Schlagwort: Deutsches Architekturmuseum

Berlin, Umlauftank (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0)

Kulti und „Rosa Röhre“ auf der Shortlist

Unter den vielen Neubauten, die auch in diesem Jahr von einer Fachjury für das Deutsche Architekturmuseum(DAM) auf ihre Preiswürdigkeit hin gesichtet werden, finden sich auch nachkriegsmoderne Schätze. In die Shortlist, der engeren Vorauswahl von 22 Auszeichnungsanwärtern, wurden zwei Sanierungen aufgenommen. Da ist zunächst der Berliner Umlauftank2, besser bekannt als „Rosa Röhre“, der jüngst durch das Berliner Büro hg merz im Auftrag der Wüstenrot Stiftung wieder hergerichtet wurde. Das Versuchsgebäude der TU entstand 1974 nach Plänen Ludwig Leos im Stadtteil Tiergarten. In der überdimensionalen Röhre, die rechts und links aus dem Bauwerk herausragt, lassen sich künstliche Wasserströme erzeugen und die Seetauglichkeit von Schiffsmodellen erproben.

Und da wäre eine zweite Sanierung auf der Shortlist: die Renovierung des Dresdener Kulturpalastes durch das Hamburger Büro gmp Architekten (Gerkan, Marg und Partner) für KID (Kommunales Immobilienmanagement Dresden GmbH & Co. KG). 1969 wurde der vom Architekten Wolfgang Hänsch entworfene Kulturpalast in Dresden eröffnet. Vor den Ruinen von Schloss und Frauenkirche markierte der klare Glas-Beton-Bau ein deutliches Bekenntnis zur Moderne. Hänsch verband mit der Multifunktionshalle Raum für kulturelle und politische Veranstaltungen unter einem Dach. Seit 2008 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Wir drücken beiden Moderne-Kandidaten die Daumen im finalen Rennen um den DAM-Preis 2019. (kb, 7.7.18)

Berlin, Umlauftank (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0)

Faller-Bausatz "Villa im Tessin" (Bild: faller.de)

moderneREGIONAL baut eine Villa im Tessin

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten Edwin und Hermann Faller in Gütenbach ein Produkt, das bald in keinem Hobbykeller fehlen durfte: „Häuschen“-Bausätze für die Modelleisenbahn. Im Schweiz-Urlaub waren die Brüder von einem futuristischen Bungalow derart begeistert, dass sie sich daheim im Schwarzwald ein ähnliches Haus errichten ließen. 1961 nahmen sie dann den Bausatz „Villa im Tessin“ in ihr Programm auf, der zum Klassiker werden sollte. Im Wahljahr 1972 überschrieb der Plakatkünstler Klaus Staeck das Foto eines Appartementhauses mit: „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“. Damit spiegelt ein kleines Stück Plastik mehrere Jahrzehnte bundesdeutscher (Architektur-)Geschichte.

Die Wanderausstellung „märklinMODERNE“ zeigt an diesem und anderen Beispielen, wie die „große“ Architektur den Weg in den Modellbau fand – und umgekehrt. Im Sommer 2018 starten wir im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt und in der Architekturgalerie am Weißenhof Stuttgart. Für den „Film zur Ausstellung“ reist Otto Schweitzer von Berlin bis ins Tessin, zu Modellbaufreunden wie dem Architekturkritiker Falk Jaeger und dem Plakatkünstler Klaus Staeck. So werden nicht nur die (Modell-)Häuser, sondern auch die mit ihnen verbundenen Menschen und ihre Geschichten sichtbar. Um den Film finanzieren zu können, brauchen wir eure Unterstützung: Besucht unsere Crowdfunding-Aktion mit attraktiven „Dankeschöns“ und werdet Teil von „märklinMODERNE“: www.startnext.com/maerklinmoderne/. (db/kb/jr, 15.9.17)

Send us a postcard

Das DAM (Deutsches Architekturmuseum) wünscht sich Post von Ihnen. Mit dem Aufruf „Send us a postcard from your brutiful holidays“ bittet die Aktion „SOSBrutalism“, eine Initiative mit dem Magazin uncube, um Postkarten mit bruatlistischen Motiven an die folgende Adresse: Deutsches Architekturmuseum / SOS-Team Elser / Hedderichstr 108 / 60596 Frankfurt / GERMANY. Motive dürften Sie – zwischen Mallorca-Bettenburg und bildungsbürgerlichem Kirchenbesuch – sicher zu Hauf finden. Und ein paar jahrzehntealte Postkarten, die solche Schönheiten noch stolz als Neuheiten präsentierten.

Damit können Sie sich auch die Wartezeit auf die anstehende Frankfurter Brutalismus-Ausstellung versüßen (wir werden noch ausführlicher berichten), die für den wiederentdeckten Baustil der Jahre zwischen 1953 und 1979 eine Lanze brechen will. Vorlaufend sammelt die Projektseite www.SOSBrutalism.org mittlerweile weltweit mehr als 1.000 Bauten dieser Gattung. Zu den regionalen Schwerpunkten zählen Israel, Japan, Südamerika, selbstverständlich Großbritannien, die USA, aber auch viele westdeutsche Kirchenbauten. Die Präsentation „SOS BRUTALISMUS – Rettet die Betonmonster!“ , ein Projekt mit der Wüstenrot Stiftung, wird vom 7. Oktober bis zum 25. Februar 2018 in Frankfurt zu sehen sein, die Eröffnung wird am 6. Oktober 2017 um 19.00 Uhr gefeiert. (kb, 10.8.17)

Neuer Wohnen

Dresden, Freiberger Straße mit Citroen DS (Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0, 1962. Richard Peter)
Zwischen Effizienz und Eleganz: der europäische Wohnungsbau, hier ein Beispiel aus Dresden (Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0, 1962. Richard Peter)

Zwischen 1945 und 1970 entstanden die meisten europäischen Wohnungen. Die Gründe liegen im Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen und in den folgenden Wirtschaftswunderjahren. In diesen Jahren mussten der Staat oder staatlich geförderte Institutionen einer wachsenden Wohnungsnot entgegentreten und wollten zugleich ihre jeweiligen (wohn-)politischen Ideale verwirklichen. Die Tagung „Die Erneuerung des Wohnens“ – veranstaltet vom Deutschen Architekturmuseum (DAM), dem Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau der TU Darmstadt sowie der Wüstenrot Stiftung – thematisiert daher vom 24. bis zum 15. November 2016 im Frankfurter DAM den geförderten europäischen Geschosswohnungsbau.

Im Mittelpunkt der Tagung steht daher die Frage, wie eine grundlegende Erneuerung des Wohnens und deren architektonische Umsetzung gelingen konnte. In einer begleitenden Ausstellung werden erstmals die Resultate des Forschungsseminars „Wohnen in Europa“ von Studierenden der Architektur der TU Darmstadt vorgestellt. Gezeigt werden rund siebzig architektonisch herausragende und international wenig bekannte Geschosswohnbauten aus Brüssel, Zagreb, Köln, Oslo, Porto, Lyon und Athen. Im Vergleich der Projekte wird der Balanceakt zwischen internationalen Idealen und partikularistischen Bestrebungen einzelner Städte und Architektengruppen sichtbar. Der Besuch der Tagung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt ist kostenfrei, die Ausstellung ist dort noch bis zum 5. Dezember zu sehen. (kb, 19.11.16)

„Es ist noch nicht zu spät“

Mattersburg, Kulturzentrum (Bild: Johann Gallis, 2015)
Das Deutsche Architekturmuseum setzt sich für den Erhalt ein: das Kulturzentrum Mattersburg (Bild: Johann Gallis, 2015)

„Das Kulturzentrum Mattersburg gilt als Hauptwerk des Architekten Herwig Udo Graf“, so würdigt Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, die 1976 eingeweihte betonplastische Anlage, die ursprünglich eine Sporthalle, eine Zentralhauptschule und ein Kulturzentrum mit Foyer, Restaurant, Volkshochschule, Seminarräumen, Literaturhaus, Verwaltungsräumen, Zentrum für politische Bildung (mit Übernachtungsgelegenheiten), Jugendclub, Freibühne und Sauna mit Liegebecken umfasste.

Doch, und damit kommt Elser zum Anlass seiner Stellungnahme vom 20. Juni 2016: „Der Betonbrutalismus ist vielerorts in Gefahr. Daher sollten die verbliebenen Beispiele besonders gepflegt werden.“ Denn für das Kulturzentrum Mattersburg sah es 2016 überraschend nach Abriss aus. Der Bau sei nicht energieeffizient, ein Neubau wirtschaftlicher. Es regte sich Widerstand, die Kommune lenkte scheinbar ein und schrieb einen Architektenwettbewerb aus. Den gewann das Büro HOLODECK architects, das nur 20% des Bestands erhalten und den Veranstaltungssaal zu Büro- und Seminarräumen umgestalten will. Für Elser keinen Ausweg: „Lediglich den Mehrzwecksaal zu erhalten erscheint jedoch zu wenig. Es ist, als würde man eine Kirche abreißen und ließe anstandshalber den Kirchturm stehen. Das Verbleibende wird musealisiert, ein Torso ohne Gliedmaßen.“ Und verbleibt mit einem hoffnungsmachenden „Es ist noch nicht zu spät.“ (kb, 11.7.16)