Hüben wie drüben

Bauhaus und Werkbund prägten das deutsche Design zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit der deutschen Teilung ab 1949 entwickelten sich Design und Alltagskultur in DDR und BRD getrennt weiter: im Westen als Motor des Wirtschaftswunders, im Osten als Teil sozialistischer Planwirtschaft. Manifestiert wurde dies insbesondere nach dem Bau der Berliner Mauer 1961. Über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung präsentiert das Vitra Design Museum in Weil am Rhein nun von 20. März bis 5. September die Ausstellung „Deutsches Design 1949–1989. Zwei Länder, eine Geschichte„. Diese deutsch-deutsche Gesamtschau stellt die Produktgestaltung der beiden Staaten vergleichend gegenüber und sucht Unterschiede wie Parallelen aufzuzeigen – und möchte dabei gleichwohl mit den Klischees des billig-bunten DDR-Plastik-Designs und des kühlen Funktionalismusses in der BRD aufräumen.

Die Exponate reichen von ikonischen Möbeln und Leuchten über Grafik, Industriedesign und Inneneinrichtungen bis hin zu Mode, Textilien und Schmuck. Berühmte Alltagsobjekte wie der „Trabant“ (1958) oder die „Schneewittchensarg“-Stereoanlage (1956) sind zu sehen, ebenso Luigi Colanis skulpturaler Schlaufensessel »Poly-COR« (1968) oder der Apple IIc-Computer (1984), dessen Gehäuse Hartmut Esslinger gestaltete. Der Blick fällt auf Protagonisten wie Dieter Rams, Egon Eiermann, Rudolf Horn oder Margarete Jahny, aber auch auf prägende Hochschulen oder das Erbe des Bauhauses. Die Schau ist eine Kooperation des Vitra Design Museums, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der Wüstenrot Stiftung; gefördert durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland. Aus bekannten Gründen findet die Ausstellungseröffnung am 19. März online statt. (db, 8.3.21)

Margarete Jahny: Mitropa-Tasse „Rationell“ (Bild: s-wert-design.de)

Christmas for Modernists

Wer Google nach „Geschenken für Architekten“ befragt, erhält mehrfach (mal mit, mal ohne Augenzwinkern) den Vorschlag: schwarzer Rollkragenpulli. Wer es dann doch etwas unkonventioneller angehen mag, für den hätten wir hier ein paar Anregungen. Wie jedes Jahr hat Gregor Zoyzoyla seine besten Brutalismusbilder zu einem Kalender zusammengestellt. Die ersten sind schon reserviert, die insgesamt 75 Stück werden druckfrisch zum 17. Dezember fertig: Druck auf 250-Gramm-Papier in Din A3 für 30 Euro plus Versand (ca. 5,80 Euro innerhalb von Deutschland). Bestellungen bitte an contact@gregorzoyzoyla.com oder via Persönliche Nachricht über Instagram (oder im Rhein-Main-Raum ggf. eine persönliche Übergabe vereinbaren).

Gregor Zoyzoyla: Kalender 2021 (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Gregor Zoyzoyla: Kalender 2021 (Bilder: Gregor Zoyzoyla)

Beton-Präsente haben sich schon zum Klassiker entwickelt, den es als USB-Stick, Domino, Schmuck oder escherhaftes Architekturspiel online zu erwerben gibt. Oder Sie greifen selbst zum Bastelbeton für Last-Minute-DIY-Geschenke – vom Smartphonehalter über das Vogelhäuschen bis zum Kerzenständer. Der stilsichere Bauschaffende kennt und trägt bereits S-Wert-Design, aber für die Schürze „Berliner Küche“ ist immer noch Platz – vielleicht im Länderausgleich kombiniert mit der druckfrischen Publikation „Frankfurter Küche“, bestellbar bei der Ernst-May-Gesellschaft. Dazu einen Zimt-Frappuccino aus der Baggertasse – und am Revers ein Horten-Kachel-Pin aus dem moderneREGIONAL-Unterstützershop, dann kann das Jahresendfest kommen. (kb,15.12.20)

Horten-Kachel – als Pin oder Ohrhänger im mR-Unterstützershop (Bilder: privat)

Titelmotiv: Baggertasse (Bild: amazon.de)

Revolutionäres Design: Zum Tode von Enzo Mari

Gemessen an den Themen die uns heutzutage beschäftigen, ist das Werk Enzo Maris absolut antizipatorisch: Schon vor 50 Jahren setzten sich seine Entwürfe und Schriften mit Nachhaltigkeit auseinander. In einer Zeit, in der die Kollegen die wunderbare Welt des knallbunten Kunststoffes für sich entdeckten, formulierte er mit seiner Möbelserie „Autoprogettazione“ die holzig-kantige Antithese. Möbel aus einfachen Materialien zum Selbstbauen. Was heute als „Do it yourself“ in aller Munde ist, galt manchen damals als Verrat. Design sollte den Alltag doch erleichtern und nicht verkomplizieren. Schnell galt der Norditaliener als Revoluzzer.

Darin offenbart sich die politische Dimension des überzeugten Marxisten. Design muss demokratisch sein. Die Radikalität seiner Entwürfe und die Beschränkung auf günstige Materialien können auch als Selbstermächtigungsakt gegen eine modische Gestaltung interpretiert werden, die letzten Endes nur der Verkaufsförderung dient. Dem Endverbraucher die Verantwortung für die Fertigstellung des Produktes in die Hand zu geben, verweist auf den pädagogischen Anspruch des Gestalters. Man sollte das Produkt nicht bloß Konsumieren, sondern durch den Entstehungsprozess einen Mehrwert erhalten. Mari lehrte an verschiedensten Universitäten, u.a. am Mailänder Polytechnikum. Am 19. Oktober ist Enzo Mari, einer der bedeutendsten Designer und Designtheoretiker unserer Zeit im Alter von 88 Jahren in Mailand infolge einer Covid-19-Infektion verstorben. (jm, 20.10.20)

Enzo Mari 1974, Adriano Alecchi (Mondadori Publishers, http://www.gettyimages.co.uk/search/2/image?phrase=Enzo%20Mari%20mondadori&family=editorial&sort=best&page=1&excludenudity=fals, CC0)