Nach Darmstadt zur Braun-Schau

Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen: “tempora mutantur et nos mutamur in illis”, wie der geneigte Lateiner sagt. Und wie die neue Ausstellung im Darmstädter Institut für neue Technische Form (INTeF) heißt, die sich mit dem 100-jährigen Jubiläum der Firma Braun beschäftigt. Und damit an einen Ort, der sich mit der Geschichte der Firma Braun und der Geschichte der Werkssammlung eine besondere Verbindung hat: Von 1989 bis 2005 befand sich die firmeneigene Sammlung von Braun-Produkten im INTeF, bis das Unternehmen sie wieder nach Kronberg zurückholte. Unmittelbar zuvor war Braun vom Procter & Gamble-Konsumgüterimperium übernommen worden. Dass die Sammlung 1989 überhaupt nach Darmstadt kam, war ein Dankeschön für die Intef-Unterstützung in den Anfangsjahren der Braun-Design-Revolution, die Mitte der 1950er durch Dieter Rams und Hans Gugelot ausging. Das Institut machte sich damals mit seiner Reputation unter anderem auf der Brüsseler Weltausstellung von 1958 stark für die radikal schlichten Produktlinien der Kronberger.

Anlässlich des Darmstädter Gesprächs “Mensch und Technik” und der Ausstellung auf der Mathildenhöhe unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss wurde das Institut für Neue Technische Form (INTeF) als erstes deutsches Designinstitut 1952 gegründet. Im Bemühen, Kunst und Gestaltung, Kleinserie und Industrieprodukt gleichermaßen in qualitätsvoller Auswahl zu würdigen, hat das INTeF in Deutschland eine Sonderstellung und ist auch internationaler Ansprechpartner. Und residiert nach Ortswechseln 2007 und 2018 innerhalb Darmstadts mittlerweile am Friedensplatz in einem angemessen avantgardistischen Gebäude: Dem 1970 wohl nach Entwurf von Jakob Wilhelm Mengler errichteten sechseckigen ehemaligen Schlosscafé, das in den vergangenen Jahrzehnten Discos, Designmöbelläden und eine Zeitlang den Club “Waben” beherbergte. Dieser Name hält sich für den Bau, den die Stadt Darmstadt 2016 erworben und vorm Abriss bewahrt hat, bis heute. Also auf zum INTeF im Waben! Geöffnet ist die Braun-Schau bis 27. März 2022, Dienstag bis Samstag 11-17 Uhr, Sonntag 11-14 Uhr. Obacht: vom 23. Dezember bis 5. Januar ist geschlossen. (db, 27.11.21)

Darmstadt, INTeF (Bild: INTeF)

Rams und die Zukunft

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat uns der Industriedesigner Dieter Rams eingerichtet. Der “Aufräumer der Nation” entwarf mehr als 350 Produkte für die Unternehmen Braun und Vitsoe, die bis heute Tag für Tag von vielen Menschen im Alltag benutzt werden und nach wie vor einen großen Einfluss auf jüngere Designer:innen haben. Natürlich lebt Rams selbst mit und in seinen Entwürfen: Auch das Haus, in dem er mit seiner Frau Ingeborg lebt, ist ein Entwurf von ihm. Am Konzept der Siedlung “Roter Hang” in Kronberg wirkte er mit. Dabei interessiert sich Dieter Rams nicht nur für die eigentliche Form der Gebrauchsgegenstände, sondern dachte in Vorträgen und Publikationen stets auch über die Bedeutung von Produkten für den Menschen und die Gesellschaft nach – auch 2014 im moderneREGIONAL-Gespräch mit Karin Berkemann.

In einer Zeit, in der die Schonung von Ressourcen und der Schutz der Umwelt zu zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen geworden sind, ist Rams Wirken hochaktuell. Schon in den 1970ern plädierte er dafür, Dinge so zu gestalten, dass sie lange Nutzungszyklen ermöglichen. Was heute als „Ästhetik des Gebrauchs“ diskutiert wird, praktizierte er mit seinen Teams schon vor vielen Jahrzehnten: „Gutes Design ist umweltfreundlich. Das Design leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Umwelt. Es bezieht die Schonung der Ressourcen ebenso wie die Minimierung von physischer und visueller Verschmutzung in die Produktgestaltung ein.” (Zehn Thesen zum Design, 1995). Wie soll also unsere Welt zukünftig gestaltet werden, damit sie überleben kann? Dieter und Ingeborg Rams selbst wollen, kuratiert von Dr. Klaus Klemp, Antwort geben: Anhand von ausgesuchten Objekten sowie Fotografien, Reproduktionen und Texten bietet die Ausstellung “Ein Blick zurück und voraus” Aufschluss. Seit 16. April ist sie im Frankfurter museum angewandte kunst (MAK) zu sehen. Natürlich aufgrund der Corona-Krise nur theoretisch bzw. virtuell. Die Schau ist indes bis 16. August geplant, es besteht also berechtigte Hoffnung, sie auch noch leibhaftig erleben zu können! (db, 17.4.21)

Frankfurt, Vitsoe-Showroom um 1970 (Bild: Ingeborg Rams; Dieter und Ingeborg Rams Stiftung)

Architektur im Alltag: der Vitsoe 620

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Eine “Ikone des Möbeldesigns”: der Vitsoe 620 im Kronberger Eigenheim seines Erfinders Dieter Rams (Bild: K. Berkemann)

Manchmal sagt ein Gebrauchsgegenstand mehr über einen Bau als eine lange kunsthistorische Beschreibung. Spiegelt er doch, mit welchem Leben die Menschen hier den hehren Architektenentwurf füllen, ob sie ihren Platz im Raum gefunden haben. Im diesem Fall geht es um einen Sessel, der es rasch zum Designklassiker geschafft hat: der Vitsoe 620, ein Werk des langjährigen Braun-Designers Dieter Rams (* 1932). Viele seiner Entwürfe – wie das Audiomöbel “Phonosuper SK4”, der sog. Schneewittchensarg – sind längst Kult. Seine Designphilosophie wird heute an den Hochschulen gelehrt, seine  klaren Formen werden von internationalen Marken wie Apple zitiert. Auch mit renommierten Herstellern wie Vitsoe (+ Zapf) oder FSB entwickelte Rams allerlei Funktionales und Formschönes für den Alltag: darunter der legendäre Vitsoe-Sessel 620 aus dem Jahr 1962, der aktuell im Vitra Design Museum zu bestaunen ist. Oder man wirft einen Blick in Rams Eigenheim, das er mit Eigenentwürfen ausgestattet hat.

 

Eleganz in der Bungalowsiedlung

Rams schuf ein so vielgestaltiges Werk (“Gutes Design umfasst doch das ganze Leben.”), dass er sein Domizil problemlos mit eigenen Entwürfen ausstatten konnte. An den Hängen der Taunusstadt Kronberg, in der Neubausiedlung Roter Hang, liegt sein modernes Wohn- und Atelierhaus aus dem Jahr 1971. An der Idee zur Neubausiedlung „Roter Hang“, dessen Vorbild u. a. in der schweizerischen Siedlung Halen (Aterlier 5, 1962) liegt, hat Rams prägenden Anteil – ausgeführt wurde sie vom Königsteiner Architekten Rudolf Kramer mit dem Bauträger Polensky & Zöllner.

Die Siedlung am Hang umfasst – zwischen an den Rand gesetzten Doppel- und Mehrfamilienhäusern – vor allem Einzelbungalows. Ineinandergefügt umfangen sie geschützte “Intimhöfe”, für jede Familie einen. Die Garagen wurden ursprünglich am Eingang zur Siedlung zusammengefasst, im Inneren blieben die Wege und Treppen zwischen den Häusern ohne Autoverkehr. Für sein eigenes Domizil am oberen Rand des Roten Hangs verband Rams zwei Standard-Bungalows: im Norden das Wohnhaus, am Hang nach Süden das Atelier mit Büro und Werkstatt. Mit zwei kleinen Ausnahmen von der übrigen Siedlung, einem Carport und einem Pool (“Für meinen Rücken muss ich viel schwimmen.”).

 

Gemütlichkeit in “der Molkerei”

Das Haus Rams trug in der Siedlung rasch den Spitznamen “Molkerei”, wegen der weiß gefliesten Böden. Im Wohnbereich kombiniert er Design-Klassiker wie Thonet-Stühle mit Eigenentwürfen. Ob im Wohn- oder Arbeitsbereich (eine freie Stufe markiert den Übergang), alles entspricht dem Rams-Ethos (“Less but better.”).  Er lernte die (Möbel-)Schreinerei als Kind in der Werkstatt seines Großvaters kennen. Nach dem Krieg studierte Rams an der Werkkunstschule Wiesbaden, arbeitete im Anschluss kurz im Frankfurter Architekturbüro Otto Apel , um schließlich seine Lebensaufgabe als Designer für Braun zu finden.

Der Vitsoe-Showroom in Frankfurt, ca. 1971 (Foto: Ingeborg Kracht Rams)
Das Sesselprogramm 620 im Jahr 1971, im Jahr der Fertigstellung des Rams-Bugnalows in Kronberg, im Vitsoe-Showroom in Frankfurt am Main (Foto: Ingeborg Kracht Rams)

Für Vitsoe (damals Vitsoe & Zapf) entwarf Rams ab 1960 Regal (606), Tisch (621) und besagten Sessel. Sie sind als System kombinier- und ausbaubar, so kann man z. B. zwei 620 zu einem Sofa verbinden. Der Original-Sessel bestand aus einer fiberglasverstärkten Kunststoffschale mit Sprungfederkern für die Sitzkissen. Wer den 620 selbst be-sitzen mag, kann ihn (für eine vierstellige Summe) in der überarbeiteten Neuauflage erwerben: die Außenschale aus gefrästem Birkensperrholz, die Sprungfedern mit einer “latexierter Kokosfasermatte” abgedeckt, die Kissen in Anillin-Vollleder gehüllt. Doch die Schale wird weiterhin in den Originalformen hergestellt, ist also nach wie vor mit den ersten Stücken der Möbelserie kompatibel. In Kronberg soll aktuell die Siedlung “Roter Hang” mitsamt Rams-Doppelbungalow unter Denkmalschutz gestellt werden – und der berühmte Sessel mittendrin. (kb, 18.11.16)

 

Mehr?

Lesen Sie das ausführliche Interview, das mR mit Dieter Rams 2014 in seinem Kronberger Domizil führen konnte, blättern Sie durch “Less but better” von Jo Klatt oder besuchen Sie die Ausstellung “Dieter Rams. Modular World”, die noch bis zum 12. März 2017 im Vitra Museum zu sehen ist.