Das Herbstheft ist da – mit DOI und neuem pdf-Layout

Da muss jede:r durch, im Schönen wie im Hässlichen: die Schule. Seit den Reformansätzen des frühen 20. Jahrhunderts wurden die Klassenräume zu Laboratorien einer heilen, einer besseren Welt stilisiert. Vom Baubeamten bis zur Stararchitektin haben sich in den letzten Jahrzehnten viele an dieser großen Aufgabe versucht – mit bemerkenswerten Ergebnissen. Das moderneREGIONAL-Herbstheft “Moderne bildet” (Redaktion: M. Kraemer/A. Vinzenz) stellt lesens- und sehenswerte Beispiele vor, die Schularchitektur des 20. Jahrhunderts zu erforschen, zu bewahren und an die nächste Generation zu vermitteln.

Die mR-Redakteurin Jasmin Rettinger hat dem pdf zum Heft jetzt ein neues Layout verliehen, um das Lesen nicht nur stilvoller, sondern auch übersichtlicher zu gestalten. Die gewohnte Online-Version der Einzelbeiträge steht parallel weiterhin zur Verfügung. Nun wird auch der Open-Access-Ansatz der moderneREGIONAL-Hefte noch konsequenter umgesetzt: Neben der digitalen ISSN, mit der die Deutsche Digitale Bibliothek für die Langzeitdatensicherung sorgt, verfügt jetzt jedes Heft über eine DOI (Digital Object Identifier), einen eindeutigen und dauerhaften Identifikationscode, mit dem das Heft nach internationalen Standards wissenschaftlich zitierbar wird. (kb, 4.10.21)

Titelmotiv: Barcelona, Deutsche Schule, Klassentrakt (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976 (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

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Inhalt

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

Oliver Sukrow über die Moderne im Schulbau.

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

Alexandra Vinzenz über das architektonische Konzept jenseits des Klischees.

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

Dina Dorothea Falbe über den DDR-Schulbau von Ludwig Deiters bis Helmut Trauzettel.

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

Arne Herbote über die Bildungsbauten des Büros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner.

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

Maximilian Kraemer über einen bemerkenswerten Schulbau des Architekten Roland Ostertag.

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

Die bunte Welt der Lehrmittel im Spiegel der Werbebilder der Nachkriegszeit.

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

Der Architekturfotograf hat mit Schüler:innen einen modernen Bau erkundet.

Der Best-of-90s-Beitrag

Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

von Oliver Sukrow (21/4)

„Die Schulhäuser nur für die Schüler!“ – so lautet ein wesentliches Credo des modernen Schulbaus, für das sich Pädagog:innen, Lehrer:innen, Politiker:innen und Architekt:innen seit dem späten 19. Jahrhundert einsetzten. Die Moderne trat mit dem Anspruch auf Verbesserung der Schulhygiene, der Lehr- und Lernbedingungen auf, Licht, Luft und Sonne sollten noch jede so kleine Landschule erreichen, eine räumliche Trennung von Lehrenden und Lernenden zum beiderseitigen Vorteil erreicht werden. Von den Reformansätzen Johann Heinrich Pestalozzis in der Schweiz um 1800 über die Freiluftschulen der klassischen Moderne bis zu den multifunktionalen Schulzentren der 1970er Jahre lassen sich vielfältige architektonische Innovationen studieren, die jeweils spezifische Lern- und Lehrumwelten ausbildeten.

Seeheim-Jugenheim, chuldorf Bergstraße, Blick von der Aula auf die überdachten Verbindungsgänge zwischen den Schulgebäuden, 1952–1954 (Bild: © Oliver Sukrow, 2021)

Seeheim-Jugenheim, Schuldorf Bergstraße, Blick von der Aula auf die überdachten Verbindungsgänge zwischen den Schulgebäuden, 1952–1954 (Bild: © Oliver Sukrow, 2021)

Die Öffnung des Klassenraums

Dass der uns umgebende Raum bildet und Bildung durch Raum möglich ist, war schon in der Antike bekannt. Vielfältig sind die Erscheinungsformen von Bildungs-Räumen, an ihnen lassen sich gesellschaftliche, politische und edukative Konzepte erkennen. Die Moderne formulierte nicht nur die Lerninhalte neu, sondern wollte auch die Lernumwelt verändern: Weg von der Repräsentanz, der Statik (fest installierte Bänke!) und der Schwere wilhelminischer Schulpaläste, hin zu Naturnähe, Funktionalität und Ungebundenheit (tragbare Hocker!), etwa von Ernst Mays Hallgartenschule in Frankfurt am Main (1929–1930). Damit war auch ein positiv konnotiertes gesellschaftspolitisches Programm formuliert, an das nach dem Nationalsozialismus inhaltlich wie baulich angeknüpft werden konnte.

Wesentlich in der Wiederaneignung des modernen Schulbaus nach 1945 in Ost und West waren transnationale Kontakte und Wissenstransfer durch Architekt:innenreisen, die zum Beispiel der Stuttgarter Architekt und UIA-Schulbaukommissionsmitglied Günter Wilhelm (1908–2004) 1949 in die USA unternahm. Im Auftrag der US-amerikanischen Militärregierung begab sich Wilhelm auf eine Grand Tour, um auf der anderen Seite des Atlantiks unter anderem das Konzept der open-air-schools zu studieren und auf Anwendbarkeit in der US-amerikanischen Besatzungszone zu prüfen. Die Öffnung des ebenerdigen Klassenraums zum Garten sollte die Demokratisierung und re-education der Kinder und Jugendlichen unterstützen.

Überhaupt war die Rolle der Alliierten und ihrer jeweiligen Vorstellungen von Bildung ein ausschlaggebender Rahmenfaktor beim Neubau von Schulen. Gerade in den 1950er Jahren sind programmatische Entscheidungen zwischen ‚westlichen‘ Modellen (Seeheim-Jugenheim, Schuldorf Bergstraße, 1952–1954) und stalinistischen Monumentalbauten (Berlin-Friedrichshain, Max-Kreuziger-Schule, 1953–1954) gefallen. Und zuletzt gilt es die Architekturzeitschriften der Nachkriegszeit zu nennen: Insbesondere in den schweizerischen Journalen konnten sich Architekt:innen und Politiker:innen über die neuesten Trends des modernen Schulbaus informieren und transnationalen Austausch praktizieren.

Berlin-Friedrichshain, Max-Kreuziger-Schule (Hans Schmidt, 1953–1954) (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-64682-0001, CC BY SA 3.0, 1959)

Berlin-Friedrichshain, Max-Kreuziger-Schule (Hans Schmidt, 1953–1954) (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-64682-0001, CC BY SA 3.0, 1959)

Bildung nach dem “Sputnikschock”

Von „Bildungskatastrophe“ und „Sputnikschock“ – also von krisenhaften Erscheinungen der Schulsysteme der Nachkriegszeit und den Reaktionen unter den Bedingungen des Kalten Krieges – erzählte unlängst eine umfassende, von Tom Holert kuratierte Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Eine zentrale Antwort auf die Herausforderungen des sich ab den 1960er Jahren anbahnenden Fachkräftemangels im beginnenden Dienstleistungszeitalter lag – sowohl in Ost als auch in West – im massiven Ausbau des primären, sekundären und tertiären Bildungssektors. Das schlug sich im Boom der Schulneubauten ab den 1960er Jahren nieder. Im Sonderheft nehmen uns Peter Liptau und Maximilian Kraemer mit auf eine bunte visuelle Zeitreise in die Welt der modernen Baumaterialien und Stoffe, aus denen neue Bildungsträume wahr werden sollten. Arne Herbote berichtet im Artikel zu „PJS“ über ein exemplarisches Büro dieser Zeit, das sich auf den Bildungsbau spezialisiert hatte, mit einladend gestalteten Schulhäusern zwischen Braunschweig, Berlin und Hamburg reüssierte und Generationen von Schüler:innen architektonisch prägte.

Zeitgleich mit den Aufbrüchen in der Bundesrepublik reformierte sich in der DDR ab den 1970er Jahren der Bildungsbereich und damit auch der Schulbau. Angeregt von typologischen Auseinandersetzungen mit der klassischen Moderne und zeitgenössischen Bildungsarchitekturen in der Schweiz, Frankreich, England, Skandinavien und den USA, aber auch mit sowjetischen Beispielen, legte UIA-Mitglied Helmut Trauzettel in Dresden neuartige Typenentwürfe für Polytechnische Oberschulen (POS) vor, die eine geschickte Verbindung von bautechnischen Anforderungen und bildungspolitischen Zielen aufzeigen. Wie Dina Dorothea Falbe in ihrem Aufsatz schreibt, stellten die Schulbauten in der DDR gebaute Repräsentationen von politisch-geleiteten Fortschrittsvorstellungen dar, wobei Trauzettels Experimente ebenso für eine geistige Öffnung standen.

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Festsaal, 1975–1977 (BPR), Ansicht der Nord-Fassade (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Alexandra Vinzenz porträtiert in ihrem Beitrag den Waldorf-Schulbau (Motiv: Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Festsaal, 1975–1977 (BPR), Ansicht der Nord-Fassade, Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Multivariabel und reformorientiert

In den Jahren des Booms änderten sich nicht nur die Baumaterialien, sondern auch die Ansprüche an den Schulbau: Wie Maximilian Kraemer anhand der Mittelschule von Bad Friedrichshall (Roland Ostertag, 1962–1967) zeigen kann, suchte die aufstrebende, aber doch noch recht neue Industriestadt am Neckar nicht nur ein neues Schulgebäude, sondern gleich ein neues Stadtzentrum, was Ostertag dann auch lieferte. Dieser Zug zur flexiblen, multivariablen Nutzung ist sowohl in West als auch in Ost ab den 1970er Jahren nachvollziehbar. Auch hier kann eine transnationale Verbindungslinie zum englischen und US-amerikanischen Schulbau der Nachkriegszeit gezogen werden, wo die soziale Rolle des Schulbaus in einem dörflichen oder städtischen Gemeinschaftsgefüge bereits seit den 1950er Jahren diskutiert und umgesetzt worden war.

Dass der Schulbau seit der Aufklärung, besonders aber durch die Sozial- und Bildungsreformer:innen im 19. Jahrhundert, zu einem Feld der intensiven Auseinandersetzung um das Konzept von ‘Kindheit’ und den Wert der Bildung für die Gesellschaft avancierte, ja dass die Schule und ihre Architektur zu einem ideologischen Diskursthema wurde, zeigt Alexandra Vinzenz in ihrem Aufsatz über die bislang unterbeleuchteten deutschen Waldorfschulen: Wie wurde das reformpädagogische Konzept der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und danach baulich weiterentwickelt? Gibt es so etwas wie eine spezielle Waldorfästhetik? Wie verhalten sich generell Bildungs- und architektonische Konzepte zueinander?

Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Gregor Zoyzoyla berichtet im Interview über das Europa-Gymnasium in Wörth (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Inklusiv und sozial gerecht

Ob und mit welchen Maßnahmen die Schulgebäude der Nachkriegszeit – sei es in Bad Friedrichshall oder in Eisenhüttenstadt – energetisch, funktional, technologisch und gestalterisch an die Bedingungen des Post-Covid-Zeitalters angepasst werden können und welche Möglichkeiten in den Schulbauten der Moderne (noch) stecken, das zeigen die Beiträge in diesem Sonderheft, nicht zuletzt auch die beeindruckenden Aufnahmen des Europa-Gymnasiums in Wörth am Rhein (Egon Seidel, 1968–1975), das als einer der wenigen Nachkriegsschulbauten in Rheinland-Pfalz Denkmalschutz genießt. Der Fotograf Gregor Zoyzoyla zeigt uns seinen Blick auf die Qualitäten des spätmodernen Baus, der sich in kontinuierlicher Nutzung befindet.

Wie man auch immer zum Schulbau der Moderne steht: Sicher ist in jedem Fall, dass die baulichen Zeugnisse dieser Epoche eine zentrale Rolle in städtebaulichen Überlegungen, Nachhaltigkeitsdiskussionen und denkmalpflegerischen Fragestellungen einnehmen sollten. Die architektonische Hülle der Bildungsbauten muss als wesentlicher Faktor einer heute zu Recht eingeforderten inklusiven und sozial gerechten Schule stetig neu ausgehandelt werden. Die hier präsentierten Lösungen laden zum historischen Studium und zum gegenwartsbezogenen Nachdenken über diese und andere Fragen ein.

Literatur

Roth, Alfred, Bemerkungen zum modernen Schulbau in den Vereinigten Staaten, in: Werk 37, 1950, S. 294–298.

Schulbau heute. Vorträge und Entschliessungen bei der Schulbautagung in Stuttgart vom 7. bis 9. März 1950, hg. von der Landesanstalt für Erziehung und Unterricht, Stuttgart 1950.

Kroner, Walter, Schule im Wandel. Wandel im Schulbau, Stuttgart 1975.

Butter, Andreas, Waldidyll und Fensterband. Die Moderne im Schulbau der SBZ/DDR von 1945–1951, in: Barth, Holger (Hg.), Projekt sozialistische Stadt. Beiträge zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR, Berlin 1998, S. 183–191.

Schmucker, Alfred Bruno, Schulbau in Bayern 1945–1975. Von der Zwergschule zum Schulzentrum, vom Pavillon zur Großstruktur, Frankfurt am Main 2021.

Renz, Kerstin, Testfall der Moderne. Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre, Tübingen/Berlin 2016.

Darian-Smith, Kate/Willis, Julie (Hg.), Designing Schools. Space, Place, and Pedagogy, London 2016.

Droit, Emmanuel, Wie Schulräume politisiert wurden. Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur in den frühen 1950er Jahren, in: Deutschland Archiv, 22. Juni 2016.

Spycher, Ernst, Bauten für die Bildung. Die Entwicklung der Basler Schulhausbauten im nationalen und internationalen Kontext, Basel 2019.

Hess, Regine, Nationaler Traditionsbau oder Freiluftpavillons? Schulen der Nachkriegszeit – auf Demokratie gebaut, in: Kunstchronik 2019, 9/10, S. 508–513.

Holert, Tom (Hg.), Bildungsschock. Lernen, Politik und Architektur in den 1960er und 1970er Jahren, hg. vom Haus der Kulturen der Welt, Berlin/Boston 2020.

Dieser Artikel basiert (zum Teil) auf Forschung, die im Rahmen des Projekts “Transnationaler Schulbau” durchgeführt und vom Austrian Science Fund (FWF), Projektnummer P 33248-G, finanziert wurden.

Titelmotiv: Los Angeles, Corona Avenue School (Richard Neutra, 1953), Klassenzimmer im Freien (Foto: Julius Shulman, 1953, Bild: © J. Paul Getty Trust. Getty Research Institute, Los Angeles (2004.R.10))

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LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

Oliver Sukrow über die Moderne im Schulbau.

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

Alexandra Vinzenz über das architektonische Konzept jenseits des Klischees.

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

Dina Dorothea Falbe über den DDR-Schulbau von Ludwig Deiters bis Helmut Trauzettel.

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

Arne Herbote über die Bildungsbauten des Büros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner.

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

Maximilian Kraemer über einen bemerkenswerten Schulbau des Architekten Roland Ostertag.

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

Die bunte Welt der Lehrmittel im Spiegel der Werbebilder der Nachkriegszeit.

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

Der Architekturfotograf hat mit Schüler:innen einen modernen Bau erkundet.

Der Best-of-90s-Beitrag

Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

Sein Abitur hat der Fotograf Gregor Zoyzoyla anno 2000 am Schulzentrum Neckargemünd gemacht. Kurz darauf wurde das Gebäude zerstört. Es gibt keinen Zusammenhang der Ereignisse: Schweißarbeiten verursachten 2003 einen verheerenden Brand, der zum Abriss des Baus von 1967/84 führte. Er würde heute zu seinen bevorzugten Fotomotiven zählen: die späte Moderne der alten Bundesrepublik, gerne Rathäuser, Stadthallen oder Schulen. Die Suche nach geeigneten Objekten führte ihn 2018 nach Wörth. In der Kleinstadt nahe Karlsruhe entstand ab den 1960ern der Stadtteil Dorschberg, im Zuge dessen auch Rathaus, Hallenbad, Festhalle und die Dorschbergschule. Heute heißt sie Europagymnasium Wörth und steht seit Herbst 2019 unter Denkmalschutz. Daran ist Gregor Zoyzoyla nicht ganz unbeteiligt. Daniel Bartetzko hat mit ihm darüber und wie man die Nutzer zum Erkennen der architektonischen Qualität ihrer Gebäude leiten kann, gesprochen.

Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)

DB: Von der Penne zum Baudenkmal: Ist das quasi durch Deine Arbeit bekannt gewordene Europagymnasium Wörth ein glücklicher Zufallsfund?

GZ: Zumindest hat die Geschichte so ihren Anfang genommen, abends am Computer bei der Suche nach Objekten in der näheren Umgebung. Die Wörter “Schule”, “Rathaus”, “1960er” und “Beton” eingeben und sehen, was die Bildersuche zeigt – das ist durchaus ergiebig. So tauchte erst das Rathaus Wörth und schließlich das Gymnasium auf. Einige Tage später war ich zum Fotografieren dort – und habe im zweiten Anlauf offene Türen eingerannt.

DB: Inwiefern im zweiten Anlauf?

GZ: Das Rathaus kann man von öffentlichen Grund ja jederzeit ablichten. Bei einer Schule wird da sensibler reagiert, ohne Genehmigung ist das schwer, erst recht an einem normalen Schultag. Gute Fotos von dem Bau – der meine Erwartungen weit übertroffen hatte – hätte man vom Pausenhof aus machen müssen. Ich habe also im Sekretariat gefragt und bin dort abgeblitzt. Aber dann hat mich die damalige Schulleiterin, die das Gespräch durch die offene Zwischentür mitbekommen hat, nochmal reingebeten. Sie mochte die Architektur “ihrer” Schule und befürchtete, dass der Bau durch eine Sanierung entstellt werden könnte. Nach diesem zweiten Gespräch hatte ich dann also doch die Foto-Erlaubnis. Und die Anregung auf den Weg mitbekommen, eventuell ein Projekt mit den Schüler*innen zum Bau zu starten.

Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Das in zwei Abschnitten 1968 und 1974/75 errichtete Europagymnasium entstand nach Entwürfen des Ludwigshafener Architekten Egon Seidel (*1928). Es entspricht mit einem mehrstöckigem Zentralraum, um den die Klassenräume hufeisenförmig angeordnet sind, dem Typus der seinerzeit populären Hallenschule. Das viergeschossige Hauptgebäude mit den markanten Fensterbändern und einer Fassade, in der sich Klinkermauern und Betonelemente gliedern, ist auf den ersten Blick nicht unmittelbar dem Brutalismus zuzurechnen. Sehr wohl aber der betonsichtige, dreigeschossige Erweiterungsbau mit dem skulpturalen Treppenhaus und dem Wandrelief des Bildhauers Karl-Heinz Deutsch (*1940).

DB: Beim reinen Fotografieren ist es nicht geblieben, doch auch über das mit dem Kunst-Leistungskurs realisierte Schulprojekt ging es hinaus …

GZ: Meine Bilder hatte ich direkt an Oliver Elser für das Projekt SOS Brutalism und an Tobias Flessenkämper vom Arbeitskreis Nachkriegsmoderne des RVDL (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, anm. d. Red.) geschickt. Die waren begeistert von dem Bau, besonders von der Erweiterung aus den 1970ern und haben dann einige Hebel in Bewegung gesetzt.

DB: Die Schule hat also nicht einfach nur Schule gemacht?

GZ: Vor Ort habe ich mit den Schüler:innen ein Foto-Projekt durchgeführt. Der Kunsthistoriker Sascha Köhl von der Universtät Mainz hatte auch von dem Bau erfahren, und über den RVDL ging die Kunde ins Landesdenkmalamt, wo Leonie Köhren für ein Gutachten beauftragt wurde. Im Frühjahr 2019 sind wir auf Einladung des Kunst-Leistungskurses mit dieser großen Gruppe Tross nach Wörth gekommen und hatten auch einen Termin beim Bürgermeister. Der meinte zwar, dass Wörth Flair fehlte, und bezeichnete es sogar als “Alien der Südpfalz”, aber so langsam änderte sich schon die Einschätzung: Da kommen eine Denkmalpflegerin, ein Uni-Dozent mit seinen Studierenden und ein Architekturfotograf extra zu ihnen, um etwas über ihre Gebäude zu erfahren, also muss doch etwas dran sein … Interessant war dann auch das Gespräch mit dem Architekten Egon Seidel. Er war geschmeichelt, dass sein Bau nun so viel Aufmerksamkeit erfuhr. Allerdings schwärmten wir im Gespräch vor allem von der betonsichtigen Erweiterung. Das schien ihn zu irritieren. Irgendwann meinte er dann, an dem habe sich ja in erster Linie sein Assistent verwirklichen dürfen. Solche Gespräche sind halt immer auch ein Stück Diplomatie (lacht).

Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)

DB: Die externen Fachleute haben sich leicht begeistern lassen. Doch wie war es mit den Nutzern selbst, den Schüler:innen? Sie sind es ja, die sich jeden Tag im Schulbau aufhalten und sich mit seinen architektonischen Stärken und Schwächen arrangieren müssen.

GZ: Tatsächlich waren sie im Gespräch in großer Runde von ihrer Schule nicht so begeistert. Zu grau, zu wuchtig, nicht “schön” hieß es. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass die meisten Schüler aber ihre Gebäude nicht als schön wahrnehmen. Das betrifft nicht mal nur die, die ihre gesamte Schulzeit als unangenehm empfinden: Ein Gebäude ist immer auch Projektionsfläche. Der kleinste gemeinsame Nenner, um unter Schülern ins Gespräch zu kommen, ist über “die komische Bude” zu stöhnen. Auf die Frage, wie denn die optimale Schule aussehen würde, kam der Wunsch nach weniger Grau, mehr Weiß, mehr Licht und mehr Glas. Sie hätten die Schule gerne “clean”.

DB: Kein Traum von einem gemütlichem Altbau mit Fachwerk, Sandstein, steilen Dächern und warmen Farbtönen? Das hätte ich jetzt eher erwartet, auch wenn es mächtig nach Klischee klingt.

GZ: Nein, die moderne Architektur als solches war eigentlich kein Problem. Vielmehr wurde der Bau einfach als schmuddelig empfunden, das verbindet man ja auch mit Grau. Der Einwand, dass ein weißes Schulhaus bei intensiver Nutzung kaum weiß bliebe und noch viel schneller schmuddelig wirken würde, hat sie nachdenklich gemacht. Je mehr sich die Schüler:innen mit dem Bau beschäftigt haben, desto mehr stieg die Akzeptanz und das Verständnis. Details wie der verglaste Übergang zwischen den Bauteilen und die üppige Grüngestaltug wurden sowieso positiv wahrgenommen. Am schlechtesten kam der Erweiterungsbau weg: Der wurde als zu kalt und zu hellhörig kritisiert, habe insgesamt eine kühle Atmosphäre. Aber ein Bewusstsein, dass dieser Schulbau zu den ambitioniertesten seiner Zeit zählt und, abgesehen von unvermeidbaren Altersmängeln, auch heute noch grundsätzlich funktioniert, war schon entstanden.

DB: Ein Gebäude kann ja grundsätzlich immer nur auf der Höhe seiner Bauzeit sein. Optimal ist, wenn man künftige Veränderungen einplant und möglich macht. Aber wie sich der Lehrbetrieb in 50 Jahren entwickelt, lässt sich ja kaum vorausschauen.

GZ: Die Kritik bezog sich ja vor allem auf die technische Ausstattung. Heizung, Lärm- und Wärmedämmung entsprechen noch dem Stand der 1970er, und Klimaanlagen waren damals Luxus und in Schulen unvorstellbar. Das reine Nutzungskonzept aber hat die Zeit gut überdauert.

Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)

DB: Hat denn Dein Schulprojekt selbst etwas bewirkt?

GZ: Die gemeinsam erstellten Fotos habe ich teilweise nachbearbeitet, und es wurden auch Interviews auf Video aufgezeichnet, die zunächst als Rohmaterial vorlagen. Diese architekturbezogene Arbeit führte dazu, dass das Schulprojekt nach Köln zur Europa Nostra Tagung “Wehe den Erben?” eingeladen wurde. Die Videos haben Sascha Köhl und seine Studierenden zu einem Film geschnitten, der dort gezeigt wurde. Leider haben die Schüler:innen ausgerechnet an jenem Tag Prüfungen gehabt und konnten nicht kommen …

DB: Und die Unterschutzstellung als solches war Formsache?

GZ: Ich bin ja selbst kein Denkmalpfleger. Aber zu erkennen, dass hier ziemlich sicher ein Denkmalwert vorliegt, war nicht schwer. Natürlich haben da auch meine Fotos geholfen, ziemlich zügig ein Gutachten zu erstellen. Das wurde genauso zügig positiv beschieden, denn im Hintergrund drohte ja die Sanierung. Die steht so oder so an, doch jetzt kann man davon ausgehen, dass sie wohl behutsamer ausfallen wird. Ich denke auch, ich kann mich in Wörth noch immer blicken lassen, obwohl ja gefühlt ich es war, der ihre Schule unter Schutz hat. Vielleicht war das ja genau der Plan der ehemaligen Direktorin (lacht).

Das Gespräch führte Daniel Bartetzko.

Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)
Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)
Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)
Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)
Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)
Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)
Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)

alle Gebäudebilder: Gregor Zoyzoyla, alle Personenbilder: Daniel Bartetko

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LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

Oliver Sukrow über die Moderne im Schulbau.

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

Alexandra Vinzenz über das architektonische Konzept jenseits des Klischees.

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

Dina Dorothea Falbe über den DDR-Schulbau von Ludwig Deiters bis Helmut Trauzettel.

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

Arne Herbote über die Bildungsbauten des Büros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner.

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

Maximilian Kraemer über einen bemerkenswerten Schulbau des Architekten Roland Ostertag.

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

Die bunte Welt der Lehrmittel im Spiegel der Werbebilder der Nachkriegszeit.

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

Der Architekturfotograf hat mit Schüler:innen einen modernen Bau erkundet.

Der Best-of-90s-Beitrag

Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)