Verteidigen, was kein Denkmal ist

von Ursula Baus (17/2)

Dass derzeit die Wärmedämmung wie eine Mitretterin der Welt gehandelt wird, hat in erster Linie mit dem wirtschaftspolitischen Projekt „Energiewende“ zu tun. Politisch werden Dämm- und Verbrauchswerte festgelegt, die für weite Teile des Bestandes, in dem gewaltige Mengen „grauer Energie“ stecken, kaum zu erreichen sind. Zu fragen ist nun, wie wir überhaupt in die Lage gekommen sind, Energie sparen zu müssen. Und welche Konsequenzen für das Thema Dämmen zu ziehen sind.

Warum überhaupt Dämmen?

Seit Jahrzehnten treiben wir Raubbau an unseren Lebensgrundlagen. 1972 wies der Club of Rome mit dem Buch „Die Grenzen des Wachstums“ auf die katastrophalen Folgen einer zerstörerischen Wirtschaftsideologie hin. Seine Prognosen wurden immer wieder bestätigt und verschärft. Drei Szenarien werden nun für 2050 diskutiert: dass die Welt nachhaltig bewirtschaftet werde, die Weltgesellschaft zur Zweiklassengesellschaft mutiert oder der ökologische Kollaps eintritt. Das schlechteste Szenario gilt derzeit als das wahrscheinlichste. Und wir alle in den Wohlstandsländern tragen mit unseren Lebensstilen dazu bei.

Die Bundesregierung möchte sich derweil weltmarktstrategisch als Mustermannschaft in Sachen Klimaschutz ( = Weltrettung) profilieren und setzt sich dabei ambitionierte Ziele. Aber wie diese zu erreichen sind, polarisiert. Tangiert sind grob vier Bereiche: Industrie, Verkehr, Haushalte und Gewerbe/Handel/Dienstleistungen. Dabei kommt es wegen der CO2-Relevanz maßgeblich darauf an, welche Energieträger jeweils benutzt werden: Der Verkehr verwendet kaum erneuerbare Energien, bei Industrie und Haushalten sieht es anders aus. Sehr lesenswert ist dazu der 314 Seite umfassende Endbericht zur „Datenbasis zur Bewertung von Energieeffizienzmaßnahmen in der Zeitreihe 2005 – 2014“ des Bundesumweltamts.

Weiter so?

Auf stadt- und architekturrelevante Bereiche bezogen, ist die Bauwirtschaft erheblich von Einsparzwängen betroffen, weil Heizbedarf rund 75 Prozent des Energieverbrauchs eines privaten Haushalts ausmacht. Das ruft selbstverständlich die Dämmstoffindustrie auf den Plan, die nicht zu Unrecht satte Gewinne wittert. Betroffen ist in ähnlicher Größenordnung auch die Autoindustrie, die jedoch wenig in die Vermarktung von E-Autos investiert, stattdessen absurde PS-Monster als Dreckschleudern mit gelegentlich betrügerischen Mitteln an Mann und Frau bringt. Ihren Anteil an den klimarelevanten Problemen haben auch die CO2 trächtige Landwirtschaft und nicht zuletzt jeder einzelne Verbraucher, der durch sein eigenes Verhalten sehr viel bewirken kann.

Dass der Einzelne inzwischen vorwiegend als „Verbraucher“ bezeichnet wird, offenbart die globale Misere einer Wirtschaftsideologie, die nichts anderes als Wachstum kennt und zu horrend steigendem Energiebedarf führt. Deswegen ließe sich als Erstes das „Nicht-Verbrauchen“ fordern: Fahrradfahren, ÖPNV und Carsharing benutzen. Zudem könnte man alle, die mehr als die derzeit durchschnittlichen 46 Quadratmeter bewohnen, steuerlich zur Kasse bitten – und mit derartig eingestrichenen Steuergeldern den Ausbau erneuerbarer Energien, Erforschung von geeigneten Speichern, eines herausragenden Stromnetzes vorantreiben. Außerdem ist jeder von uns gefordert, sich vielleicht einen Pullover anzuziehen statt die ganze Wohnung auch im Winter auf 23 Grad zu heizen.

Abriss und Erneuerung: Teufelskreise

Wir leben jedoch in einem vom Wachstumswahn geradezu besessenen, wirtschaftlich pumperlgesunden Land. Wo immer sich eine Chance ergibt, an staatliche Gelder oder staatlich verordnete Privatausgaben heranzukommen, stehen Lobbyisten vor den Abgeordnetenhäusern in Berlin und Brüssel Schlange – sie haben in Berlin sogar unkontrollierten, freien Zugang. Lobbyisten verkünden am liebsten steigende Umsatz- und Absatzzahlen. Die Folgen für Stadt und Architektur sind kaum abzusehen, weil Dämmen und Abriss und Neubau und noch mehr Autos auf den Straßen durch Wirtschaftsrelevanz gerechtfertigt werden, die nahezu sakrosankt ist, während Fragen der Baukultur dreist in den Bereich des ökologisch Unanständigen gedrängt werden. Dämmen rettet die Welt, die vom Wachstumswahn nicht ablässt?

Wandel- und Weiterentwicklung – nicht zu verwechseln mit Fortschritt – prägen Architektur- und Stadtentwicklung seit eh und je. Wie unterschiedlich und warum architekturgeschichtliche Epochen aus unterschiedlichen zeitlichen Distanzen bewertet werden, ist ganz und gar nichts Neues. Gotische Kirchen wurden unbefangen barockisiert, im 19. Jahrhundert feierten Vorlieben für diverse, Jahrhunderte zurückliegende Epochen fröhliche Urständ. Und noch in den 1970er-Jahren wurden ganze Blöcke geringgeschätzter Wohnbauten des 19. Jahrhunderts abgerissen, man zerschlug den blöden Stuck, hängte die hohen Decken ab, baute quietschbunte Kunststofffenster ein – und pinselte die Holztüren auch mal azurblau, schokoladenbraun oder orange an. Heute sind „Altbauten“ nur beliebt, wo sie mit viel Geld „saniert“ und mit Edelstahlküchen und Wellness-Bädern angereichert sind – außerdem mit dreifachverglasten Denkmalschutzfenstern dem Verkehrslärm trotzen und wärmetechnisch zugleich das Umweltgewissen von Bewohnern beruhigen, die immer mehr Quadratmeter und eine immer komfortablere Mobilität in Anspruch nehmen.

Stets zu spät: die Denkmalpflege

Zwar war mit der staatlichen Denkmalpflege im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts der Anfang eines architekturgeschichtswissenschaftlichen Schutzes von Bausubstanz gelungen, um sie den Begehrlichkeiten des Marktes, der Ideologen und Geschichtskenntnislosen zu entziehen. Ohne hier im Einzelnen auf die Fehden innerhalb der Denkmalpflege eingehen zu können – das wird hier im Gespräch mit Mathias Pfeil thematisiert – , muss darauf hingewiesen werden, dass die Denkmalpflege diesen Begehrlichkeiten der praktischen Stadt-, Verkehrs- und Baupolitik stets hinterherhinkt. Heute ist sie politisch in weiten Teilen der Republik entmachtet – wie zum Beispiel in Baden-Württemberg, wo sie dem Finanzministerium unterstellt worden ist. Das ist, um in einer Tierfabelwelt zu sprechen, so, als treibe man Gänse in ein Gehege, in dem der Fuchs das Sagen hat. Das Konzept der TU München, mit der Zusammenlegung der Institute des Denkmalpflegers Mathias Pfeil und des Architekten Andreas Hild etwas Neues in Angriff zu nehmen, könnte die zeitliche Dimension des Denkmalschutzes neu in eine politische Diskussion einbringen – nicht zuletzt, um die Problematik deutlich zu machen, dass alle Hinterlassenschaften der Baustoffindustrie auf ihre entsorgungsrelevanten Konsequenzen bereits in die Zulassungskriterien einfließen müssen.

Es steht viel auf dem Spiel

Es sei hier ein Hinweis auf die Schweiz erlaubt, die wenig Kriegszerstörung, keine Autolobby, aber doch erheblichen Wohlstand und eine florierende Bauwirtschaft hat. Eine wirklich eindrucksvolle Rolle spielt bei den Eidgenossen, dass man Heimat, Kulturlandschaften, öffentliche Bauwerke, bauliches Eigentum kontinuierlich pflegt. Dass ganze Quartiere verlottern und verwahrloste Häuser abgerissen werden – so weit kommt es viel seltener als hierzulande. Erneuerung und Nachverdichtung spielen sich deswegen auf einem baukulturell ganz anderen Niveau ab, das keine Epoche gegen eine andere ausspielt. In deutscher Gründlichkeit heißt Pflegen „Konservierungswissenschaft“ (siehe Pfeil und Hild). Gerade Material- und Konstruktionsqualitäten werden von einer fortschritts- und wachstumsabhängigen Baustoffindustrie schlicht ignoriert. Was Dina Dorothea Falbe (in dieser Ausgabe) über die Rolle der Denkmalpflege im Fall des Vonovia-Projektes in Schmargendorf berichtet, spricht dazu Bände.

Immer das Gleiche: die Feindbilder

Ärgerlich ist gerade in Deutschland, wo Krieg und Wiederaufbau, Betongoldgräberstimmung in Wirtschaftswunderzeiten und Verkehrsentwicklung, Energiepolitik und Bauwirtschaftslobbyismus je nach Bedarf bestehender Bausubstanz zuleiberücken, dass leider keine Lehren aus den bau- und kulturhistorischen Erkenntnissen gezogen werden. Es werden immer wieder baukulturell verheerende Fehler begangen – aus unterschiedlichen Interessenslagen heraus, aber mit gleichbleibenden Methoden. Diese geben sich beispielsweise in dem Trick zu erkennen, vorübergehende Ablehnung bestimmter ästhetischer Phänomene zu nutzen, um Feindbilder zu zeichnen, und anschließend Abriss und Neubau oder doch erhebliche Veränderungen beispielsweise durch Wärmedämmung zu propagieren. Solches Vorgehen ist alt und altbekannt, funktioniert aber leider immer noch.

Bottom up: Hier lässt sich’s leben

Die Liste gelungener Sanierungen, die Energie- und Müllproduktion zugunsten eines bleibenden Erscheinungsbildes hintan stellten, ist lang und wird länger. Im Berliner Hansaviertel wohnt es sich einfach gut, der Stuttgarter Hannibal – drei Hochhausscheiben – wird sukzessive mit Dreifachverglasung und partieller Dämmung fit gehalten. Dann gibt es jene Beispiele, in denen baukulturell gelungenes Sanieren teuer erkauft wurde: das Dreischeiben-Hochhaus in Düsseldorf oder die Hypobank in München. Na und? Die Ressource „Geld“ gibt es auf der Welt in Hülle und Fülle. Bemerkenswert ist dazu, dass in nahezu jeder Stadt Initiativen gegen Verlust und Entstellung jüngerer Architektur entstehen, oft erfolgreich in prominenten Fällen wie in Köln, oft erschütternd erfolglos wie beim Palast der Republik oder dem Ahornblatt in Berlin.

Bautechnische Aufrüstung oder Abrüstung nun als Methoden gegeneinander auszuspielen, führt in eine dusselige Richtung, die dem Alltag nicht gerecht wird. Ob der Energie und Rohstoffe fressende, Baumüll produzierende Aufwand mit Dämmen und Dreifachverglasen der richtige ist, kann nur im Einzelfall entschieden werden. Aber genau darauf kommt es an. Vorausgesetzt, man einigt sich endlich auf eine sorgsame, vernünftige Pflege des Vorhandenen.

Literatur

www.clubofrome.de.

Radermacher, Franz Josef, Es ist fünf vor zwölf. Die Schweiz 2015, in: TEC21, 16, 2017, S. 35-38.

Titelmotiv: Pech für den Specht: Hier hat sich ein anderes Vöglein schon ein Nest gebaut (Bild: Anna Blaschke)

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Frühjahr 17: Verdämmt!

Verteidigen, was kein Denkmal ist

Verteidigen, was kein Denkmal ist

LEITARTIKEL: Ursula Baus über Sinn und Unsinn der grassierenden Dämmwut – und was das über unser Architekturverständnis aussagt.

Was schief gehen kann

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FACHBEITRAG: Dina Dorothea Falbe durchstreift Berlins Häuserschluchten.

Zweimal Bürofassade

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"Klartext!"

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FACHBEITRAG: Thomas Rempen und 16 Master-Studierende werden laut und kreativ gegen den deutschen Dämmwahn.

"Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems"

„Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems“

INTERVIEW: Der bayerische Generealkonservator Prof. Mathias Pfeil spricht mit moderneREGIONAL über Forschung, Dämmung, Abwägung und Substanz.

Vorher-Nachher-Platte

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FOTOSTRECKE: Martin Maleschka besucht Bukarest & Co.

Was schief gehen kann

von Dina Dorothea Falbe, mit Fotos von Christopher Falbe (17/2)

Energetische Sanierung: Dämmwahn, notwendiges Übel oder vielleicht doch ökologisch sinnvoll? Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern nur mit Blick auf den Einzelfall – genau wie die Frage nach einem möglichen Denkmalwert. Wo beide Fragen zusammenkommen, gehen die Meinungen besonders weit auseinander. Der Fall eines Wohnensembles in Berlin-Schmargendorf illustriert auf eindrucksvolle Weise, was in diesem Zusammenhang alles schief gehen kann.

Expressionismus oder Heimatstil?

Die viergeschossigen grauen Putzbauten mit Walmdächern zwischen Orber Straße und Salzbrunner Straße wurden 1938/39 errichtet, ohne sich dies gestalterisch anmerken zu lassen. Sie passen weder zum Heimatstil der gartenstadtartigen SS-Siedlung an der Krummen Lanke, noch zur monumentalen Strenge der Wohnsiedlung am Grazer Damm. Mit den abstrakten Klinkerornamenten um die Eingangstür und am Treppenaufgang könnten sie auch ein konservatives Beispiel der 1920er Jahre sein. Insgesamt sieben Häuserzeilen sind durch verklinkerte Pergolen miteinander verbunden und schließen einen etwas tiefer liegenden Innenhof ein. Als Architekten des Ensembles nennt das Buch „Berlin und seine Bauten Teil IV A“ den Namen „Sänger“. Beauftragt wurde er durch die Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten (Gagfah).

Viele verschiedene Wohnungsbaugesellschaften, private Bauherren und mindestens ebenso viele Architekten bestimmten in den1920er und 1930er Jahren den Wohnungsbau in Berlin. Legendär ist der „Zehlendorfer Dächerkrieg“, in dem sich u. a. Bruno Taut und Hans Poelzig gegenüberstanden. Der Architekt Harry Rosenthal hatte in beiden Büros gearbeitet. So scheint sein „Haus Salzbrunn“ (1927) in der Salzbrunner Straße beide Auffassungen zu verbinden. Für einen privaten Bauherrn errichtete er dort ein Wohnhaus mit großen, schmucklosen Fenstern, runden Balkonen und weißem Anstrich – ganz im Sinne des Neuen Bauens, wie es die Stuttgarter Weißenhofsiedlung repräsentierte. Darauf setzte er allerdings ein geneigtes Dach, wie in traditionellen Bauformen üblich.

Polystyrol statt Grauputz

Elf Jahre später, als Architekt Sänger auf der gegenüberliegenden Straßenseite für die Gagfah baute, hatte Harry Rosenthal Deutschland bereits verlassen müssen. Die Dachform und die Gebäudeanordnung, wie sie einen losen Blockrand markiert, verbinden jedoch dieses Gegenüber unterschiedlicher Fassaden. Eine Straßenecke weiter steht ein Haus von Hans Scharoun aus dem Jahr 1932. Die unterschiedlichen Architekturauffassungen der 1920er und 1930er treffen dieser Nachbarschaft zusammen und illustrieren so auf engem Raum ein wichtiges Kapitel Berliner Stadtentwicklung. Die Gegend nahe dem S-Bahnhof Hohenzollerndamm wurde nicht auf einmal beplant: Einige Blocks und Straßenecke blieben auch nach dem Krieg noch lange unbebaut. Der zeittypische Wohnungsbau vieler weiterer Jahrzehnte ergänzte Schritt für Schritt die inzwischen historischen Häuser.

Die Gagfah trug indessen wenig zum Unterhalt ihrer Gebäude in der Orber, Salzbrunner und Charlottenbrunner Straße bei. „Kriegsbedingte Zerstörungen wurden im Rahmen des Aufbau-Programms 1952 beseitigt“, weiß das Bezirkslexikon von Charlottenburg-Wilmersdorf. Dies war die letzte Modernisierung des Ensembles – bis zu dem Jahr, in dem die Deutsche Annington sich mit der Gagfah zu Deutschlands größtem Immobilienkonzern „Vonovia“ zusammen schloss: 2015. Plötzlich wurden die Mieter mit einer geplanten Mieterhöhung konfrontiert, die sich aus einer energetischen Sanierung ergeben sollte. Polystyrol sollte nun den Grauputz verdecken, dessen Widerstandsfähigkeit sich ein Dreivierteljahrhundert bewährt hatte. Weiße Kunststofffenster ersetzen die bauzeitlichen Holzkastenfenster. Auch die roten Haustüren werden bald nicht mehr aus handwerklich bearbeitetem Holz, sondern aus Metall sein.

Besitzstörung

Am 23. Januar 2016 empfahl der unabhängige Denkmalrat der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) das Ensemble unter Schutz zu stellen. Im Mai fasste die BVV den Beschluss sich beim Landesdenkmalamt (LDA) für die Eintragung in die Denkmalliste einzusetzen. Im August bestätigte das LDA die Denkmalwürdigkeit unter Vorbehalt weiterer Prüfungen. Die Bauarbeiten der Vonovia schritten indes voran, denn vor der Eintragung in die Denkmalliste sah sich das Landesdenkmalamt offenbar nicht in der Lage, in die Bauarbeiten einzugreifen. Zwischenzeitlich berichtete die Berliner Zeitung (BZ) über den „Aufstand in Schmargendorf“ – insgesamt 16 Mieter der 190 Einheiten umfassenden Wohnanlage hatten vor dem Verwaltungsgericht Klage wegen „Besitzstörung“ eingelegt, um sich gegen die Dämmung ihrer Wohnungen zu wehren. Die erwartete Heizkostenersparnis fällt gegenüber der Mieterhöhung marginal aus. „Die wollen nur die Mieterhöhung verhindern“, meint ein junger Anwohner, „der Denkmalschutz wäre nur ein Mittel dazu gewesen.“

Anfang April 2017 berichtete dann der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) vom „vergeblichen Protest in Berlin-Schmargendorf“ – der Denkmalschutz für die Wohnhäuser kommt nun doch nicht. Nach letztem Stand sollen nur die Gartenanlagen in die Denkmalliste eingetragen werden, da an den Bauten bereits zu viel verändert wurde. Dies erfuhren die Mieter nicht direkt vom Landesdenkmalamt, sondern vor Gericht im Februar 2017 von der Vonovia, die sich nach eigenen Angaben im „ständigen Austausch mit dem Denkmalamt“ befand. Gegenüber dem rbb erklärte die Vonovia zudem, dass das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf ihr bereits im September 2016 „nach Prüfung“ der Planungen „bestätigt“ habe, dass das Bauvorhaben „mit baukulturellen Belangen vereinbar“ sei.

Schmargendorfer Mieterprotest

Mieter Fred Grätz fühlt sich betrogen, zumal laut dem in Berlin geltenden Denkmalschutzgesetz die Denkmalliste „eben nicht mehr konstitutiv, also rechtserzeugend, sondern nur noch deklaratorisch, also rechtsbezeugend“ sei. Als Rentner engagiert sich Grätz als Sprecher des „Schmargendorfer Mieterprotestes“. Auch der pensionierte Denkmalpfleger Dr. Dieter Worbs, der als Mitglied des Denkmalbeirats die Eintragung empfohlen hatte, bedauert die nun ungehindert fortschreitenden Baumaßnahmen und bezeichnet sie angesichts der Bausubstanz als „unnötig“. Holzkastenfenster und massive Ziegelwände von 38 bis 50 Zentimetern Dicke bieten bereits mehr Isolation als viele konstruktive Lösungen der Nachkriegszeit.

Im selben Bezirk, etwas weiter südlich befindet sich die „Gartenstadt am Südwestkorso“, auch bekannt als „Künstlerkolonie“. Die 1927 bis 1930 für sozial nicht abgesicherte Künstler und Schriftsteller erbaute Siedlung steht seit 1990 unter Denkmalschutz und gehört ebenfalls der Vonovia. Obwohl die Bausubstanz dieser Siedlung mit der in der Orber Straße vergleichbar ist, sieht die Vonovia hier keinen Bedarf zur energetischen Sanierung.

„Man kann das doch so machen, dass es wie aus den 30ern aussieht“, meint ein älterer Anwohner, der wenig Verständnis für die Beschwerden des „Schmargendorfer Mieterprotestes“ hat. Mit dieser Aussage hat er gewissermaßen Recht, doch auch hier muss man wieder mit Blick auf den Einzelfall entscheiden – gerade die konkrete Bauausführung bereitet den Mietern wohl mit die größten Sorgen. Sie befürchten Schimmel und Algen an ihren Wänden und werfen der Vonovia vor, nicht nur bei den verwendeten Produkten, sondern auch an der Verarbeitung zu sparen. Dämmplatten sollen bei Regen und beidseitig an Balkontrennwänden verklebt werden, ein Mieter will verhindert haben, dass ein Fensterblech ohne den erforderlichen Abflusswinkel montiert wurde, sodass das Wasser in seine Wohnung geleitet worden wäre. Hier steht Aussage gegen Aussage. Tatsächlich fällt aber beim Besuch der Baustelle auf, dass die Bauarbeiten relativ unkoordiniert ablaufen. An verschiedenen Ecken wurde mit der Dämmung begonnen. Wirklich abgeschlossen scheint die „Sanierung“ bisher nirgends zu sein, obwohl die Bauarbeiten nun ins dritte Jahr gehen. Einige Holzfenster liegen achtlos auf einem Haufen, andere sind noch in Takt.

Aus Sicht benachteiligter Mieter erlaubt die Energieeinsparverordnung den „Missbrauch der Dämmung“ zur Mietsteigerung. Sie befürchten außerdem, dass die Vorgehensweise deutschlandweit „Schule macht“ und Immobilienfirmen möglichst schnell „Fakten schaffen“, damit sie sich um den Denkmalschutz keine Sorgen machen brauchen – berichtete der rbb. Umgekehrt kann auch die Denkmalpflege Schlüsse aus diesem Misserfolg ziehen. Wäre für eine Modernisierung dieser Art beispielsweise eine Baugenehmigung notwendig, könnten die Behörden Zeit gewinnen, die Denkmalwürdigkeit rechtzeitig zu prüfen.

„Deutschland macht’s effizient“

Ob nun rechtens oder nicht – die Abläufe in diesem Fall bestätigen jedes Vorurteil gegenüber Behörden, die im Zweifelsfall nicht auf der Seite der Mieter, der Baukultur oder der Umwelt, sondern auf der Seite der „Wohnungskraken“ stehen – so bezeichnet Fred Grätz die Vonovia, die durch Übernahme weiterer Immobilienfirmen ständig ihre Rendite steigert. Gleichzeitig zeigt der Fall die aktuellen Problemstellungen der institutionellen Denkmalpflege auf: Wie könnte man, oder könnte man überhaupt den Unterschutzstellungsprozess demokratisieren? Die Empfehlung des unabhängigen Denkmalbeirates in Verbindung mit dem Engagement der Mieter zeigt ein öffentliches Interesse an den baukulturellen Werten der Wohnanlage. Obwohl ein solcher Wert fachlich bestätigt war, verlief das Verfahren sehr zögerlich und letztlich erfolglos.

Umweltschützer warnen vor den Folgen, die Kunststoffabfälle für Flora und Fauna haben. Auch Asbest galt lange Zeit als günstiger und sicherer Dämmstoff, bis man die Risiken erkannte. Trotz der Sondermüllklassifizierung von Dämmplatten aus Polystyrol wird auf den Seiten der Kampagne des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie „Deutschland macht’s effizient“ weiterhin zuallererst auf Polystyrol verwiesen, das nach Angaben der Kampagne „etwa drei Viertel aller gedämmten Gebäude in Deutschland“ verkleidet. Immerhin engagiert sich das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mit dem HolzbauPlus-Wettbewerb für das Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen und prämiert unter dem Motto „additive Ehrlichkeit“ auch eine Dämmung aus diesen Materialien, die im Gegensatz zu ihrem künstlichen Gegenstück komplett wiederverwertbar und biologisch abbaubar sind.

Der staatlichen Förderung der energetischen Sanierungen fehlt die Grundlage für wirklich nachhaltiges Wirtschaften, solange die klassische Immobilienbewertung von einer Lebenszeit weniger Jahrzehnte ausgeht, nach deren Ablauf das Gebäude für abrissreif oder zumindest grundlegend renovierungsbedürftig erklärt wird. Nicht nur Energieeinsparung sondern auch Ressourcenschonung und Abfallreduktion sollten in die Berechnungen einbezogen werden. Der Grauputz der 1930er Jahre hat bis heute gehalten. Die massiven Mauern lassen sich gegebenenfalls wieder auspacken, die hölzernen Kastenfenster und Haustüren wandern jedoch auf den Müll und sind damit unwiederbringlich verloren. Die Fassade des neu gebauten Europäischen Rates in Brüssel muss den betroffenen Mietern wie reiner Hohn erscheinen: Sie besteht aus eben diesen Holzfenstern, die den Bewohnern der traditionellen Berliner Mietshäuser und in ganz Europa teils gegen ihren Willen genommen werden.

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Verteidigen, was kein Denkmal ist

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Zweimal Bürofassade

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Vorher-Nachher-Platte

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Zweimal Bürofassade

von Daniel Bartetzko (17/2)

Eine energetische Ertüchtigung muss bei Bauten der Nachkriegsmoderne nicht zwangsläufig die Ästhetik ruinieren. Zwei gelungene Beispiele fürs „Revitalisieren“ von Bürohäusern der Wirtschaftswunderzeit, nur eines davon denkmalgeschützt, finden sich in Frankfurt/Main; beide ausgeführt durch das Büro Pielok Marquardt aus Offenbach.

Verkaufskontor der Farbwerke Hoechst

Seit Ende der 1990er Jahre unter Schutz steht das ehemalige Verkaufskontor der Farbwerke Hoechst im Stadtteil Sachsenhausen. Es wurde nach Plänen der Architekten Max Meid und Helmut Romeick 1955/56 errichtet und 1968 erweitert. Das Büro Meid & Romeick zeichnet für etliche Frankfurter Nachkriegsbauten verantwortlich, so für das Parkhaus Hauptwache (1956) und das Hochhaus der Schweizer National (1963/64) am Mainufer. Auch das Konrad-Adenauer-Haus in Bonn (1971, abgerissen 2003) war ihr Entwurf.

Für die Hoechst AG entstand ein gestreckter viergeschossiger Betonskelettbau mit Travertin-verkleideter Fassade, gerastert durch Fensterbänder und braunrote Verblendriemchen in deren Brüstungsfeldern. Den Haupteingang überfasst ein weit auskragendes, geknicktes Flugdach. In den 1980ern ersetzte man die ursprünglichen Metall- durch Kunststofffenster. Weitere Umbauten folgten 1997, als die Pensionskasse der fusionierten Hoechst AG die Immobilie zur Vermietung feilbot. Mit Auszug der letzten Mieter 2011 war eine Grundsanierung unumgänglich. Zwar unterliegt der Bau dank des Denkmalstatus nicht der Energieeinsparverordnung (EnEV), eine Vermietung an solvente gewerbliche Nutzer wäre aber aufgrund der hohen Energiekosten kaum mehr möglich gewesen.

Pielok Marquardt baut rück

Pielok Marquardt, die 2005 bereits das Schweizer-National-Hochhaus sanierten, gelang beim zweijährigen Umbau ein Kunststück: die Anmutung des Gebäudes zu erhalten und trotz starker Eingriffe in die Substanz mit dem Denkmalamt zu kooperieren. Das Kontorhaus wurde entkernt und, unter Beibehaltung der ohnehin wenigen bauzeitlichen Details im Inneren, geradezu rekonstruiert: Die neu aufgebrachte Travertin-Fassade erhielt eine zehn Zentimeter starke, hinterlüftete Wärmedämmung. Die Ziegelriemchen der Brüstungsfelder sind auf der neuen Dämmung verklebt. Insgesamt ist die Fassade um elf Zentimeter gewachsen. Ihre vollständige Rekonstruktion ermöglichte es jedoch, dies nahezu unmerklich auszuführen. Ein Sonnenschutz wurde in die neuen Metallfenster gelegt, welche in ihrer Anmutung wieder nahe am 1958er-Original liegen.

Zudem wurden im gesamten Gebäude Heiz-Kühldecken installiert. Sie reduzierten die Raumhöhe um wenige Zentimeter, machten aber die raumgreifenden Heizkörper obsolet. Die einzig gemauerten, tragenden Wände eines langen Flurs wurden zugunsten einer flexiblen Büroaufteilung in Pfeiler/Durchbrüche aufgelöst. Es entstanden pro Geschoss zwei Nutzungseinheiten, die frei einteil- und möblierbar sind. Dominierende Bestandteile im Inneren sind die teils originalen, teils rekonstruierten schwarzen Granittreppen samt Geländer. Sie lassen nie vergessen, dass man sich in einem fast 60 Jahre alten Bau befindet. 2016 wurde das Projekt beim Hessischen Denkmalschutzpreis mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Die Begründung: „Trotz des erheblichen Verlusts an originaler Bausubstanz ist die Sanierung (ein) positives Beispiel für die energetische Modernisierung eines vergleichsweise jungen Baudenkmals.“

Sanierung der VCI-Zentrale

Es geht auch ohne Denkmalschutz: Manchmal genügen ein Bauherr mit (ästhetischem) Anspruch und ein Architekt mit Sinn für Nachkriegsmoderne, um ein Gebäude zu revitalisieren wie gleichwohl zu retten. Das 1954/55 gebaute Scheibenhochhaus des Verbands der chemischen Industrie (VCI) in der Mainzer Landstraße ist ein Beispiel hierfür. Ursprünglich kleidete den Bau eine durch Lisenen gegliederte Steinfassade. In den 1980er Jahren erhielt die VCI-Zentrale eine entstellende Blechverkleidung und einen wuchtigen Dachaufbau. Seit 1997 arbeiten Pielok Marquardt für den VCI, die just vollendete Sanierung des Hochhauses entstand aus der Situation, nach einem möglichen Abriss nicht mehr in gleichem Umfang bauen zu dürfen: Das Gebäude ragt über die Fluchtlinie hinaus und übertrifft die Nachbarbebauung um etliche Geschosse.

Auch der VCI wurde entkernt, nur das bereits sanierte Erdgeschoss blieb unangetastet. Nun ziert den Bau eine zweischalige Fassade mit zentraler Lüftung, orientiert an der Tragstruktur des Gebäudes. Vor den Fenstern befinden sich hochrechteckige Prallscheiben, über ihnen im Inneren an der Decke jeweils Luftleitplatten, die zur Klimatisierung der Büros beitragen. Zudem wurden die Böden wie beim Hoechst-Gebäude gedoppelt, bei nur drei Meter Raumhöhe ein sensibles Unterfangen. Auch die Raumaufteilung ist heute komplett verändert, sodass Tageslicht quer durch die Etagen scheinen kann. Die Verblendung der Außenhülle mit Jura-Kalk kommt der einstigen Gestaltung nahe, das neu gebaute Obergeschoss schließt heute wieder mit einem Flugdach ab. Hier oben befindet sich die 1997 erneuerte Kantine, deren Interieur während der Sanierung eingelagert und wiederverwendet und ergänzt wurde.

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Frühjahr 17: Verdämmt!

Verteidigen, was kein Denkmal ist

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LEITARTIKEL: Ursula Baus über Sinn und Unsinn der grassierenden Dämmwut – und was das über unser Architekturverständnis aussagt.

Was schief gehen kann

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FACHBEITRAG: Dina Dorothea Falbe durchstreift Berlins Häuserschluchten.

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PORTRÄT: Daniel Bartetzko skizziert zwei Frankfurter Sanierungen.

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„Klartext!“

FACHBEITRAG: Thomas Rempen und 16 Master-Studierende werden laut und kreativ gegen den deutschen Dämmwahn.

"Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems"

„Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems“

INTERVIEW: Der bayerische Generealkonservator Prof. Mathias Pfeil spricht mit moderneREGIONAL über Forschung, Dämmung, Abwägung und Substanz.

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