Der Werkbund und Europa

Der saarländische Werkbund wird in diesem Jahr 60 Jahre alt und lädt am 29. und 30. September 2017 zur Geburtstags-Klausur nach Saarbrücken. Schwerpunkt der Tagung ist der Themenkomplex „Werkbund und Europa“. Dabei wird besonders die Architektur der deutsch-französischen Grenzregionen Saarland und Lothringen im Fokus der Diskussionen und Referate stehen. Ein Highlight ist der Besuch der Sendeanlage des Europasenders Überherrn.

Das Areal liegt in unmittelbarer Nähe der deutsch-französischen Grenze und beherbergt den stärksten Rundfunksender Deutschlands. Die elegante, denkmalgeschützte Sendehalle entstand 1954/55 unter der Leitung des französischen Architekten Eugène Freyssinett. Es handelt sich dabei um den weltweit ersten Großbau mit einem aus Beton gegossenen Dach, das auf vorgespannten Seilen hängt. Die Tagung selbst findet in der Hochschule für Bildende Künste Saar statt. Das barocke Gebäude wurde 1765 bis 1769 nach Plänen Friedrich Joachim Stengels errichtet. Nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde es durch das Werkbundmitglied Hans P. Koellmann wieder aufgebaut und erweitert. (jr, 23.6.17)

Sendeanlage Europe 1 bei Überherrn (Bild: Lokilech, CC BY SA 3.0)

Frankfurts 60er

Frankfurts 60er

Frankfurt 1960-69 (Bild Wilhelm Opatz)
Frankfurt 1960-69 (Bild: Wilhelm Opatz)

2014 erschien mit „Frankfurt 1950-1959“ ein Architekturführer, der sich dem ersten Nachkriegsjahrzehnt in der Stadt am Main widmete. Nun gibt es mit „Frankfurt 1960-1969“ einen würdigen Nachfolgeband. Er setzt auf das Konzept seines Vorgängers und porträtiert zehn Bauten – einen für jedes Jahr der Dekade – in Text und Bild, die für ihre Zeit und die Entwicklung der Stadt charakteristisch sind. Flankiert werden die Porträts von vertiefenden Essays, unter anderem verfasst von Klaus Klemp, Luise King und Einrico Dunkel.

Während der erste Band von Frankfurts Hoffnungen auf den Hauptstadtstatus und dem Wiederaufbau der 1950er erzählte, steht „Frankfurt 1960-1969“ ganz im Zeichen der Herausbildung einer modernen Handels- und Finanzmetropole. So fokussiert er zum Beispiel für das Jahr 1964 mit dem Hochhaus der Schweizer National Versicherung, geplant von Max Meid und Helmut Romeick, eine „architektonische Inkunabel der Sechzigerjahre“. 1968 sahen sich die Frankfurter Architekten mit der Bauaufgabe U-Bahn konfrontiert und gestalteten mit der Hauptwache das historische Zentrum der Stadt grundlegend um. Das Jahr 1965 schließlich ist dem letzten Bau gewidmet, den Ferdinand Kramer in seiner Funktion als Universitätsbaudirektor ausführte: der Universitätsbibliothek, die mit ihrem neuartigen Freihandmagazin weit über die Grenzen der Stadt hinaus wirkte. (jr, 17.9.16)

Freunde Frankfurts e.V./Opatz, Wilhelm E., Frankfurt 1960-1969, Niggli Verlag, Zürich 2016, ISBN 978-3721209433.

Publicity für Pingusson

In Saarbrücken geht die Debatte um die Zukunft der ehemaligen französischen Botschaft weiter. Der Bau entstand 1951-1954 nach Plänen des französischen Architekten Georges-Henri Pingusson während der Zeit der nationalstaatlichen Unabhängigkeit des Saarlandes nach dem 2. Weltkrieg. Nun ist womöglich ein weiterer Schritt hin zu seiner Rettung getan: Ein neuer Sammelband rund um das Bauwerk garantiert zumindest öffentliche Aufmerksamkeit.

Neben Aufsätzen zur Baugeschichte und historischen Fotos enthält er – mit Grußworten des französischen Generalkonsuls in Saarbrücken, Frédéric Joureau und des saarländischen Kultusministers Ulrich Commerçon – zwei prominente Plädoyers für den Erhalt. Das Buch ist für deutsche und französische Leser durchgängig zweisprachig gestaltet. Er knüpft damit an die Gedanken an, den Bau zum Symbol für die deutsch-französische Freundschaft und die europäische Integration zu machen. Diese Idee hatte auch ein internationaler Expertenkongress stark gemacht, den der saarländische Werkbund 2014 in dem leerstehenden Gebäude veranstalte. (jr, 28.1.15)

Die ehemalige Französische Botschaft in Saarbrücken von Georges-Henri Pingusson, hg. vom Deutschen Werkbund Saarland und vom Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Verlag St. Johann GmbH, Saarbrücken 2014, 128 Seiten, ISBN 3-938070-90-9.

Zukunft weiterhin ungewiss: die ehemalige französische Botschaft in Saarbrücken (Foto: © Marco Kany | marcokany.de)