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Berlin, Huthmacher-Haus (Bild: Cay Dobberke)

Berlin: Abrisspläne fürs Huthmacher-Haus

Die moderne Mitte West-Berlins lag rund um den Bahnhof Zoo: Zum „Zentrum am Zoo“ zählen das frühere Berlinale-Kino Zoo-Palast, das Bikini-Haus, das „Kleine Hochhaus“ nahe dem Elefantentor – und schließlich das Huthmacher-Haus. Errichtet wurde der rund 60 Meter hohe Bau bis 1957 nach Plänen der Architekten Paul Schwebes und Hans Schoszberger, finanziert aus dem US-Marshallplan und vom Schweizer Investor Jacques Rosenstein. Seinen Namen erhielt das Huthmacher-Haus erst später, als das gleichnamige Café im Erdgeschoss einzog – wo 1983 Mc Donald’s seine erste Berliner Filliale eröffnete.  Nun aber scheinen die Tage des eigentlich als Teil des Zentrum-Ensembles geschützten Baus gezählt.

Schon lange wurden über Abriss und neue Luftschlösser spekuliert, doch der Investor „Newport Holding“ hat nun einen Plan vorgelegt: ein 95-Meter-Turm, mit dem die Züricher E2A-Architekten die Fünfziger-Jahre-Bebauung der Umgebung gekonnt zitieren. Das Landesdenkmalamt reagiert zurückhaltend: Bisher sei „nicht bekannt, dass die Bausubstanz einen Abriss erforderlich machen könnte“, sagte Sprecherin Christine Wolf dem Tagesspiegel. Nach den Abrissen zweier anderer Baudenkmäler in der Gegend (Schimmelpfenghaus und Gloria-Palast) sowie der Umnutzung des Café Kranzler „kommt den verbleibenden Elementen besondere Bedeutung zu“. Die Zeit läuft: Beim Altbau fehlt ein zweiter Rettungsweg, und die Standfestigkeit ist mutmaßlich angegriffen. Alle Mieter müssen Ende 2020 ausziehen. (db, 27.11.18)

Berlin, Huthmacher-Haus (Bild: Thomas Bürger)

Bikini Berlin und seine Story …

Berlin, Bikini-Haus, nach der Sanierung (Bild: Hild und K Architekten)
Das namensgebende Bikini-Haus nach der Sanierung (Bild: Hild und K Architekten)

… lautet der Titel einer jüngst erschienenen Publikation zur Baugeschichte des  Berliner Zentrums am Zoo. Das Gebäudeensemble rund um das Bikinihaus ist in den vergangenen Jahren aufwändig „revitalisiert“ worden. Grund genug, einmal einen Blick auf die lange Tradition des Kiez rund um den Zoo zu werfen. Der Architekturhistoriker Peter Lemburg tut dies mit einer reich bebilderten Monographie, welche die Geschichte des Viertels von der Anfängen im 18. Jahrhundert bis zur jüngsten Entwicklung erzählt.

Keimzelle waren die noch im 18. Jahrhundert angelegten Fasanerien, aus denen später der namensgebende Zoo hervorging. 1844 eröffnet, lockte der damals noch auswärtig gelegene Tierpark die Berliner vor die Tore der Stadt. Eine Stadterweiterung, der Bau des Bahnhofs Zoo (1884) und die Eröffnung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (1895) waren weitere Landmarken auf dem Weg zum prominenten Stadteilzentrum. Diese Rolle sollte dem Kiez aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg zukommen. Nun stellte er die Stadtmitte des westlichen Teils Berlins dar. In den Jahren 1955-57 wurde das „Zentrum am Zoo“ realisiert. Mit seiner modernen Architektur fungierte es auch als Schaufenster des Westens. Mit der „Revitalisierung“ wurde es schließlich umfassend modernisiert, seine Eleganz blieb dabei erhalten. (jr, 7.9.15)

Lemburg, Peter, Bikini Berlin und seine Story. Stationen – Bauten – Visionen, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2015, 132 Farb- und 17 Schwarzweiß-Abbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-7319-0031-3.

FACHBEITRAG: „Zentrum am Zoo“

von Karin Wilhelm (Heft 14/2)

Das gerade eingeweihte "Zentrum am Zoo" - noch bevor Egon Eiermann die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wiederaufbaute (Bild: Archiv Paul Schwebes, um 1960)
Das neue „Zentrum am Zoo“ – noch bevor Eiermann die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wiederaufbaute (Bild: Archiv Paul Schwebes, um 1960)

Ach, welche Gefühle müssen die Menschen im kriegszerstörten Berlin umgetrieben haben, als 1957 das neue „Zentrum am Zoo“ – mit seinen zwei Hochhausscheiben (16-geschossig am Vorplatz Bahnhof Zoo, 9-geschossig im Übergang zur Budapester Straße), einem luxuriösen Filmpalast und einem nahezu 220 Meter langen Gebäuderiegel, am just geplanten Breitscheidplatz für die in Berlin ansässige „Damen-Ober-Bekleidungs“-Industrie (DOB) – nahezu fertiggestellt und bezugsfertig war? Welche Träume müssen wach geworden sein, als sie, die Kriegsmüden, diesem langgestreckten, gläsern-eleganten Gebäude mit dem Arkadengang zum Flanieren den befremdenden Namen „Bikini-Haus“ gaben? Offenbar wirkte diese Architektur im devastierten Areal rund um den Bahnhof Zoo, in dem kaum ein Stein auf dem anderen geblieben war, wie das Produkt aus einem lang vergessenen Lebensstilprogramm, das dem Ernst der Lage nach dem Kriege doch so wenig zu entsprechen schien.

 

Das „Bikini-Haus“

Berlin, Bikini-Haus, Luftbild (Bild: Archiv Paul Schwebes, um 1960)
Ein langgestrecktes Geschäftshaus mit Produktionsstätten, Läden und Kneipen (Bild: Archiv Paul Schwebes, vor 2009)

Berliner waren schon immer für ihre schnoddrige Schlagfertigkeit bekannt – aber der Name „Bikini-Haus“ für ein modernes Gebäude, das dem geschwärzten Ruinenstumpf der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche seine durchlässige, durchaus farbenfrohe Fassade demonstrativ gegenüberstellte, klang in den Nachkriegsjahren doch ein wenig verwegen. Oder sollte dieser Name, wenn er nicht ironisch-plakativ gemeint war, eher wie ein Pfeifen im Walde wirken, mit dem man, wenn uns Dunkelheit umgibt und Angst von uns Besitz ergriffen hat, sich selber Mut machen möchte?

Wie dem auch sei: Ein Geschäftshaus mit Produktionsstätten, Läden und angelagerten „Kneipen“ ließ in der Metaphorik des Bikinis eben Bilder mittelmeerischen Vergnügens aufblitzen. Solche, die die körperlich frei gelegte weibliche Schönheit in Strandbars vorstellten, die von Lebenslust und lange nicht mehr gekannten Vergnügungen kündeten, oder? Es ist eben dieser vielsagende Name, der heute noch offenbart, dass die Bebauung des „Zentrums am Zoo“ im Westteil der Stadt Berlin und die luzide Variabilität seiner Architektursprache als Versprechen auf eine sonnige Zukunft gelesen und akzeptiert werden wollte – und wurde!

 

Ein Name – ein Programm

Berlin, Bikini-Haus, Fassadendetail (Bild: Archiv Paul Schwebes, um 1960)
Der Laubengang, die „Taille“, brachte dem Bikini-Haus seinen Namen ein (Bild: Archiv Paul Schwebes, um 1960)

Wir wissen natürlich, dass die Bezeichnung „Bikini-Haus“ zunächst auf eine funktional begründete Eigentümlichkeit der Gebäudestruktur zurückzuführen ist. Denn das Haus hat zwischen dem ersten und dem dritten Obergeschoss ein Laubenganggeschoss, eine Art Taille, dessen Aufgabe die Durchlüftung des hinter dem Gebäude liegenden Berliner Zoos garantieren sollte.

So gesehen lag der Name nahe – und schließlich diente das Gebäude der Fertigung von Damenoberbekleidung, mit dem der einst umtriebige Westen der inzwischen dem Viermächtestatus unterliegenden ehemaligen Reichshauptstadt wieder belebt zu werden versprach. So repräsentiert das „Bikini-Haus“, das die Berliner Architekten Paul Schwebes und Hermann Schoszberger zwischen 1955 und 1957 im Rahmen der Neugestaltung des Zooareals am Breitscheidplatz realisiert haben, auch als ein mentales Aufbauprojekt.

 

Wiederbelebung nach Kriegsende

Mit dem ökonomischen Engagement US-amerikanischer Geldgeber war das Konsortium der DOB in einer Art Public-Private-Partnership-Aktion aus 50 Einzelunternehmen gegründet worden, das als Bauherr zur Wiederbelebung des Luxus und der Moden im Umfeld des alten Kurfürstendamms „unverwechselbar berlinisch“ in Erscheinung treten wollte. Als Architekten hatte man Paul Schwebes beauftragt, der wie so viele der nach 1949 in der Bundesrepublik Deutschland arbeitenden Kollegen, zur Berliner Schülerschaft Bruno Pauls und Hans Poelzigs gehört hatte.

Berlin, Bikini-Haus, nach der Sanierung (Bild: Hild und K Architekten)
Seit der Sanierung ist die bauzeitliche Eleganz der Fassade wieder erlebbar (Bild: Hild und K Architekten)

Im Sinne Poelzigs berührte die Architektur auch für Schwebes das Reich der Schönheit insofern, als sich Architektur erst in der fantasievollen Ausdeutung funktional-rationaler Sachverhalte erfüllte. Mit Poelzig teilte er die Verehrung für Paul Valérys Essay „Eupalinos oder der Architekt“ und schätzte wie jener das darin enthaltene Gespräch zwischen Sokrates und Phaidros: „Hast Du nicht beobachtet, wenn du dich in dieser Stadt ergingst, daß unter den Bauwerken, die sie ausmachen einige stumm sind: andere reden: und noch andere schließlich, und das sind die seltensten, singen sogar?“

Nahezu alle Gebäude die Paul Schwebes Mitte der 1950er Jahre allein entworfen hat und viele, die später in der Arbeitsgemeinschaft mit Schoszberger entstanden, parlieren oder beginnen diesen lautlosen Gesang, der gleichsam hörbar wird, sobald man die Fassaden dieser Bauten mit den Augen in den Details abtastet und sich für deren Wirkung öffnet. Dann sieht man nämlich die fein gesetzte Variabilität der vor- und rückspringenden Fenstervarianten, bestaunt deren feine Messingprofilierungen, die im Farbkontrast verkleideten Fassadenelementen dem Gebäude Glanzpunkte aufsetzen. Auch wird die Raffinesse in der inneren Lichtführung spürbar, die deutlich macht, dass die Architekten Stimmungswerte zu verräumlichen vermochten.

 

Denkmalschutz – ein Gebot

Die Architektur von Schwebes/Schoszberger hat in der Verbindung aus konstruktiven und typologischen Elementen des International Style US-amerikanischer Prägung mit unübersehbaren Einflüssen der Architektur Le Corbusiers aus den Jahren der Marseiller Unite-Phase, einen eigenen stadtbürgerlichen Stil entwickeln können, der zu Recht als Alternative zur Hansa-Viertel-Moderne (gleichfalls 1957 eingeweiht) gelobt wurde.

Berlin, Bikini-Haus, vor der Sanierung (Bild: Johann Sauer, 2009)
Spätestens seit den 1980er Jahren wurden das Bikini-Haus – hier 2009 vor der Sanierung – und seine Umgebung mehr und mehr vernachlässigt (Bild: Johann Sauer, 2009)

In dieser baulichen Repräsentation ist der Breitscheidplatz mit dem zentralen Raum der Gedächtniskirche des Egon Eiermann (1961) heute ein unvergleichlicher Erinnerungsort der deutschen Geschichte in ihrer westlichen Nachkriegsprägung. Denn an diesem Ort verstrickten sich die architektonischen und habituellen Identifikationsmuster des schwierigen demokratischen Neubeginnens auf der Insel Westberlin zwischen Berlinale, Modenschau-Events und studentischen Protestaktionen.

Dieser Aspekt ist von den Projektentwicklern einer „City-West“ im 21. Jahrhundert viel zu lange als sentimental beiseitegeschoben worden. Die Folge war die allmähliche Verwahrlosung des Breitscheidplatzes und ein durch Leerstand (vor allem seit 1989) dem Verfall preis gegebene Zoorandbebauung, in der das „Bikini-Haus“ eine prominent besetzte Position einnimmt. (Ökonomische Verwertungen haben dabei natürlich Grundlagen eigener Art geschaffen).

 

Ein Glücksfall!

Inzwischen hat das Münchner Architekturbüro Hild und K Architekten das „Bikini-Haus“ revitalisiert. Die Eingriffe sind gravierend, wenngleich die feine Struktur der zum Platz gerichteten Fassade erhalten, die ausgewogenen Farbigkeit wiederhergestellt und die Geschäftszeile ihre alte Eleganz wiedergewonnen hat. Ein Glücksfall!

Berlin, Bikini-Haus, nach der Sanierung (Bild: Hild und K Architekten)
Das Innere wurde 2014 zur Flaniermeile umgestaltet (Bild: Hild und K Architekten)

Im Inneren haben Entkernungen, Anbauten und Dachaufbauten derweil eine Mischung aus Einkaufsmall („Concept Mall“) und Markthalle Berliner Provenienz entstehen lassen und die Anbindung zum Berliner Zoo-Gelände hat sich durch Abriss der Versorgungstreppen im hinteren Bereich des Gebäudes in eine neue Flaniermeile verwandelt.

Die in diesem Jahr eröffnete „Concept Mall“ löst nun auf eigene Art das alte Versprechen auf ein besseres, anspruchsvolles, sonnenverwöhntes (Konsumenten-)Leben im „Bikini-Haus“. Leider hat man das einst prägende Freigeschoss seit seiner Verglasung in den späten 1970er Jahren nicht wieder in eine offene Gebäudezone rückgebaut. Allerdings erzeugt die Glasfärbung hier eine Dunkelzone, die den Fassadenfluss horizontal aufbricht: Man erinnert sich an das Bikini-Motiv.

 

Leichtigkeit und Sinnenfreude

Berlin, Bikini-Haus, nach der Sanierung (Bild: Hild und K Architekten)
Heute wirbt das Bikini-Haus mit gestyltem Retro-Chame (Bild: Hild und K Architekten)

Heute ist es dem Betrachter und der Besucherin, die „shoppen“ möchte, anheim gegeben, in der Leichtigkeit und Sinnenfreude der Sanierung jene Klänge und leisen Effekte der West-Berliner Nachkriegsarchitektur aus dem Büro Schwebes  & Schoszberger wieder zu entdecken, die den vielsagenden Namen dieses Gebäudes anschaulich gemacht haben.

 

 

 

Rundgang

Begleiten Sie Karin Wilhelm – mit teils bislang unveröffentlichten Bildern aus dem Archiv des Architekten Paul Schwebes – durch den Bau und die Sanierung des Großprojekts.