Über den Beckenrand geschaut

von Jessica Reintjes

Peter Voigt (1925–1990), mein Vater, hat über vier Jahrzehnte – neben seinem malerischen und zeichnerischen Œuvre – immer wieder auch architekturbezogene Kunst geschaffen. Für eine Bestandsaufnahme war ich 2019 auf Spurensuche und froh über jedes aufgefundene Werk, das anfallende Bausanierungen überstanden hat und erhalten blieb. Beim Braunschweiger Heidbergbad (Architekturbüro Westermann), für das Peter Voigt 1973 ein Wandbild gestaltet hatte, kam ich zu spät. Der Abbruch des ursprünglichen Schwimmbads war gerade in vollem Gang, ein Neubau (pbr Planungsbüro Rohling AG) sollte ihn ersetzen. Auf meine Frage nach dem Verbleib des Bildes antwortete Christoph Schlupkothen, der damalige Geschäftsführer der Stadtbad Braunschweig GmbH, bedauernd: Es sei leider unmittelbar zuvor bei den Abbrucharbeiten zerstört worden. Restlos. Dennoch, er schlug ein Treffen vor …

Braunschweig, Heidbergbad, 1973 (Bildquelle: Resopalforum 23, 1973)

Das Wandbild von Peter Voigt im Heidbergbad in Braunschweig, 1973 (Bildquelle: Resopalforum 23, 1973)

Das Wandbild

Schon in den 1950er Jahren entwarf Peter Voigt eine Bleiverglasung für die Feierhalle des Braunschweiger Krematoriums (jetzt unter Denkmalschutz) und Wandbilder für ein Hotel an der italienischen Adria. In den 1960er Jahren folgten die Wandgestaltung des Kursaals in Bad Harzburg und eine Wandarbeit für die Bibliothek der Universität Clausthal. In den 1970er Jahren wurde in der Halle der Nord/LB Braunschweig ein Relief installiert und die Fassadengestaltung einer Passage realisiert – und es entstanden noch viele weitere baugebundene Arbeiten.

Für das Braunschweiger Heidbergbad hatte Peter Voigt 1973 ein Wandbild entworfen, das die Planschbecken im Kinderbereich dreiseitig raumhoch umschloss: Über eine Breite von mehr als zwanzig Metern reihten sich maritime Motive auf orangefarbenem Grund – drei ausgeklappten Leporellos gleich, von kaleidoskopisch-farbigen Flächen begrenzt. Damals wurden sie in 24 Segmenten auf Unterdruckpapier übertragen und auf Platten direkt mit einer transparenten Resopal-Trägerschicht verpresst, um sie dann im Schwimmbad fugenlos aneinander zu montieren.

Peter Voigt, Collage-Entwurf für ein Wandbild im Heidbergbad iN Braunschweig, um 1973 (Bild: Jessica Reintjes)

Der Collage-Entwurf (Detail) von Peter Voigt für das Wandbild im Heidbergbad in Braunschweig, um 1973 (Bild: Jessica Reintjes)

Die digitale Metamorphose

Zu meinem Termin mit Christoph Schlupkothen von der Stadtbad Braunschweig GmbH, nur ein paar Tage nach dem ersten Mailwechsel, nahm ich den noch erhaltenen Original-Entwurf des Wandbilds mit: eine kleine kolorierte Collage von etwa einem Meter Breite und nur zwölf Zentimetern Höhe. Selbst in dieser ‚Größe‘ besitzt sie offensichtlich eine überzeugende Kraft – Christoph Schlupkothen hatte sofort die Idee, dem Bild auch im neuen Bad wieder einen Platz zu geben.

Geplant war, den Entwurf für einen Fries von etwa acht Meter Breite und einem Meter Höhe zu vergrößern. Die dafür notwendige Digitalisierung zeigte sich technisch sehr anspruchsvoll. Das extreme Querformat musste in mehreren Einzelbildern fotografiert und ohne Abweichung wieder zu einem Gesamtbild montiert werden. Der Fotograf Tim Dalhoff hat so einen Datensatz in extrem hoher Auflösung erstellt und anschließend bei der Retusche – mit viel Gespür fürs Detail – die unerwünschten Spuren von fast einem halben Jahrhundert getilgt: Jeder Fussel, jeder Kleberest, jeder Knick, jeder Abrieb hätte in der vorgesehenen Größe plötzlich eine Wirkung bekommen, die nichts mit den Motiven zu tun hat.

Braunschweig, Heidbergbad, Jessica Reinjes 2021 im Neubau vor dem Reprint des Wandbilds ihres Vater Peter Voigt (Bild: privat, 2021)

Jessica Reintjes 2021 im Neubau vor dem Reprint des Wandbilds ihres Vaters Peter Voigt im Heidbergbad in Braunschweig (Bild: privat, 2021)

Zeitlos leuchtend

Durch die Vergrößerung tritt jetzt der Collage-Charakter des Entwurfs – von gerastertem oder strukturiertem Papier, von einzelnen Pinselstrichen, lasierten Flächen oder gezeichneten Partien – deutlich hervor und zeigt seinen ganz eigenen grafischen Wert. Das Bild wurde direkt auf Alu-Dibond-Platten gedruckt und zur (bisher coronabedingt verschobenen) Eröffnung des Neubaus im Kinderbereich installiert. Bei der Montage des Reprints sah ich dann doch noch Fotos des ‚alten‘ Bildes kurz vor dem Abbruch der Halle. Die Oberfläche war offenbar vom Chlorwasser stumpf geworden und so hatte es viel von seiner Leuchtkraft eingebüßt. Durch die untrennbare Verbindung mit den Trägerplatten wäre eine überzeugende Restaurierung wohl kaum möglich gewesen. Schön, dass der Entwurf im frischen Reprint jetzt wieder kraftvoll leuchtet. (6.4.21)

Braunschweig, Heidbergbad, 1973 (Bildquelle: Resopalforum 23, 1973)

Das Original: das Wandbild von Peter Voigt im Heidbergbad in Braunschweig, 1973 (Bildquelle: Resopal Forum 23, 1973)

Der Reprint: das Wandbild von Peter Voigt im Neubau des Heidbergbads in Braunschweig, 2021 (Bild: Jessica Reintjes, 2021)

Titelmotiv: das Wandbild von Peter Voigt im Heidbergbad in Braunschweig, 1973 (Bildquelle: Resopal Forum 23, 1973)

Campus museumsreif?

2020 feiert die Universität Augsburg ihren 50. Geburtstag. Eigentlich kein Alter für eine Bildungseinrichtung, doch aktuell wird landauf landab hitzig über den „Schulbau der Zukunft“ diskutiert. Zumeist geht es dabei um neue pädagogische Konzepte, aber davon bleibt auch die Architektur nicht unberührt. Die meisten bundesdeutschen Bildungsbauten entstanden zwischen 1945 und 1979, freilich unter ganz anderen (bildungs-)politischen Voraussetzungen. Damals prägten die Stadtraumfiguren von Agora, Forum und Campus zumeist die Schul- und Universitätsplanungen. Doch gerade diese Architekturen werden heute allzu oft mit reichlich Bundesmitteln bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet oder überbaut.

Vor diesem Hintergrund versteht der Dortmunder Architekturhistoriker PD Dr. Olaf Gisbertz seinem Vortrag „Agora – Forum – Campus. Gebaute Bildungsreformen vermitteln“, der am 3. Juli 2019 um 18.15 Uhr an der Universität Augsburg (Raum 1088, Gebäude D) beginnt, als Denkanstoß: Die Bildungsbauten der Nachkriegsmoderne verdienen als „Zukunft für die Vergangenheit“ einen wertschätzenden nachhaltigen Blick. Die Veranstaltung findet statt im Rahmen der Reihe „Campus museumsreif? – Universitätswelten ausstellen“, die den Kosmos Universität aus (kunst-)historischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet – mit Fachvorträgen, mit Ausstellungen etwa über die Studentenproteste und nicht zuletzt mit dem Campus selbst. (kb, 3.7.19)

Augsburg, Universitätsbibliothek (Bild: Universitätsbibliothek Augsburg/Fotostelle)

Sanierung macht (Braunschweiger) Schule

In Braunschweig wagte man nach dem Zweiten Weltkrieg den kompromisslosen Neuanfang. Besonders eindrücklich schlug sich der Aufbruchsgeist auf dem Campus der TU Braunschweig nieder. Dort entstanden ab 1950 Hochschulbauten mit Vorbildcharakter. Die Architekten und Lehrer rund um Prof. Friedrich Wilhelm Kraemer schufen Stilprägendes. Die „Braunschweiger Schule“ war geboren. Nach Kraemers Entwurf entstand auch bis 1960 das Herzstück der Anlage: das Audimax. Ein strenger konsequenter Baukörper, dem dadurch allerdings ein Moment der Festlichkeit innewohnt. Durchbrochen wird die Stringenz nur durch eine amorphe Wandinstallation Hans Arps. Sorgfältig ausgewählte Materialien spiegeln den fortschrittlichen Anspruch der damaligen Zeit: eloxiertes Aluminium, Sichtbeton und Glas – in höchster Präzision in das Konstruktionsraster eingepasst.

Der Nachteil der großzügigen Glasflächen ist heute kein Geheimnis mehr. Es bedarf dringend einer energetischen Sanierung. Das Büro Dr. Krekeler Architekten wurde beauftragt, den Bau auf den neuesten Stand zu bringen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Harmonisierung der modernen Anforderungen mit der vorhandenen Originalsubstanz. Nachbauzeitliche Mängel werden in einem Vorgang gleich mit beseitigt. Der elegante Kubus sollte danach bestens gerüstet sein, weitere 60 Jahre über dem TU Forum zu schweben. (jm, 26.5.19)

Braunschweig, Audimax (Bild: Dr. Krekeler Architekten
und Generalplaner (Stefan Melchior))