Revolutionäres Design: Zum Tode von Enzo Mari

Gemessen an den Themen die uns heutzutage beschäftigen, ist das Werk Enzo Maris absolut antizipatorisch: Schon vor 50 Jahren setzten sich seine Entwürfe und Schriften mit Nachhaltigkeit auseinander. In einer Zeit, in der die Kollegen die wunderbare Welt des knallbunten Kunststoffes für sich entdeckten, formulierte er mit seiner Möbelserie „Autoprogettazione“ die holzig-kantige Antithese. Möbel aus einfachen Materialien zum Selbstbauen. Was heute als „Do it yourself“ in aller Munde ist, galt manchen damals als Verrat. Design sollte den Alltag doch erleichtern und nicht verkomplizieren. Schnell galt der Norditaliener als Revoluzzer.

Darin offenbart sich die politische Dimension des überzeugten Marxisten. Design muss demokratisch sein. Die Radikalität seiner Entwürfe und die Beschränkung auf günstige Materialien können auch als Selbstermächtigungsakt gegen eine modische Gestaltung interpretiert werden, die letzten Endes nur der Verkaufsförderung dient. Dem Endverbraucher die Verantwortung für die Fertigstellung des Produktes in die Hand zu geben, verweist auf den pädagogischen Anspruch des Gestalters. Man sollte das Produkt nicht bloß Konsumieren, sondern durch den Entstehungsprozess einen Mehrwert erhalten. Mari lehrte an verschiedensten Universitäten, u.a. am Mailänder Polytechnikum. Am 19. Oktober ist Enzo Mari, einer der bedeutendsten Designer und Designtheoretiker unserer Zeit im Alter von 88 Jahren in Mailand infolge einer Covid-19-Infektion verstorben. (jm, 20.10.20)

Enzo Mari 1974, Adriano Alecchi (Mondadori Publishers, http://www.gettyimages.co.uk/search/2/image?phrase=Enzo%20Mari%20mondadori&family=editorial&sort=best&page=1&excludenudity=fals, CC0)

Orange

Wenn die 1950er Jahre pastellfarben waren, dann scheinen uns die 1970er im Rückblick orange. Vielleicht noch apfelgrün – nicht das verzärtelte Bioapfelgrün der 1980er, sondern die Knallfarbe der Zahnpastawerbung. Je künstlicher, desto besser. Im Stadtmuseum Bietigheim-Bissingen widmet man sich in der kommenden Wechselausstellung ganz dieser Epochenfarbe. Orange stehe für „Frieden, Freizeit, Feminismus“, für „Technik, Mode und Konsum“, kurz: für das Lebensgefühl der 1970er Jahre (und die 1960er Jahre werden großzügig mit hineingenommen).

„Vom Eierlocher bis zum Familienauto“, so die poetische Ankündigung, werden allerlei Alltagsgegenstände dieser Zeitepoche präsentiert. Es handelt sich überwiegend um private Leihgaben aus der Region, aber auch um knallfarbene Vergleichsobjekte aus der DDR. Mit neuen Siedlungen übersprang die Große Kreisstadt die Marke von 200.000 Einwohnern. 1975 wurden Bietigheim und Bissingen zusammengeschlossen, 1977 der Verkehrs- und Tarifverbund VVS gegründet. Die ersten S-Bahnzüge mit orangefarbener Pop-Lackierung fuhren ab 1981 nach Bietigheim-Bissingen. Lokale Geschäfte wie das Kleiderhaus „Nägele Moden“ oder die Baumarktkette „Obi“ tragen das Orange bis heute mit Stolz. Die Ausstellung ist im Stadtmuseum Bietigheim-Bissingen zu sehen vom 25. Oktober 2020 bis zum 18. April 2020. (kb, 24.9.20)

Orange (Bild: ptrabattoni, gemeinfrei, via pixabay.com)

Finn Juhl auf Papier

Nehmen Sie Platz und lesen Sie ein gutes Buch! Okay, in Zeiten, in denen außer Homeoffice kaum anderes übrig bleibt, ist dieser Rat wenig originell. Aber für diesen Band lohnt sich das Hinlümmeln, denn über den dänischen Designer Finn Juhl (1912-1989) gab es bislang keine Monografie. Und die war längst überfällig: Seine Möbelstücke wie der „Pelican Chair„, der „Nyhavn Table“ oder das „Poet Sofa“ sind heute beinahe bekannter als ihr Schöpfer. Übrigens hatte nicht nur Eero Saarinen dereinst einen „Grasshopper Chair“ ersonnen. Den gibt es auch bei Juhl, und dieser macht im Gegensatz zum zurückhaltenden amerikanischen Pendant durchaus den Eindruck, als wolle er gleich losspringen.

Interieurs entwarf der studierte Architekt ebenfalls, am bekanntesten ist sein UN-Rat in New York, mit dem er das Skandesign in den Vereinigten Staaten populär machte. Auch die Dänische Botschaft in Washington und die Räume der Fluggesellschaft SAS gestaltete er. In „Finn Juhl: Life, Work, World“ stellt der Autor Christian Bundegaard nun das Werk seines Landsmanns vor, beleuchtet die Entstehungsgeschichte(n) und eben auch den Humor, mit dem Finn Juhl etliche Aufgaben anging. Erschienen ist das umfangreiche Werk 2019 bei Phaidon und ist online ab ca. 70 Euro zu ordern. (db, 1.4.20)

Finn Juhl, Poet Sofa (Bild: Phaidon/ House of Finn Juhl)