HICOG vom Nikolaus

HICOG steht für den US-amerikanischen „High Commissioner of Germany“ (HICOG). Und eben jener HICOG zeichnete Anfang der 1950er Jahre verantwortlich für drei Wohnsiedlungen. Deutsche Angestellte zogen nach Bonn-Tannenbusch und in den Süden des Bad Godesberger Zentrums. In Plittersdorf hingegen entstand Wohnraum für amerikanischen Mitarbeiter gebaut. An allen drei Standorten erkennen fachkundige Augen die Handschrift des Architekten Sep Ruf, der für seinen Entwurf des Bonner Kanzlerbungalows, für seine Mitarbeit am Deutschen Pavillon in Brüssel berühmt werden sollte. Auch die Gartenanlagen kamen aus prominentem Hause, von Hermann Mattern und Heinrich Raderschall.

Am 6. Dezember 2019 um 19 Uhr wird der neue Architekturführer der Werkstatt Baukultur Bonn zu den HICOG-Siedlungen vorgestellt, der in Zusammenarbeit mit den Vereinen und Initiativen aus den drei Siedlungen entstanden ist. Während der Veranstaltung in der Stimson Memorial Chapel (Kennedyallee 150, 53175) werden historische Bilder und kurze Filmausschnitte zu den Siedlungen gezeigt, anschließend gibt es einen kleinen Glühwein-Umtrunk. (kb, 29.11.19)

Bonn, HICOG-Siedlung (Bild: Werkstatt Baukultur Bonn)

Beton schwimmt

In 14 Tagen sollen Ernie und Bert das Rennen machen – so zumindest die Hoffnung des Teams der Hochschule Damstadt, das am 19. Juni zwei Betonkanus auf diese Namen taufen wird. Mit den Kunststeinbooten könnten sich die Studierenden am 28./29. Juni in Heilbron zum Sieg paddeln. Hier findet in diesem Jahr die 17. deutsche Betonkanu-Regatta statt, die von der zugehörigen Industrie 1986 erstmals nach amerikanischem Vorbild ausgerichtet wurde. Die Sportveranstaltung entpuppt sich aktuell nicht nur als reizvolles Experimentierfeld für Technikbegeisterte, sondern vor allem als kluger PR-Schachzug. Denn das Image des modernen Baustoffs hat sich wieder zum Positiven gewandelt. Immerhin erhielt der Brutalismus im Deutschen Architekturmuseum eine vielbeachtete Ausstellung mit eigenem Internetauftritt. Und quer durch die Presse werden Material-Upgrades zuverlässig gehypt. Die ungezählten Bastelbeton-Blumenkübel, -Teelichthalter und -Wasserdekoschalen auf den Schulbasaren sind ein untrügliches Zeichen: Der Kunststein ist wieder Konsens.

Doch nicht immer verläuft die Begegnung von Beton und Wasser so fotogen wie bei der Spezialregatta. Zum Alltagsgeschäft der Sanierer gehören inzwischen Korrosionsschäden durch eindringende Feuchtigkeit. In Bonn steht das wohl prominenteste Beispiel für ein Imagedesaster moderner Architektur: Der Schürmann-Bau geht auf Überlegungen der 1980er Jahre zurück. Als man sich beim Bund nach einem großen Architektenwettbewerb für das Büro Schürmann entschieden hatte, starteten 1989 die Bauarbeiten für ein Abgeordnetenhaus. Es kam nicht nur die deutsche Einhalt dazwischen, sondern auch der nahegelegene Rhein. Das Hochwasser von 1993 schwemmte den Bau nach oben, der sich dann unregelmäßig wieder setzte. Es folgten Rechtsstreitigkeiten von mehr als zehn Jahren, bis schließlich die Entscheidung zur Sanierung fiel. Inzwischen hatten sich die Regierungsgeschäfte zu großen Teilen nach Berlin verlagert und die Deutsche Welle zog in Bonn in die hart erkämpften neuen Räume. Der langgestreckte Riegel erhielt die „Auszeichnung guter Bauten 2003“ und den zweifelhaften Ehrentitel als teuerstes Gebäude Nachkriegsdeutschlands.

Noch ein Quäntchen berühmter als der Schürmannbau und dazu mit einem ungetrübt positiven Image versehen, steht in Pennsylania das Fallingwater-Haus. Frank Lloyd Wright hatte es 1939 für den Warenhausbesitzer Edgar J. Kaufmann als Wohnhaus errichtet. Der neue Besitzer sollte, so das erklärte Ziel des Architekten, nicht neben, sondern mit dem Wasserfall und seiner „Musik“ leben. Es ist nicht überliefert, wie sich die ständigen Plätschergeräusche auf den Harndrang der Bewohner auswirkten. Doch so viel ist bekannt: Schon vor Fertigstellung der wirkungsvoll in den Wasserlauf hinein gestaffelten Balkone riet der Bauherr zu einer statischen Nachbesserung. Wright lehnte ab und Kaufmann verstärkte auf eigene Iniative zumindest die Stahlträger. Bei den letzten umfassenden Renovierungen stellte sich heraus, dass Kaufmann damit wohl den Einsturz verhindert hatte. Heute dient die wasserumspülte Architekturikone, bis 1963 privates Wochenend- und Ferienhaus, als Museum und Fotomotiv. Beton und Wasser können dann eben doch gut miteinander, sie brauchen nur besonders liebevolle Pflege. (17.6.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Betonkanu-Regatta 2017 (Bild: © BetonBild)

Treibhaus Bonn

„Wer keine Depressionen hat, der kann sich hier welche holen.“ So brachte der Bonner Generalanzeiger eines der Schlüsselwerke westdeutscher Literatur auf den Punkt. Mit seinem Buch „Treibhaus“ nahm der Schriftsteller Wolfgang Koeppen 1953 die Atmosphäre der damaligen Bundeshaupstadt ins Visier. Koeppen porträtierte das Bonn der ersten Nachkriegsjahre aus der Sicht des todraurigen Abgeordneten Keetenheuve: irgendwo zwischen Altnazis und Fastdemokraten, zwischen Kaltem Krieg und Wiederbewaffnung.

Eine bedeutende Rolle spielt bei Koeppen die kriegszerstörte Stadtlandschaft. Da irrt der Schöngeist Keetenheuve durch Ruinen und Provisorien, um sich am Ende – nach einem gescheiterten Annäherungsversuch auf einem Ruinengrundstück – selbst zu ertränken. Mit seiner Dissertation, frisch erschienen im Droste Verlag, deutet Benedikt Wintgens Koeppens Roman als verschlungenen Weg der Bundesrepublik zu einer pluralistischen Öffentlichkeit. Entlang der Treibhaus-Metapher und der damit verbundenen medialen Debatte skizziert er den Übergang vom NS-Regime in die Bonner Republik. (kb, 2.6.19)

Wintgens, Benedikt, Treibhaus Bonn. Die politische Kulturgeschichte eines Romans (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 178; Parlament und Öffentlichkeit 8) , Droste Verlag, Düsseldorf 2019, 620 Seiten, Klappenbroschur, ISBN 978-3-7700-5342-1.

Bonn, leerer Plenarsaal im Bundestag nach der Abstimmung über das Gesetz zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) 1952 (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F091457-0001, CC BY SA 3.0, 1952)