Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg

Denkmalschutzpreis

Moderne erwünscht (Bild: K. Berkemann)
Moderne erwünscht (Bild: K. Berkemann)

Moderne erwünscht – für den Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg sucht man nach guten Beispielen aus dem letzten Jahrhundert. „Angesichts eines wachsenden Bewusstseins für architektonische Leistungen des 20. Jahrhunderts“, so die Ausschreibung, „werden Bewerbungen für Maßnahmen an Bauwerken seit den 1920er Jahren und insbesondere der Nachkriegszeit besonders begrüßt“. Gemeinsam rufen der Schwäbische Heimatbund, der Landesverein Badische Heimat und die Wüstenrot Stiftung zur Teilnahme auf. Bewerben können sich private Eigentümer, verliehen wird das Preisgeld von insgesamt 25.000 Euro im Jahr 2015.

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal „Haus am Dom“

der Architekt Jochem Jourdan im Gespräch (20/1)

Das ehemalige Frankfurter Hauptzollamt ist kein ausgewiesenes Denkmal. Dennoch wurde es bei seinem Umbau von 2003 bis 2006 wie eines behandelt. Der 1926/27 vom nicht mal 30-jährigen Werner Hebebrand (1899-1966) gestaltete Bau in prominenter Lage am Kaiserdom war sowohl Teil des Neuen Frankfurt (Hebebrand zählte von 1925 bis 1929 zum Mitarbeiterstab von Ernst May) als auch eines der letzten Relikte der 1944 zerstörten Altstadt. Je länger das Zollamt mehr oder weniger unberührt die Zeiten überdauerte, desto stärker wurde es trotz seiner modernen Formen als Teil jenes verlorenen Sehnsuchtsorts erkannt, entwickelte sich zum emotionalen Denkmal.

Frankfurt, Haus am Dom (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

Frankfurt, Haus am Dom (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

Die Stadt hatte die Immobilie Anfang der 2000er Jahre ans Bistum Limburg verkauft, das hier das „Haus am Dom“ plante; eine katholische Bildungs-, Konferenz- und Veranstaltungsstätte. Nach Wettbewerb übernahm die Planungen hierfür das Frankfurter Büro Jourdan & Müller Steinhauser Architekten, das mit Bauen im Bestand seit Langem vertraut ist. Und sich doch mit teils harschen Reaktionen auf die ersten Entwürfe konfrontiert sah. Vor allem das zunächst vorgesehene Flachdach und die Fassadengestaltung fanden keinen Anklang. Die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth wurde zitiert, „es ziehe ihr die Schuhe aus“.

Jochem Jourdan plante um und entschied sich für ein Satteldach. Nicht nur beim Altbau, sondern auch beim neu zu errichtenden Kopfbau am Südende, der an den kaiserlichen Krönungsweg grenzt und für den ein nach 1945 wiedererrichteter Bauteil abgerissen wurde. So heftig die Kritik am ersten Entwurf war, so einhellig war das Lob für den realisierten zweiten: Das „Haus am Dom“ wurde am 14. Januar 2007 durch Bischof Franz Kamphaus eröffnet. 2008 zeichnete es der BDA Hessen mit der Martin-Elsaesser-Plakette aus, im gleichen Jahr wurde es vom Land Hessen als „Vorbildlicher Bau“ prämiert. Alt-Bürgermeisterin Petra Roth ist heute oft zu Gast.

Daniel Bartetzko traf sich mit Jochem Jourdan im Haus am Dom – zu einem Gespräch über ein nicht denkmalgeschütztes Denkmal der 1920er Jahre – und wie man es samt seiner Umgebung wieder für die Stadtgesellschaft öffnet.

Frankfurt, Haus am Dom (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

Frankfurt, Haus am Dom (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

DB: War das Haus am Dom, dessen Bau ja stets unter öffentlicher Beobachtung stand, ein schwieriges Projekt?

JJ: Das Flachdach fand keinen Anklang – also haben wir Änderungen vorgenommen. Doch als schweren Konflikt hatten wir das nicht empfunden. Werner Hebebrand ging es übrigens genau so: Auch er wollte in den 1920ern erst ein Flachdach bauen. Die Proteste der Frankfurter Altstadtfreunde um Fried Lübbecke führten dann zum schließlich ausgeführten Satteldach. Bischof Kamphaus als unser Bauherr war immer offen und interessiert, und die Vorgabe, dass der ehemalige Zollabfertigungssaal im Erdgeschoss fürs Museum für Moderne Kunst als Ausstellungsraum verbleiben sollte, war auch von Anfang an klar. Wir konnten also das Projekt weitgehend planungsgemäß umsetzen und standen immer in Dialog. So gesehen war das Haus am Dom also kein ungewöhnlich schwieriges Projekt.

Frankfurt, Haus am Dom (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

Frankfurt, Haus am Dom, ehemaliger Zollsaal mit verschlossener Bodenöffnung (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

DB: Die Bausubstanz der 1920er Jahre, bei der viele Materialien, für die damals noch keine Langzeiterfahrungen vorlagen, verwendet wurden, bereitet heute oft Probleme. Gab es auch hier böse Überraschungen?

JJ: Da das Gebäude sowohl 1926/27 als auch beim vereinfachten Wiederaufbau Ende der 1940er Jahre sehr sorgsam ausgeführt wurde, fanden wir kaum Schäden vor. Es handelt sich um einen Stahlskelettbau, dessen Stützen mit Backsteinen verkleidet sind. Hilfreich für die Substanz war natürlich, dass Werner Hebebrand selbst auch den Wiederaufbau leitete. Er kannte die Konstruktion und beschwor keine unbeabsichtgten Folgeschäden herauf, wie sie durch unpassende Materialien, Isolierung oder nicht durchdachte Statik entstehen können.

Frankfurt, Haus am Dom, wiederhergestellte Farbfassung im Flur
(Bild: Daniel Bartetzko)

Die Nachkriegsgestaltung ist ja heute auf den ersten Blick nicht mehr zu erkennen, doch unter dem neuen Satteldach blieb zum Beispiel das nahezu unveränderte Flachdach bestehen. Im Büroflur des vierten Stocks ist es anhand der geknickten Betonträger noch immer ablesbar. Und wie viel 1920er auch um das Jahr 2000 noch im Gebäude steckten, offenbarten die Wände: In jeder Etage kamen die ursprünglichen Farbfassungen zum Vorschein, ebenso fanden sich Teile des zugehörigen Linoleumbodens. Somit ist in den Büroetagen jetzt wieder die originale Gestaltung zu finden. Selbst feine Details wie die abgerundeten Türlaibungen haben bis heute jede Renovierung seit 1945 überdauert. Genauso das verglaste Eck-Treppenhaus an der Nordseite, das man als Zitat der Fagus-Werke von Walter Gropius und Adolf Meyer lesen kann. In den geschmiedeten Eisenfenstern blieben die bauzeitlichen Bleiverglasungen von Hans Leistikow erhalten. Dieses auch von uns kaum veränderte Treppenhaus wird heute nicht beheizt, um Kondenswasserbildung zu vermeiden.

DB: Durch Abriss und den Neubau des sogenannten Domforums am Südende haben Sie den alten Baukörper aufgebrochen. Zwischen altem und neuem Teil befindet sich nun über dem ebenfalls neuen Haupteingang eine Art vertikales gläsernes Foyer. Ist das gewollte Unruhe?

JJ: Es ist ein Schritt hin zur früheren Kleinteiligkeit der Bebauung gewesen, die ja heute mit der neuen Altstadt vollends wiederhergestellt ist. Man erkennt das Haus am Dom von nahem als Einheit, aus der Entfernung ist es dagegen, obwohl immer noch groß, Teil der Parzellierung. Der gekrümmte Hebebrand-Bau weist in der Domstraße auch kunstvoll den Blick aufs Domportal. Und durch das Verlegen der Tiefgaragen-Einfahrt, die direkt neben dem Portal lag, ist nun der Platz vorm Dom ebenfalls wieder zum öffentlichen Raum geworden. Er wird unter anderem durch den neuen Kopfbau gerahmt. In dessen Giebelsaal haben wir zwei weitere Leistikow-Fenster integriert, die aus einem Depot des Bistums stammen. Sie entstanden in den frühen 1950ern und waren ursprünglich in der Wahlkapelle des Doms verbaut.

Frankfurt, Haus am Dom, Einfahrt zur Tiefgarage (Bild: Daniel Bartetzko)

DB: War die Tiefgarageneinfahrt der neuen Altstadt also im Weg?

JJ: Sie durchschnitt den Zugang über die Domstraße Richtung Altstadt und weiter Richtung Main, auch wenn sie als solches gar nicht so beherrschend war. Jetzt ist die Einfahrt einige Meter nach Norden versetzt und im Untergeschoss des ehemaligen Zollsaals im Hebebrand-Bau integriert. Hierfür wurde ein Fensterelement durch ein Tor ersetzt und die Rampe hinunter so geneigt, dass die rückseitige Fassade unberührt bleiben konnte. Dieses Durchstechen des Hauses wäre bei einem eingetragenen Baudenkmal schwierig durchzusetzen gewesen. Zumal die Sockelgeschosse mit ihrer Muschelkalk-Verblendung und den Eisenfenstern zu den herausragenden Details des Gebäudes zählen.

Frankfurt, Haus am Dom, links: Giebelsaal, rechts: großer Saal (Bilder: links: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten, rechts: Daniel Bartetzko)

Der Saal selbst war früher mit dem Untergeschoss durch eine große Öffnung im Boden verbunden, die die Stadt Anfang der 1980er verschlossen hatte. Es ist dabei geblieben, der Boden ist nun mit Asphalt beschichtet. Der ursprüngliche Zugang zum Saal über die bauzeitliche Treppe von der Domstraße aus blieb bestehen, sodass die Besucher des MMK nicht erst durchs Haus am Dom kommen müssen. Die einfach verglasten Fenster im Saal haben wir mit dahinter gesetzten, belüfteten Kastenfenstern gedoppelt, sodass das Raumklima angenehm bleibt. Das Haus am Dom hat im Neubau ja eigene Säle und das Foyer ist ebenfalls groß genug für Veranstaltungen. Trotzdem gibt es natürlich auch einen Durchgang zwischen Zollsaal und Foyer.

DB: Nach über zehn Jahren Nutzung: Hat sich das Gebäudekonzept bewährt, funktioniert das Haus am Dom?

JJ: Die einzige spätere Ergänzung war ein Publikums-Zugang zur Dachterrasse, die nun auch für Veranstaltungen nutzbar ist. Hierfür ist im Obergeschoss eine Wendeltreppe installiert worden. Und nachdem jetzt die neue Altstadt fertig ist, wurde die Fassade neu gestrichen, denn sie hatte unter der jahrelangen Baustaub-Berieselung gelitten. Insgesamt wird das Haus am Dom als Teil der neuen Altstadt wahr- und angenommen. Und als die überkonfessionelle Begegnungs- und Kulturstätte, die es von Anfang an sein sollte.

Frankfurt, Haus am Dom, Jochem Jourdan fotografiert durchs Fenster im Giebelsaal die rekonstruierte „Goldene Waage“ (Bild: Daniel Bartetzko)

Jochem Jourdan (*1937) studierte an der Technischen Hochschule Darmstadt u. a. bei Theo Pabst und Karl Gruber Architektur und legte 1965 bei Ernst Neufert die Diplom-Hauptprüfung ab. Er war Assistent am Lehrstuhl von Rolf Romero. 1969 gründete er in Darmstadt mit seinem Partner Bernhard Müller die Projektgruppe Architektur und Städtebau PAS (heute Jourdan & Müller Steinhauser Architekten). Seit 1980 ist der Bürositz in Frankfurt am Main. Jourdan realisierte unter anderem die Überbauung der Lindenstraße am Berlin Museum in Berlin-Kreuzberg (Teil der IBA 1987), die Kasseler documenta-Halle am Friedrichsplatz, die Hessische Landeszentralbank (mit Bernhard Müller, Wolfgang Rang, Michael Landes und Norbert Berghoff) – und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Haus am Dom die Rekonstruktion des Frankfurter Altstadthauses „Goldene Waage“. Von Jochem Jourdan stammt auch der 1997 entwickelte und 2008 fortgeschriebene Frankfurter Hochhausentwicklungsplan.

Titelmotiv: Jochem Jourdan im Nordtreppenhaus des alten Hauptzollamts vor den bauzeitlichen Leistikow-Fenstern (Bild: Daniel Bartetzko)

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