Haus Sulzer unter Schutz

Noch im vergangenen Jahr hatte es düster ausgesehen für den mondänen Nachkriegs-Bungalow in Riehen in der Schweiz. Haus Sulzer, 1954/55 gestaltet vom Büro Rasser & Vadi, wurde schon zu seiner Bauzeit stolz in der Presse präsentiert. Bereits 2002 wurde die Inkunabel von der Kantonalen Denkmalpflege als schützenswert geführt. Zum Konfliktfall geriet die Angelegenheit, als die neuen Eigentürmer den Abriss und einen Neubau planten. Das Gutachten des Architekturhistorikers Michael Hanak sprach sich für den Wert des Bauwerks und damit die Unterschutzstellung aus. Dagegen wurden die altbekannten Argumente ins Feld geführt: schlechter Erhaltungszustand und wirtschaftliche Unzumutbarkeit. Vor diesem Hintergrund entschied der Baseler Regierungsrat – gegen die Einschätzung der Fachbehörden – 2019, das Haus Sulzer nicht unter Schutz zu stellen. Dagegen klagten der Basler Heimatschutz und die Freiwillige Basler Denkmalpflege. Das Appellationsgericht hatte bereits im September 2020 die allgemeinen Interessen (Denkmalschutz) über die Interessen des Eigentümers gestellt. Nun akzeptierte auch der Regierungsrat diese Entscheidung – und ebnete so den Weg für die formelle Unterschutzstellung und den Erhalt von Haus Sulzer.

Die Architekten des Bungalows – Max Rasser und Tibère Vadi – hatten mit ihrem Büro ab 1951 Basel und Umgebung im Stil der Internationalen Moderne geprägt. Zu ihren bekanntesten Baseler Bauten zählen das Haus Domus (heute Architekturmuseum) oder das Raubtier- und das Nashornhaus im Zolli. Der Riehener Bungalow bildete damit ein bemerkenswertes Frühwerk des produktiven Duos. In der Fachzeitschrift „Das Werk“ stilisierte der Bauherr Max Sulzer den langen Weg zum Flachdachhaus 1956 genüsslich zum Kampf gegen traditionalistische Windmühlen: „Die Kommissionen und Kommissiönchen, der Mann von nebenan, der Gemeinderat in corpore, der Metzgermeister, ein Kaufman, eine intellektuelle Dame mit Hund und der Briefträger, die Putzfrau und der Präsident vom Männerchor, ein Herr mit klassischer Bildung und der Handharmonikaverein“ – alle suchten sie, eine wirklich moderne Architektur zu behindern. Auch der Sohn des Bauherrn, der Schriftsteller Alain Claude Sulzer, setzte seinem Elternhaus 2017 mit dem Buch „Die Jugend ist ein fremdes Land“ ein literarisches Denkmal. (kb, 1.4.21)

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Foto: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 65)

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Fotos: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 68)

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Fotos: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 66-67)

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Pläne: Rasser & Vadi; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 67-68)

Titelmotiv: Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Foto: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 69)

Haus Sulzer droht der Abriss

Mondäne Nachkriegs-Bungalows in bester Lage bereiten den Denkmalpflegern oft Kopfzerbrechen. Da nicht alle privaten Bauherren damals die Öffentlichkeit suchten, weiß man nur von wenigen ausgewählten Exemplaren. Werden diese Häuser später zum Erbfall, ist oft der Verkauf getätigt, der identitätsstiftende Garten zerstört und die tiefgreifende Sanierung geschehen, ehe ein bauhistorisch Kundiger noch einen Blick darauf werfen konnte. All dies ist zum Glück anders in Riehen bei Basel, im Fall des Hauses Sulzer. 1954/55 gestaltete hier das Büro Rasser & Vadi einen Bungalow, das sehr laut Kalifornien ruft. Der Bauherr präsentierte sein neues Domizil stolz in der Fachpresse, die Denkmalpflege wurde früh darauf aufmerksam – und dennoch droht dem Bungalow aktuell der Abriss.

Ein gutes Stück Kalifornien

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Foto: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 65)

Die Architekten sind keine Unbekannten, prägten Max Rasser und Tibère Vadi doch mit ihrem Büro ab 1951 Basel und Umgebung im Stil der Internationalen Moderne. Zu ihren bekanntesten Baseler Bauten zählen das Haus Domus (heute Architekturmuseum) oder das Raubtier- und das Nashornhaus im Zolli. Der Riehener Bungalow bildete damit ein bemerkenswertes Frühwerk des produktiven Duos. In der Fachzeitschrift „Das Werk“ stilisierte der Bauherr Max Sulzer den langen Weg zum Flachdachhaus 1956 genüsslich zum Kampf gegen traditionalistische Windmühlen: „Die Kommissionen und Kommissiönchen, der Mann von nebenan, der Gemeinderat in corpore, der Metzgermeister, ein Kaufman, eine intellektuelle Dame mit Hund und der Briefträger, die Putzfrau und der Präsident vom Männerchor, ein Herr mit klassischer Bildung und der Handharmonikaverein“ – alle suchten sie, eine wirklich moderne Architektur zu behindern. Auch der Sohn des Bauherrn, der Schriftsteller Alain Claude Sulzer, setzte seinem Elternhaus 2017 mit dem Buch „Die Jugend ist ein fremdes Land“ ein literarisches Denkmal.

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Fotos: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 68)

Wirtschaftlich unzumutbar?

Bereits 2002 wurde das Haus Sulzer von der Kantonalen Denkmalpflege als schützenswert geführt. Zum Konfliktfall geriet die Angelegenheit, als die neuen Eigentürmer den Abriss und einen Neubau planten. Das Gutachten des Architekturhistorikers Michael Hanak sprach sich für den Wert des Bauwerks und damit die Unterschutzstellung aus. Dagegen wurden die altbekannten Argumente ins Feld geführt: schlechter Erhaltungszustand und wirtschaftliche Unzumutbarkeit. Vor diesem Hintergrund entschied der Baseler Regierungsrat – gegen die Einschätzung der Fachbehörden – 2019, das Haus Sulzer nicht unter Schutz zu stellen. Dagegen klagten der Basler Heimatschutz und die Freiwillige Basler Denkmalpflege. Eine Entscheidung des Appellationsgericht wird für Ende September 2020 erwartet. (kb, 21.7.20)

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Fotos: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 66-67)

Literatur

Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, Textzitat aus S. 67 (Abruf: 20. Juli 2020, http://doi.org/10.5169/seals-33265).

Gruntz, Lukas, Ikone der Nachkriegsmoderne – aber kein Baudenkmal?, auf: architekturbasel.ch, 5. November 2019 (Abruf: 20. Juli 2020, architekturbasel.ch/ikone-der-nachkrigesmoderne-aber-kein-baudenkmal).

Gfeller, Tobias, Riehen. Ikone der Nachkriegsmoderne oder Sanierungsfall? Weshalb das Haus Sulzer nicht geschützt werden soll, auf: bz.de (bz – Zeitung für die Region Basel), 20. Juli 2020 (Abruf: 20. Juli 2020, www.bzbasel.ch/basel/basel-stadt/ikone-der-nachkriegsmoderne-oder-sanierungsfall-weshalb-das-haus-sulzer-nicht-geschuetzt-werden-soll-138504799).

Titelmotiv: Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Foto: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 69)

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Pläne: Rasser & Vadi; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 67-68)

Kulturdenkmal à la Mies zu verkaufen

Die Hänge der Bergstraße zwischen Darmstadt und Heidelberg sind wie geschaffen für großzügige Villen: Wie ein großartiges Panorama liegt einem die Rheinebene zu Füßen. Hier ließ sich ein Rechtsanwalt in den frühen 1960er Jahren ein Wohnhaus errichten. Der Bungalow mit Wandscheiben, raumhohen Fenstern und auskragender Dachplatte à la Mies wurde von den Architekten Jan und Waldemar Lippert geplant. Die Nähe zur architektonischen Auffassung Mies van der Rohes ist kein Zufall. Die Brüder hatten sich gezielt die Meister der Moderne als Lehrer ausgesucht. Jan Lippert hatte bei Mies van der Rohe am IIT in Chicago studiert und in dessen Büro gearbeitet. Waldemar Lippert legte 1956 bei Egon Eiermann sein Diplom ab. So verwundert es nicht, dass es auch Parallelen zu den Baden-Badener Wohnhäusern Eiermanns gibt, wie beispielsweise die Verwendung von Sichtmauerwerk.

Im Innneren gibt sich das Haus großzügig und hell. Dank der Schiebetüren lässt sich der Wohnraum nahtlos mit der Terrasse verbinden und ins Freie erweitern. Ein Außenkamin und der Swimming-Pool dürfen als unverzichtbare Insignien mondän-modernen Wohnens in der Nachkriegszeit natürlich nicht fehlen. Es fehlen nur noch passende Bewohner, denn das junge Kulturdenkmal steht aktuell zum Verkauf. (mk, 16.10.19)

Weinheim an der Bergstraße, Bungalow (Bilder: oben: via immobilienscout24.de, unten: historische Abbildung, via immobilienscout24.de)