Le Corbusier: der dritte Anlauf

Dass das Werk Le Corbusiers für die Moderne von großer Bedeutung war, wird wohl niemand bestreiten. Aber reicht das auch für den Status als UNESCO-Welterbe? Selbstverständlich, meint eine länderübergreifende Initiative. Tatsächlich scheint das einzigartige Erbe des berühmten Schweizer Architekten, das über drei Kontinente verteilt ist, prädestiniert für diesen Titel. Bisher wurden entsprechende Anträge jedoch abgelehnt, ein dritter Versuch soll nun endlich klappen, eine Entscheidung wird für Mitte 2016 erwartet.

Die beiden missglückten Anläufe von 2009 und 2011 waren unter anderem an der stilistischen Vielfältigkeit der eingereichten Liste von Bauten und Planungen gescheitert. Dass gerade dies die Entwicklung der Moderne exemplarisch verdeutliche, konnte den internationalen Denkmalrat Icomos nicht überzeugen. Diesmal stehen die Chancen jedoch besser, da auch der Kreis der Antragsteller die internationale Bedeutung verdeutlicht. Neben Frankreich sind auch Argentinien, Deutschland, Belgien, Japan, die Schweiz und vor allem Indien – das mit Chandigarh die größte Einzelplanung Le Corbusiers beim letzten Versuch wieder zurückgezogen hatte – mit dabei. In Deutschland würden zwei Bauten der Stuttgarter Weißenhofsiedlung unter den Welterbe-Status fallen. (jr, 20.2.15)

Das Hohe Gericht in Chandigarh ist Teil des indischen Erbes Le Corbusiers (Bild: gb pandey, CC-BY-SA 2.0)

Casablanca Chandigarh

Mit dem Zweiten Weltkrieg endete für viele Länder zugleich der – auch architektonische – Kolonialismus. Vor diesem Hintergrund stellt die Publikation „Casablanca Chandigarh. A Report on Modernization“ zwei zeitgenössische Städte einander gegenüber: Die indische Metropole Chandigarh planten etablierte westliche Architekturgrößen wie LeCorbusier am Reißbrett. Die gewachsene nordafrikanische Hafenstadt Casablanca hingegen führte ein junges Team französischer und marokkanischer Architekten in die Nachkriegsmoderne.

Mit ihrem Buch schärfen die Autoren – Tom Avermaete von der Universität Delft und Maristella Casciato vom Canadian Centre for Architecture in Montreal – den Blick für die nachkriegsmoderne Stadtentwicklung jenseits westlicher Vorherrschaft. Sie untersuchen den Wohnraum ebenso wie den öffentlichen Raum, das Arbeits- ebenso wie das Alltagsleben. Damit wird Städtebau verständlich als kollektive Arbeit, als Abstimmung zwischen vielen unterschiedlichen Akteuren. Die Publikation bündelt die Ergebnisse einer Ausstellung, die zum Jahreswechsel 2013/14 im Canadian Center for Architecture in Montreal zu sehen war. (kb, 4.8.14)

Tom Avermaete/Maristella Casciato, Casablanca Chandigarh. A Report on Modernization, The University of Chicago Press, rund 400 Abbildungen (teils farbig), 392 Seiten, ISBN: 978-3906027364.

Casablanca Chandigarh (Bild: The University of Chicago Press)