Betondatenbank

Was Sie immer schon über Beton wissen wollten und sich nicht zu fragen trauten: Hier finden Sie Antworten! Mit der interaktiven englischsprachigen Online-Datenbank „InnovaConcrete“ stellen sich weltweit Experten der Betonsanierung und -restaurierung vor. Denn, so die Betreiber der Seite, was wäre die Kultur des 20. Jahrhunderts ohne den grauen Kunststein. Von der Skulptur bis zur Architektur fand der günstige und formbare Baustoff reiche Anwendung. Immer wieder wurden neue Zusammensetzungen und Techniken erprobt, die sich bei der Restaurierung allzu oft als Wundertüte entpuppen.

Umso wichtiger ist es für die Praxis, von der Denkmalpflege bis zum Architekturbüro, auf ein gutes Netzwerk zurückgreifen zu können. Um Erfahrungen, Methoden und Adressen austauschen zu können. Hier will „InnovaConcrete“ mit einem einfachen Tool bei der Entscheidungsfindung helfen. Als Grundlage werden u. a. die Leitlinien von ICOMOS zugänglich gemacht. Weiterführend soll der Nutzer den (kulturellen) Wert eines Betonbaus einschätzen, die Bau- und Konstruktionsgeschichte besser verstehen sowie einen angemessenen Weg zur Erhaltung entwickeln können. Entsprechend hält die von der Europäischen Union geförderte Datenbank u. a. eine Literaturliste, Fallstudien und eine Experten-Adressliste bereit. (kb, 22.4.20)

Sylt, Tetrapode am Strand (Bild: AndreasS, GFDL, 2004)

Konsum contra Corona

Erwarten Sie von diesen Zeilen nichts. Wir wissen auch nicht, was das beste Rezept ist, einen Pandemie-Lockdown wirtschaftlich zu überleben. Das Team von moderneREGIONAL zählt dabei als mehrheitlich Nicht-, oder Teilweise-Freiberufler noch zu den Privilegierten. Der Zug fährt für uns nicht so schnell ab wie für viele andere. Das Herunterbremsen von Hundert auf Null in allen Lebenslagen lässt die freien Kulturschaffenden überwiegend mit Wucht vor die Wand klatschen. Womit die derart Ausgebremsten konfrontiert werden, hat Till Briegleb gerade in seinem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung furios analysiert: Quer durch einen Dschungel sich widersprechender Regeln, Formulare, Voraussetungen und zu beweisender Not muss sich kämpfen, wer sich um Grundsicherung bemüht. Derweil bedürftige Konzerne wie Adidas, H&M und MediaMarkt bereits die Mietzahlungen für ihre Geschäfte einstellen …

Hannover, H&M (Bild: Bernd Schwabe in Hannover, CC BY-SA 3.0)

Hannover, H&M (Bild: Bernd Schwabe in Hannover, CC BY-SA 3.0)

Tatsächlich stehen auch sie vor einer Situation, mit der sie noch nie konfrontiert waren. Nach der kapitalistischen Logik, zu nehmen was man kriegen kann, ist dieses Handeln nur folgerichtig. Die Gesetzgeber sichern vorübergehenden Corona-Kündigungsschutz bei Mietrückstand zu? Hurra, nutzen wir! Neben grenzenloser Chuzpe offenbart dies Handeln freilich auch, auf welch tönernen Füßen die Wirtschaft steht. Und ebenso, dass die Politik derzeit im Ringen um Lösungen selbst experimtieren muss, und auf dem ungewohnten Terrain auch mal straucheln kann. Dass die Lösungsansätze derzeit vor allem für die wirtschaftlich Schwachen ungenügend sind, überrascht nicht. War doch der Blick in der Produktionsgesellschaft stets auf die vermeintlichen Stützen der Wirtschaft gerichtet. Motto: Geht´s den Größten gut, fügt sich der Rest schon von alleine. Der Realitätsprüfung hält diese Theorie nun aber nicht recht stand: Auf einmal sitzen Groß und Klein im gleichen Boot. Was tun?

DDR-Eierbecher (Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0)

Wie gesagt: Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass all die über Nacht in ihrer Existenz Bedrohten Unterstützung brauchen. Auf die entsprechende Petition haben wir ja schon einmal hingewiesen. Ansonsten aber: Wer es sich leisten kann, der konsumiere! Klamotten, Turnschuhe und Unterhaltungselektronik können Sie sich sparen. Aber kaufen Sie Bücher – online direkt beim Verlag, beim Museumsshop oder beim lokalen Buchhandel. Kaufen Sie wundervollen Schnickschnack wie Beton-Briefbeschwerer oder DDR-Hühnereierbecher. Oder vorausschauend schon mal was für Weihnachten? Etwa Plattenbau-Kissen oder U-Bahn-Tassen. Kaufen Sie Zeitschriften wie die neue Arch+ oder die Bauwelt, lesen Sie Tageszeitungen auf Papier oder überwinden Sie ausnahmsweise mal eine Paywall. Ihr Geld landet dort, wo es gebraucht wird – ohne Umwege. Und das während der Zeit, die verstreicht, bis die versprochenen Hilfen der Politik hofffentlich bei denen ankommen, die sie wirklich benötigen. Wir wissen keine Lösung. Wir können nur solidarisch handeln – und im Moment liegt die Solidartät kurioserweise auch im Konsum. (30.3.20)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: München, U-Bahnstation „Westfriedhof“ (Bild: Martin Falbisoner, CC BY SA 3.0, 2013)

Hoffentlich ist es Beton

Es wohl keinen Baustoff, der stärker symbolgeladen ist als Beton – jenes Gemisch aus Zement, Gesteinskörnung und Wasser, das dem 20. Jahrhundert sein architektonisches Antlitz verlieh (und bislang auch dem 21. Jahrhundert noch verleiht). Was für die einen das Fundament des Fortschritts war, war für andere der graue Klebstoff von Kapitalismus, Verdrängung und Brutalität. Und der Betonbrutalismus gab dem vermeintlich unmenschlichen Umgang mit dem ultraharten Werkstoff unfreiwillig den über-eindeutigen Namen – er konnte ja nichts für seine Herkunft vom französischen Wort „brut“ (roh). „Schade, dass Beton nicht brennt“ heißt ein 1981 entstandener Dokumentarfilm über die Berliner Hausbesetzerszene jener Jahre. Über 30 Jahre später nutzt das Rostocker Hip-Hop-Trio „Waving the Guns“ den Slogan noch immer ziemlich erfolgreich. Liebe sieht anders aus.

Doch die Bewunderung wie auch das Wundern vor allem über die Betonbauwerke der 1960er bis frühen 1990er Jahre wächst – und hat längst etwas Nostalgisches. Denn ehrlicher Umgang mit diesem Baustoff ist rar geworden: Auch, wenn der Kern aus solidem Beton ist, suggeriert die Zeitgenössische Architektur mit vorgeblendeten (Kunst-) Steinplatten, Klinker-Riemchen oder – Gipfel der Schummelei – durch Holzverschindelungen, dass sie gar nicht so brutal sei. Doch abseits des vorätzlichen Aufbringens von Vorsatzverblendungen birgt auch der versteckte Beton ein gewaltiges Problem: Er ist eine Umweltsau. Der Zement, sein wichtigstes Bindemittel, wird aus Kalkstein, Lehm, Sand und Eisenerz bei 1.450°C gesintert, dann gekühlt und schließlich zermahlen. Pro Tonne Zement werden etwa 110 Kilowattstunden Strom benötigt. So viel verbraucht auch ein Drei-Personen-Haushalt in etwa zwei Wochen. Sechs bis neun Prozent der globalen Treibhausgasemissionen gehen auf Zementwerke zurück. Das ist vier mal so viel, wie der gesamte internationale Flugverkehr ausstößt. Neben CO₂ werden auch Stickstoffoxide und Schwefeldioxide im Umfeld der Zementfabriken in die Luft geblasen. By the way: Weltweit wird heute dreimal so viel Zement hergestellt wie 2001.

Die Ära des Betons wird aus Umweltgründen unweigerlich zuende gehen. Dann werden womöglich auch die nach Plänen von Ernst Neufert 1970 errichteten Wärmetauschertürme des Dyckerhoff-Zementwerks im Mainz-Amöneburg stillstehen. Grund genug, sich gut zu überlegen, ob man die gebauten Zeitzeugen der Ära des Fortschrittsglaubens einfach so abräumen sollte. Neben echter Ödnis verschwinden zu viele Beispiele des kreativen Umgangs mit jenem Baustoff, der seine Unschuld damals noch nicht verloren hatte. Vieles dürfte bald auch konstruktiv unwiederbringlich sein, denn ob alternative, klimaschonende Baustoffe die gleichen statischen Eigenschaften wie (Stahl-) Beton haben werden, darf angezweifelt werden. Gottfried Böhms Wallfahrtsdom zu Neviges, das Berliner ICC vom Ehepaar Schüler-Witte, Fritz Wotrubas Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Wien: Sie sind Inkunabeln der Beton-Ära. Doch auch die Kleinstadt-Sparkassen, die Kirchbauten, die Rathäuser und die Schulen des betongläubigen Aufbruchs sind meist eben nicht banal. Und sie werden immer rarer. Im Namen des Klimas: nehmen wir Abschied vom Beton. Aber nehmen wir nicht vorschnell Abschied von den Bauwerken, die er ermöglicht hat. (db, 3.2.20)

Titelfoto: München-Neuperlach (Bild: TobiWanKenobi, CC0)