Dinge ordnen

Sie schätzen mehr die andere Hälfte des Lebens – die, die nichts mit Ordnung zu tun hat? Dann überlassen Sie das Ganze doch den Profis, denn an kaum einem anderen Ort ist die Struktur so wichtig wie im Museum. Hier muss das Alte vom Neuen, das Brauchbare vom Austauschbaren, das Aussagekräftige vom Belanglosen getrennt werden. Und all dies mit einem Blick auf die nächste Generation, denn was heute nicht sammlungswürdig scheint, könnte in 30 Jahren eine gesuchte Seltenheit sein. Doch auch diese getroffene Auswahl muss verstaut, etikettiert, katalogisiert, inventarisiert, ein- und wieder ausgepackt werden. Die Verantwortlichen der Ausstellung “Dinge ordnen” bezeichnen das Museum gar als „Ordnungsmaschinerie“, im Wissen darum, dass jede Systematik hier abhängig ist vom jeweiligen Wissenslage, vom Sammlungsauftrag und ein wenig auch vom Zufall.

Diese neue Ausstellung des Werkbundarchivs (Oranienstraße 25, 10999 Berlin) versteht sich als kommentierender Rahmen für ein auf Dauer angelegtes, offenes Depot. Zu Beginn der Präsentation wird die Registratur versinnbildlicht, die als Einlasskontrolle in die Sammlung dient. Anschließend dreht sich alles um das Behältnis – Kisten, Kästen, Schubladen, wie sie im Museum verwendet werden. Ergänzt wird die Schau durch zwei Installationen der Künstler:innen von Sibylle Hofter und Moritz Fehr verknüpft. Denn am Ende soll die Ausstellung auch Bezüge zum heimischen alltäglichen Ordnen herstellen. Im Rahmen des 50. Gründungsjubiläums des Werkbundarchivs ist die Ausstellung “Dinge ordnen” noch bis zum 31. Oktober 2022 zu sehen. Wer selbst Teil der Präsentation werden will, kann seine private “Krimskrams-Dose” mit ins Museum bringen (und am Ende auch dort lassen, wer mag). (kb, 10.6.22)

Krims-Krams-Dose, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge (Bild: Armin Herrmann)

Pomo Icons

Designaffin war die Postmoderne schon immer – kaum ein Architekt jener Ära, der nicht in den 1980er Jahren seine eigene Geschirrlinie entworfen und seinen eigenen Schmuck gestaltet hat. Ob die Postmoderne nun ein Stil oder mehr eine Geisteshaltung ist, darüber streiten die Expert:innen bis heute. Die Wurzeln reichen bis in die 1960er/70er Jahre, als Denker:innen wie Charles Jencks und Architekt:innen wie Robert Venturi das Ende des ewigen Fortschrittsversprechens ausriefen. An die Stelle der Verheißungen der Moderne traten der Zweifel, die Ironie und der Blick zurück in die Baugeschichte. “Anything goes”, alles ging, jede Kombination, jedes Spiel mit vergangenen Stilformen war erlaubt, solange es unterhaltsam geriet. Und wer zu den Bauten jener Jahre keine Zugang gefunden hat, dürfte mit Sicherheit das ein oder andere Designprodukt mit postmodernem Touch in seinen Schränken finden.

Heute kann man die Kulturzeugnisse der Postmoderne zu stetig steigenden Preisen im Spezialbedarf im Original erwerben – oder mit der gehörigen Portion Eigenironie die neo-postmodernen Produkte aktueller Gestalter:innen kaufen. Adam Nathaniel Furman ist einer von ihnen. Der Künstler und Designer mit argentinisch-japanischen Wurzeln hat in seinem Londoner Atelier jetzt die Serie “Pomo Icons” aufgelebt. Da gibt es die blassblaue oder rosafarbene Baseballkappe mit der Aufschrift “Ornament ist Sublime”. Oder das genderneutrale Shirt mit dem Aufriss des Vanna Venturi Haus, das Robert Venturi 1964 für seine Mutter erschuf und einen neuen Architekturstil gleich mit. Oder die Tragetasche mit dem Jin Mao Tower, den Skidmore Owings & Merrill 1999 für Shanghai entwarfen. Die Liste lässt sich um Kaffeebecher und Trinkflaschen ergänzen. Alles in Art-Déco-verwandten Pastelltönen und einer Prise 2022-er Neonfarbe. (kb, 16.2.22)

“Pomo Icons” (Bild: adamnathanielfurman.com)

Baseler Panton-Tunnel gefährdet

Basel verfügt über ein nachkriegsmodernes Kunstwerk ganz besonderer Art: Knapp 100 Meter lang, unterirdisch gelegen und knallbunt. Eine Fußgängerunterführung zwischen Parkhaus und Universitätsspital, gestaltet vom dänischen (Innen-) Architekten und Designer Verner Panton. Dieser lebte während seiner Designer-Tätigkeit bei Vitra in den 1960er und 70er Jahren in Basel. Ziel seines geometrischen, in zahlreichen Blau- und Rottönen gehaltenen Designs an Wänden und Decke war es, den Aufenthalt im recht engen Tunnel angenehmer zu machen. Von einem „Exempel für [Pantons] ganzheitlichen Designansatz“ ist in einem kunsthistorischen Gutachten die Rede. Jenseits der durchgreifenden Gestaltung spielt bei der Beurteilung des Denkmalwertes hier auch der Seltenheitswert eine ganz wesentliche Rolle: Es handelt sich bei der 1978 ausgestalteten Fußgängerpassage (nach diversen Zerstörungen und des Abrisses bzw. der teilweisen Translozierung der Hamburger Spiegelkantine) um die weltweit einzige am Originalort erhaltene sowie unveränderte Raumgestaltung des Designers.

Das hindert die offiziellen Akteure in Basel jedoch nicht daran, im Rahmen des Neubaus des Krankenhauses die Zerstörung dieses Gebäudes zu avisieren. Die Medien sprangen ihnen zu Hilfe, beschrieben die Spektralfarben-Unterführung als beklemmend, düster und unheimlich. Das so oft angeführte Angstraum-Argument wurde in ganzer Breite ausgerollt, der Kunstwert scheint nicht mehr zu zählen. Dagegen macht nun der Schweizer Heimatschutz mobil: Das Nicht-Wohlfühlen an einem Ort sei kein Argument gegen die Schutzwürdigkeit eines Kunstwerkes, der Tunnel sollte deshalb in den (bislang noch zerstörerisch geplanten) Neubau integriert werden. Derweil steht die Baugenehmigung für das Vorhaben noch aus. Für den Fall der unveränderten Erteilung dieser hat der Heimatschutz aber schon angekündigt, Einspruch zu erheben. Zusätzlich wurde eine Petition gestartet und auf Instagram sowie Youtube gibt es unter #save_the_panton_tunnel unter anderem eine Fahrt durch den psychedelischen Tunnel. (fs, 15.2.22)

Basel, Tunnel mit Paton-Gestaltung (Bild: Online-Petition, via act.campax.org)