Das Neue Frankfurt im Fokus

Sie haben heute Abend noch nichts vor? Dann kommen Sie ins Forum Neues Frankfurt zur Buchpräsentation unseres Ex-Mitherausgebers und Mitglied der Ernst-May-Gesellschaft C. Julius Reinsberg: „Das Neue Frankfurt: Exil und Remigration. Eine Großstadtutopie als kulturelles Transfergut“. Mit der Veröffentlichung seiner Dissertation hat Julius seine Promotion abgeschlossen, in der er der Frage nachging, ob das in in den 1920ern in Frankfurt/Main geschaffene System des „Neuen Frankfurt“ – die Entwicklung universal gültiger Normen in Architektur, Städtebau und Design – an anderen Orten und zu späteren Zeiten erneut angewendet werden konnte. Die Antwort suchte er in den Lebensläufen der Architekten Martin Elsaesser, Ferdinand Kramer, Ernst May und Margarete Schütte-Lihotzky, auf deren (auch internationale) Spuren er sich begab.

C. Julius Reinsbergs Dissertation wurde bereits 2017 mit dem Johann Philipp von Bethmann-Studienpreis ausgezeichnet. Herausgegeben wurde sie nun von Dr. Evelyn Brockhoff im Auftrag der Frankfurter Historischen Kommission in Verbindung mit der Gesellschaft für Frankfurter Geschichte e. V. und dem Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main – als Band 67 der „Studien zur Frankfurter Geschichte“ im Societäts-Verlag. Heute Abend wird Julius nicht nur das Buch vorstellen, sondern auch von dessen Entstehung und seinen Rechercheerlebnissen in Afrika und Russland berichten. 18 Uhr, Forum Neues Frankfurt, Hadrianstraße 5, Frankfurt/M., der Eintritt ist frei. (db, 13.2.18)

Tansania, Hausgestaltung von Ernst May (Bild: C. Julius Reinsberg)

Das neueste Buch zum Neuen Frankfurt

„Der Internationale Stil des Neuen Frankfurt. Zum transnationalen Kulturtransfer in der Architektur-, Stadtplanungs- und Designgeschichte 1925-1960“ – oder etwas kürzer: Das Neue Frankfurt ist nicht dasselbe wie das Bauhaus. Der Historiker C. Julius Reinsberg hat in seiner 2017 mit dem Bethmann-Studienpreis ausgezeichneten Promotion herausgearbeitet, wie sich um Baukünstler wie Ernst May, Martin Elsaesser, Ferdinand Kramer und Margarete Schütte-Lihotzky eine einmalige Expertenkultur mit einem umfassenden sozialen Anspruch herausbildete, der bis in die Nachkriegszeit hinein international wirkte.

Reinsberg war bis 2018 Mitherausgeber von moderneREGIONAL, inzwischen arbeitet er als Referent im Kulturdezernat der Stadt Frankfurt. Schon zur Preisverleihung 2017 empfahl Prof. Christoph Cornelißen (Frankfurt am Main), Doktorvater des Ausgezeichneten, das Projekt nicht allein fachlich, sondern auch sprachlich: „Das schnörkellos geschriebene Manuskript liest sich hervorragend.“ Ein Lob, das sich nahtlos auf die jetzt in Buchform beim Societäts-Verlag erscheinene Arbeit übertragen lässt. Bleibt uns nur, dem Autor zu seinem Werk zu gratulieren und es vielen unserer Leser spätestens unter den Weihnachtsbaum zu wünschen. (kb, 5.10.19)

Reinsberg, C. Julius, Das Neue Frankfurt: Exil und Remigration. Eine Großstadtutopie als kulturelles Transfergut, Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2019, 336 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-95542-352-0.

Titelmotiv: Tansania, Hausgestaltung von Ernst May (Bild: C. Julius Reinsberg)

Innere Angelegenheiten

von C. Julius Reinsberg (18/3)

Die Geschichte des Saarlands ist auch eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten. Die Grenzlage zwischen Frankreich und Deutschland und seine wirtschaftliche Bedeutung machten das kleine Land im 20. Jahrhundert wiederholt zum geopolitischen Filetstück, das von beiden Nationen heftig begehrt wurde. Dies verstellte den Blick auf die supranationalen Perspektiven, die sich der Region besonders im europäischen Einigungsprozess eröffneten – oder hätten eröffnen können.

Ein Geschenk der Propaganda

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Saarland – ebenso wie die ehemaligen Kolonien des Kaiserreichs – der Verwaltung des gerade gegründeten Völkerbundes unterstellt. Das bedeutete de facto zwar eine enge Anlehnung an die Mandatsmacht Frankreich, das Saargebiet blieb jedoch völkerrechtlich Teil des Deutschen Reichs. Kontrafaktische Geschichtsschreibung verbietet sich, aber wer weiß, was sich aus dieser nationalstaatlichen Unbestimmtheit im Zusammenspiel mit dem aufstrebenden Völkerbund entwickelt hätte – auch und gerade architektonisch. Der Bau des Völkerbundpalastes und der vorangegangene Wettbewerb hielt die Architektenschaft des ganzen Kontinents in den 1920ern in Atem. Eine Volksabstimmung machte 1935 jedoch alle Hoffnungen auf eine supranationale Zukunft des Saarlandes zunichte, über 90 Prozent der Wähler stimmten für den „Anschluss“ an das inzwischen nationalsozialistische Deutschland. Das NS-Regime feierte seinen Sieg mit dem Bau eines monumentalen Theaters in Saarbrücken, das die Propaganda als persönliches Geschenk Adolf Hitlers verklärte.

Ein Hauch von Élégance

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schien sich die Geschichte zu wiederholen. Das Saarland wurde nun ein teilautonomer Staat, war politisch und wirtschaftlich jedoch wieder von Frankreich abhängig. Dem monumentalen Staatstheater wurde in einiger Entfernung auf der anderen Saarseite ein nachkriegsmoderner Konterpart geschaffen: die französische Botschaft nach Entwurf Georges-Henri Pingussons. Der 1951 bis 1954 erbaute Komplex setzt sich aus einer schmalen, längs des Flusses gebauten Hochhausscheibe mit Dachterrasse und einem angeschlossenen repräsentativen Flachbau zusammen. Letztgenannter nahm Gäste des Hauses mit einer großzügigen Auffahrt, einem eindrucksvollen Ehrenhof und einem modernen Foyer in Empfang. Im Inneren überzeugte der Bau mit konsequenter Eleganz, die sich in den geschwungenen Treppenhäusern ebenso ausdrückte wie in den kunstvoll verzierten Tierdrückern. Nicht nur an dieser Stelle läutete der französische Einfluss im Saarland eine architektonische Rückbesinnung auf die Formensprache der Moderne ein.

Ein Hoch auf die Technik

Richtig avantgardistisch wurde es 1954/55 im Umland des saarländischen Örtchens Berus nahe der französischen Grenze. Die neue Sendehalle von Radio „Europe 1“ war ein Pionierbau: Ihr freitragendes Betondach in Form eines hyperbolischen Paraboloids bewies noch vor der Berliner Kongresshalle und den Schalenbauten Ulrich Müthers, dass mit dem richtigen Verfahren auch die gewagtesten freitragenden Betonkonstruktionen möglich waren. In seiner Form erinnert das Bauwerk an eine geöffnete Jakobsmuschel. Die Symmetrieachse markiert eine portalartige, markante Betonkonstruktion in der Form eines auf den Kopf gestellten V. Man mag dies für ein Zugeständnis an die von Symmetrie geprägten Bauvorstellungen vergangener Zeiten halten. Die Architekten ergänzten es jedoch um eine dezentrale Pointe: Der Eingang findet sich nicht etwa unter dem auch farblich hervorgehobenen Portal, sondern einige Meter daneben.

Die fast gänzlich in Glas aufgelöste Fassade symbolisierte Offenheit und Transparenz. Bei voller Beleuchtung erzeugen die Fensterflächen ein beeindruckendes Negativ des Gebäudes. Dem Besucher eröffnete sich durch die gläserne Wand der Blick auf die hochmodernen technischen Anlagen des Senders, die somit zum Gestaltungselement erhoben wurden: Hier traf nachkriegsmoderne Eleganz auf die technischen Fortschrittsversprechen der 1950er Jahre.

Eine Pausenraum für Europa

Der Name des Senders sagt bereits alles über seine Ambition: „Europe 1“. Der französischsprachige Privatsender umging mit dem Standort im Saarland das Monopol des staatlichen Rundfunks in Frankreich. Mit Telesaar war auch ein privates, deutschsprachiges Fernsehprogramm geplant, das von einem eleganten Fernsehturm neben der Sendehalle übertragen werden sollte. Frankreich und Deutschland handelten derweil nach einer Initiative Robert Schumans das sogenannte Saarstatut aus, das eine Europäisierung des Saarlands vorsah – drei Jahre vor der Unterzeichnung der Römischen Verträge sicherlich eine interessante Perspektive. Dennoch sitzen die meisten EU-Gremien heute bekanntlich nicht in Saarbrücken, sondern in Brüssel. Bei einer Volksabstimmung entschieden sich 1955 fast 68 Prozent der Saarländer gegen das Statut. Die Wahl stellte den Auftakt für den Beitritt zur Bundesrepublik dar, der 1957 den saarländischen Sonderweg zwischen den Nationen beendete. Obwohl sich die französische Architektur und Planung in der kurzen Zeit nicht nachhaltig durchsetzen konnte, ist die saarländische Nachkriegsmoderne ein deutsch-französisches Projekt, das mit Landmarken wie der ehemaligen Botschaft oder der Sendehalle bis heute präsent ist. Ob es bei einem anderen Verlauf der Geschichte zu einem europäischen Projekt hätte werden können, muss Spekulation bleiben.

ganzes Heft als pdf

Frühjahr 18: Bleu – Blanc – Brut

Mit großer Geste

Mit großer Geste

LEITARTIKEL: Marco Kany über die unterschätzte Saarmoderne.

Plattenbau à la française

Plattenbau à la française

FACHBEITRAG: Carsten Diez über das System Camus-Dietsch.

Sacre brut

Sacre brut

FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Saar-Kirchen im Wandel.

Ein Habitat für Beamte

Ein Habitat für Beamte

FACHBEITRAG: Axel Böcker über einen besonderen Wohnturm.

Innere Angelegenheiten

Innere Angelegenheiten

PORTRÄT: C. Julius Reinsberg über europäische Räume.

Neue Schulen

Neue Schulen

FOTOSTRECKE: von Kerstin Renz und Marco Kany.

"Monsieur l'Architecte"

„Monsieur l’Architecte“

INTERVIEW: DW Dreysse über französische Grenzerfahrungen.