Förderung der energetischen Sanierungen fehlt die Grundlage für wirklich nachhaltiges Wirtschaften, solange die klassische Immobilienbewertung von einer Lebenszeit weniger Jahrzehnte ausgeht, nach deren Ablauf das Gebäude für abrissreif oder zumindest grundlegend renovierungsbedürftig erklärt wird. Nicht nur Energieeinsparung sondern auch Ressourcenschonung und Abfallreduktion sollten in die Berechnungen einbezogen werden. Der Grauputz der 1930er Jahre hat bis heute gehalten. Die massiven Mauern lassen sich gegebenenfalls wieder auspacken, die hölzernen Kastenfenster und Haustüren wandern jedoch auf den Müll und sind damit unwiederbringlich verloren. Die Fassade des neu gebauten Europäischen Rates in Brüssel muss den betroffenen Mietern wie reiner Hohn erscheinen: Sie besteht aus eben diesen Holzfenstern, die den Bewohnern der traditionellen Berliner Mietshäuser und in ganz Europa teils gegen ihren Willen genommen werden.

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Frühjahr 17: Verdämmt!

Verteidigen, was kein Denkmal ist

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LEITARTIKEL: Ursula Baus über Sinn und Unsinn der grassierenden Dämmwut – und was das über unser Architekturverständnis aussagt.

Was schief gehen kann

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FACHBEITRAG: Dina Dorothea Falbe durchstreift Berlins Häuserschluchten.

Zweimal Bürofassade

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PORTRÄT: Daniel Bartetzko skizziert zwei Frankfurter Sanierungen.

"Klartext!"

„Klartext!“

FACHBEITRAG: Thomas Rempen und 16 Master-Studierende werden laut und kreativ gegen den deutschen Dämmwahn.

"Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems"

„Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems“

INTERVIEW: Der bayerische Generealkonservator Prof. Mathias Pfeil spricht mit moderneREGIONAL über Forschung, Dämmung, Abwägung und Substanz.

Vorher-Nachher-Platte

Vorher-Nachher-Platte

FOTOSTRECKE: Martin Maleschka besucht Bukarest & Co.