Beton schwimmt

In 14 Tagen sollen Ernie und Bert das Rennen machen – so zumindest die Hoffnung des Teams der Hochschule Damstadt, das am 19. Juni zwei Betonkanus auf diese Namen taufen wird. Mit den Kunststeinbooten könnten sich die Studierenden am 28./29. Juni in Heilbron zum Sieg paddeln. Hier findet in diesem Jahr die 17. deutsche Betonkanu-Regatta statt, die von der zugehörigen Industrie 1986 erstmals nach amerikanischem Vorbild ausgerichtet wurde. Die Sportveranstaltung entpuppt sich aktuell nicht nur als reizvolles Experimentierfeld für Technikbegeisterte, sondern vor allem als kluger PR-Schachzug. Denn das Image des modernen Baustoffs hat sich wieder zum Positiven gewandelt. Immerhin erhielt der Brutalismus im Deutschen Architekturmuseum eine vielbeachtete Ausstellung mit eigenem Internetauftritt. Und quer durch die Presse werden Material-Upgrades zuverlässig gehypt. Die ungezählten Bastelbeton-Blumenkübel, -Teelichthalter und -Wasserdekoschalen auf den Schulbasaren sind ein untrügliches Zeichen: Der Kunststein ist wieder Konsens.

Doch nicht immer verläuft die Begegnung von Beton und Wasser so fotogen wie bei der Spezialregatta. Zum Alltagsgeschäft der Sanierer gehören inzwischen Korrosionsschäden durch eindringende Feuchtigkeit. In Bonn steht das wohl prominenteste Beispiel für ein Imagedesaster moderner Architektur: Der Schürmann-Bau geht auf Überlegungen der 1980er Jahre zurück. Als man sich beim Bund nach einem großen Architektenwettbewerb für das Büro Schürmann entschieden hatte, starteten 1989 die Bauarbeiten für ein Abgeordnetenhaus. Es kam nicht nur die deutsche Einhalt dazwischen, sondern auch der nahegelegene Rhein. Das Hochwasser von 1993 schwemmte den Bau nach oben, der sich dann unregelmäßig wieder setzte. Es folgten Rechtsstreitigkeiten von mehr als zehn Jahren, bis schließlich die Entscheidung zur Sanierung fiel. Inzwischen hatten sich die Regierungsgeschäfte zu großen Teilen nach Berlin verlagert und die Deutsche Welle zog in Bonn in die hart erkämpften neuen Räume. Der langgestreckte Riegel erhielt die „Auszeichnung guter Bauten 2003“ und den zweifelhaften Ehrentitel als teuerstes Gebäude Nachkriegsdeutschlands.

Noch ein Quäntchen berühmter als der Schürmannbau und dazu mit einem ungetrübt positiven Image versehen, steht in Pennsylania das Fallingwater-Haus. Frank Lloyd Wright hatte es 1939 für den Warenhausbesitzer Edgar J. Kaufmann als Wohnhaus errichtet. Der neue Besitzer sollte, so das erklärte Ziel des Architekten, nicht neben, sondern mit dem Wasserfall und seiner „Musik“ leben. Es ist nicht überliefert, wie sich die ständigen Plätschergeräusche auf den Harndrang der Bewohner auswirkten. Doch so viel ist bekannt: Schon vor Fertigstellung der wirkungsvoll in den Wasserlauf hinein gestaffelten Balkone riet der Bauherr zu einer statischen Nachbesserung. Wright lehnte ab und Kaufmann verstärkte auf eigene Iniative zumindest die Stahlträger. Bei den letzten umfassenden Renovierungen stellte sich heraus, dass Kaufmann damit wohl den Einsturz verhindert hatte. Heute dient die wasserumspülte Architekturikone, bis 1963 privates Wochenend- und Ferienhaus, als Museum und Fotomotiv. Beton und Wasser können dann eben doch gut miteinander, sie brauchen nur besonders liebevolle Pflege. (17.6.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Betonkanu-Regatta 2017 (Bild: © BetonBild)

Die Vorleser

Das Bauhaus-Jubiläum grüßt schon vielerorts – in Frankfurt thematisieren die „CSSA Bauhaus Lectures“ jeweils um 19 Uhr im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM, Auditorium) das „Bauhaus aus Frankfurter Sicht“: 15. November 2018, Werner Durth (Darmstadt)/Thomas Flierl (Berlin), „Bauhaus-Rezeption in der Bundesrepublik und in der DDR“; 29. November 2018, Reto Geiser (Houston)/Daniel Talesnik (München), „Bauhäusler in the Soviet Union and the USA“; 13. Dezember 2018, Rixt Hoekstra (Eindhoven)/Carsten Ruhl (Frankfurt), „Manfredo Tafuris und Giulio Carlo Argans Position zur Moderne“; 31. Januar 2019, Kathleen James-Ckakraborty (Dublin), „Bauhaus 50th Anniversary in 1969“; 14. Februar 2019, Daniela Fabricius (New York), „Postmodernism and the Bauhaus Critique in West Germany“.

In Kassel dreht sich die Vortragsreihe „Fusion Beton“ mittwochs um 19 Uhr im ASL (Neubau, Universitätsplatz 9) um den Kunststein in der Moderne und in seinen künftigen Chancen: 14. November 2018, Maren Harnack (Frankfurt), „From Tower of Terror to Power Tower“; 21. November 2018, Jean Phillippe Vasall (Paris), „Never Demolish“; 28. November, Roger Bundschuh/Henning Ecker (Berlin), „Vom Problem des monolithischen“; 5. Dezember 2018, Heike Klussmann (Berlin), „Agile Concrete“; 12. Dezember 2018, Oliver Elser (Frankfurt), „SOS Brutalismus“; 19. Dezember 2018, Friedrich Ludewig (London), „Difference and Repetition“; 16. Januar 2019, Martin Rein-Cano (Berlin), „Nennen wir es konkret“; 23. Januar 2018, Florian Fischer/Reem Almannai (München)/Erik Wegerhoff (Zürich), „Nostalgie“; 30. Januar 2019, Marc Pouzol/Veronique Faucheur (Berlin), „Von Berlin nach Göteborg“; 6. Februar 2019, Manfred Grohmann (Frankfurt), „The last waltz“. (kb, 10.11.18)

Frankfurt, DAM Auditorium (Bild: privat)

Beton-Kultur in Niedersachsen

Langsam verebbt der große Brutalismus-Hype – die Betonmonster sind, trotz aller bleibenden Moderneskepsis, auf einem guten Weg in den Olymp der anerkannten Kulturdenkmale. Was bleibt, ist das Bemühen um die Erfassung der bemerkenswerten Bauten der 1960er und 1970er Jahre, um ihren Erhalt und ihre fachgerechte Sanierung. Kurz: Der Brutalismus ist jetzt Teil der denkmalpflegerischen Alltagsarbeit.

Vor diesem Hintergrund hält Dipl.-Ing. (FH) Rocco Curti M. A., Referent im Nie­der­sächsischen Landesamt für Denkmalpflege Hannover, am 16. Oktober 2018 im Niedersächsisches Landesarchiv Stade (Am Staatsarchiv 1, 21680 Stade) um 19.30 Uhr den Vortrag „Kulturdenkmale aus Beton“. Thema sind Architektur und Städtebau der 1960er und 1970er Jahre als neues Aufgabenfeld der Denkmalpflege in Niedersachsen. Denn obwohl – oder gerade weil – viele Betonbauten auf den ersten Blick spröde wirken, werden sie denkmalfachlich erforscht, in das Verzeichnis der Kulturdenkmale eingetragen, denkmalgerecht instandgesetzt oder umge­baut. Veranstalter des Vortrags ist der Stader Geschichts- und Heimatverein e. V., der Eintritt ist frei. (kb, 22.9.18)

Hannover, ehemaliges Britisches Generalkonsulat (Bild. Rocco Curti, NLD, Hannover, 2016)