Nachverdichtung extrem: Aus zwei mach vier

In einem Investorenwettbewerb sollte der Umgang mit den sanierungsbedürftigen öffentlichen Teilen des Mannheimer Collini-Centers ausgelotet werden. Zwar stand den Teilnehmern ein ressourcenschonender Erhalt offen, doch die sieben eingereichten Entwürfe sahen den Abriss des 1975 eröffneten Bürohochhauses und der sogenannten galerie vor (mR berichtete). Der Ablauf des Wettbewerbs war ungewöhnlich: Interessierte durften sich nur bei einem Workshop einen Eindruck von den Entwürfen verschaffen. Zudem mussten sie eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen, was mit der Anonymität des Verfahrens begründet wurde. Inzwischen steht die favorisierte Planung fest und kann im Modell in der galerie besichtigt werden. Die Namen der Investoren werden aber erst nach der Entscheidung des Gemeinderates über den Zuschlag für das Areal bekannt gegeben. Ob die Bevölkerung dies als transparent wahrnimmt?

Wie der Mannheimer Morgen berichtet, sollen anstelle des Bürohochhauses und der galerie nun gleich vier Gebäude entstehen. Drei sollen östlich, ein niedrigerer Bau westlich des Wohnhochhauses errichtet werden. In unmittelbarer Nähe soll künftig ein Hochhaus aufragen, dass nur wenig niedriger ist als das Wohnhochhaus des Collini-Centers (nebenbei bemerkt das höchste Wohngebäude Baden-Württembergs). In einigen Wohnungen dürfte die Aussicht über die Quadratestadt dahin sein. Dahin ist damit bald auch eines der bedeutendsten Ensembles des Brutalismus in Deutschland … (mk, 17.2.20)

Mannheim, Collini-Center (Bild: Rudolf Stricker, CC0)

Köln? Zoyzoyla!

Karnevalsallergie? Da müssen Sie jetzt durch! Denn sonst verpassen Sie eine wirklich formidable Ausstellung: „Concrete:Imagination – Die Ästhetik des Brutalismus“ in der Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek (Universitätsstraße 33, Köln). Heute war Vernissage, so konnten wir uns von der Qualität der Fotografien persönlich überzeugen. Es sprachen Dr. Hubertus Neuhausen (Leiter der Universitäts- und Stadtbibliothek), der Künstler Gregor Zoyzoyla höchstselbst, der Architekturhistoriker Felix Torkar und Tobis Flessenkemper vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz. Das Spektrum der Voten reichte von „da liegt schon mal ein Betonbrocken auf dem Schreibtisch eines Kollegen“ bis hin zu „das Gebäude ist so beliebt, dass Sperren eingerichtet werden mussten“.

„Concrete:Imagination“ (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Genau der richtige Ort

Damit ist die Ausstellung genau am richtigen Ort: Hier entstand 1966 nach Entwürfen des Stuttgarter Architekten Rolf Gutbrod ein ehrgeiziges Gesamtkonzept – mit Benutzungsbereich, einem Verwaltungstrakt und wabenverkleidetem Magazinkubus. Ein Stil, der damals und heute wieder unter dem Begriff Brutalismus bekannt ist. Auf den Spuren der betonplastischen Baukunst reiste der Frankfurter Fotograf Gregor Zoyzoyla nach Belgrad, London, Marseille oder Köln. Seine Instagram-Spezialität: Grau vor Postkartenblau. Doch die Spanne der in Köln gezeigten Fotografien ist sehr viel beiter – bis hin zu reich bestückten Vitrinen.

„Concrete:Imagination“ (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Weit rumgekommen

Nicht umsonst war Gregor Zoyzoyla mal ein Geheimtipp – inzwischen ist er angekommen und nicht nur im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt in der aktuellen „Böhm100“-Präsentation prominent zu sehen. Schon als Schüler hatte er sich geärgert, wenn ein Lehrer Betongrau als langweilig bezeichnete. Mit dem Rheinischen Verein setzt er sich daher für den Erhalt dieser Stilepoche ein – er organisierte zum Beispiel mit dem Kunst-Leistungskurs des Europagymnasiums Wörth eine Fotografie-Tour zum Thema. Eine Initiative, die zur Unterschutzstellung des Schulgebäude beigetragen hat. Auch unjecke Besucher sind noch bis zum 30. April willkommen in der Kölner Ausstellung. (kb, 7.2.20)

Titelmotiv: Köln, Universitäts- und Stadtbibliothek (Bild: Gregor Zoyzoyla, Vernissagefotos: Karin Berkemann)

Hoffentlich ist es Beton

Es wohl keinen Baustoff, der stärker symbolgeladen ist als Beton – jenes Gemisch aus Zement, Gesteinskörnung und Wasser, das dem 20. Jahrhundert sein architektonisches Antlitz verlieh (und bislang auch dem 21. Jahrhundert noch verleiht). Was für die einen das Fundament des Fortschritts war, war für andere der graue Klebstoff von Kapitalismus, Verdrängung und Brutalität. Und der Betonbrutalismus gab dem vermeintlich unmenschlichen Umgang mit dem ultraharten Werkstoff unfreiwillig den über-eindeutigen Namen – er konnte ja nichts für seine Herkunft vom französischen Wort „brut“ (roh). „Schade, dass Beton nicht brennt“ heißt ein 1981 entstandener Dokumentarfilm über die Berliner Hausbesetzerszene jener Jahre. Über 30 Jahre später nutzt das Rostocker Hip-Hop-Trio „Waving the Guns“ den Slogan noch immer ziemlich erfolgreich. Liebe sieht anders aus.

Doch die Bewunderung wie auch das Wundern vor allem über die Betonbauwerke der 1960er bis frühen 1990er Jahre wächst – und hat längst etwas Nostalgisches. Denn ehrlicher Umgang mit diesem Baustoff ist rar geworden: Auch, wenn der Kern aus solidem Beton ist, suggeriert die Zeitgenössische Architektur mit vorgeblendeten (Kunst-) Steinplatten, Klinker-Riemchen oder – Gipfel der Schummelei – durch Holzverschindelungen, dass sie gar nicht so brutal sei. Doch abseits des vorätzlichen Aufbringens von Vorsatzverblendungen birgt auch der versteckte Beton ein gewaltiges Problem: Er ist eine Umweltsau. Der Zement, sein wichtigstes Bindemittel, wird aus Kalkstein, Lehm, Sand und Eisenerz bei 1.450°C gesintert, dann gekühlt und schließlich zermahlen. Pro Tonne Zement werden etwa 110 Kilowattstunden Strom benötigt. So viel verbraucht auch ein Drei-Personen-Haushalt in etwa zwei Wochen. Sechs bis neun Prozent der globalen Treibhausgasemissionen gehen auf Zementwerke zurück. Das ist vier mal so viel, wie der gesamte internationale Flugverkehr ausstößt. Neben CO₂ werden auch Stickstoffoxide und Schwefeldioxide im Umfeld der Zementfabriken in die Luft geblasen. By the way: Weltweit wird heute dreimal so viel Zement hergestellt wie 2001.

Die Ära des Betons wird aus Umweltgründen unweigerlich zuende gehen. Dann werden womöglich auch die nach Plänen von Ernst Neufert 1970 errichteten Wärmetauschertürme des Dyckerhoff-Zementwerks im Mainz-Amöneburg stillstehen. Grund genug, sich gut zu überlegen, ob man die gebauten Zeitzeugen der Ära des Fortschrittsglaubens einfach so abräumen sollte. Neben echter Ödnis verschwinden zu viele Beispiele des kreativen Umgangs mit jenem Baustoff, der seine Unschuld damals noch nicht verloren hatte. Vieles dürfte bald auch konstruktiv unwiederbringlich sein, denn ob alternative, klimaschonende Baustoffe die gleichen statischen Eigenschaften wie (Stahl-) Beton haben werden, darf angezweifelt werden. Gottfried Böhms Wallfahrtsdom zu Neviges, das Berliner ICC vom Ehepaar Schüler-Witte, Fritz Wotrubas Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Wien: Sie sind Inkunabeln der Beton-Ära. Doch auch die Kleinstadt-Sparkassen, die Kirchbauten, die Rathäuser und die Schulen des betongläubigen Aufbruchs sind meist eben nicht banal. Und sie werden immer rarer. Im Namen des Klimas: nehmen wir Abschied vom Beton. Aber nehmen wir nicht vorschnell Abschied von den Bauwerken, die er ermöglicht hat. (db, 3.2.20)

Titelfoto: München-Neuperlach (Bild: TobiWanKenobi, CC0)