FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

von Dina Dorothea Falbe (21/4)

„Wie ein Schloss“, erzählt der Bibliothekswissenschaftler und DDR-Philokartist Ben Kaden, habe die Schule II in Eisenhüttenstadt auf ihn gewirkt, wenn ihn seine Mutter, die dort Lehrerin war, in der Ferienaufsicht mitnahm. “Die Gänge schienen endlos, aber nicht dunkel, sondern waren mit leuchtenden Aquarien flankiert und unter den Treppen gab es geheimnisvolle, märchenhafte Nischen. Die Kunst am Bau sollte Geschichten erzählen. Und sie schuf damit erstaunlich effektiv ganz individuelle Stories.” 

Eisenhüttenstadt, Schule II (Bild: Dina Dorthea Falbe)

Eisenhüttenstadt, Schule II (Bild: Dina Dorothea Falbe)

Zwischen Richtlinie und Haltung

Die vielen Stufen waren vom Architekten ursprünglich nicht beabsichtigt. Vielmehr hatte er sich sogar ausdrücklich einen niedrigschwelligen Zugang im wörtlichen Sinne, eine kindgerechte Gestaltung gewünscht. Doch die ab 1951 von der Zentralen Schulbaukommission herausgegebenen „Richtlinien über die Projektierung und den Bau von Grund- und Zehnklassenschulen“ gaben die große städtebauliche Geste vor, forderten die repräsentative Baugestaltung im Sinne des Sozialistischen Klassizismus. Für das Raumprogramm folgten daraus eine repräsentative Eingangssituation, ebenso repräsentative und künstlerisch ausgestaltete Gemeinschaftsräume wie Aula, Pionierzimmer sowie auch ästhetisch wirkungsvolle Treppenhäuser. Die städtebauliche Präsentation sollte die Bedeutung der Schule für die Gesellschaft zeigen: Hier steht ein Bildungsort und Treffpunkt nicht nur für Kinder, sondern für die Bandbreite der gesellschaftlichen Organisationen, die am Aufbau des Sozialismus mitwirkten. In länglichen Klassenzimmern sollte nach stalinistischem Vorbild vorwiegend Frontalunterricht stattfinden, was auch bis zum Ende der DDR weitgehend beibehalten wurde.

Im Ergebnis erwies sich Deiters Entwurf für die Schule II als Kompromiss zwischen diesen gesellschafts- und bildungspolitischen Richtlinien und seiner Haltung als Architekt. Sich dem Neuen Bauen verbunden fühlend, brachte er so viel Licht in die Räume, wie dies bei den am Gang aufgereihten Klassenzimmern nur möglich war. Die großzügig belichteten Treppenhäuser der Schule II sind mit Tiermotiven auf Fliesen geschmückt. In Wänden eingebaute Terrarien ermöglichen auch die praktische Auseinandersetzung mit der Tier- und Pflanzenwelt. Die prunkvoll ausgestattete Aula mit angeschlossenem Pionierzimmer im obersten Geschoss besitzt eine eigene Dachterrasse mit Aussicht auf den Schulhof.

Die Deutsche Bauakademie als zentrale wissenschaftliche Einrichtung für Architektur und Bauwesen in der DDR prüfte Ludwig Deiters‘ Entwurf auf Einhaltung der Schulbaurichtlinien und der Architekt musste nacharbeiten. So jedenfalls berichtet Deiters in einem Gutachten, das er selbst als Denkmalpfleger 1995 für die Unterschutzstellung seines eigenen Werkes verfasst hat. Neben der Schule II für Eisenhüttenstadt hatte Deiters an weiteren bedeutenden Forschungsarbeiten und Bauprojekten wie der Schule in Saßnitz mitgewirkt, bis er sich 1955 aus dem Schulbau zurückzog und der Denkmalpflege zuwandte. Den Übergang zur Typenbauweise im Schulwesen machte er nicht mehr mit.

Typen-Schulbau der DDR, Typ Trauzettel-Schule, Modell (BIld: Dina Dorothea Falbe)

Typen-Schulbau der DDR, Typ Trauzettelschule, Modell (Modell: Dina Dorothea Falbe, Bild: Christopher Falbe)

Typenentwürfe

Schon seit Anfang der 1950er Jahre hatte die Deutsche Bauakademie sogenannte Typenentwürfe für Schulen zur republikweiten Anwendung herausgegeben, die Deiters als zu starr und „unter der Zwangsvorstellung der kleinsten Kubatur entwickelt“ kritisierte. Der politisch gewünschte und zentral verbindliche Typenentwurf für den Schulbau sollte nicht nur gestalterische und funktionelle Standards in der DDR sicherstellen, sondern insbesondere auch Kostenersparnisse gegenüber den teils opulenten Einzelentwürfen bieten.

Im Jahr 1955 wurde auf der ersten Baukonferenz der DDR die Orientierung zur industriellen Bauweise beschlossen, um in Zukunft „besser, schneller und billiger“ bauen zu können, wie es Walter Ulbricht damals formulierte. Ebenfalls im Jahr 1955 promovierte Helmut Trauzettel an der TU Dresden zur „Entwicklung zweckmässiger Typenentwürfe für Kindergärten“. Mit seiner Habilitation bot Trauzettel wenige Jahre später neben Kinderkombination (Krippe und Kindergarten) und Jugendclub auch einen Typenvorschlag für eine Schule an. Die erste dieser sogenannten Trauzettelschulen wurde 1963 in Bitterfeld gebaut. In dieser Zeit hatten sich völlig neue Anforderungen an der DDR-Schulbau ergeben: 1959 wurde mit dem Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens die Polytechnische Oberschule eingeführt, ab 1960 die ganztägige Kinderbetreuung ausgebaut.

Typen-Schulbau der DDR, Typ Dresden, Modell (Bild: Dina Dorothea Falbe)

Typen-Schulbau der DDR, Typ Dresden, Modell (Modell: Dina Dorothea Falbe, Bild: Christopher Falbe)

Von Deiters zu Trauzettel

Für Deiters Schulentwurf waren die „Führende Rolle des Lehrers“, Gemeinschaftsräume zur Bildung eines Schulkollektivs, sowie eine repräsentative Wirkung der Schule im Stadtraum prägend gewesen. Trauzettels Schule sollte nun das kostengünstige industrielle Bauen mit vorgefertigten Betonelementen möglich machen und dabei dem pädagogischen Konzept der Polytechnischen Bildung sowie den ganztägigen Aktivitäten der Tagesschule Raum geben. Naturwissenschaften und Technik traten in den Fokus, theoretischer Unterricht sollte mit praktischer Anwendung verbunden werden und die Ganztagserziehung sollte der ideologischen Erziehung dienen und zugleich Mütter in die Berufstätigkeit bringen. Für Experimente, Mediennutzung und Aktivitäten jenseits des Unterrichts wurden flexibel nutzbare Klassenzimmer benötigt. Die Erschließung nach dem sogenannten Schuster-Prinzip ermöglichte in den fast quadratischen Klassenzimmern des Typs Trauzettelschule zudem Fenster an beiden Seiten zur optimalen Belichtung und Durchlüftung.

Die Aufteilung in drei Gebäuderiegel mit Verbindungsgängen und Splitlevels wurde hin und wieder als unübersichtlich kritisiert, was in gewissem Umfang nachvollziehbar ist. Hinter dieser weitläufigen Erschließung stand jedoch eine aus Sicht der Gesundheitsfürsorge ambitionierte Idee. Sie sollte die Ansammlung vieler Kinder auf den Fluren zu vermeiden und somit Infektionen vorbeugen; das wäre auch heute wieder aktuell. Offenbar zeigte der Ansatz Wirkung, denn die Krankentage sollen an der ersten Trauzettelschule nur halb so hoch gewesen sein wie an anderen Schulen. Um Material und Kosten zu sparen, bezog Trauzettel mit Turnhalle und Aula auch zwei Hallen in die Konstruktion der Schule ein. Der Architekt vernetzte so adäquate Räume für alle benötigten Funktionen der Schule in einer komplexen Baustruktur. Besonderes Augenmerk lag dabei auf den funktionalen Beziehungen der Räume, um den „pädagogisch-hygienisch optimalen Tagesablauf“ zu ermöglichen, wie das Buch „Schulbau in der DDR“ von 1968 die damalige Entwurfshaltung zusammenfasst.

Dresden, 49. Grundschule "Bernhard August von Lindenau“ in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Dresden, 49. Grundschule “Bernhard August von Lindenau” in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Ein neuer Begriff vom Fortschritt

In den beiden Schulentwürfen von Deiters und Trauzettel lässt sich also auch ein Wandel des Fortschrittsbegriffs in der DDR ablesen. Der Schulbau in der zunächst mit Stalinstadt benannten sozialistischen Modellstadt vermittelt den Fortschrittspathos der frühen Jahre: Der gesellschaftliche Fortschritt des Sozialismus erwächst aus dem gemeinsamen Aufbruch. Der städtebaulich sehr prominente Schulbau in Eisenhüttenstadt manifestiert die Bedeutung der Bildung für die Gesellschaft. In repräsentativen Gemeinschaftsräumen kommen Menschen unterschiedlichen Alters in gesellschaftlichen Organisationen zusammen, um den gemeinschaftlichen Fortschritt durch Bildung zu ermöglichen.

In den 1960er Jahren setzt sich dagegen die Vorstellung eines planbaren Fortschritts durch. Trauzettel selbst formulierte in einer Rede: “Der auf lange Zeiträume wirksame Effekt gebauter räumlicher Umwelt muss bewusst auf die Formung der sozialistischen Persönlichkeit ausgelegt werden. Entsprechende räumliche Voraussetzungen für die sozialen Grundbedürfnisse einer sich entwickelnden sozialistischen Menschengemeinschaft in ihrem komplexen wechselseitigen Zusammenwirken fördern sozialistische Lebensformen.” Die Schulen dieser Zeit bestehen aus Räumen, die entsprechend ihre funktionalen Beziehungen zueinander angeordnet sind. Dabei bleibt die Schule selbst Teil des gesellschaftlichen Zentrums im Wohngebiet, wird aber stärker eingegliedert. Trat sie in Stalinstadt fast schon dominant, in jedem Fall zeichenhaft in den Stadtraum, wird sie nun Baustein eines städtebaulichen Ensembles, zu dem entsprechend Kaufhallen, Polikliniken, Großgaststätten, Sekundärrohstoffannahmestellen und weitere Dienstleistungsbauten gehören, zwischen denen sich ein durchgeplanter gesellschaftlicher Alltag zumindest in der Theorie optimal vollzieht.

Dresden, 49. Grundschule "Bernhard August von Lindenau“ in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Dresden, 49. Grundschule “Bernhard August von Lindenau” in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Die Schulbaureihe 66

Helmut Trauzettel hoffte, seinen Entwurf als zentralen Schultypen für die Anwendung in der gesamten DDR etablieren zu können und bemühte sich, dessen Wirtschaftlichkeit und Funktionalität wissenschaftlich nachzuweisen. Eine generelle Notwendigkeit von Aula und Turnhalle wurde jedoch angezweifelt. Tatsächlich kam die Trauzettelschule letztlich nur in den Bezirken Halle und Magdeburg zur Anwendung. Erst 1966 stellte die Bauakademie mit der vom VEB Hochbauprojektierung Erfurt entwickelten Schulbaureihe 66 eine zentral verbindliche Typenserie vor. Hier fehlt die Aula, eine Turnhalle musste separat errichtet werden. Auch für die Schulbaureihe 66 ist die von Deiters kritisierte „Zwangsvorstellung der kleinsten Kubatur“ charakteristisch. Schnell zeigte sich, dass die Schulbaureihe sich nicht in allen Bezirken durchsetzen würde. Viele Betriebe hatten unter Anwendung der im Bezirk produzierten Bauelemente eigene Typenschulen entworfen, sodass eine Umstellung auf die zentralen Typen unwirtschaftlich erschien.

Dresden, 49. Grundschule "Bernhard August von Lindenau“ in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Dresden, 49. Grundschule “Bernhard August von Lindenau” in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Das Beispiel Dresden

Im Bezirk Dresden entwickelten Walter Polzer und Sibylle Kriesche im VEB Hochbauprojektierung Dresden sogar die Trauzettelsche Entwurfsidee zu einem kompakteren Baukörper mit zwei Gebäuderiegeln weiter. Dieser Schultyp Dresden besitzt jedoch weder eine Aula noch einen Gemeinschaftsraum zur Bildung eines Schulkollektivs. Da in der Nutzung oft Speiseräume fehlten, wurde der Schultyp bei späteren Ausführungen um eine entsprechende funktionale Unterkellerung ergänzt. Die zum Schultyp gehörige Turnhalle wurde von Leonie Rothbarth entworfen.

Dank der unterstützenden Recherche eines interessierten Laien (Daniel Fischer) konnte mit dem Schulbau in der Bernhardstraße ein Vertreter des Typ Dresden unter Denkmalschutz gestellt und denkmalgerecht saniert werden. Das konkrete Beispiel zeigt, dass auch die Schultypenbauten der 1960er Jahre reizvolle Details und gestalterische Vorzüge aufweisen können. Viel Luft und Licht in flexiblen Klassenzimmern sowie eine durchdachte Grundrissorganisation, die sich mitunter wohltuend von den starren spiegelsymmetrischen Beispielen aus den 1950er Jahren abhebt, machen die unterschiedlichen bezirklichen Eigenentwicklungen durchaus vielseitig und angenehm in der Nutzung.

Eisenhüttenstadt, Schule II (Bild: Dina Dorthea Falbe)

Eisenhüttenstadt, Schule II (Bild: Dina Dorothea Falbe)

Trauzettelschule als Denkmal?

Der Typ Trauzettelschule hebt sich von späteren Lösungen dadurch ab, dass er die neuen Anforderungen an den Schulbau mit den Vorzügen der alten Richtlinien verbindet. Im Entwurf ist die Idee einer künstlerisch betonten Eingangssituation angelegt, die in der Anwendung im jeweiligen städtebaulichen Kontext jedoch häufig nicht genutzt wird. Vielerorts städtebaulich gut eingebunden, bietet die integrierte Aula einen durchaus feierlichen Versammlungsraum mit Öffnung zur Stadt. Der Ort zur Bildung eines Schulkollektivs ist in der Trauzettelschule somit noch vorhanden. In späteren bezirklichen Typenentwicklungen entfällt er meist aufgrund der zentral vorgegebenen „Funktionsparameter“ und „ökonomischen Kennziffern“.

Auch wenn sich die Trauzettelschule nicht in der gesamten DDR durchgesetzt hat, konnte der Architekt seine Schulbau-Expertise weiterhin in Forschungsaufträgen und Lehrtätigkeiten sowie auf wissenschaftlichen Tagungen und in Architekturwettbewerben beweisen. So beeinflusste er maßgeblich die Entwicklung des Baukastensystems der späteren Schulbaureihe 80. Ab 1964 war Trauzettel in die Arbeitsgruppe Schul- und Kulturbauten der Union Internationale des Architectes (UIA) aktiv. Trotz der besonderen Bedeutung der Trauzettelschule für die Schulbauentwicklung in der DDR wurde bisher leider kein Exemplar denkmalgerecht saniert. Dies sollte jedoch bald passieren, denn es sind nicht mehr viele übrig.

Rundgang

Postkartenmotive mit Trauzettelschulen aus der Sammlung von Ben Kaden

Halle-Neustadt (erster Wohnkomplex), Erste Polytechnische Oberschule, Ort der Grundsteinlegung 1964 (Bild: unter Mitarbeit von Kühn. Köthen, VEB Ansichtskartenverlag Köthen (P 1/73 IV-14-45 06 0833 078), 1973)

Merseburg-Nord, Polytechnische Oberschule (Bild: unter Mitarbeit von Kühn (Leipzig). Reichenbach (Vogtl): VEB Bild und Heimat Reichenbach i. V. (III/18/98 A 1/B 113/74 01 08 11 070), 1974)

Merseburg-Nord, Polytechnische Oberschule (Bild: unter Mitarbeit von Kühn (Leipzig). Reichenbach (Vogtl): VEB Bild und Heimat Reichenbach i. V. (III/18/98 A 1/B 113/74 01 08 11 070), 1974)

Wolfen-Nord (Kreis Bitterfeld), Polytechnische Oberschule (Bild: unter Mitarbeit von Kühn (Leipzig). Reichenbach (Vogtl): VEB Bild und Heimat Reichenbach i. V. (III/18/203 A 1/B 401/71 8/4337), 1971)

Zeitz-Ost, Lenin-Schule (Bild: DDR 49, Leipzig: H.C. Schmiedecke (VOB), Kunstverlag, 701 Leipzig (L 23/76 IV-14-483 HS 1939), 1976)

Zielitz, Neue Schule (Bild: Magdeburg, konsum fotocolor magdeburg (A 5939 N 3/68 IV-14-45 G 8108), 1968)

Bitterfeld. Anhalt-Siedlung, oben: Polytechnische Oberschule “Otto Grothewohl”, Mitte: Kindergarten, unten: HO-Kaufhalle (Bild: unter Mitarbeit von Melzer. Reichenbach (Vogtl): Bild und Heimat Reichenbach (Vogtl) (A 1/B 135/85 IV-14-483 06 08 04 220), 1985)

Halle/Saale, Wohnstadt Nord, Hanns-Eisler-Schule (Bild: unter Mitarbeit von Kühn (Leipzig). Reichenbach (Vogtl): VEB Bild und Heimat Reichenbach i. V. (V 11 50 A 1/B 907/68 8/4305), 1968)

Halle-West, Großbaustelle der Jugend Chemiearbeiterstadt 409, FDJ-Modell des ersten Wohnkomplexes Chemiearbeiterstadt Halle-West, Großbaustelle der Jugend (Bild: unter Mitarbeit von Foto-Bark Bad Frankenhausen/Kyffh. Meiningen: Kunstanstalt Straub & Fischer Meiningen, Reg.-Nr. 23 (V 11 50 S 4/67), 1967)

Literatur

Falbe, Dina Dorothea, Lokale Besonderheiten. Varianten des DDR-Typenschulbaus, in Holert, Tom (Hg.), Bildungsschock. Lernen, Politik und Architektur in den globalen 1960er und 1970er Jahren, Publikation zur gleichnamigen Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2020.

Kaden, Ben, Karten zur Ostmoderne. DDR-Philokartie 1, Leipzig 2020.

Deiters, Ludwig, Dokumentation zum Baudenkmal Schule II in Eisenhüttenstadt, 1995 (im Bestand des IRS Erkner).

Trauzettel, Helmut, Experimentalbaureihe für Schulen in der 2-Mp-Wandbauweise (Deutsche Architektur 6), Berlin 1965, S. 332 – 339.

Autorenkollektiv (Leitung: Jürgen Grundmann), Schulbau in der DDR, hg. vom Ministerium für Volksbildung der DDR, Volk und Wissen, Berlin 1968.

Mattes, Monika, Ganztagserziehung in der DDR. “Tagesschule” und Hort in den Politiken und Diskursen der 1950er- bis 1970er-Jahre, in: Stecher, Ludwig u. a. (Hg.), Ganztägige Bildung und Betreuung (Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 54), Weinheim u. a. 2009, S. 230–246, hier S. 236.


Titelmotiv: Dresden, 49. Grundschule “Bernhard August von Lindenau” in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

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Inhalt

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

Oliver Sukrow über die Moderne im Schulbau.

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

Alexandra Vinzenz über das architektonische Konzept jenseits des Klischees.

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

Dina Dorothea Falbe über den DDR-Schulbau von Ludwig Deiters bis Helmut Trauzettel.

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

Arne Herbote über die Bildungsbauten des Büros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner.

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

Maximilian Kraemer über einen bemerkenswerten Schulbau des Architekten Roland Ostertag.

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

Die bunte Welt der Lehrmittel im Spiegel der Werbebilder der Nachkriegszeit.

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

Der Architekturfotograf hat mit Schüler:innen einen modernen Bau erkundet.

Der Best-of-90s-Beitrag

Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

von Arne Herbote (21/4)

1971, gleich im ersten Jahr seines Bestehens, gewann das Büro Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner (PJS) drei Architekturwettbewerbe für neue Schulhäuser – für das Oberstufenzentrum Wedding in Berlin, die Integrierte Gesamtschule (IGS) West in Braunschweig sowie das Schulzentrum im niedersächsischen Königslutter. In der Folge entwarf und realisierte das Büro weitere Schulbauten hoher konzeptioneller und gestalterischer Qualität. Von den Standorten Braunschweig, Berlin und Hamburg aus beteiligte sich das Team von zeitweise bis zu 200 Architekt:innen an einer Vielzahl von nationalen und internationalen Wettbewerben, von denen rund 70 Schulen zum Gegenstand hatten. Rechnet man die von Hans-Joachim Pysall alleine ab 1964 und zwischen 1965 und 1970 mit seinem damaligen Büropartner Eike Rollenhagen entwickelten Entwürfe, die teils vom Büro PJS fertiggestellt wurden, mit, so kommt das Büro auf 23 realisierte Schulbauten in den 1960er bis 1980er Jahren.

Barcelona, Deutsche Schule, (Entwurf Pysall und Rollenhagen, Realisierung Architekten PJS, 1969–1976 (Bild: SAIB G124)

Barcelona, Deutsche Schule (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Pysall und Rollenhagen

Die erfolgreiche Etablierung des Büros PJS im Schulbau hat eine Vorgeschichte: Hans-Joachim Pysall war bereits einige Jahre zuvor mit dieser Bauaufgabe und den sich wandelnden Anforderungen und Konzepten der Bildungspolitik und Pädagogik befasst. Seinen ersten Schulbauwettbewerb für eine Mittelpunktschule nahe Braunschweig gewann er 1964, und damit in dem Jahr, als der Pädagoge Georg Picht Deutschland eine „Bildungskatastrophe“ attestierte und umfassende Reformen forderte. Die damaligen gesellschaftlichen, ökonomischen, demografischen und technologischen Entwicklungen ließen in der Bundesrepublik eine weitreichende Überarbeitung des Schulwesens notwendig werden. Ein Teil der Lösungsstrategien der Bundesländer und Kommunen war die Produktion von zahlreichen mannigfaltig konzipierten und teils experimentellen Neubauten.

Hans-Joachim Pysall und Eike Rollenhagen, die ab 1965 in Braunschweig und Berlin ein Architekturbüro betrieben, wussten diese Konstellation für ihre berufliche Entwicklung zu nutzen. Sie erlangten durch die ersten Preise für das Französische Gymnasium in Berlin (1966, Realisierung durch PJS bis 1974), das Schulzentrum in Wolfsburg-Westhagen (1966, Fertigstellung 1969) und die Deutsche Schule in Barcelona (1969, Realisierung durch PJS bis 1976) bundesweit Reputation als innovative Planer und Gestalter von Schulen. Zahlreiche zeitgenössische Publikationen in Fachzeitschriften dokumentieren dies.

Sowohl in Berlin-Tiergarten als auch in Barcelona entstanden vielgestaltige Kompositionen, die verschiedene Nutzungsbereiche wie Fachtrakte, Aula oder Sporthalle ablesbar machen. Sorgfältig detaillierte Sichtbetonelemente und geschlossene rote Ziegelflächen prägen das Erscheinungsbild beider Schulen. Hinzu treten innen- und außenräumlich leuchtende Farben an Elementen wie Türen und Jalousien sowie an Wänden und Decken.

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB G124)

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB , Nachlass PSP)

PJS: Braunschweiger Schüler

1971 tat sich Hans-Joachim Pysall, der 1955 sein Architekturstudium an der Technischen Hochschule (TH) Braunschweig abgeschlossen hatte, mit den beiden jüngeren Kommilitonen Uwe Jensen und Peter Stahrenberg (beide Diplom 1966) zusammen. Durch ihr Studium an der TH Braunschweig waren die drei Braunschweiger Schüler sehr gut im Entwerfen geschult und für das Wettbewerbswesen gerüstet. Wie viele Absolvent:innen der Braunschweiger Schule der Nachkriegsjahrzehnte – exemplarisch sei hier auf die Büros von Gerkan, Marg und Partner in Hamburg sowie Storch und Ehlers in Hannover verwiesen – etablierten PJS sich innerhalb dieses spezifischen Systems der Architekturproduktion. Sie spezialisierten sich zunächst im Schul- und bald darauf im Verwaltungsbau.

Die zahlreichen Architekturwettbewerbe boten Pysall, Jensen und Stahrenberg in dieser exzeptionellen Phase an Ausbau, Erneuerung und Experimentierfreude im bundesrepublikanischen Bildungssektor ein reichhaltiges Betätigungsfeld. Auf die auftraggeberseitigen Wünsche nach „Wandelbarkeit“, „Durchlässigkeit“ und „Diversifikation“ fanden sie in Wettbewerbsbeiträgen mit passenden architektonischen Konzepten überzeugende Antworten für Standorte in Berlin, Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Aus zahlreichen ersten Preisen resultierten Aufträge für Schulen unterschiedlicher Größe, Lage und Organisation.

Braunschweig, IGS West, Grundriss Erdgeschoss (Architekten PJS, Wettbewerb 1971) (Bild: SAIB G124)

Braunschweig, IGS West, Grundriss Erdgeschoss (Architekten PJS, Wettbewerb: 1971) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

OSZ, IGS

Mit dem Oberstufenzentrum (OSZ) in Berlin-Wedding (1971–1976), der Integrierten Gesamtschule (IGS) West in Braunschweig (1971–1975) und der IGS Wilhelmshaven (1974–1980) konnte das Büro PJS drei (groß)städtische Schulkomplexe neuen Typs realisieren. Unter anderem war eine räumliche und funktionale Verflechtung von Schule und Bevölkerung gefordert, die zum Beispiel öffentliche Nutzungen der Bauten außerhalb der Unterrichtszeiten für Vereine und Initiativen ermöglichte. Integrative und flexible Großräume sollten hierfür entworfen werden. PJS ersannen großzügige erdgeschossige Erschließungszonen und nannten sie „Schulstraßen“, die sie als multifunktionale, vielgestaltige Innereien im Herzen der Gebäude als Treffpunkte und Begegnungsräume konfigurierten. Funktionsbereiche wie Forum, Mensa und Bücherei lagerten sie daran an. Sie schufen hier und im Bereich der Unterrichtsräume flexible, gegenüber Änderungen offene Strukturen, die Nutzungsüberlagerungen in den einzelnen Raumzonen ermöglichen sollten.

Um eine „optimale Wandelbarkeit auf wirtschaftlicher Grundlage“ zu erzielen, benannten die Architekten für die IGS in Braunschweig folgende Prinzipien: „Trennung von Tragwerks- und Ausbauraster, so daß die Unabhängigkeit von Rohbau und Ausbau gewährleistet ist; die Entwicklung/Anwendung eines tragenden Skelettsystems mit demontablen nichttragenden Einbauten; die Elementierung (bei Beschränkung auf wenige Elemente und Materialien) und damit die Vorfertigung großer Serien.“ Das seit einigen Jahren denkmalgeschützte Berliner OSZ und die mittlerweile einem Neubau gewichene Braunschweiger IGS wiesen eine ähnliche, farbenfrohe Gestaltung auf: Leichtmetall-Sandwich-Elemente der Fassaden und Installationskomponenten zeigen sich in kräftigen Rot-, Orange- oder Grüntönen, teils kontrastierend zu Betonbauteilen. Im Inneren entfaltet sich in diesen Lernorten eine entsprechende mehrfarbige, von der Pop-Art beeinflusste Gestaltung von Wandflächen und Möbeln.

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB G124)

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Schulzentren

Anfang der 1970er Jahre bearbeitete das Büro PJS eine Reihe von Schulzentren für norddeutsche Klein- und Mittelstädte beziehungsweise für kleinere zentrale Orte im ländlichen Raum. Im Sinne größerer Chancengerechtigkeit und zur Mobilisierung von Leistungsreserven sollten solche Schulzentren einen Beitrag leisten, das Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land abzubauen. Getragen vom politischen Willen nach Verbesserung und Zentralisierung des Bildungswesens und ermöglicht durch Kofinanzierung der Bundesländer, lobten seinerzeit zahlreiche Kommunen Wettbewerbe mit relativ ähnlichen Anforderungen hinsichtlich Größe und Raumprogramm aus. In der Regel sollten in einem solchen Schulzentrum die Schüler:innen eines größeren Einzugsgebiets – oft die im Zuge der damaligen Gebietsreformen neu zugeschnittene Kommune – gemeinsam in einem Gebäudekomplex unterrichtet werden. Zusammengefasst wurden dafür die Jahrgänge fünf bis zehn, teils gemeinschaftlich unterrichtet, teils in die Schulformen Orientierungsstufe, Haupt- und Realschule unterteilt, und Fachräume, Mensa und weitere Einrichtungen gemeinschaftlich nutzend.

1971 entwarf das Büro PJS im Rahmen von Wettbewerben solche Schulzentren für sechs niedersächsische und schleswig-holsteinische Orte. Soweit erhalten, zeigen die Wettbewerbszeichnungen sowohl individuelle Lösungen für die jeweilige Aufgabe und den Ort als auch einige strukturelle und konzeptionelle Gemeinsamkeiten, die im Zusammenhang mit den aus demselben Jahr stammenden Entwürfen für die beiden oben genannten größeren Schulkomplexe in Braunschweig und Berlin-Wedding stehen. Hinsichtlich der Konfiguration von Schulstraße, Gemeinschaftseinrichtungen und (Fach-)Klassentrakten sowie auch in puncto Baukonstruktion und Wandelbarkeit ist hier die Entwicklung von Standards, von exemplarischen Lösungen zu erkennen. In Königslutter (LK Helmstedt) erzielte man 1971 den ersten Platz und konnte dieses Schulzentrum in leicht überarbeiteter Fassung bis 1977 realisieren. 1972 nahm PJS an zwölf Wettbewerben für Schulzentren in Niedersachsen und Schleswig-Holstein teil, entwickelte dabei das gefundene Konzept fort und erzielte in Henstedt-Ulzburg (LK Segeberg), Hude (LK Oldenburg), Uelzen und Wyk auf Föhr (LK Nordfriesland) je den ersten Preis. 1973 folgten erste Preise und Aufträge für Schulzentren in Westerland (LK Nordfriesland), Wenden (LK Braunschweig) und Bremen. Die so kurze wie intensive und produktive Phase des Entwerfens solcher Schulzentren endete damit. Bis Anfang der 1980er Jahre erfolgte die Fertigstellung aller genannten Bauten.

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding, Gemeinschaftsraum und Schulstraße (Architekten PJS, 1971–1977) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Infosysteme und Wandgestaltung

An der Ausstattung der Innenräume zahlreicher Schulen des Büros PJS wirkten verschiedene Künstler:innen und Grafiker:innen mit. So gestaltete der Maler Herbert Schneider die Eingangshalle in der Deutschen Schule in Barcelona. Und unter Mitwirkung des Grafikers Siegfried Kischko entstanden die gesellschaftlichen Aufbruch signalisierenden, optimistischen Raumgestaltungen der Schulstraßen, Erschließungszonen und Gemeinschaftsbereiche in der IGS in Braunschweig, im Gemeinschaftszentrum Obervieland in Bremen und augenscheinlich auch in einigen weiteren Schulhäusern. Raumhohe Ziffern und Buchstaben in kräftigen Farben dienen hier der Information und Wegeleitung und verbinden sich mit farbigen Flächen und Symbolen sowie der Farbgebung von Bauteilen wie Fenstern, Geländern und Einbaumöbeln zu einer gestalterischen Einheit.

Wie bei vielen Oeuvres der 1960er und 1970er Jahre sind auch von den Schulbauten des Büros PJS einige (wie die IGS in Braunschweig) bereits abgebrochen. Zum Teil erfolgte (wie in Uelzen und Bremen Ellener Feld) nie die Gesamtfertigstellung der aus mehreren Nutzungseinheiten zusammengesetzten Anlagen. Andernorts führten An- und Umbauten zu gravierenden Veränderungen. Manche dieser vom Büro Pysall, Stahrenberg und Partner gestalteten Lernorte der 1960er und 1970er Jahre aber sind – wie in Berlin-Wedding und im niedersächsischen Königslutter – bis heute in einem vergleichsweise guten und originalen Zustand erhalten. Es ist zu wünschen, dass sie uns als wichtige Zeugnisse jener Phase des bundesrepublikanischen Bildungsbaus erhalten bleiben.

Rundgang Außenbauten

Berlin, Französisches Gymnasium (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1966–1974) (Bild: SAIB G124)

Berlin, Französisches Gymnasium (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1966–1974) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Barcelona, Deutsche Schule (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976 (Bild: SAIB G124)

Barcelona, Deutsche Schule (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB G124)

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB G124)

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB G124)

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Königslutter, Schulzentrum (Architekten PJS, 1971–1977) (Bild: SAIB G124)

Königslutter, Schulzentrum (Architekten PJS, 1971–1977) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB G124)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Sylt, Westerland, Schulzentrum (Architekten PJS, 1973-1982) (Bild: SAIB, Nachlass PSG)

Sylt, Westerland, Schulzentrum (Architekten PJS, 19731982) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Rundgang Innenräume

Barcelona, Deutsche Schule, Klassentrakt (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976 (Bild: SAIB G124)

Barcelona, Deutsche Schule, Klassentrakt (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Braunschweig, IGS West, Obere Schulstraße (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB G124)

Braunschweig, IGS West, Obere Schulstraße (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Berlin, Französisches Gymnasium (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung Architekten PJS, 1966–1974) (Bild: SAIB G124)

Berlin, Französisches Gymnasium (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1966–1974) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding, Schulstraße (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB G124)

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding, Schulstraße (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Königslutter, Schulzentrum, Lehrraum (Architekten PJS, 1971–1977) (Bild: SAIB G124)

Königslutter, Schulzentrum, Lehrraum (Architekten PJS, 1971–1977) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Bargteheide, Gymnasium, Forum, (Architekten PJS, 1971–1979) (Bild: SAIB G124)

Bargteheide, Gymnasium, Forum, (Architekten PJS, 1971–1979) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld, Pausenhalle (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB G124)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld, Pausenhalle (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld, Wandgestaltung (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB G124)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld, Wandgestaltung (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Bremen, Gemeinschaftszentrum Obervieland, Schulforum (Architekten PJS, 1973–1978) (Bild: SAIB G124)

Bremen, Gemeinschaftszentrum Obervieland, Schulforum (Architekten PJS, 1973–1978) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Literatur

PJS: Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner. Bauten und Projekte 1970–1982, Braunschweig 1982.

Kleilein, Doris, Wohnen im Versuchsobjekt, in: Bauwelt 2015, 17–18, S. 8–9.

Froberg, Nicole, Wolfsburg, Schulzentrum Westhagen (heute: Heinrich-Nordhof-Gesamtschule), in: Knufinke, Ulrich/Funke, Norbert H. (Hg.), Achtung modern! Architektur zwischen 1960 und 1980, Petershagen 2017, S. 126–131 (im Anschluss ab S. 132 ein Interview mit Hans-Joachim Pysall).

Kloss, Christian, Diesterweg-Gymnasium: Abriss angekündigt, in: moderneREGIONAL, 4. September 2018.

Herbote, Arne, Bauen für Niedersachsens Bildungsexpansion. Schulen des Architekturbüros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner, in: Denkmalpflege. Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 2021, 2, S. 26–31.

Titelmotiv: Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

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Inhalt

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

Oliver Sukrow über die Moderne im Schulbau.

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

Alexandra Vinzenz über das architektonische Konzept jenseits des Klischees.

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

Dina Dorothea Falbe über den DDR-Schulbau von Ludwig Deiters bis Helmut Trauzettel.

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

Arne Herbote über die Bildungsbauten des Büros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner.

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

Maximilian Kraemer über einen bemerkenswerten Schulbau des Architekten Roland Ostertag.

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

Die bunte Welt der Lehrmittel im Spiegel der Werbebilder der Nachkriegszeit.

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

Der Architekturfotograf hat mit Schüler:innen einen modernen Bau erkundet.

Der Best-of-90s-Beitrag

Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

von Maximilian Kraemer (21/4)

Anfang der 1960er Jahre hatte das Wirtschaftswunder ganz Deutschland erfasst. Auch abseits der Metropolen wuchsen die Gemeinden und in einst verträumten Dörfern entstanden auf der sprichwörtlichen grünen Wiese neue Wohnhäuser. Nach Bad Friedrichshall zog es zum Beispiel Ingenieur:innen, die im benachbarten Neckarsulm Neuwagen entwarfen und Arbeiter:innen, die in Heilbronn Tütensuppen für die schnelle Küche der Nachkriegszeit verpackten. Bad Friedrichshall war erst in den 1930er Jahren durch einen Zusammenschluss mehrerer Orte gebildet worden und durfte sich seit 1951 Stadt nennen. Doch dem neuen Stadtkonstrukt fehlte eine zentrale Mitte mit urbanem Flair. Deshalb schrieb die Gemeinde 1960 einen Bauwettbewerb aus, der ein Stadtzentrum mit öffentlicher Aula, Feuerwehrmagazin, Realschule und Rathaus forderte. Das dafür vorgesehene Grundstück am Ufer des kleinen Flusses Kocher stellte die Architekt:innen vor eine ungewöhnliche Aufgabe: Wie ließ sich das idyllische Fleckchen Natur in ein repräsentatives Stadtzentrum verwandeln?

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Pausenhalle (Bild: saai, Marianne Goetz)

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Pausenhalle (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau, KIT, Werkarchiv Roland Ostertag, Foto: Marianne Götz)

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Ostertag erhält den Zuschlag

Manche Architekt:innen versuchten es mit Hochhäusern, die in diesem Umfeld zweifellos dominant hervorgetreten wären. Doch beschritt man in Bad Friedrichshall einen anderen Weg: 1961 beschloss der Gemeinderat dem gerade dreißig Jahre alt gewordenen Architekten Roland Ostertag (1931-2018) den Bauauftrag zu erteilen. Er hatte im Wettbewerb den zweiten Preis erhalten. In Architekt:innenkreisen war Ostertag kein Unbekannter, seitdem er auch in Kaiserslautern und in Mannheim damit beauftragt worden war, neue Rathäuser zu planen. Seine Entwürfe zierten die Titelblätter von Fachzeitschriften wie etwa der db (Deutsche Bauzeitung).

Ostertags Stadtzentrum zeichnete sich durch vergleichsweise niedrige Baukörper aus. Das Rathaus mit fünf Geschossen war zugunsten eines großen Marktplatzes weit von der erschließenden Straße zurückversetzt. Östlich schlossen sich die Aula und die Schule als kombinierte Baugruppe an. Zwischen den Gebäuden blieb dabei genug Platz für einen großen Freiluft-Pausenhof und eine Grünanlage mit Spazierwegen.

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Erweiterungsbau (Bild: Maximilian Kraemer)

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Erweiterungsbau (Bild: Maximilian Kraemer)

Eine Mittelschule in drei Abschnitten

Aus finanziellen Gründen wurde das Bauvorhaben in drei Abschnitte aufgeteilt. Da es in Bad Friedrichshall zwar eine Menge schulpflichtige Kinder, aber noch keine weiterführende Schule gab, stand die damals noch „Mittelschule“ genannte Realschule ganz oben auf der Agenda. Bereits 1962 wurde mit dem Bau begonnen und 1965 konnte die Einweihung des ersten Abschnitts gefeiert werden. Parallel zur Errichtung des Rathauses erhielt die Schule bis 1967 einen weiteren L-förmigen Trakt. Um 2000 wurde die Schule im Osten und Westen vom Architekturbüro Ostertag + Partner erweitert.

Der erste Bauabschnitt umfasste drei dreigeschossige, gestaffelte Trakte, die nach Südwesten von der öffentlichen Aula und nach Nordosten von einem eingeschossigen Flügel für die Schulverwaltung flankiert werden. Im Südosten schließt sich der im zweiten Abschnitt ergänzte Trakt an.

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Fahrradüberdachung (Bild: Maximilian Kraemer)

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Fahrradüberdachung (Bild: Maximilian Kraemer)

Sicht- und Waschbeton

Formal läuteten kubische Baukörper und Flachdächer nach den teils traditionellen, teils organisch-unregelmäßigen Schulen der 1950er Jahre eine neue Zeit ein. Tragende Teile waren aus Sichtbeton gegossen, nichttragende bestanden aus Waschbeton. Portale aus Sichtbeton markieren die Eingänge, die an der Ost- und Westseite des Gebäudes liegen. Mit unverkleideten Wänden und Decken entspricht die Realschule der charakteristisch rohen Ästhetik des Brutalismus. Nach Norden gibt sie sich verschlossen. Schlanke Fensterbänder und Verglasungen durchbrechen nur an wenigen Stellen die Fassade. Dahinter verbergen sich die Flure und Treppenhäuser, die das Ensemble von der Straße abschirmen.

Ganz anders sieht die Südseite des Gebäudes aus. Hier ermöglichen breite Fensterfronten in allzu langweiligen Unterrichtsstunden einen schönen Ausblick ins Grüne. Dank Pflanztrögen im Foyer und Holzpflasterung auf dem Boden holte Ostertag die Natur auch in das Innere der Schule. Verspielt wirken die plastischen Überdachungen am Ost-Eingang, die keinem anderen Zweck dienen, als Fahrräder vor Regen zu schützen. Die monolithischen Plastiken aus Beton sind mit ihrer V-förmigen Dachfläche, die man als Schmetterlingsdach bezeichnet, ein echter Hingucker. Selbst die lässigsten Teenager dürfte diese kühne Konstruktion nicht ganz kalt gelassen haben, während sie ihre Bonanza-Räder darunter parkten.

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Grundriss

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Grundriss (Bildquelle: Budde, Ferdinand/Theil, Hans Wolfram, Schulen. Handbuch für die Planung und Durchführung von Schulbauten, München 1969)

Eine Ostertag-Schule

Für den Architekten Roland Ostertag war die Realschule in Bad Friedrichshall ein wichtiger Bau, der seine Reputation im Schulbau stärkte – dutzende weiterer Schulentwürfe folgten. Deshalb überrascht es nicht, dass man heute nur wenige Gehminuten entfernt bereits auf den nächsten Bildungsbau aus der Feder von Ostertag + Partner trifft: das Friedrich-von-Alberti-Gymnasium aus den 1990er Jahren.

Literatur

db Deutsche Bauzeitung, 1966, 9, S. 731.

Budde, Ferdinand/Theil, Hans Wolfram, Schulen. Handbuch für die Planung und Durchführung von Schulbauten, München 1969, S. 177.

Beton, Glas und Büffelleder. Verwalten in Denkmalen der 1960er und 1970er Jahre (Arbeitsheft 30), hg. vom Regierungspräsidium Stuttgart/Landesamt für Denkmalpflege, Darmstadt 2014.

Titelmotiv: Bad Friedrichshall, Mittelschule, Nordseite (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau, KIT, Werkarchiv Roland Ostertag, Foto: Marianne Götz)

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LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

Oliver Sukrow über die Moderne im Schulbau.

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

Alexandra Vinzenz über das architektonische Konzept jenseits des Klischees.

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

Dina Dorothea Falbe über den DDR-Schulbau von Ludwig Deiters bis Helmut Trauzettel.

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

Arne Herbote über die Bildungsbauten des Büros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner.

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

Maximilian Kraemer über einen bemerkenswerten Schulbau des Architekten Roland Ostertag.

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

Die bunte Welt der Lehrmittel im Spiegel der Werbebilder der Nachkriegszeit.

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

Der Architekturfotograf hat mit Schüler:innen einen modernen Bau erkundet.

Der Best-of-90s-Beitrag

Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)