Kulturdenkmal Ferienwohnung

Der Schwarzwald ist um ein Kulturdenkmal reicher: In Sasbachwalden-Brandmatt ist eine Ferienwohnanlage vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg unlängst als Denkmal gelistet worden, wie die BNN berichten. Es ist ein besonderes Kleinod, das hier im Schatten der Hornisgrinde entstand. Anstelle anheimelnder Holzhütten erwarten Terrassenhäuser mit Laubengang-Erschließung die Gäste. Die fahren erst einmal über eine Ringstraße in das „Dorf im Dorf“ und parken dann direkt unter ihrem Apartment. In der Mitte des Rings befindet sich das ursprünglich als Hotel errichtete Haupthaus.

Gebaut wurde die Anlage zwischen 1971 und 1975 nach Plänen von Heinz Jakubeit und Gerhard Seebacher. Um das Haupthaus herum ordneten Jakubeit und Seebacher die Terrassenhäuser in gestaffelten Zeilen an. Durch ihre Fassaden und Satteldächer in braunen Faserzementplatten wurden sie harmonisch in die Landschaft eingebunden. Grün gefasste, metallene Balkonbrüstungen und Geländer an den Laubengängen sowie Stützmauern aus Sichtbeton zählen zum bauzeitlichen Farbkonzept. Man mag sich dabei vielleicht am winterlichen Schwarzwald orientiert haben? Obwohl das Hotel samt Restaurant inzwischen ebenfalls zu Ferienwohnungen umgebaut wurde, hält es bis heute Schwimmbad und Sauna für Urlauber:innen vor. Der außergewöhnliche Erhaltungszustand hat auch die Denkmalpflege überzeugt und lässt die Ferienträume der Flower-Power-Ära noch heute wahr werden. (mk, 20.2.21)

Sasbachwalden-Brandmatt, Ferienwohnungen (Bild: booking.com)

Sieht gut aus – drei Neue aus dem Denkmalfach

Strenge Calvinisten und denkmalaffine Leser haben eins gemeinsam: Sobald es Spaß macht, überkommt sie das flaue Gefühl, dass irgendetwas falsch läuft. Immerhin geht es um eine ernsthafte Angelegenheit. Dabei machen gleich drei neue Publikationen der amtlichen Denkmalpflege vieles richtig: „Wohnen 60 70 80“ bietet einen Überblick zum Wohnungsbau eben jener Jahrzehnte, „Gotteszelt und Großskulpturen“ porträtiert beispielhaft zwölf baden-württembergische Kirchen der Nachkriegsmoderne und das Arbeitsbuch „Denkmal Europa“ lädt die jüngere Zielgruppe ein, sich der Kulturlandschaft in ihrer ganzen Bandbreite zu nähern. Alle drei verbinden ein ansprechendes Äußeres mit einer Kern-Botschaft, die man nicht oft genug wiederholen kann (und Detlef Knipping tut dies in seinem Einleitungstext zu „Wohnen“): „Um Denkmäler zu schützen, muss man sie kennen“.

„Ich wohne, wie ich sein will“

Mit „Wohnen 60 70 90“ legt die Arbeitsgruppe Inventarisation der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger aktuell ein Buch vor, wo auf der Leipziger Denkmal-Messe eigentlich eine ganze Ausstellung stehen sollte. Was Corona verhinderte, lenkt den Blick umso stärker auf die Publikation, die mehr sein will als ein Begleitkatalog. Als edel aufgezogene Gattungstopographie wagt sie eine Gesamtschau der west- wie ostdeutschen Wohnlandschaft der späten Moderne.

Grußwort und Einleitungstext – was tut ein guter Inventarisator mit dieser Epoche und warum – überlassen die Bühne rasch den Einzelbeispielen. Dafür werden diese straff gegliedert, mal chronologisch, mal thematisch: Privathäuser, Politiker-Apartments, Hochhäuser, Flächensiedlungen, Großsiedlungen, Altstadt-Aneignungen und bunte Vögel. Die Texte nähern sich den Objekten nüchtern beschreibend. Die Pläne und (menschenleeren) Fotografien erlauben einen Blick in die Wohnstuben, wo man als architekturbegeisterter Passant nur außen vor bleiben würde. Am Ende bietet diese Sammlung eine hervorragende Sehschule für eigene Erkundungsgänge – und nicht zuletzt eine Messlatte für die folgende Inventarisation in den einzelnen Bundesländern.

„Gebaute Bilder“

Obwohl beide als Katalog zu einer Ausstellung entstanden, schlägt „Gotteszelt und Großskulptur“ bewusst einen anderen Weg ein. Das Kirchenbuch fasst sich weniger amtlich an, um im Inneren zwischen Monographie und Einzelporträts auszubalancieren. Neben Grußworten und zwei sehr übersichtlichen Beiträgen zur evangelisch-landeskirchlichen und römisch-katholischen Liturgieentwicklung ist es vor allem die Autorin Melanie Mertens, die eine Geschichte der Kirchenbauten der 1950er bis 1979er Jahre unternimmt. Sie gliedert teils nach Jahrzehnten, teils nach Stilepochen, um am Ende zum Schluss zu kommen: „Um 1960 kristallisieren sich konfessionell unabhängig zwei Grundrichtungen heraus“: eine „funktional-analytische“ (eckig, nüchtern) und eine „plastisch-dynamische“ (organisch, geschwungen). Letztere identifiziert Mertens mit den bereits von Kerstin Wittmann-Englert 2006 herausgearbeiteten „gebauten Bildern“, die Wittmann-Englert damals noch weitherziger als „Assoziationsträger“ angelegt hatte.

Wo die Bauzeit selbst von innen (Liturgie) nach außen (Form) argumentiert, sortiert Mertens von außen (Bautypus) nach innen (Gestaltungsidee). Daran anschließend porträtieren verschiedene Autoren im zweiten Buchteil zwölf Kirchenbauten der Region. Die Gliederung ihrer Beiträge variiert, gemeinsam sind ihnen die treffenden, zumeist aktuellen Bilder. Die Publikation versammelt viele bemerkenswerte Baukunstwerke. Damit ist ein wichtiger erster Schritt getan, um sich der süddeutschen Kirchenlandschaft der Moderne anzunähern. Nun obliegt es den Lesern und regionalen Inventarisatoren, auch die zunächst unscheinbaren Spielarten von gelebter und gebauter Kirche zu entdecken – gerade hier hat das Heimatland der „Pietkong“, der Missionsorden und Gebetskreise viel zu bieten.

„Fühl mal!“

Um noch einmal den Einleitungstext zu „Wohnen“ von Detlef Knipping anzuführen: „Jedoch brauchen die jungen Denkmäler oftmals mehr als einen Eintrag in die Denkmalliste durch einen Verwaltungsakt.“ Diesen Job übernimmt das „Workbook für Zeitreisende“ von Denkmal Europa, wieder herausgegeben von der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger. Man richtet sich hier direkt an Kinder und Jugendliche, die damit auf Erkundungstouren durch ihre nähere Umgebung gehen sollen. Im Buch können Sie notieren, kommentieren und Anregungen für die kreative Auseinandersetzung mit dem Thema finden. Es macht Hoffnung, dass die Moderne hier weder ausgespart noch besonders hervorgehoben, sondern wie selbstverständlich mit gemeint und vorgestellt wird. Online können die Materialien, inkl. didaktischer Begleitmedien, gratis heruntergeladen werden. Und hier schließt sich wieder der Kreis, denn das Workbook orientiert sich – wie schon die beiden zuvor besprochenen – in seiner zeitgemäßen Gestaltung wohltuend an der Zielgruppe. (kb, 21.12.20)

Zum Weiterlesen

Wohnen 60 70 80. Junge Denkmäler in Deutschland, hg. von der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2020, gebunden, 28 x 21 cm, 224 Seiten, 315 Abbildungen, ISBN 978-3-422-98154-6.

Gotteszelt und Großskulptur. Kirchenbau der Nachkriegsmoderne in Baden-Württemberg (Arbeitshefte – Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart 38), hg. vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Thorbecke-Verlag, 2019, Paperback, 30 x 21 cm, 248 Seiten, 420 Abbildungen, ISBN 978-3-7995-1394-4.

Denkmal Europa. Das Workbook für Zeitreisende, hg von der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, Wiesbaden 2020, 95 Seiten, geheftet, 21 x 29,5 cm, ISBN 978-3-00-066572-1. Gratis-Download als pdf.

Bilder: Details der Buchcover, Titelmotiv: denkmal-europa.de

Adieu Landesdenkmalrat?

Der „Entwurf eines Gesetzes zur Neufassung des Gesetzes zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler im Lande Nordrhein-Westfalen“ (Reinhard Mey summt im Hintergrund leise mit …), kurz Denkmalschutzgesetz-Entwurf NRW, liegt vor. Und der Verband Deutscher Kunsthistoriker, kurz VDK, is not amused. So zumindest liest sich die gestrige Stellungnahme des VDK: „Die Attraktivität der Arbeit in der Denkmalpflege droht […] deutlich geschwächt zu werden, womöglich erheblichen Schaden zu nehmen.“ Konkret geht es dem Berufsverband um die Partizipation, die Teilhabe an Denkmalpflege-Entscheidungen.

Im Detail kritisiert der VDK vier Punkte: 1) Für Bodendenkmäler würden künftig andere Regeln gelten als für Baudenkmäler. 2) Für Denkmäler sollen Kriterien und Materialien ins Spiel kommen wie sonst nur für Neubauten. 3) Seit 1980 im Gesetz vorgesehen, aber nie eingeführt, würde der Landesdenkmalrat nun endgültig gestrichen – und damit eine offene, fachlichen Teilhabe. 4) Aus der jetzigen formellen Benehmensherstellung zwischen den Unteren Denkmalbehörden und den Fachämtern der Landschaftsverbände (LVR/LWL) würde eine schlichte Anhörung. Damit würde die Stimme der dafür ausgebildeten, nicht an kommunale Interessen gebundenen Fachleute geschwächt. Und der Beruf des Denkmalpflegers könnte in NRW künftig an Reiz verlieren. (kb, 2.7.20)

„Lange Bank“ der Berlin-Coblenzer Eisenbahn im Marburger Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Bild: Reinhard Dietrich, PD, 2010)