Kalte Küche [durch die]

Nichts gegen weiche Entscheidungsprozesse, starke (alte, weiße) Männer haben wir schon genug. Doch das Geflecht aus Ahnungen und Halbinformationen, Beteuerungen und Appellen, das seit einigen Tagen Hamburg in Atem hält, droht wenig auszutragen – außer vielleicht einer im vielfachen Sinne teuren Baulücke. Da erfuhr die Öffentlichkeit am Montag indirekt aus einer getwitterten Störmeldung des Verkehrsverbunds, dass die Stadt ernst machen wolle mit dem Abriss des Cityhofs. Am Mittwoch erklärten die Behörden dann auf Anfrage der Presse, die Genehmigung sei bereits erteilt. Derweil verschoben die Parteien und Gruppierungen in ungewohnten Konstellationen den Schwarzen Peter für einen noch nicht vollzogenen Abbruch.

Ob der Chtyhof noch eine Chance bekommen wird, ob er bessere Chancen hätte, gäbe man ihm noch zwei/drei/vier Jahre Gnadenfrist? Wir wissen es nicht. Sicher scheint, dass die vier Hochhausscheiben nicht die letzten Opfer eines äußerst ungelenken Stadtumbaus bleiben werden. Die Liste der Hamburger Abbrüche ist lang und gerade mit den jüngeren Kandidaten wurde zumeist weit weniger Federlesen gemacht als mit dem Symbolbau Cityhof. Manchmal ist es nicht so sehr der baukünstlerische Wert, um den es schade wäre. Häufig wurde einfach die Gelegenheit vertan, sich für vorhandene Räume behutsam an neue Nutzungen heranzutasten. Oder hätte etwa beim Deutschlandhaus (wenn denn wirklich kaum noch Originalsubstanz vorhanden ist) nicht auch ein günstigeres Makeover ausgereicht?

Daher: Es lebe das Interim! Nicht jede Änderung wird gleich und sauber am grünen Tisch entschieden. Manchmal lohnt der Umweg über eine Zwischennutzung. Das muss nicht immer die Hipster-Stadtgartenkooperative sein. In Hamburg-Horn beispielsweise stand am Anfang eine Investorenpleite: Als die evangelische Gemeinde ihre nachkriegsmoderne Kapernaumkirche verkaufte, hoffte sie auf eine kulturelle Nutzung des ehemaligen Gottesdienstraums. Der neue Eigentümer bebaute zwar das Restgrundstück mit Wohnungen, ließ aber die Kirche brach liegen. Am Ende erwarb eine muslimische Gemeinde das Kulturdenkmal und verwandelte es in eine Moschee. Diesen Weg hätte wohl keiner der Beteiligten direkt gewählt, nun entwickelt sich hier – unter dem kollektiven Vergrößerungsglas – ein bundesweit einmaliges Projekt. Ausgang ungewiss, aber vieles sieht gut aus. Hamburg, es geht doch (und ginge noch beim Cityhof)! (22.3.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Hamburg, Cityhof (Bild: Oliver Elser und Andreas Muhs, CC BY NC ND, 2006, via flickr)

Neuauflage Cityhof

Demnächst dürfte diese Publikation – leider – historischen Seltenheitswert haben: Pünktlich zur Buchmesse erscheint eine lesenswerte Neuauflage zum City-Hof der Reihe der Hamburger Bauhefte im Schaff-Verlag. In der illustren, von Jörg Schilling herausgegebenen Reihe wurden schon prägende Bauten der hanseatischen Moderne behandelt – von den Esso-Häusern bis zum Brahms-Kontor. Im neuaufgelegten Cityhof-Heft widmet sich die Architekturhistorikerin Sylvia Necker der ersten Hochhausgruppe in Hamburgs Innenstadt: Bis 1957 wurde das Ensemble nach Entwürfen des Architekten Rudolf Klophaus (1885-1957) fertiggestellt.

Klophaus verband vier Hochhausscheiben durch Zwischenbauten. Die Fassaden wurden ursprünglich mit weißen Keramikplatten aus ihrer Umgebung herausgehoben, die man erst in den in den 1970er Jahren durch einen grauen Eternitbehang überdeckte. Nach einer bewegten Diskussion in den letzten Jahren scheint das Schicksal des denkmalgeschützten Cityhofs nunmehr besiegelt: Der Abriss ist beschlossen, der Neubau geplant. Doch im heimischen Bücherschrank können Sie mit dem Bauheft eine reich bebilderte Dokumentation dieses prägenden Stücks Architektur bewahren. Der Schaff-Verlag verspricht für die Neuauflage: 8 Seiten mehr Inhalt, eine kurze Zusammenfassung der Entwicklung der letzen beiden Jahre und aktualisiertes Bildmaterial. (kb, 9.10.17)

Nur die Kultursenatorin fehlte?

Nur die Kultursenatorin fehlte?

Der Hamburger Cityhof in den 1950er Jahren
Heiß diskutiert: der Hamburger Cityhof (R. Klophaus, 1957) (historische Abbildung, wohl ausgehende 1950er Jahre)

Ja, es geht wieder um den Hamburger Cityhof. Und ja, es lohnt einige neue Zeilen: Denn, wie heute das Hamburger Abendblatt meldet, habe sich Barbara Kisseler (parteilos), die Kultursenatorin der Hansestadt, zum drohenden Abriss des nachkriegsmodernen Hochhausensembles geäußert. Schon in der letzten Woche sorgte ihr Fehlen bei der entscheidenden Senatssitzung, die den Verkauf des Cityhofs an einen abrissgestimmten Investor bestätigte, für Spekulationen. Jetzt wird die Kultursenatorin nach „Abendblatt-Informationen“ zitiert, sie wollte „nicht die Prügel für etwas einstecken, was andere zu verantworten haben“. Gemeint seien Finanzsenator Peter Tschentscher und Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (beide SPD), gegen die sich Kisseler mit ihrer erhaltungsfreundlichen Position nicht habe durchsetzen können.

Der Streit um die Hochhausgruppe wurde (nicht nur) am vergangenen Donnerstag höchst emotional geführt: Die SPD-Vertreter sahen den Abriss als Chance, grüne Senatsmitglieder wiegelten ab (der Abriss sei damit noch nicht beschlossen) und alle übrigen Redner bewegten sich zwischen Regierungsschelte allgemein und Wertschätzung für das nachkriegsmoderne Baudenkmal im Besonderen. Vorschlag zur Güte: Liebes Hamburg, lass die vier verkannten Schönheiten stehen, mach sie denkmalverträglich wieder schick – und wir können uns hier wieder auf Katzenvideos und Plattenbaubastelsätze konzentrieren. Deal? (kb, 5.4.16)