Sechs Zimmer in Zürich

In diesem Sommer, in dem wir freudig wieder die eigenen vier Homeoffice-Wände verlassen, hat das Museum für Gestaltung Zürich sechs heimische Designstudios vor die schöne Herausforderung gestellt: Nehmt so viele Stücke aus unserer Sammlung, wie ihr wollt, und gestaltet drumherum einen ganzen Raum. Entstanden ist die Ausstellung „6 Zimmer x 6 Positionen“, die ab dem 16. Juli geöffnet sein wird. Mit von der Partie sind Jörg Boner, Connie Hüsser, Kueng Caputo, Sebastian Marbacher, Panter & Tourron und Adrien Rovero, die mit ihren Installationen sie nicht nur ein sehenswertes Endergebnis bieten, sondern auch einen Blick in ihre Werkstatt erlauben. Denn immerhin hatten die jungen Gestalter:innen die Qual der Wahl zwischen rund 500.000 Objekten der Designgeschichte.

Entstanden sind sechs äußerst unterschiedliche Raumkonzepte von sechs jungen Züricher Designer:innenteams. Sebastian Marbacher etwa versammelt klassische Stuhlentwürfe als Vertreter der Designgeschichte um einen Tisch und bringt sie so miteinander ins Gespräch. Panter & Tourron aus Lausanne hingegen schaffen einen weltweit gültigen Raum für digitale Nomaden voller temporärer Einrichtungsgegenstände. Das Duo Kueng Caputo wiederum inszeniert Verpackungsmaterialien – als Wegwerfartikel und rätselhafte Schönheiten zugleich. Die Wohnberaterin und -redakteurin Connie Hüsser schließlich arrangiert die ausgewählten Sammlungsstücke zu einem liebevollen Raumbild von postmoderner Atmosphäre. Die sechs teilnehmenden Studios stellen ihr Werk jeweils mit einem Video vor und zeigen in der Ausstellung zeitgleich eigene Entwürfe, die damit in die renommierte Züricher Sammlung aufgenommen werden. (kb, 22.6.21)

Zimmer von Connie Hüsser, 6 Zimmer × 6 Positionen, Museum für Gestaltung Zürich (Bild: Ivan Suta, 2021, ZHdK)

Stadtmöblierung für daheim

Der beliebte Begriff der Stadtmöblierung lebt davon, dass er ein Wort aus dem Inneren einer Wohnung mit Augenzwinkern in den Außenraum überträgt. Der Kölner Designer Tim Kerp hat sich nun entschlossen, diesen Weg kreativ umzukehren. Für sein Projekt „Assemblage de Cologne“ nimmt er sich architektonische Szenarien aus der Rheinmetropole zur Anregung, um ungewöhnliche Möbel und Ausstattungsstücke zu gestalten. Das, aktuell (noch) digitale Ergebnis, nennt er Konzeptmöbel: „Markante Farben, Formen und Materialien des Stadtbildes werden in virtuellen Collagen zu neuen Objekten arrangiert.“ Das 4711-Gebäude in Köln-Ehrenfeld etwa inspirierte Kerp zu einer mintgrünen Kommode, aus dem Fernsehturm wird eine stilvolle Lampe. Sein Tisch-Entwurf steht auf Füßen, die (samt Schloss) einem Fahrradständer entlehnt sind. Aus dem poppig gelben Gestänge der Straßenbahn wird ein Stuhl mit Getränkehalter.

Unter den Kerp-Entwürfen darf natürlich auch das Kölsch-Glas nicht fehlen, hier in Gestalt einer Vase. Somit werden nicht die gängigen touristischen Highlights verarbeitet (der Dom fehlt z. B. völlig), sondern ausschließlich moderne Identifikationsorte und Punkte aus dem Alltagsleben. Damit nähert sich Tim Kerp (*1980) seiner Heimatstadt auf eine ihm beruflich vertraute Weise. Nach einer Lehre zum Grafiker hatte er an der FH Aachen Produkt- und Interiordesign studiert. Seit 2009 lebt und arbeitet er wieder am Rhein, nun mit einem eigenen Studio – mit dem Schwerpunkt „Wohn- und Stadtmöbel“. Seit 2017 gehört er zur Gruppe „Generation Köln“, einem von Sabine Voggenreiter (Passagen) angestoßenen Ausstellungsformat. Seine „Assemblage de Cologne“ kann man schon virtuell erkunden, eine ausführlichere Online-Präsentation ist in Vorbereitung. (kb, 8.5.21)

„Assemblage de Cologne – Der Duft der Stadt“ – Konzeptmöbel nach dem Vorbild des 4711-Gebäudes in Köln-Ehrenfeld (Bild: Tim Kerp)

Hüben wie drüben

Bauhaus und Werkbund prägten das deutsche Design zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit der deutschen Teilung ab 1949 entwickelten sich Design und Alltagskultur in DDR und BRD getrennt weiter: im Westen als Motor des Wirtschaftswunders, im Osten als Teil sozialistischer Planwirtschaft. Manifestiert wurde dies insbesondere nach dem Bau der Berliner Mauer 1961. Über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung präsentiert das Vitra Design Museum in Weil am Rhein nun von 20. März bis 5. September die Ausstellung „Deutsches Design 1949–1989. Zwei Länder, eine Geschichte„. Diese deutsch-deutsche Gesamtschau stellt die Produktgestaltung der beiden Staaten vergleichend gegenüber und sucht Unterschiede wie Parallelen aufzuzeigen – und möchte dabei gleichwohl mit den Klischees des billig-bunten DDR-Plastik-Designs und des kühlen Funktionalismusses in der BRD aufräumen.

Die Exponate reichen von ikonischen Möbeln und Leuchten über Grafik, Industriedesign und Inneneinrichtungen bis hin zu Mode, Textilien und Schmuck. Berühmte Alltagsobjekte wie der „Trabant“ (1958) oder die „Schneewittchensarg“-Stereoanlage (1956) sind zu sehen, ebenso Luigi Colanis skulpturaler Schlaufensessel »Poly-COR« (1968) oder der Apple IIc-Computer (1984), dessen Gehäuse Hartmut Esslinger gestaltete. Der Blick fällt auf Protagonisten wie Dieter Rams, Egon Eiermann, Rudolf Horn oder Margarete Jahny, aber auch auf prägende Hochschulen oder das Erbe des Bauhauses. Die Schau ist eine Kooperation des Vitra Design Museums, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der Wüstenrot Stiftung; gefördert durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland. Aus bekannten Gründen findet die Ausstellungseröffnung am 19. März online statt. (db, 8.3.21)

Margarete Jahny: Mitropa-Tasse „Rationell“ (Bild: s-wert-design.de)