Sitzen im Fußballstadion

von Matthias Marschik (17/4)

Bis zum Ende der 1950er Jahre war die Welt im (Fußball-)Stadion zwar nicht in Ordnung, aber geordnet: Gestaffelte Eintrittspreise unterschieden zwischen guten und schlechten Plätzen, schufen eine alters-, klassen- und auch geschlechterspezifische Hierarchie. Die Trennung in Sitz- und Stehplätze wurde zum genauen gesellschaftlichen Gradmesser. Es gab teurere (auf der Längsseite) und billigere (hinter den Toren und in den Kurven) Stehplätze und noch mehr Kategorien bei den Sitzen. Wie im Theater konnte man sein ökonomisches und soziales Kapital zur Schau stellen und in symbolisches Kapital umwandeln. Den Höhepunkt bildete die gedeckte und regengeschützte Tribüne, – und dort ganz speziell die Ehrentribüne, auf der sich die Spitzen der verschiedenen Kapitalsorten auf speziellen Sitzgelegenheiten zusammenfanden.

Ungehobelte Hornbrillenträger

Dennoch, ähnlich wie in den großen Theater- oder Konzertsälen, bildete das gemischte Publikum eine große Einheit: Auf den Steh- wie Sitzplätzen unterstützte und bewunderte man das eigene Team bedingungslos. Vielfach wurde darüber geklagt, dass sich die noblen Gäste auf den teuren Rängen übler aufführten als das junge oder proletarische Publikum auf den billigen Plätzen. So waren in Wien „Stadtpelz“ und „Hornbrillenträger“ beliebte – und auch antisemitisch gefärbte – Bilder für den reichen oder intellektuellen Mob.

Hier wurde die gegnerische Mannschaft geschmäht, die eigene bejubelt oder verdammt, der Schiedsrichter beschimpft, aber auch untereinander gestritten oder sogar gerauft. Vor allem dann, wenn die Stadiongemeinschaft durch Eindringlinge in Gestalt von Auswärtsfans gestört wurde. Diese Begegnungen konnten ganz unterschiedlich ausfallen: Blieb man einmal ganz unter sich (welcher Arbeiter konnte es sich schon leisten, etwa den HSV nach München zu begleiten), konnte ein andermal die Auswärtsmannschaft sogar mehr Fans aktivieren als das Heimteam. Meinungsverschiedenheiten (meist verbal ausdiskutiert, manchmal handgreiflich ausgetragen) standen natürlich auf der Tagesordnung. Aber dennoch funktionierte das Stadiongefüge zumeist ohne größere Brüche. Saßen oder standen hier doch Menschen nebeneinander, die sich zwar nicht hinsichtlich des bevorzugten Vereins, dafür aber bezüglich ihres gesellschaftlichen Status ähnlich waren.

Träge Couchpotatoes

Bis in die 1960er Jahre bildete das Stadion ein funktionierendes, streng reglementiertes System. Es war männlich, es war „weiß“, und jeder wusste, wo er hingehört: Frauen gehörten nicht ins Stadion (oder bestenfalls auf die Ehrentribüne), Migranten und Minderheiten auf die Unterliga-Sportplätze ihrer jeweiligen Vereine, und die Mehrheitsmänner verteilten sich nach strengen Regeln im Stadion. Wurde man älter oder stieg sozial auf, wechselte man vom Steh- zum Sitzplatz, von den billigeren zu den teureren Rängen. Manche Vereinsanhänger haben so in ihrem Leben das ganze Stadionoval umrundet.

Doch in den frühen 1960er Jahren veränderte das Fernsehen nachhaltig die Sportwelt. War es anfangs der Reiz des Neuen, der die Stadien zugunsten der TV-Live-Übertragung leerte, war es bald die Bequemlichkeit, die viele zu Hause blieben ließ. Die heimische Couch schien komfortabler als der Sitz im Stadion, zumal wenn das Wetter schlecht, das Spielergebnis absehbar oder der Termin ungünstig war. Je professioneller das Fernsehen mit Farbe, Zeitlupen, Kamerawechseln, Wiederholungen, Interviews und einem informativen Rahmenprogramm wurde, desto deutlicher entwickelten sich das Erleben vor Ort und am Bildschirm auseinander: Suchten die einen noch immer die Authentizität des Stadions, bevorzugten die anderen das vielfältige Erleben des Fernsehens. Gemeinsam war ihnen – nicht erstaunlich in den konsumfreudigen „Wirtschaftswunderzeiten“ – lediglich die Bequemlichkeit. Lümmelte man zu Hause mit Bier, Chips und Zigarette auf dem Sofa, rüsteten auch die Stadien auf: Man erweiterte die Tribünen, schuf neue (ergonomische) Sitzplätze. Nun reichten die Sitzreihen fast an die Outlinien heran. Die Rangordnung blieb vorerst aber noch erhalten, wurde durch erste exklusive VIP-Tribünen sogar noch verstärkt.

Junge Wilde

Aufgebrochen wurde die Struktur erst in den 1970er Jahren, als sich der Vereinsanhänger zum fußballinteressierten Konsumenten entwickelte. Es ging nicht mehr um die bedingungslose Unterstützung des eigenen Klubs, sondern um ein attraktives Spiel. Während bei den bedeutenden Spielen das Stadion voll war, kamen zu den unwichtigeren immer weniger Zuschauer (und Zuschauerinnen). Weil die Menschen nun angelockt werden mussten, bauten Klubs und Stadionbetreiber immer bequemere Sitze für ein freilich immer passiveres Publikum. Im Gegensatz dazu galt Fußball immer mehr als Sport der Unter- und unteren Mittelschichten. Aber auch unter den verbliebenen Anhänger_innen eines bestimmten Klubs änderte sich deren Zusammensetzung: Die „besseren Kreise“ wanderten zu Sportarten wie etwa dem Tennis ab. Verstärkt wurde dies durch die Sportfeindlichkeit der 1968er, die gerade den Fußball als Teil einer entfremdeten Massenkultur ablehnten.

Am anderen Ende entstand jedoch eine neue aktive Gruppe, welche die Tradition der Anhängerschaft fortführte. Es bildeten sich jugendliche Fankulturen mit neuen Ansprüchen und einem anderen Erscheinungsbild: Kutten und Schals, Transparente und Fahnen vor allem auf den billigen Plätzen, den Stehsektoren hinter den Toren und eben in den „Kurven“. Dadurch wurde der ehemals einheitliche, nur durch Auswärtsfans gestörte Raum des Stadions aufgebrochen. Nicht zufällig sahen sich die jungen Fans nun als Sub- und Gegenkultur. Forderte die Sitzplatztribüne mehr Bequemlichkeit und bessere Unterhaltung, wollten sie vermehrte Authentizität und aktive Teilhabe. Die Klubs gerieten in die Zwickmühle: Brachte das Publikum auf den teuren Plätzen auch mehr Einnahmen, waren es doch gerade die Fans, die für Stimmung und Unterstützung sorgten.

Fans, Hooligans, Ultras

Der Konflikt eskalierte in den 1980er Jahren gleich auf drei Ebenen: Zum Ersten kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppen, die ihre Identifikation mit dem Klub offensiv auslegten. Zum Zweiten spaltete sich die Anhängerschaft in Fans, Hooligans und Ultras. Dies führte zu Gewalt auch innerhalb der Unterstützer_innenszene eines Vereins, besonders, als der Rechtsextremismus auf den Stehplätzen einzog. Und zum Dritten verschärften sich die Kämpfe im Stadion. Es ging nunmehr generell um die „richtige“ Art und Weise, Fußball zu leben. Der Konflikt zwischen Tribüne und Fankurve spaltete fast jeden Verein. Selbst die Entscheidung zwischen Stehen (aktiv) oder Sitzen (passiv) wurde zur Glaubensfrage. Das Stadion zeigte ein Neben-, oft sogar Gegeneinander unterschiedlicher Gruppierungen. Verein und Mannschaft reichten als Klammer nicht mehr aus.

Weil das etablierte Publikum auf den Sitzplatztribünen freilich seine Interessen durchzusetzen wusste, antworteten die Vereine baulich. Die stärkere Trennung der „Subkulturen“ führte so zu „Hochsicherheitsstadien“. Als „gewaltbereit“ und „gefährlich“ eingestufte Gruppen wurden in Käfige gesperrt, durch Zäune und Stacheldraht, durch Polizisten und deren Hunde abgeschottet, durch Ordner und Kameras überwacht. Vor allem aber schloss man Publikum und Spielfeld voneinander ab. Es war absehbar, dass diese Strategie kurzfristig funktionierte, die Eskalation längerfristig aber nur vor die Stadien verlagerte.

Hungrige Konsumenten

Kein Wunder also, dass der Fußball in den 1990er Jahren massiv kommerzialisiert wurde, dass die Auseinandersetzung um den Sport zum Kampf um Identitäten geriet. Nach schweren Unfällen – allen voran die Massenpanik von Hillsborough, als 1989 fast hundert Menschen starben und mehr als 700 verletzt wurden – strukturierte man das Publikum neu. Die Käfige wichen einer notfalls sogar zum Spielfeld offenen Organisierung. Die auf das Spiel gerichteten Fernsehkameras wurden durch auf das Publikum blickende Überwachungskameras ergänzt. Für eine solche permanente Beobachtung müssen die Stadionbesucher freilich ruhiggestellt werden: Das All-Seater-Stadion ist inzwischen in allen größeren Ligen üblich und bei internationalen Begegnungen verpflichtend. Die Fans wurden damit an die Sitzplatzkultur angepasst, aus aktiven sollten passive Konsument_innen werden.

Die 2000er Jahre veränderten die Fußballkultur und die Stadien massiv: Wenn die Vereine mit Merchandising und dem Verkauf von Fernsehrechten weit höhere Einnahmen erzielen als mit den Eintrittsgeldern, werden die Sportstätten äußerlich zwar zu architektonisch aufwändigen, nach innen aber aus- und verwechselbaren Konsumtempeln. Der Umbau zu reinen Sitzplatzstadien mit ausgedehnten VIP-Bereichen dient der Preissteigerung und der Vermarktung vor allem für Tourist_innen. Die Stimmung in den Stadien droht zu sinken, wenn vor allem junge Fans mit geringem Einkommen auf den eigenen Fernseher, auf Kaffeehäuser, Kneipen und Pubs ausweichen, während andere nur noch die unteren Ligen besuchen. Auch die Einführung personalisierter Tickets, die wochenlang vorher erworben werden müssen, lehnen viele Fans ab. Der Trend geht ganz klar in Richtung einer abgesicherten amerikanisierten Unterhaltungs- und Familienkultur. Die Zuschauer_innen jubeln kurz beim Torerfolg, konsumieren das Match ebenso wie das kulinarische Angebot und verhalten sich ansonsten wie ein Theaterpublikum mit gelegentlichem Szenenapplaus. Der Fußball selbst tritt immer mehr in den Hintergrund oder wird Mittel zum Zweck.

Künftige Stimmungs(be)sucher

Das Fußballspiel ist immer noch kein beliebiges Unterhaltungsangebot, dem wirken ganz unterschiedliche Kräfte entgegen: Zum Ersten baut das Fernsehen, besonders das Pay-TV, auf die besondere Stimmung in den Stadien. Zum Zweiten setzen immer mehr Vereine ganz bewusst auf Tradition und lautstarke Unterstützung. Und zum Dritten gibt es noch immer genügend Fangruppen, die aus dem Stadionbesuch einen Teil ihrer kollektiven Identität ziehen und damit auch um ihre Stehplätze kämpfen. Somit ist das letzte Kapitel des Themas Fußballstadion noch nicht geschrieben.

Titelmotiv: Santiago, Bernabéu Stadium (Bild: Little Savage, CC BY SA 4.0)

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

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Sitzen im Fußballstadion

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Sitzen mit Wolfgang Voigt

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Costa Brava, Hotel Parador de Aiguablava

von Uta Winterhager (18/1)

Ich erinnere mich an den Morgen, als ich nach einer Nacht mit Regen, Sturm und wilden Wellen die Vorhänge aufzog und alles war anders. Grau und müde war der Himmel, der am Tag vorher noch so strahlen blau gewesen ist, grau und zornig das Meer, das heute gar nicht mehr zum Baden einladen wollte. Im ganzen Hotel war es plötzlich so still geworden, nur wenige und nur sehr langsame Schritte waren noch auf dem Flur zu hören. Im Frühstückssaal konnten wir uns zum ersten Mal seit unserer Ankunft vor zwei Tagen einen Tisch aussuchen – endlich einen direkt am Fenster, denn die wenigen Gäste, die noch da waren, bevorzugten kurze Wege zum Buffet. Es muss der 13. Oktober gewesen sein, denn der 12., so erfuhren wir dann, ist spanischer Nationalfeiertag. Daher also die vielen Familien, die hier über das verlängerte Wochenende mit Kindern, Eltern und Großeltern, gegessen und gefeiert hatten. Hätte man wissen und bedenken können, doch der Wetterwechsel nach dem Feiertag kam ohne Ankündigung. Während die Sonne im Kampf mit den Wolken unterlag, aßen wir die Reste vom Fest mit der Nachhut, die den Eindruck machte, als hätte sie dem Hotel seit seiner Eröffnung 1966 in guten wie in schlechten Tagen die Treue gehalten – als seien sie gemeinsam alt geworden.

Von Pinien umsäumt

Doch 50 Jahre sind in der Architekturgeschichte kein Alter, insbesondere die Vertreter der Nachkriegsmoderne stehen – sofern sie geschätzt und gepflegt wurden – heute noch meist gut da. So sitzt das Hotel Parador de Aiguablava nach fünf Jahrzehnten Betrieb immer noch mit einem gewissen trotzigen Understatement auf der felsigen Landzunge, die sich etwa 150 Kilometer nördlich von Barcelona in der Nähe des Örtchens Begur ins Meer hinausstreckt. Zu Füßen des Hotels liegt eine Bucht umsäumt von Pinien, ein kleiner Sandstrand, türkisfarbenes Wasser, ein Fischrestaurant und ein Tauchschulenkiosk. All das ist so malerisch, dass es fast weh tut. Das Hotel darüber ist ganz anders, eine strahlend weiße, langgestreckte additive Struktur, dreigeschossig mit betonten Mittelachsen. Großartig, jubeln da die Freunde des Rationalismus, besser hätte man den Bau kaum platzieren können.

Position und Haltung

Die Landzunge von Aiguablava qualifizierte sich Mitte der 60er Jahre mit der Aussicht auf das Meer zu drei Seiten und als touristisches Niemandsland als Standort für einen Bau der staatlichen Hotelkette „Paradores de Turismo de España“. Mit dem Neubau des Hotels wurde der katalanische Architekt Raimon Duran i Reynals (Barcelona, 1895-1966) beauftragt. Literatur über ihn ist nur spärlich zu finden, seine Handschrift nicht eindeutig. Dies mag auch der Tatsache zuzuschreiben sein, dass ihm als Mitglied der 1930 gegründeten Gruppe GATCPAC (Grup d’Arquitectes i Tècnics Catalans per al Progrés de l’Arquitectura Contemporània), die sozusagen den katalanischen Arm der C.I.A.M. bildete, in den ersten Jahren das Franco-Regimes eine moderne Ausrichtung untersagt war. Erst in den 50er Jahren ließ die politische Einflussnahme auf die Architektur wieder nach. Dennoch bleibt die rigoros moderne Architektur des Paradors in Aiguablava eine Ausnahme, sowohl in diesem Teil Kataloniens, im Werk des Architekten als auch unter den Paradores, denn lieber schmückt sich die Kette heute mit Unterkünften in historischen Klöstern und Adelssitzen. So spricht aus der Konsequenz mit der Duran i Reynals das Hotel geplant hat, sicher auch der trotzige Wille sich zu behaupten.

Wer das Hotel besuchen möchte, sieht es schon aus der Ferne, doch die strenge und funktionalistische Struktur könnte vielem dienen – auch militärischen Zwecken, für ein Luxushotel spricht nur die Lage. Den Ankommenden gegenüber macht sich der 85 Meter lange Bau klein und zeigt seine schmale Stirnseite. Strahlend weiß ist die Fassade, glatt durch den Verzicht auf Attika und Laibungen. Wer hier vor der Kulisse des Meeres an einen Dampfer denkt, der sieht in dem auskragenden Obergeschoss eine Kommandobrücke und findet Bestätigung in der filigranen weiß lackierten Außentreppe und der Reling auf dem Dach.

Funktion und Dekor

Mit dem eingerückten Erdgeschoss, dessen Last die filigranen Stützen an den langen Seiten die Last der Obergeschosse kaum zu tragen vermögen, greift Duran i Reynals ein klassisches Element der Moderne auf und lässt die Masse schweben. Er nutzt den Moment des Erstaunens und fängt die Auskragung mit zwei Wandscheiben ab, die er wie ein Spalier vor dem Haupteingang platziert. Große abstrakte Reliefs zieren sie wie Banderolen rundum und konterkarieren den zur Schau gestellten Funktionalismus des Baukörpers. Der Erdgeschossgrundriss bildet ein Kontinuum aus Empfang, Lounge, Lesesaal und Bar, gegliedert allein durch Nievauversprünge. Das vor Kopf liegende Restaurant gibt die Laufrichtung vor und wird mit dem Blick über den Pool und die Doppelspitze der Landzunge allem Understatement zum Trotz zum Höhepunkt stilisiert.

Licht und Material

Schmuck setze Duran i Reynals nur im Erdgeschoss und dort auch so gezielt ein, dass er – wie die Reliefs am Eingang – als integraler Teil der Architektur erscheint. Das Mobiliar, 2015 schon etwas gemischt, zeigte, dass in guten Zeiten offenbar auch in gute Möbel investiert wurde: Die Barcelona-Chairs haben überlebt. Das zentrale Treppenhaus inszenierte er mit dem simplen Zusammenspiel von Licht und Material. Es steht frei in einem Kiesbett und wird von einer Wandscheibe mit bunten Glaseinschlüssen flankiert, die je nach Lichteinfall leuchtet, flimmert oder bloß scheint. Die Terrasse auf der langen Südwestseite, deren kontrolliert organischen Formen sowie der Natursteinbelag sind auf eine ganz andere Weise zeittypisch und deutlich gefälliger. So bilden sie einen deutlichen Kontrast nicht nur zur Strenge des Hauses, sondern auch zu der Natur, die direkt hinter der Balustrade steil und schroff ist.

Gar nicht fließend, dafür sehr pragmatisch, ist die Ordnung der Zimmer rechts und links der Flure in den beiden Obergeschossen. Die 78 Zimmer und Badezimmer waren 2015 waren teilweise noch mit den schlichten Originalmöbeln ausgestattet, doch jeder Raum ist maximal geöffnet, um den Blick direkt über den Balkon auf das Meer zu lenken. Oh, Zauberberg!

Modern, nicht zeitgemäß

Alles, was wir damals sahen, war echt und nicht wie in vielen Hotels nur die Kulisse eines schönen Scheins, den man sich als Gast teuer erkauft hat. Und genau dieser bis auf die Spitze getriebene Purismus, der Verzicht und die Strenge, die plötzlich von etwas unerwartet Schönem, Buntem wie der beeindruckenden Aussicht aufgebrochen wird, machten den Reiz des Gebäudes aus, machen es zu einem außergewöhnlichen Ort. Doch das Parador d‘Aiguablava war weit entfernt von jenem Luxus, der mit Sternen bewertet wird, der üppig und übergriffig daherkommt, sodass es das Hotel in den letzten Jahren schwer hatte, sich am Markt zu behaupten.

Am Scheideweg

Schon bei unserem Besuch 2015 stand es am Scheideweg, will es mithalten im Kampf um die Sterne oder bleibt es sich selbst treu? In den 90er Jahren wurden die vier auf dem Dach gelegenen Suiten ausgebaut, an einigen Stellen sah man eher unentschlossene Renovierungsversuche. Vollkommen unverzeihlich war jedoch die billige Monobloc Bestuhlung auf dem Balkon, die hier wirklich keinen Kultstatus genießt. Wirtschaftliche Schwierigkeiten ließen die Paradores überlegen, einige ihrer Häuser zu schließen oder nur noch halbjährlich zu öffnen. Das Haus in Aiguablava wird nun von GCA Architects (Barcelona) für gut 10 Millionen Euro umgebaut und bleibt noch bis zum Sommer geschlossen. Viel wird in die Haustechnik, den Spa- und Fitnessbereich investiert, neue Materialien sollen das Design der Räume und die Fassade komplett verändern. Die charakteristischen Ecken und Kanten werden damit geschliffen, das versprechen die Visualisierungen, denn es geht ja um das Überleben des Hauses, das mit bekannten Bildern deutlich mehr Gäste anlocken wird, als in seiner puristischen Reinform. So hatte dieses Nachsaison-Gefühl, das unseren Besuch in Aiguablava plötzlich überschattete, noch eine viel weitreichendere Bedeutung, als wir damals annahmen.

 Titelmotiv: Parador de Aiguablava: Heute kein Luxus mehr, aber Original, das Telefon griffbereit an der Toilette (Foto: Uta Winterhager)

Kurzinfo zu Hotel und Hotelkette

Das Parador de Aiguablava ist eines von über 90 Häusern der spanischen Hotelkette Paradores de Turismo de España. Seit 1991 ist sie eine Aktiengesellschaft in staatlichem Eigentum mit der Generaldirektion für spanische Kulturgüter als einzigem Aktionär.  Diese inzwischen durchaus kritisch betrachtete Konstellation liegt in der Geschichte der Paradores begründet, mit denen – so regte es die Regierung schon 1910 an – Wanderern eine Unterkunft geboten und das Bild Spaniens im Ausland verbessert werden sollte. 1928 eröffnete das erste Hotel in der Sierra de Gredos, sein Erfolg motivierte zum Ausbau des Konzeptes an weiteren Standorten. Nach einem Boom in den 60er Jahren und etlichen Krisen in den folgenden Jahrzehnten gehören nun 97 Häuser zur Paradores-Kette: 45 davon befinden sich in außergewöhnlichen historischen Gebäuden mit dem Ziel das nationale Erbe zu erhalten, 24 in attraktiven Städten und 28 sind landschaftlich besonders schön gelegen, häufig auch mit dem Hintergedanken in touristisch wenig erschlossenen Gebieten als Vorreiter aufzutreten.

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Winter 18: Im Hotel

Portugal, Hotel Arribas

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Chrstina Gräwe an einem ikonischen Wim-Wenders-Drehort.

Erfurt, Gästehaus

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Dina Dorothea Falbe besucht das „Rote Kloster“.

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Uta Winterhager sieht Stil bis ins Detail.

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Heiko Haberle über 100 Stunden im „Brutalismus-Hotel“.

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C. Julius Reinsberg über zeichenhafte Unvollendetheit.

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Daniel Bartetzko wählt das Hotel seines Namens.

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Karin Berkemann in einem modernen Rundtempel.