Eine Sinalco in Darmstadt

Noch eben schnell eine „Abendpost Nachtausgabe“ kaufen und bei der Lektüre eine Sinalco süffeln? Geht nicht mehr: Sinalco gibt es noch immer, die Tageszeitung aus Rhein-Main wurde aber schon 1988 eingestellt. Doch am kleinen Kiosk in der Darmstädter Moltkestraße hängen wieder die passenden Werbeschilder, und vielleicht wird dort bald auch zumindest wieder Limonade ausgeschenkt. Die Initiative „Zusammen in der Postsiedlung e.V.“ bemüht sich unterm Titel „Kiosk 1975“ seit 2020 darum, den denkmalgeschützten Pavillon aus den frühen 1950ern wieder in Betrieb zu nehmen. Der Verein Darmstadtia e.V. hatte ihn vor über 30 Jahren übernommen und als Ausstellungsraum gepflegt, nachdem der Besitzer in den 1980er Jahren den Kiosk-Betrieb eingestellt hatte.

Dank eines sorgsamen Umgangs ist der Winz-Bau mit seiner Originalausstattung vom Kühlschrank über Zeitungsständer bis zu Werbetafeln nahezu vollständig erhalten geblieben. Mithilfe der ehrenamtlichen Vereinsmitglieder wird der Kiosk restauriert und soll mit Produkten aus den 1970ern wieder zum Quartierstreffpunkt werden. Das denkmalpflegerische und soziokulturelle Engagement der Initiative fand nun Würdigung an höchster Stelle: Der Verein „Zusammen in der Postsiedlung e.V.“ wurde mit dem Ehrenamtspreis des Hessischen Denkmalschutzpreises 2021 ausgezeichnet. Feiern kann man das hoffentlich bald am Kiosk-Tresen: ein Raider kauend, in der Hand einen Sechsämtertropfen – und im Hintergrund ertönt „Michaela“ von Bata Illic aus Kugellautsprechern. (db, 21.9.21)

Darmstadt, Kiosk Moltkestraße (Bild: Hewiha, CC BY-SA 4.0)

Facing Britain

Schon 1961 und 1967 hatte das United Kongdom, zunächst vergeblich, sein Beitrittsgesuch zur Europäische Wirtschaftsgemeinschaft eingereicht. Zwischen 1973 und 2020 gehörte Großbritannien dann offiziell zur Europäischen Gemeinschaft, doch schon immer lag zwischen England und dem Kontinent mehr als nur der Ärmelkanal. Mit der Ausstellung „Facing Britain“, einer Präsentation britischer Dokumentarfotografie seit den 1960er Jahren, wagt die Kunsthalle Darmstadt einen umfassenden Blick auf dieses Wechselspiel von Nähe und Distanz. Vermittelt durch über 250 Werke von fast 50 britischen Fotograf:innen können sich die Besucher:innen ein eigenes Bild von Geschichte und Gegenwart des Inselstaats machen.

Unter den gezeigten Werken finden sich bislang kaum bekannte Namen wie John Myers, Tish Murtha oder Peter Mitchell neben Starfotograf:innen wie Martin Parr und David Hurn. Kuratiert wurde die Ausstellung vom Filmemacher Ralph Goertz vom Düsseldorfer Institut für Kunstdokumentation und Szenografie (IKS). Er zeigt darin ein Land zwischen absurdem Humor, pittoresker Kleinbürgerlichkeit und (post-)kolonialem Multikulti. Die Wanderausstellung war bereits im Museum Goch zu sehen, weitere Stationen sind in Goslar und Krakau vorgesehen. Begleitend erscheint ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König. Die Ausstellung ist in der Kunsthalle Darmstadt noch bis zum 9. Januar 2022 zu sehen. (kb, 20.9.21)

Peter Mitchell, Mr & Mrs Hudson, Leeds, 1974, © Peter Mitchell

Peter Mitchell, Mr & Mrs Hudson, Leeds, 1974 (Bild: © Peter Mitchell)

Paul Reas, I can help, 1988, © Paul Reas

Paul Reas, I can help, 1988 (Bild: © Paul Reas)

Homer Sykes, An alfresco picnic Derby Horse Race Epsom Downs, Surrey 1970, © Homer Syke

Homer Sykes, An alfresco picnic Derby Horse Race Epsom Downs, Surrey 1970 (Bild: © Homer Syke)

Dave Sinclair, Black Copper, London, 1985, © Dave Sinclair

Dave Sinclair, Black Copper, London, 1985 (Bild: © Dave Sinclair)

Titelmotiv: Martin Parr, from „The Last Resort“, New Brighton, 1983-85 (Bild: © Martin Parr, Magnum Photos)

Darmstädter Bauhaus-Impulse

Zugegeben, im Bauhaus-Jahr 2019 gräbt gerade jede institution nach Zusammenhängen mit der Weimarer Kunstschule. Die Mathildenhöhe in Darmstadt muss aber keine kühnen Theoriegebäude konstruieren, um ihren Bauhaus-Bezug zu finden. Die 1899 durch Großherzog Ernst Ludwig gegründete Künstlerkolonie zählt durchaus zu den einflussreichen Vorgängern des Neuen Bauens; auszumachen unter anderem am zentralen Ernst-Ludwig-Haus, dessen Kubatur die (kommende) Sachlichkeit in Architektur und Design bereits andeutet. Und derer man nun in einer neuen Ausstellung ansichtig werden kann.

Die Sonderschau „Künstlerhaus-Meisterhaus-Meisterbau“ thematisiert im Institut Matthildenhöhe (Olbrichweg 14, 64287 Darmstadt) bis zum 20. Oktober 2019 drei Bereiche: Da ist zum einen einstige Darmstädter Bauausstellung „Ein Dokument Deutscher Kunst“ von 1901, es folgt ein Blick auf die Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau sowie die erste Bauhaus-Ausstellung noch in Weimar. Und schließlich werden auch die Darmstädter Meisterbauten präsentiert, die Anfang der 1950er in Bezug zur ersten Künstlerkolonie- Ausstellung von 1901 entstanden. Zu den ausgeführten Objekten zählen unter anderem das Ledigenheim von Ernst Neufert, die Frauenklinik von Otto Bartning und das Ludwig-Georgs-Gymnasium von Max Taut. Also lassen Sie sich nicht vom allgegenwärtigen Bauhaus-Fieber abschrecken, der Besuch in Darmstadt lohnt sich! (db, 19.7.19)

Darmstadt, Ernst-Ludwig-Haus (Bild: Jean-Pierre Dalbéra, CC BY 2.0, 2013)