101 Jahre Günter Bock

Das Bürgerhaus und die Arche in Sindlingen, das Polizeipräsidium und das Gesundheitsamt in Offenbach, die Trauerhalle in Westhausen – seine brutalistischen, fast bildhauerisch geformten Bauten prägen bis heute Frankfurt und Umgebung. Über Jahrzehnte erprobte Günter Bock (1918-2002) die Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern als freischaffender Architekt ebenso wie als Professor an der Frankfurter Städelschule. Hier etablierte er in den 1970er Jahren den Studiengang „Konzeptionelles Entwerfen“ und definierte bis heute gültige Leitlinien.

In Erinnerung an den Architekten und langjährigen Leiter der Städel-Architekturklasse, der in diesem Jahr 101 Jahre alt geworden wäre, präsentiert das Deutsche Architekturmuseum mit der Stiftung Städelschule für Baukunst nun das Oeuvre von Günter Bock. Damit wird sein Lebenswerk nach seinem Tod erstmals umfassend gewürdigt – mit Fotografien, Dokumenten und Zeichnungen aus dem Archiv des Deutschen Architekturmuseums (DAM). „101 Jahre Günter Bock“ ist im DAM Frankfurt noch bis zum 25. August 2019 zu sehen. (kb, 5.6.19)

Frankfurt-Westhausen, Trauerhalle (Bild: Deutsches Architekturmuseum)

Wer denkt schon an den Brutalismus …

… oder an den Strukturalismus? Zu wenige, meint Bernd Denkinger, zumindest heute. Anfang der 1950er Jahre sah die Situation anders aus: Denn die rasch hingestellten, funktionalistisch geplanten Stadtviertel und Siedlungen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Versprechen der einstigen archtektonischen Avantgarde nicht einlösen. Also musste sich die moderne Architektur neu erfinden. Über die bildende Kunst des frühen 20. Jahrhunderts erschloss sich nun auch der Baukunst eine „primitive“ außerrationale Erfahrung – gebündelt im New Brutalism. Der Strukturalismus hingegen wollte die Philosophie der Zeit in Architektur zu fassen.

Anhand von 150 Abbildungen und Plänen stellt Bernd Denkinger in seinem neuen Buch „Die vergessenen Alternativen“ die Strömungen der Nachkriegsmoderne vor. Dabei berücksichtigt er sowohl die frühen Konzepte des New Brutalism als auch die späteren Raumschöpfungen des Strukturalismus. Zuletzt verknüpft Denkinger die damalige erweiterte Wahrnehmung der physischen Welt mit den heutigen „rationalen“ Ambitionen der Architektur. (kb, 22.5.19)

Barcelona, Casa de la Ciutat (Bild: Enfo, CC BY SA 3.0, 2013)

Denkinger, Bernd, Die vergessenen Alternativen. Strukturalismus und brutalistische Erfahrung in der Architektur, Jovis Verlag, Berlin 2019, Flexocover, 16,5 x 24 cm, 288 Seiten, ca. 150 Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen, ISBN 978-3-86859-551-2.

Rettung für den Mäusebunker?

Das Tierversuchslabor der FU Berlin, besser bekannt als „Mäusebunker“, lässt seit jeher die Herzen der Brutalisten höher schlagen. Zwischen 1971 und 1980 von Gerd Hänska errichtet, lässt das expressive Bauwerk mannigfaltige Assoziationen zu: vom futuristischen Raumschiff bis hin zum hässlichen Betonklotz. Trotzdem können sich die Geister eventuell bald nicht mehr an ihm scheiden: Die Charité droht mit dem Abriss, um Platz für Neubauten auf ihrem Campus zu schaffen. Es herrscht akute Gefahr für den trutzburgenartig anmutenden Bau: Er steht bis jetzt nicht unter Denkmalschutz.

Darüber können sich Architekturexperten nur wundern. Immerhin wurde der Bau in die „SOS-Brutalismus“-Kampagne aufgenommen, die mit Vertretern des Deutschen Architekturmuseums (DAM) nun für den Erhalt wirbt. Laut Eigentümer seien die Laboratorien zu unwirtschaftlich und monofunktional nutzbar, zudem asbestbelastet. Die Abrissgegner betonen hingegen die freie flexible Grundrissgestaltung, was Umnutzungskonzepte ermöglichen könnte. Die FDP-Fraktion des zuständigen Bezirkes erkennt sogar Potential für den „Architektourismus“ und plädiert ebenfalls für die Unterschutzstellung. Hoffen wir, dass der Mäusebunker seine charakteristischen Lüftungsrohre auch in Zukunft wehrhaft in den Himmel recken kann. (jm, 27.3.19)

Berlin, Tierversuchsanstalt der FU/sog. Mäusebunker (Bild: Rodib6950, CC BY SA 4.0, 2015)