Hoffentlich ist es Beton

Es wohl keinen Baustoff, der stärker symbolgeladen ist als Beton – jenes Gemisch aus Zement, Gesteinskörnung und Wasser, das dem 20. Jahrhundert sein architektonisches Antlitz verlieh (und bislang auch dem 21. Jahrhundert noch verleiht). Was für die einen das Fundament des Fortschritts war, war für andere der graue Klebstoff von Kapitalismus, Verdrängung und Brutalität. Und der Betonbrutalismus gab dem vermeintlich unmenschlichen Umgang mit dem ultraharten Werkstoff unfreiwillig den über-eindeutigen Namen – er konnte ja nichts für seine Herkunft vom französischen Wort „brut“ (roh). „Schade, dass Beton nicht brennt“ heißt ein 1981 entstandener Dokumentarfilm über die Berliner Hausbesetzerszene jener Jahre. Über 30 Jahre später nutzt das Rostocker Hip-Hop-Trio „Waving the Guns“ den Slogan noch immer ziemlich erfolgreich. Liebe sieht anders aus.

Doch die Bewunderung wie auch das Wundern vor allem über die Betonbauwerke der 1960er bis frühen 1990er Jahre wächst – und hat längst etwas Nostalgisches. Denn ehrlicher Umgang mit diesem Baustoff ist rar geworden: Auch, wenn der Kern aus solidem Beton ist, suggeriert die Zeitgenössische Architektur mit vorgeblendeten (Kunst-) Steinplatten, Klinker-Riemchen oder – Gipfel der Schummelei – durch Holzverschindelungen, dass sie gar nicht so brutal sei. Doch abseits des vorätzlichen Aufbringens von Vorsatzverblendungen birgt auch der versteckte Beton ein gewaltiges Problem: Er ist eine Umweltsau. Der Zement, sein wichtigstes Bindemittel, wird aus Kalkstein, Lehm, Sand und Eisenerz bei 1.450°C gesintert, dann gekühlt und schließlich zermahlen. Pro Tonne Zement werden etwa 110 Kilowattstunden Strom benötigt. So viel verbraucht auch ein Drei-Personen-Haushalt in etwa zwei Wochen. Sechs bis neun Prozent der globalen Treibhausgasemissionen gehen auf Zementwerke zurück. Das ist vier mal so viel, wie der gesamte internationale Flugverkehr ausstößt. Neben CO₂ werden auch Stickstoffoxide und Schwefeldioxide im Umfeld der Zementfabriken in die Luft geblasen. By the way: Weltweit wird heute dreimal so viel Zement hergestellt wie 2001.

Die Ära des Betons wird aus Umweltgründen unweigerlich zuende gehen. Dann werden womöglich auch die nach Plänen von Ernst Neufert 1970 errichteten Wärmetauschertürme des Dyckerhoff-Zementwerks im Mainz-Amöneburg stillstehen. Grund genug, sich gut zu überlegen, ob man die gebauten Zeitzeugen der Ära des Fortschrittsglaubens einfach so abräumen sollte. Neben echter Ödnis verschwinden zu viele Beispiele des kreativen Umgangs mit jenem Baustoff, der seine Unschuld damals noch nicht verloren hatte. Vieles dürfte bald auch konstruktiv unwiederbringlich sein, denn ob alternative, klimaschonende Baustoffe die gleichen statischen Eigenschaften wie (Stahl-) Beton haben werden, darf angezweifelt werden. Gottfried Böhms Wallfahrtsdom zu Neviges, das Berliner ICC vom Ehepaar Schüler-Witte, Fritz Wotrubas Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Wien: Sie sind Inkunabeln der Beton-Ära. Doch auch die Kleinstadt-Sparkassen, die Kirchbauten, die Rathäuser und die Schulen des betongläubigen Aufbruchs sind meist eben nicht banal. Und sie werden immer rarer. Im Namen des Klimas: nehmen wir Abschied vom Beton. Aber nehmen wir nicht vorschnell Abschied von den Bauwerken, die er ermöglicht hat. (db, 3.2.20)

Titelfoto: München-Neuperlach (Bild: TobiWanKenobi, CC0)

Beton schwimmt

In 14 Tagen sollen Ernie und Bert das Rennen machen – so zumindest die Hoffnung des Teams der Hochschule Damstadt, das am 19. Juni zwei Betonkanus auf diese Namen taufen wird. Mit den Kunststeinbooten könnten sich die Studierenden am 28./29. Juni in Heilbron zum Sieg paddeln. Hier findet in diesem Jahr die 17. deutsche Betonkanu-Regatta statt, die von der zugehörigen Industrie 1986 erstmals nach amerikanischem Vorbild ausgerichtet wurde. Die Sportveranstaltung entpuppt sich aktuell nicht nur als reizvolles Experimentierfeld für Technikbegeisterte, sondern vor allem als kluger PR-Schachzug. Denn das Image des modernen Baustoffs hat sich wieder zum Positiven gewandelt. Immerhin erhielt der Brutalismus im Deutschen Architekturmuseum eine vielbeachtete Ausstellung mit eigenem Internetauftritt. Und quer durch die Presse werden Material-Upgrades zuverlässig gehypt. Die ungezählten Bastelbeton-Blumenkübel, -Teelichthalter und -Wasserdekoschalen auf den Schulbasaren sind ein untrügliches Zeichen: Der Kunststein ist wieder Konsens.

Doch nicht immer verläuft die Begegnung von Beton und Wasser so fotogen wie bei der Spezialregatta. Zum Alltagsgeschäft der Sanierer gehören inzwischen Korrosionsschäden durch eindringende Feuchtigkeit. In Bonn steht das wohl prominenteste Beispiel für ein Imagedesaster moderner Architektur: Der Schürmann-Bau geht auf Überlegungen der 1980er Jahre zurück. Als man sich beim Bund nach einem großen Architektenwettbewerb für das Büro Schürmann entschieden hatte, starteten 1989 die Bauarbeiten für ein Abgeordnetenhaus. Es kam nicht nur die deutsche Einhalt dazwischen, sondern auch der nahegelegene Rhein. Das Hochwasser von 1993 schwemmte den Bau nach oben, der sich dann unregelmäßig wieder setzte. Es folgten Rechtsstreitigkeiten von mehr als zehn Jahren, bis schließlich die Entscheidung zur Sanierung fiel. Inzwischen hatten sich die Regierungsgeschäfte zu großen Teilen nach Berlin verlagert und die Deutsche Welle zog in Bonn in die hart erkämpften neuen Räume. Der langgestreckte Riegel erhielt die „Auszeichnung guter Bauten 2003“ und den zweifelhaften Ehrentitel als teuerstes Gebäude Nachkriegsdeutschlands.

Noch ein Quäntchen berühmter als der Schürmannbau und dazu mit einem ungetrübt positiven Image versehen, steht in Pennsylania das Fallingwater-Haus. Frank Lloyd Wright hatte es 1939 für den Warenhausbesitzer Edgar J. Kaufmann als Wohnhaus errichtet. Der neue Besitzer sollte, so das erklärte Ziel des Architekten, nicht neben, sondern mit dem Wasserfall und seiner „Musik“ leben. Es ist nicht überliefert, wie sich die ständigen Plätschergeräusche auf den Harndrang der Bewohner auswirkten. Doch so viel ist bekannt: Schon vor Fertigstellung der wirkungsvoll in den Wasserlauf hinein gestaffelten Balkone riet der Bauherr zu einer statischen Nachbesserung. Wright lehnte ab und Kaufmann verstärkte auf eigene Iniative zumindest die Stahlträger. Bei den letzten umfassenden Renovierungen stellte sich heraus, dass Kaufmann damit wohl den Einsturz verhindert hatte. Heute dient die wasserumspülte Architekturikone, bis 1963 privates Wochenend- und Ferienhaus, als Museum und Fotomotiv. Beton und Wasser können dann eben doch gut miteinander, sie brauchen nur besonders liebevolle Pflege. (17.6.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Betonkanu-Regatta 2017 (Bild: © BetonBild)

Die Vorleser

Das Bauhaus-Jubiläum grüßt schon vielerorts – in Frankfurt thematisieren die „CSSA Bauhaus Lectures“ jeweils um 19 Uhr im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM, Auditorium) das „Bauhaus aus Frankfurter Sicht“: 15. November 2018, Werner Durth (Darmstadt)/Thomas Flierl (Berlin), „Bauhaus-Rezeption in der Bundesrepublik und in der DDR“; 29. November 2018, Reto Geiser (Houston)/Daniel Talesnik (München), „Bauhäusler in the Soviet Union and the USA“; 13. Dezember 2018, Rixt Hoekstra (Eindhoven)/Carsten Ruhl (Frankfurt), „Manfredo Tafuris und Giulio Carlo Argans Position zur Moderne“; 31. Januar 2019, Kathleen James-Ckakraborty (Dublin), „Bauhaus 50th Anniversary in 1969“; 14. Februar 2019, Daniela Fabricius (New York), „Postmodernism and the Bauhaus Critique in West Germany“.

In Kassel dreht sich die Vortragsreihe „Fusion Beton“ mittwochs um 19 Uhr im ASL (Neubau, Universitätsplatz 9) um den Kunststein in der Moderne und in seinen künftigen Chancen: 14. November 2018, Maren Harnack (Frankfurt), „From Tower of Terror to Power Tower“; 21. November 2018, Jean Phillippe Vasall (Paris), „Never Demolish“; 28. November, Roger Bundschuh/Henning Ecker (Berlin), „Vom Problem des monolithischen“; 5. Dezember 2018, Heike Klussmann (Berlin), „Agile Concrete“; 12. Dezember 2018, Oliver Elser (Frankfurt), „SOS Brutalismus“; 19. Dezember 2018, Friedrich Ludewig (London), „Difference and Repetition“; 16. Januar 2019, Martin Rein-Cano (Berlin), „Nennen wir es konkret“; 23. Januar 2018, Florian Fischer/Reem Almannai (München)/Erik Wegerhoff (Zürich), „Nostalgie“; 30. Januar 2019, Marc Pouzol/Veronique Faucheur (Berlin), „Von Berlin nach Göteborg“; 6. Februar 2019, Manfred Grohmann (Frankfurt), „The last waltz“. (kb, 10.11.18)

Frankfurt, DAM Auditorium (Bild: privat)