DDR

Eisenach, Elefantenrutsche (Bild: Dk0704, CC BY SA 4.0, 2018)Eisenach, Elefantenrutsche (Bild: Dk0704, CC BY SA 4.0, 2018)

Beton Ost

Im Eisenacher Thälmannviertel musste der Beton 2018 hinter Gitter, genauer gesagt hinter Absperrgitter. Dabei kommt die Ostmoderne in der Wilhelm-Pieck-Straße maximal niedlich daher: als Elefantenrutsche. Doch als die – von der Produktionsgenossenschaft „Kunst am Bau“ ab 1962/65 in Serie gefertigte – Spielplastik in die Jahre gekommen war, schien sie den Eigentümern mit einem Mal zu gefährlich für ihre Nutzer. Die Rüsselrutsche sollte weg, bis die Stadt nach öffentlichen Protesten der Elternschaft dann doch Sanierungsangebote einholte. Ab Mai wird der Betonelefant fachgerecht durchrepariert – und bekommt gleich noch die Stoßzähne gestutzt, sicherheitshalber. Auch andernorts werden die künstlerischen Erzeugnisse der DDR-Zeit entschärft, baulich wie sprachlich.

Mitte der 2000er Jahre hatte sich, nach politisch korrektem Herumgestottere, endlich ein pressetauglicher Name für das Bauen der DDR-Zeit durchgesetzt: die Ostmoderne. Der Stilbegriff ließ sich damit leichter vom kontaminierten Staatsbegriff trennen und zog (fast) gleichauf mit der BRD-Moderne, die wiederum keiner so betiteln mochte. Die zeitliche Lücke, in der sich die DDR auf Sowjetgeheiß in nationalen Eigenformen versucht hatte, wurde zur verzögerten, zur „verspäteten Moderne“ aufgehübscht. Nur langsam kam die neue Wertschätzung der Ostmoderne in der Praxis an: In Leipzig etwa musste 2008/12 die markante Hochhausreihe am Brühl (1968, H. Krantz und Kollektiv) einer Neubebauung weichen. Nur mit Müh und Not blieb der benachbarten Warenhaus-„Blechbüchse“ das gleiche Schicksal erspart. In Hamburg zeichnet sich mit den Lookalikes, den Cityhöfen (1957, R. Klophaus) gerade ein ähnlicher Sieg des real existierenden Investorenkapitalismus ab. Auch eine Form der Wiedervereinigung.

Was nach Leipzig zurückkehren durfte, war die Baudekoration. Seit Kurzem grüßt vom Dach der Neubauten die DDR-Leuchtschrift: „Willkommen in Leipzig!“ In den letzten Monaten wird so manche baugebundene Kunst aus der ideologischen Quarantäne der Keller und Lapdarien hervorgeholt und neu im öffentlichen Raum platziert. Im fachlichen und medialen Diskurs wird zeitgleich der Begriff der DDR-(Bau-)Kunst wieder salonfähig. Mit dem größer werdenden zeitlichen Abstand neutralisiert sich offensichtlich die ein oder andere immaterielle Grenzziehung der (k)alten Krieger. Selbst im rekonstruktionsgeplagten Potsdam scheint das lange abrissbedrohte „Minsk“ nun erfreulicherweise als Museum für – sic! – ostmoderne Kunst zu überleben. Nach innen wohl in Form eines wertneutralen White-Cube, denn die belorussisch verantwortete Originalausstattung ist längst verlorengegangen. Hipster aller Länder vereinigt euch! (22.4.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Eisenach-Thälmannviertel, Elefantenrutsche, 1967 (Bild: Dk0704, CC BY SA 4.0, 2018)

Martin Maleschka mit Baukeramik von Horst Ring (Bild: Robert Büschel, 2019)

Maleschka puzzelt

Martin Maleschka ist große Kunst gewohnt, in Qualität wie in Quadratmetern: Seit einigen Jahren hat sich der Architekt und Fotograf auf baubezogene Kunst der DDR-Zeit spezialisiert. Dieser Leidenschaft kann er aktuell in Cottbus nachkommen, wo er eine als verschollen geltende Wandkeramik ausfindig machen konnte. Horst Ring, der im September seinen 80. Geburtstag feiern darf, gestaltete das Kunstwerk 1985 für die Aula der damaligen 34. Polytechnischen Oberschule in Cottbus-Neu-Schmellwitz.

Der Grafiker, der seit 1968 in Cottbus lebt und arbeitet, prägte die Stadt mit zahlreichen Kunstwerken im öffentlichen Raum. Für diese Wandkeramik, die 2011 von einer Fliesenlegerfirma demontiert und eingelagert wurde, nahm er sich die sorbische Kultur zum Thema: historische Häuschen neben standardisierten Neubauten und einem Kirchturm, der höchst symbolträchtig „5 vor 12“ zeigt. Ein Teil dieses zerlegten Werks wird an diesem Donnerstag, am 28. Februar ab 18 Uhr im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst (Dieselkraftwerk CB, Uferstraße/Am Amtsteich 15, 03046 Cottbus, Eintritt: 4 Euro) wieder zu sehen sein: anlässlich der Buchpräsentation von „DDR. Baubezogene Kunst. Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990“. Mit dieser bei DOM publishers erschienen Publikation liefert Maleschka zugleich einen Architekturführer der besonderen Art. (kb, 26.2.19)

Martin Maleschka mit Baukeramik von Horst Ring, Meißner Baukeramik, Glasurmalerei mit keramischen Farben, Keramische Werke VEB Plattenwerk „Max Dietel“, Meißen, 1.035 x 210 cm (Bilder: Robert Büschel, 2019)

Auf dem Rummelplatz, Berlin, 1969 (Bild: © Roger Melis Nachlass)

Die Ostdeutschen

Roger Melis (1940-2009) gilt als führender Vertreter des ostdeutschen Fotorealismus. Bekannt wurde er in den 1960er und 1970er Jahren vor allem für seine Künstlerporträts – ob Anna Seghers, Heiner Müller, Christa Wolf, Sarah Kirsch oder Wolf Biermann. Mit der Kamera dokumentierte der Berliner Fotograf aber ebenso die unbekannten Bewohner der DDR zwischen dem Bau und dem Fall der Mauer. Über drei Jahrzehnte hielt Melis so ganz unideologisch das Alltagsleben im „Arbeiter und Bauern“-Staat fest.

Die Ausstellung „Roger Melis. Die Ostdeutschen“ ist vom 12. April bis zum 28. Juli 2019 zu sehen in der Berliner Reinbeckhallen (Reinbeckstraße 17). Die Vernissage wird am 11. April um 19 Uhr begangen. Die von der Stiftung Reinbeckhallen ausgerichtete und von Mathias Bertram kuratierte Ausstellung – eine Kooperation mit der LOOCK Galerie und dem Roger Melis Archiv – bildet die bislang umfangreichste Retrospektive der DDR-Fotografien von Roger Melis. Begleitend erscheinen im Lehmstedt Verlag „Die Ostdeutschen“ mit Reportagen und Porträts aus dem Nachlass des Künstlers sowie eine zweisprachige Neuausgabe von „In einem stillen Land“. (kb, 18.2.19)

oben: Auf dem Rummelplatz, Berlin, 1969; unten: Eva-Maria Hagen, Berlin, ca. 1965 (Bilder: © Roger Melis Nachlass)

Kunsthalle Rostock (Bild Kunsthalle Rostock, CC by SA 3.0)

Kunsthalle Rostock: 50 Jahre Baugeschichte

Dass man in der DDR für viele Dinge einen langen Atem brauchte, ist bekannt. Auf einen Trabant etwa konnte man schon einmal 12 Jahre lang warten. Alle Rekorde hat jedoch die Kunsthalle Rostock gesprengt, die auch lange nach dem Ende des Arbeiter- und Bauernstaates noch an diesem Grundsatz festhielt. Kürzlich erhielt der Bau mit dem neuen Schaudepot endlich seinen Erweiterungsbau – geplant war dieser bereits seit der Eröffnung im Jahr 1969.

Die Galerie war das einzige neugebaute Kunstmuseum der DDR und entstand nach Plänen von Hans Fleischhauer und Martin Halwas. Die Realisierung des Erweiterungsbaus wurde jedoch erst fast 50 Jahre später durch die Fördergelder des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ möglich. Den Entwurf lieferten die Büros buttler architekten und matrix Architektur, die auch für die anstehende Sanierung der Kunsthalle verantwortlich zeichnen. Der Neubau aus Glas und Stahl orientiert sich mit seiner kubischen Form am Bestand und ergänzt den ostmodernen Museumsbau um einen zeitgenössischen Akzent. (jr, 23.11.18)

Rostock, Kunsthalle (Bild: Kunsthalle Rostock, CC BY SA 3.0)

Lichtschalter "System 80" (Bild: PD)

Designer Wolfgang Dyroff ist tot

Gestern meldete die „Freie Presse“ (und FG Ostmodern fischte die Nachricht aus dem Netz), dass der Fotograf und Designer Wolfgang Dyroff bereits am 4. Oktober in Lilienthal bei Bremen verstorben ist. Geboren wurde Dyroff am 13. April 1923 in Berga in Thüringen. Vor 1945 als ausgebildeter Fotograf tätig, wirkte er nach Kriegsende mit dem Formgestalter Horst Michel am Wiederaufbau der Hochschule in Weimar (heute: Bauhaus-Universität), wo er zugleich seinen Abschluss machte. Gemeinsam mit Michel gestaltete er in dieser Zeit u. a. Spielzeug, darunter eine Holzeisenbahn und einen Bauernhof-Baukasten. In der Folge arbeitete er, weiter in Weimar, am Institut für Innengestaltung.

1959 wechselte Dyroff ans Institut für angewandte Kunst beziehungsweise am Zentralinstitut für Gestaltung, später ans Amt für industrielle Formgestaltung in Berlin, wo er bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1989 wirkte. Dyroff war beispielsweise beteiligt am Aussehen des Wartburg 353 und des Trabant P 50, am Handstaubsauber der Marke Omega (vormals VEB Elektrowärme Altenburg), an der Bohrmaschine HGM 250 Multimax, an der Lampe Modell P 605, an Schaltern und Steckdosen des ab den 1960er Jahren äußerst erfolgreichen „Systems 80“. (kb, 13.10.18)

Lichtschalter, System 80 (Bild: PD)

Kunsthalle Rostock (Bild Kunsthalle Rostock, CC by SA 3.0)

Der sozialistische Musentempel

1969 eröffnete in Rostock das erste neu erbaute Kunstmuseum der DDR – es sollte das einzige bleiben. Nichtsdestotrotz kam der Institution Museum im Arbeiter und Bauernstaat eine besondere gesellschaftliche und politische Rolle zu. Als Bildungseinrichtung mit breiter Adressatenschaft waren Museen für die um historische und kulturelle Deutungshoheit bemühte Staatsführung nicht zu vernachlässigen. Vom 2. bis 4. Juni 2019 widmet sich die internationale Tagung „Museen in der DDR“ diesem wissenschaftlich bislang kaum bearbeiteten Forschungsfeld.

Im Fokus stehen die Spezifika des DDR-Museums, egal ob es sich um eine Kunstgalerie, ein Naturkundemuseum oder das historisch-materialistisch aufgebaute und damit hochpolitische Museum für Deutsche Geschichte in Ost-Berlin handelt. Ziel der Veranstaltung ist ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand, der auch in einem Tagungsband festgehalten werden soll. Die Tagung ist Teil des Jubiläumsprogramms anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Kunsthalle Rostock, die dem Konvent als Tagungsort eine passende Bühne bietet. Der Call for Papers läuft bis zum 30. November 2018, Abstracts (max. 2000 Zeichen inkl. Leerzeichen + Kurzlebenslauf) können hier eingereicht werden. (jr, 12.10.18)

Rostock, Kunsthalle (Bild: Kunsthalle Rostock, CC BY SA 3.0)