Rokopomo

Irgendwie sind die 1990er Jahre Postmoderne, noch, aber auch wieder nicht mehr. Immer wieder diskutierten die Teilnehmenden und Mitwirkenden der gestrigen Best-of-90s-Tagung über die Frage, welchen Namen man der Architektur der 1990er Jahre denn geben könne. Die Vorschläge reichten von der Zweiten Moderne über den Dekonstruktivismus bis zur Medienarchitektur. Strittig blieb, ob es quer durch eine Dekade denn überhaupt ein einheitliches Etikett sein kann und muss. Am Ende fand, so viel sei vorweggenommen, der Kunsthistoriker Martin Bredenbeck (LVR) mit einem Augenzwinkern den salomonischen Schubladebegriff: Rokopomo, das Rokoko der Moderne, eine späte überbordende Blüte der barock gesinnten Postmoderne.

Bassenheim/Eifel, Verwaltungsgebäude, 1995, Henner Herrmanns (Bild: Henner Herrmanns)

Bassenheim/Eifel, Verwaltungsgebäude, 1995, Henner Herrmanns (Bild: Henner Herrmanns)

Die Ost-West-Architektur

Das im Mai gestartete Projekt „Best of 90s“ – eine Initiative von moderneREGIONAL mit Baukultur NRW, den Denkmalämtern von Hamburg und Baden-Württemberg sowie dem BDA Hessen – hatte Referierende und Diskutant:innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zur virtuellen Tagung eingeladen, um erste Pflöcke einzuschlagen für eine Architekturgeschichte der 1990er Jahre. Der Vormittag stand unter der Frage, ob es so etwas gibt, wie eine „Wiedervereinigungsarchitektur“ – welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede, welche Kontinuitäten und Traditionsabbrüche sich nach 1989/90 in Ost- und West-Deutschland beobachten lassen. Kirsten Angermann (Bauhaus-Universität Weimar) entdeckte bei den von ihr vorgestellten Objekten zwar Verbindungslinien, aber bei den Großprojekten in den neuen Bundesländern bemerkte sie eine Vorherrschaft westdeutscher Architekten.

Meiningen, Landeszentralbank, 2000, Nicolas Perren/Hans Kollhoff (Bild: Kraemer96, CC BY SA 3.0, 201

Meiningen, Landeszentralbank, 2000, Nicolas Perren/Hans Kollhoff (Bild: Kraemer96, CC BY SA 3.0, 2016)

Zwischen Entzücken und Befremden

Im anschließenden Denkmalschoppen war sich der Journalist Hans Wolfgang Hoffmann, der in den 1990er Jahren in Berlin Architektur studiert und über Neubauten geschrieben hatte, rasch einig mit seinem virtuellen Gastgeber Martin Bredenbeck: Die 1990er waren die Jahre der großen Diskussionen, jedes Projekt war von Interesse und schien von politischer Relevanz. Zuletzt porträtierte der Stadt- und Regionalplaner Christian Kloss (TU Berlin) das Spätwerk des Architekt:innenduos Hinrich und Doris Baller: Ihre Bauten – von den Berliner Rosenhöfen über das dortige Einkaufszentrum Castello bis zur Potsdamer Nutheschlange – stießen mit ihrer Dekorfreude damals auf Entzücken und Befremden, heute ist bereits ein Teil vom Abriss bedroht.

Friedrichsdorf-Seulberg, St. Bonifatius (Bild: Hoechstetter und Partner)

Friedrichsdorf-Seulberg, St. Bonifatius, 1993, Rolf Hoechstetter (Bild: Hoechstetter und Partner)

Vom Reichtum der Vielfalt

In der Mittagspause konnten die Teilnehmenden zum „Film-Lunch“ online auf themenbezogene Filme zugreifen: über die Frankfurter Zeilgalerie von Julia Zinnbauer und über das „Haus Hergovich“ in St. Margareten von Albert Kirchengast und Johann Gallis (DOCOMOMO Austria, mit Elise Feiersinger/ÖGFA). In ihrem folgenden Vortrag umriss die Theologie und Kunsthistorikerin Karin Berkemann (moderneREGIONAL) den Begriff des Kulturerbes und lotete aus, wie weit dessen Grundsätze – transformativ, transkulturell und partizipativ – auf die 1990er Jahre anwendbar sind. Bei der zugehörigen Diskussion konzentrierte man sich rasch auf die Frage, wie Architekturgeschichte und -vermittlung parallel zu einer Aufarbeitung dieser Dekade beitragen können. Anschließend wurden in vier Sektionen Einzelbeispiele vorgestellt: kommerzielle und zeichenhafte, großformatige und gemeinschaftsbezogene Projekte (moderiert von Daniel Bartetzko, Karin Berkemann, Matthias Ludwig und Martin Bredenbeck).

Berlin, Karow Nord (Bild: Dr. Minx, CC BY SA 3.0, 2006)

Berlin, Karow Nord, 1999, Moore, Ruble und Yudell (Bild: Dr. Minx, CC BY SA 3.0, 2006)

Der Geist der 1990er

Nach Berichten aus den Sektionen kamen auf dem Podium, moderiert vom Berliner Kurator und Publizisten Pablo von Frankenberg, miteinander ins Gespräch: Patrick Schoeck-Ritschard (Schweizer Heimatschutz), Maria Welzig (Architekturzentrum Wien), Berthold Heinrich Penkhues (BDA Hessen) und Martin Hahn (Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart). Am Ende stand der gemeinsame Wunsch, ein Stück der Diskutier- und Experimentierfreudigkeit der 1990er Jahre mit in die aktuelle Debatte überführen zu können. Denn während die Fachleute noch forschen, gehen die ersten Bauten jener Dekade gerade verloren. Eine analoge Tagungspublikation ist zum Jahresende im urbanophil-Verlag vorgesehen, im Herbst erscheint online eine baunetz-Woche zur Tagung. Die Poster der Tagung (u. a. von Fabian Schmerbeck, Martin Hahn, Laura Mameli, Christoph Schulten und Henner Herrmanns, Olaf Mahlstedt und Cordula Schulze) werden dauerhaft in das Online-Angebot von „Best of 90s“ eingebunden. (kb/db, 24.7.21)

Titelmotiv: Berlin, die „Pyramide“, 1995 (Bild: Fabian Schmerbeck)

„Best of 90s“ – heute doppelt online

Die Idee ist kaum ein Jahr alt, die ersten Partner:innen waren rasch beisammen – jetzt kann das Projekt „Best of 90s“ online die ersten beiden Gebäudeporträts vorstellen – mit Texten von Christan Holl und Peter Liptau, mit Fotografien u. a. von Gregor Zoyzoyla. Alle 14 Tage wird ein Gebäude oder ein Architekt/eine Architektin der 1990er vorgestellt, um für diese Werte dieser gerade historisch werdenden Stilepoche zu werben. Denn erste Vertreter dieser Zeit sind bereits akut bedroht. So hat z. B. der Verband Deutscher Kunsthistoriker aktuell, auf Initiative von „Best of 90s“ hin, gerade das Stadthaus Mannheim in seine „Rote Liste“ aufgenommen.

Zum Anlass für den Online-Start nehmen wir das heutige virtuelle Tischgespräch des BDA Hessen, das am 17. Mai 2021 ab 19 Uhr online via Zoom allen Interessierten offen steht. Gesendet wird aus den BDA-Räumen in der Braubachstraße 3 in Frankfurt am Main. Nach einer Kurzpräsentation soll sich der Austausch zwischen Daniel Bartetzko und Karin Berkemann von moderneREGIONAL sowie Vertretern des BDA vor allem um die Vermittlung der 1990er-Jahre-Architektur drehen.

„Best of 90s“ ist ein virtuelles Projekt von moderneREGIONAL mit Baukultur NRW, dem BDA Hessen, dem Denkmalschutzamt Hamburg und dem baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, fachlich beraten durch Kirsten Angermann, Daniel Bartetzko, Dr. Andreas Butter, Dr. Martin Bredenbeck, Dr. Matthias Ludwig und Olaf Mahlstedt, redaktionell betreut von Peter Liptau, unter der Projektleitung von Dr. Karin Berkemann. (kb, 17.5.21)

17. Mai, ab 19.00 Uhr, virtuelles „Tischgespräch“ des BDA Hessen mit moderneREGIONAL – hier geht es zum Zoom-Link

und hier geht es zur „Best of 90s“-Projekthomepage

Frankfurt am Main, ehemalige Bahnzentrale (Bild: Gregor Zoyzoyla, 2021)

Geschmackssperre

Bei ästhetischen Schluckbeschwerden hilft meist, den betreffenden Objekten aktiv entgegenzutreten – so fuhren wir an vielen verhangenen Sonntagnachmittagen mit dem Auto zu ersten 1990er-Jahre-Bauten. In der Erwartung, irgendwo zwischen „geht gar nicht“ und „hat doch was“ den Blick freizuräumen für die gestalterischen Qualitäten jener Ära. Es wird Zeit, denn im Sommer 2021 wird es online losgehen mit dem moderneREGIONAL-Projekt „Best of 90s“. Mit dieser virtuellen Vorstellung der spätesten Moderne soll eine neue Perspektive auf solche Bauten im Zwischenraum möglich werden. Noch wird die Architektur der 1990er Jahre nicht als historisch wahrgenommen, aber zeitgenössisch ist sie auch nicht mehr.

links: Hochheim, Trauerhalle, Schlamp + Schmelz, 1997; rechts: Barth, Hotel Speicher, Umbau um 1998, Volker Giencke (Bilder: K. Berkemann, 2021)

links: Hochheim, Trauerhalle, Schlamp + Schmelz, 1997; rechts: Barth, Hotel Speicher, Umbau um 1998, Volker Giencke (Bilder: K. Berkemann, 2021)

Daher ist gerade jetzt der ideale Zeitpunkt für eine erste Bestandsaufnahme, bevor Dämmplatten und Immobilienprojekte weiter Fakten schaffen. Zunächst hangelten wir uns bei unseren Erkundungstouren entlang der BDA-Landespreise der 1990er Jahre, um ein Gespür für die damaligen Vorlieben der Jurys zu bekommen. Obwohl der Zeitraum – von der deutschen Einheit bis zum Millennium – historisch scharf umrissen ist, verläuft die stilistische Grenzlinie diffus: Wo in den frühen 1990ern noch die Postmoderne verspielte Formen übereinanderstapelt, bleiben die letzten Jahre dieser Dekade eher verhalten. Die Farben gehen langsam über ins Schwarz-Graue, die Oberflächen zeigen mehr Stahl und Glas, die Konturen lösen sich auf in Verstrebungen, Geländer und Durchgänge. Aus dem postmodernen Wohntempel wird das modernistische Schiffsgebäude. Nicht zuletzt bewegen sich die Experimente der ökologischen Architektur und viele Designdetails lustvoll zwischen diesen akademischen Polen.

links: Kassel, In den Riedwiesen, Baumhaus/Architekturwerkstatt Issmer-Pfromm und Kraus, um 1993; rechts: Hockenheim, Straßenlaterne an der Stadthalle, um 1991 (Bilder: K. Berkemann, 2020/21)

links: Kassel, In den Riedwiesen, Baumhaus/Architekturwerkstatt Issmer-Pfromm und Kraus, um 1993; rechts: Hockenheim, Straßenlaterne an der Stadthalle, um 1991 (Bilder: K. Berkemann, 2020/21)

Nicht immer kam unser Besuch rechtzeitig, denn erste 1990er-Jahre-Bauten wurden inzwischen niedergelegt und durch neue Projekte ersetzt. Auch ist mancherorts überraschend, wie stark die verwendeten Materialien bereits gealtert sind. Doch in vielen Fällen haben sich die besuchten Architekturen hervorragend gehalten. Nicht immer wird das heutige Urteil den damaligen Preisjurys folgen, aber zahlreiche dieser Bauten lohnen einen Besuch. Bei uns löste sich mit jeder Tour die erworbene Geschmackssperre vor verblassenden Türkis- und Violetttönen … Schon jetzt treffen sich Interessierte in der gleichnamigen Facebookgruppe über diese Architekturphase. Mit dem untenstehenden Onlineformular können Vorschläge für das Format direkt zu uns durchgereicht werden. (kb, 26.2.21)

Ihr Vorschlag für „Best of 90s“



links: Kassel, Stadtvilla Sternstraße; rechts: Wiesbaden, Abrissgelände der Filiale der Landeszentralbank in der Mainzer Straße (Bilder: K. Berkmeann, 2020)

links: Kassel-Unterneustadt, Stadtvilla, Sternstraße, Alexander Reichel, 1999; rechts: Wiesbaden, Abrissgelände der Landeszentralbank in der Mainzer Straße, Detlef Wilken und Heribert Wiesemann, 1993 (Bilder: K. Berkemann, 2020)

Kooperationen

Das moderneREGIONAL-Projekt „Best of 90s“ kooperiert mit Baukultur NRW, dem BDA Hessen und dem baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Als Fachpat:innen begleiten das Projekt: Kirsten Angermann, Dr. Andreas Butter, Dr. Martin Bredenbeck, Olaf Mahlstedt. Projektleitung: Karin Berkemann/moderneREGIONAL.

Das moderneREGIONAL-Projekt "Best of 90s" kooperiert BauKulturNRW, dem BDA Hessen und dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart.

Titelmotiv: Karlsruhe, L-Bank, Rechenzentrum, Heinz Mohl, 1992 (Bild: K. Berkemann, 2021)