Design

Blick in die Ausstellung (Bild: Textilmuseum St. Gallen)

Modezirkus

Wenn die Kostümbildner von Cabaret, Cats und Tschingis Khan im LSD-Rausch gemeinsam eine Kollektion entwerfen würden, könnte das Ergebnis nicht glamouröser ausfallen: Die Ausstellung „Mode Circus Knie“ zeigt in St. Gallen noch bis zum 19. Januar 2020 die schönsten Kostüme aus den letzten 100 Jahren. Die prächtigen Gewänder aus dem Privatbesitz der Familie Knie – von der Arbeitskleidung bis zum modischen Statement – erinnern an Akrobatik, Tierdressuren und Clownerien.

100 Jahre lang tingelten die Gewänder mit ihren Trägern von Dorfplatz zu Dorfplatz. Erst im Freien, dann unterm Zirkuszelt avancierten sie zum unersetzlichen Teil der Dramaturgie. Oft waren renommierte Kostümbildner und edle Materialien im Einsatz, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. So fügen sich die Textilien im Museum auch ohne die dazugehörigen Zirkusnummern zu einem sehr unterhaltsamen Stück Zeitgeschichte. Das Verkehrhaus der Schweiz zeigt parallel – ebenfalls aus Anlass des Jubiläums – die Ausstellung „Knie auf Reisen“. (kb, 8.4.19)

Blick in die Ausstellung (Bild: Textilmuseum St. Gallen)

Schalenset aus Meladur, Entwurf: Albert Krause, Hersteller: VEB Plasta Preßwerk Auma, 1959 (Bild: Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Eisenhüttenstadt)

Bauhaus-Design im DDR-Alltag

Bauhaus allerorten – auch in der DDR: Dieser Spur folgt vom 7. April bis zum 5. Januar 2020 zumindest eine Ausstellung im „Dokumentationszentrum für Alltagskultur der DDR“ in Eisenhüttenstadt – in Kooperation mit der Berliner Kunsthochschule Weißensee. Unter dem Titel „Alltag formen“ wird das Designschaffen ehemaliger Bauhausschüler und das Fortleben des Gedankenguts der berühmten Kunstschule in Szene gesetzt.

Die Exponate reichen vom Möbelbau in den Deutschen Werkstätten Hellerau bis hin zu Gefäßgestaltungen von Friedrich Bundtzen, Erich Müller, Margarete Jahny, Ilse Decho und Christa Petroff-Bohne. Gemeinsam sei den Formschöpfungen, so die Ausstellungsmacher, die Fortsetzung der Bauhaus-Prinzipien „Funktionalität, Langlebigkeit und Alltagstauglichkeit“ mit den Materialien ihrer Zeit. Doch auch kulturpolitische Widersprüchlichkeiten des DDR-Designs werden angesprochen, darunter die vorübergehende Rückbesinnung auf vermeintlich nationale Traditionen. Spätestens 1976 wurde die reduzierte Formensprache dann mit der Wiedereröffnung des sanierten Bauhauses Dessau endgültig in den kulturellen Kanon aufgenommen. (kb, 4.4.19)

Schalenset aus Meladur, Entwurf: Albert Krause, Hersteller: VEB Plasta Preßwerk Auma, 1959 (Bild: Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Eisenhüttenstadt)

Teller, Hersteller unbekannt, 1920-30er Jahre. Werkbundarchiv – Museum der Dinge, 2018 (Foto: Armin Herrmann)

Gestaltungssprache der Moderne

Als zweiter Teil der Ausstellungsreihe „111/99“ ist vom 4. April bis zum 19. August 2019 „Einzelstück oder Massenware“ im Werkbundarchiv/Museum der Dinge (Oranienstraße 25, 10999 Berlin-Kreuzberg) zu sehen. Im Mittelpunkt steht die Frage nach einer zeitgemäßen, einer modernen Form für alltägliche Güter, wie sie im frühen 20. Jahrhundert lebhaft diskutiert wurde. An ausgewählten Objekten und Dokumenten wollen die Ausstellungsmacher das damalige „Changieren zwischen dem Gefühl von Bedrohung durch die technischen Entwicklungen und einer Technikbegeisterung“ aufzeigen. Ein Schwanken zwischen den Bedürfnissen des Einzelnen und drm Geschmack der Masse.

Ob Stahlrohrmöbel oder Bauhaus-Leuchte – ein sachlicher, klarer, glatter Stil wurde zum Ideal erhoben. Ein vermeintlicher Industriestil, der aber zumeist weder in die Massenproduktion ging noch dafür gedacht war. Denn der vorherrschende Geschmack lehnte jene Werkbundästhetik lange als „kalt“ ab. So blieb das Design der Moderne anfangs die Lebenswelt einer ästhetisch geschulten Elite – um heute in abgeschwächter Form in den Einrichtungshäusern den Ton anzugeben. (kb, 30.3.19)

Teller, Hersteller unbekannt, 1920/1930er Jahre (Bild: Werkbundarchiv – Museum der Dinge, 2018, Foto: Armin Herrmann)

Florence Knoll Bassett (Bilder: Knoll Archive)

Die Designikone Florence Knoll Bassett ist tot

Aus Übersee erreichten uns traurige Nachrichten. Im Alter von 101 Jahren verstarb am 25. Januar in Coral Gables in Florida Florence Knoll Bassett. Die Pionierin des amerikanischen Designs galt als die letzte Vertreterin des Kreises um Eero Saarinen, Charles und Ray Eames und Harry Bertoia, der Mitte des letzten Jahrhunderts einen Klassiker nach dem anderen hervorbrachte. Die junge Florence lernte bei Eliel Saarinen, Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe. In den 1940er Jahren heiratete die Architektin den aus Stuttgart stammenden Möbelfabrikanten Hans Knoll. Nicht nur im Privaten ein Glückstreffer. Er als begabter Geschäftsmann, sie als kreativer Kopf der Designabteilung, machten aus dem kleinen Betrieb „Hans G. Knoll Furniture Company“ eine Weltmarke.

Nach seinem Unfalltod im Jahr 1955 leitete sie die Geschicke des Unternehmens und erfand, ganz nebenbei, den modernen, bis heute gültigen Bürotypus. Zu ihrem Freundeskreis zählten Größen wie Le Corbusier, Frank Lloyd Wright und Walter Gropius. An Florence Knoll kam in jenen Jahren keiner vorbei, der sich mit Gestaltung beschäftigte. Dies hat sich bis heute nicht wesentlich verändert. Spätestens mit Serien wie „Mad Men“ avancierte ihr minimalistisch sleeker Stil wieder zum State of the Art. (kb, 30.1.19)

Florence Knoll Bassett (Bilder: Knoll Archive)

Ein Hoch auf Schütte-Lihotzky!

Eine Küche zu erfinden, klingt für eine Frau nicht wirklich nach Emanzipation. Aber in diesem Fall, im Fall von Margarete Schütte-Lihotzky, lag schon ein wenig Revolution in der Gestaltung der sog. Frankfurter Küche, gilt die zeit-, kraft- und raumsparende Konstruktion doch als Urmutter der heutigen Einbauküche. Nach dem Architekturstudium in ihrer Heimatstadt Wien hatte sich Lihotzky (später Schütte-Lihotzky) über Projekte in der Schrebergarten- und Siedlerbewegung den reformerischen Baukonzepten angenähert. Unter Ernst May kam sie in den 1920er Jahren nach Frankfurt, wo sie durchdachte Wohn- und Einrichtungsmodule wie die Frankfurter Küche entwickelte.

In den 1930er Jahren führte ihr Weg u. a. über die Sowjetunion und die Türkei zurück nach Österreich, wo sie unter der NS-Regierung inhaftiert wurde. Nach dem Krieg wirkte Schütte-Lihotzky von Österreich aus weiter als Architektin, immer bemüht um ein soziales Profil ihrer Arbeiten. In den letzten Jahrzehnten wurde das Werk der Vorreiterin, die 2000 im Alter von 102 Jahren verstarb, neu gewürdigt. Heute hätte sie ihren 122. Geburtstag gefeiert. Und dies ist im Bauhaus-Jubeljahr, in dem auch die Ansätze des Neuen Bauens wiederentdeckt werden, allemal ein Grund zum Feiern. (kb, 24.1.19)

oben: Margarete Schütte-Lihotzky (Bild: Brandstätter Verlag/wikipedia), unten: Frankfurter Küche (eines der Originale ist heute im Frankfurter Ernst-May-Haus zu bestaunen) (Bild: pd)

*F (Bild: iduell.de)

*F wie Zukunft

Die Auswahl einer Schrifttype ist keine Geschmacks-, sondern eine Glaubenssache, zumindest für Grafikdesigner und viele Modernisten. So erstaunt es nicht, dass auch das Neue Frankfurt, der Aufbruch ins Neue Bauen unter Ernst May und Co., seine eigene Schrifttype hat: die Futura. Die schlanken, schnörkellosen Buchstaben und Ziffern wurden 1927 von Paul Renner entworfen. Sie prägten nicht nur die Schilder und Hausnummern im Neuen Frankfurt, sondern avancierten wegen ihrer geometrischen Klarheit in den 1950er und 1960er Jahren zu einer der beliebtesten Schriftarten.

Die Liste der Futura-Verwender ist lang und prominent: die Große Deutsche Kunstausstellung von 1941 in der NS-Zeit, Schilder und Ziffern des Deutschen Bundestags, Stanley Kubrick, die Deutsche Bundesbank, die Deutsche Bundesbahn, die ARD, James Bond und die TV-Serie „Dr. House“. Diesem kleinen Design-Wahrzeichen hessischer Herkunft hat das Frankfurter Designbüro Idüll – dem ein oder der anderen schon bekannt durch das „Frankfurter Küche Handtuch“ oder die dazu passende Schürze – jetzt ein kleines Denkmal gesetzt. In markantem Rot wird dem großen Futura-F ein Sternchen an die Seite gestellt und so manches Wortspiel untergeschoben. Jedem *F-Objekt, wie z. B. den beschrifteten Tassen, wird ein Leporello zur Entstehungsgeschichte beigefügt. Abtrocknen können Sie die praktischen Designobjekte ja dann konsequenterweise mit einem Frankfurter Küchentuch. (kb, 24.1.19)

*F-Tassen (Bild: iduell.de)