Orange

Wenn die 1950er Jahre pastellfarben waren, dann scheinen uns die 1970er im Rückblick orange. Vielleicht noch apfelgrün – nicht das verzärtelte Bioapfelgrün der 1980er, sondern die Knallfarbe der Zahnpastawerbung. Je künstlicher, desto besser. Im Stadtmuseum Bietigheim-Bissingen widmet man sich in der kommenden Wechselausstellung ganz dieser Epochenfarbe. Orange stehe für „Frieden, Freizeit, Feminismus“, für „Technik, Mode und Konsum“, kurz: für das Lebensgefühl der 1970er Jahre (und die 1960er Jahre werden großzügig mit hineingenommen).

„Vom Eierlocher bis zum Familienauto“, so die poetische Ankündigung, werden allerlei Alltagsgegenstände dieser Zeitepoche präsentiert. Es handelt sich überwiegend um private Leihgaben aus der Region, aber auch um knallfarbene Vergleichsobjekte aus der DDR. Mit neuen Siedlungen übersprang die Große Kreisstadt die Marke von 200.000 Einwohnern. 1975 wurden Bietigheim und Bissingen zusammengeschlossen, 1977 der Verkehrs- und Tarifverbund VVS gegründet. Die ersten S-Bahnzüge mit orangefarbener Pop-Lackierung fuhren ab 1981 nach Bietigheim-Bissingen. Lokale Geschäfte wie das Kleiderhaus „Nägele Moden“ oder die Baumarktkette „Obi“ tragen das Orange bis heute mit Stolz. Die Ausstellung ist im Stadtmuseum Bietigheim-Bissingen zu sehen vom 25. Oktober 2020 bis zum 18. April 2020. (kb, 24.9.20)

Orange (Bild: ptrabattoni, gemeinfrei, via pixabay.com)

Finn Juhl auf Papier

Nehmen Sie Platz und lesen Sie ein gutes Buch! Okay, in Zeiten, in denen außer Homeoffice kaum anderes übrig bleibt, ist dieser Rat wenig originell. Aber für diesen Band lohnt sich das Hinlümmeln, denn über den dänischen Designer Finn Juhl (1912-1989) gab es bislang keine Monografie. Und die war längst überfällig: Seine Möbelstücke wie der „Pelican Chair„, der „Nyhavn Table“ oder das „Poet Sofa“ sind heute beinahe bekannter als ihr Schöpfer. Übrigens hatte nicht nur Eero Saarinen dereinst einen „Grasshopper Chair“ ersonnen. Den gibt es auch bei Juhl, und dieser macht im Gegensatz zum zurückhaltenden amerikanischen Pendant durchaus den Eindruck, als wolle er gleich losspringen.

Interieurs entwarf der studierte Architekt ebenfalls, am bekanntesten ist sein UN-Rat in New York, mit dem er das Skandesign in den Vereinigten Staaten populär machte. Auch die Dänische Botschaft in Washington und die Räume der Fluggesellschaft SAS gestaltete er. In „Finn Juhl: Life, Work, World“ stellt der Autor Christian Bundegaard nun das Werk seines Landsmanns vor, beleuchtet die Entstehungsgeschichte(n) und eben auch den Humor, mit dem Finn Juhl etliche Aufgaben anging. Erschienen ist das umfangreiche Werk 2019 bei Phaidon und ist online ab ca. 70 Euro zu ordern. (db, 1.4.20)

Finn Juhl, Poet Sofa (Bild: Phaidon/ House of Finn Juhl)

Stankowski + Duschek

„Zeichen sind visuelle Telegramme, ähnlich wie Flaggen“ – wer mag da noch schnöde „Werbegrafik“ nennen, was Anton Stankowski (1906-1998) hier 1978 so treffend beschreibt. Ab 1972 bildete er mit seinem Kollegen Karl Duschek (1947-2011) das federführende Stuttgarter Grafikatelier „Stankowski + Duschek“. Kommunikationsdesign, häufig integraler Teil der Architektur, steckte in Deutschland lange in den Kinderschuhen. Doch heute prägen die Stuttgarter Entwürfe das Erscheinungsbild von Größen wie Deutsche Bank, Viessmann oder Messe Frankfurt.

Mit Markenzeichen, die sich bei konkret-konstruktiver Kunst bedienten, durchbrachen sie starre Grenze zwischen Ernst und Kommerz, zwischen gebaut und gemalt. In Berlin entsteht gerade der erste Überblick über das gemeinsame Schaffen von Stankowski + Duschek. Unter dem Titel „Marken: Zeichen. Das Grafische Atelier Stankowski + Duschek“ wird die Sonderausstellung der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin zu sehen sein vom 13. März bis zum 28. Juni 2020. Gezeigt werden rund 300 Entwürfe und Drucksachen aus dem Bestand der Kunstbibliothek in Dialog mit Kunstwerken, begleitend erscheint die Publikation „Das Grafische Atelier Stankowski + Duschek“. (kb, 29.1.20)

oben: Grafisches Atelier Stankowski + Duschek, Logo der Deutschen Bank AG als Lamellenobjekt mit Op-Art-Effekt (Bild: Polystyrol, 50 x 50 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, © Meike Gatermann und Stankowski-Stiftung, Foto: Dietmar Katz): unten: Karl Duschek und Anton Stankowski, 1991 (Bild: © Meike Gatermann und Stankowski-Stiftung/Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Nachlass Stankowski + Duschek)

Karl Duschek und Anton Stankowski, 1991 (Bild: © Meike Gatermann und Stankowski-Stiftung/Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Nachlass Stankowski + Duschek)