Die Theorie der zentralen Orte

Die Theorie der zentralen Orte

Arieh Sharon (Bild: Ynhockey, via wikimedia commons, gemeinfrei)
Der Architekt Arieh Sharon (1900-84) prägte maßgeblich den Aufbau des Staates Israel (Bild: Ynhockey, via wikimedia commons, gemeinfrei)

Ist es möglich, zwischen dem israelischen „Sharonplan“ und dem  „Generalplan Ost?“ der deutschen Nationalsozialisten eine konzeptionelle Verbindungslinie zu ziehen, die ihren Ursprung in W. Christallers „Theorie der zentralen Orte“ hat? Das Leitbild dieser 1933 veröffentlichten Theorie zielt darau, die Wirtschaftsfaktoren zu optimieren und die Bevölkerung im Raum zu verteilen.

Der Autor des Buchs „Die Theorie der zentralen Orte in Israel und Deuschland“, der Berliner Architekturtheoretiker Joachim Trezib, geht einer unerwarteten Parallelität nach, die er als Muster räumlicher Herrschaft sowohl in den NS-Plänen zur „Neuordnung“ Europas als auch in der israelischen Nationalplanung nach der Staatsgründung 1948 identifiziert. Der Vergleich zeigt einen exemplarischen Fall, wie sich die junge Wissenschaft der Raumplanung im 20. Jahrhundert als Herrschaftsmittel instrumentalisieren ließ. (kb, 12.8.16)

Trezib, Joachim, Die Theorie der zentralen Orte in Israel und Deutschland. Zur Rezeption Walter Christallers im Kontext von Sharonplan und „Generalplan Ost“ (Europäisch-jüdische Studien – Kontroversen, Band 3), de Gruyter Oldenbourg-Verlag, Berlin 2014, gebunden, ISBN 978-3-11-033825-6.

Mit großer Geste

von Marco Kany (18/3)

Peter Behrens und Le Corbusier stehen für zwei Fäden der Moderne, die in der deutsch-französischen Nachkriegsarchitektur im Saarland zusammentreffen: Hier das geschickte Multi-Talent, das über die Industrie auf allen Maßstabsebenen entscheidende Impulse gibt. Dort der romanisch geprägte Künstler-Architekt, der die großen Pflöcke einschlägt, entlang derer die Moderne zum weltweiten Erfolg wird – und halbnackt in seinem Cabanon am Strand Muscheln sammelt und die Wände bemalt. Diese beiden Pole – hier mit dickem Pinsel und grob vereinfachend karikiert – unterscheiden die Pfade der Moderne in Deutschland und Frankreich und prägen auch das Bauen im Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg.

In Deutschland

Ihre Auftaktimpulse erhielt die Architekturmoderne in Deutschland durch die Industrie. Für deren neue Bauaufgaben wurde das klassizistische Repertoire monumental übersteigert und/oder expressiv überhöht. Die Gleichzeitigkeit von expressionistischer und funktionalistischer Architektur ist für Deutschland kennzeichnend. Die nationalsozialistische Herrschaft bedeutete architektonisch bekanntlich einen Wechsel hin zum historisierend-pathetischen Größenwahn, die Moderne kam allenfalls bei Industriebauten zum Zug. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die Bundesrepublik an die „weiße Moderne“ anknüpfen, allerdings waren die besten Architekten dieses Stils tot oder emigriert. Beim Wiederaufbau der zerstörten Städte gab es zwei Lager: Die einen wollten den Vorkriegszustand wiederherstellen – die anderen einen Neuanfang im Sinne der Architekturmoderne mit Grün- und Freiräumen und einer autogerechten, funktionsentmischten Stadt („Ville Contemporaine“).

Comme en France

In Frankreich gab es diesen Bruch so nicht und folglich auch keine Wieder-Anknüpfung. Auf dem Humus der Académie des Beaux-Arts und des Art déco erschlossen stattdessen Architekten wie Le Corbusier den Stahlbeton für die Moderne. Die Absolventen der École des Beaux Arts entwarfen Leitlinien für den Ausbau der Metropolen, um die neuen Erfordernisse des Verkehrs mit der Umgestaltung der Stadt in Einklang zu bringen. Sie hatten republikanisch-sozialistische Ziele, die auf privaten Grundbesitz kaum Rücksicht nahmen.

Le Corbusier hatte 1920 im „L’Esprit Nouveau“ die Prinzipien formuliert, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch auf Saarbrücken und andere Städte im Saarland angewandt wurden. Georges-Henri Pingusson, die zentrale Figur beim Wiederaufbau in Saarbrücken und einer der prominentesten Vertreter des „Mouvement Moderne“, hatte seine Karriere mit dem Hotel Latitude 42 in Saint Tropez begonnen, das mit der Binnen-Erschließung des französischen Südens für den Massentourismus entstanden war. Der autoritäre „État français“ sah überall staatliche Interventionen in den Städtebau vor. Schon während des Zweiten Weltkriegs hatte die Vichy-Regierung für den Wiederaufbau der französischen Städte geplant, was später auch auf das Saarland angewandt wurde. Der Wiederaufbau Saarbrückens bezog sich direkt auf den Wiederaufbau von Le Havre (von Perret), Maubeuge und Sotteville-les-Rouens. Diese enge Verbindung französischer und deutscher Planungsprozesse zeichnet in diesem Heft das Interview mit dem Architekten DW Dreysse nach.

Ein neuer Geist

Die ersten bahnbrechenden Nachkriegsbauten im Saarland dienten als Symbole und Boten einer neuen, an Frankreich orientierten und demokratischen Zeit. Die saarländischen Städte sollten dem „Esprit Nouveau“ folgen, das Leben ihrer Bewohner erleichtern und die französische Hegemonialmacht sichern. Die beiden Traditionslinien, die sich in der Nachkriegsarchitektur des Saarlands zeigen, sind eng miteinander verbunden. So hatte nicht nur Le Corbusier selbst bei seinem Aufenthalt im Atelier von Peter Behrens in Potsdam-Neubabelsberg bei Berlin (1910-11) entscheidende Impulse erfahren. Auch einer seiner ersten entscheidenden Bauaufträge für die Mustersiedlung Weißenhof in Stuttgart (1927) war nach den programmatischen „Fünf Punkten zu einer neuen Architektur“ entworfen.

Noch wichtiger für das Saarland ist die Charta von Athen, die auf dem IV. CIAM-Kongress unter Federführung Le Corbusiers formuliert wurde. In Saarbrücken berief die französische Militärregierung Georges-Henri Pingusson, der mit der „Equipe des Urbanistes de la Sarre“ einen Wiederaufbauplan mit breiten Straßen und riesigen Wohnblocks vorlegte. Die Umsetzung scheiterte, da man massive Enteignungen hätte durchführen und das unterirdische Infrastrukturnetz aufgeben müssen. Das Saarland wurde 1957 mit der „Kleinen Wiedervereinigung“ politisch und 1959 wirtschaftlich der Bundesrepublik angeschlossen. Der französischen Bau- und Planungskultur blieb keine Zeit, sich nachhaltig zu verankern. Wohl aber stellte sie wichtige Weichen und drückte dem Saarland ihren Stempel auf. Viele Bauten zeugen bis heute von der historisch eigenständigen Nachkriegsmoderne dieses Bundeslands.

Zum Beispiel: Bildungsbauten

Die KZ-Gedenkstätte „Neue Bremm“ in Saarbrücken, entworfen von André Sive 1947, ist das naheliegendste Symbol für den französischen Beitrag zum Sieg über den Nationalsozialismus. Schon 1947 weihte der französische Militärgouverneur die Gedenkstätte ein. Sive leitete zusammen mit Marcel Roux das Team der „Section urbanisme et Reconstruction“ im Saarland. Auch die „Marschall-Ney-Schule“ (heute Deutsch-Französisches Gymnasium), 1949 bis 1954 von Pierre Lefèvre in Saarbrücken gebaut, hat einen hohen Zeichenwert: Auf dem Gelände der ehemaligen Ulanenkasernen trat die Bildung sinnfällig an die Stelle des Militärs. Darüber hinaus war das Gymnasium nicht nur der erste saarländische Neubau einer Schule nach dem Krieg, sondern auch einer der ersten Stahlbetonbauten im Land. Vor diesem Hintergrund wirft die Fotostrecke in diesem Heft einen lohnenden Blick auf die Saarbrücker Schulen der 1950er Jahre.

Zum Beispiel: Wohnbauten

Die „Grands Ensembles“ der französischen Nachkriegsstädte befeuerten das industrialisierte Bauen, das sich auch auf das Saarland auswirkte: Das Beamtenwohnhaus Habitat am Stockenbruch von Jean Schoffit aus dem Jahr 1953 wurde als achtgeschossiger Stahlbetonbau mit 48 Wohnungen errichtet. Auch die beiden fünfgeschossigen Professoren-Wohnhäuser in Saarbrücken-St. Johann (Bruchwiese) vom Pariser Architekten Marcel Roux entstanden 1951 nach den Vorgaben des Pingusson-Plans von 1947. Dem Weg des industrialisierten Bauens folgt in diesem Heft der Fachbeitrag von Carsten Diez am Beispiel des französischen Plattenbausystems Camus-Dietsch.

Zum Beispiel: Prestigebauten

Kaum ein Gebäude verdichtet den Wiederaufbau des Saarlands so sehr wie die (ehemalige) Französische Botschaft in Saarbrücken von Georges-Henri Pingusson (mit Bernhard Schultheis und Hans Bert Baur) aus dem Jahre 1954. Der Komplex setzt sich aus einem schmalen Verwaltungshochhaus und einem Flachbau zusammen. Französisches Sendungsbewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes zeigt die avantgardistische Sendehalle des Senders „Europe 1“ in Überherrn-Berus, die Jean-François Guédy und Bernard Laffaille (später Eugène Freyssinet) 1955 entworfen haben. Die Spannbetonkonstruktion ohne Stützpfeiler war der weltweit erste Großbau mit einem aus Beton gegossenen Dach, das auf vorgespannten Seilen hängt. Am Beispiel beider Bauten porträtiert C. Julius Reinsberg in diesem Heft, wie sich gerade bei den scheinbar unwichtigen Details der Innenausstattung eine besondere Mischung aus technischer Innovation und „Élégance“ herausbildete.

Zum Beispiel: Kirchenbauten

Nicht zuletzt war es die rheinische Kirchenarchitektur, die der saarländischen Nachkriegsmoderne eine neue Richtung gab. Dominikus und Gottfried Böhms schufen beispielsweise für St. Albertus Magnus in Saarbrücken 1954 einen eiförmigen Bau aus 70.000 Ziegeln der Vorgängerkirche. Für Maria Königin verband Rudolf Schwarz ebenfalls in Saarbrücken 1959 rotbraunen Sandstein mit einem aufsehenerregenden Stahlbeton-Gerüst. Neben solchen anerkannten Inkunabeln schlummern an der Saar weitere bedrohte, veränderte oder bereits verlorene Kirchbauschönheiten. Deren Spuren folgt Karin Berkemann in diesem Heft – und wirft damit einen Blick auf die nachfranzösischen Jahre.

Titelmotiv: Saarbrücken, ehemalige Französische Botschaft (Bild: Marco Kany)

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Frühjahr 18: Bleu – Blanc – Brut

Mit großer Geste

Mit großer Geste

LEITARTIKEL: Marco Kany über die unterschätzte Saarmoderne.

Plattenbau à la française

Plattenbau à la française

FACHBEITRAG: Carsten Diez über das System Camus-Dietsch.

Sacre brut

Sacre brut

FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Saar-Kirchen im Wandel.

Ein Habitat für Beamte

Ein Habitat für Beamte

FACHBEITRAG: Axel Böcker über einen besonderen Wohnturm.

Innere Angelegenheiten

Innere Angelegenheiten

PORTRÄT: C. Julius Reinsberg über europäische Räume.

Neue Schulen

Neue Schulen

FOTOSTRECKE: von Kerstin Renz und Marco Kany.

"Monsieur l'Architecte"

„Monsieur l’Architecte“

INTERVIEW: DW Dreysse über französische Grenzerfahrungen.

„Monsieur l’Architecte“

Der Architekt DW Dreysse über Grenzerfahrungen (18/3)

DW Dreysse lebt und arbeitet als Architekt in Frankfurt am Main und hat sich hier besonders mit dem Schutz des architektonischen Erbes der 1920er Jahre einen Namen gemacht. In den 1960ern arbeitete er in Paris für das international renommierte Büro von Georges Candilis und unterrichtete anschließend viele Jahre an der Architekturschule in Straßburg. Mit moderneREGIONAL sprach er über seine Erfahrungen als deutsch-französischer „Grenzgänger“.

moderneREGIONAL: Herr Dreysse, Sie kamen 1963 als junger Architekt nach ihrem Studium in Darmstadt nach Paris – ein Kulturschock? 

DW Dreysse: Nein, für mich war es einfach, weil ich relativ wenig praktische Erfahrungen aus Deutschland mitbrachte. Ich hatte nur ein Jahr lang in einem Frankfurter Büro gearbeitet, ein praktisches Jahr zwischen Vor- und Hauptstudium. Einen Kulturschock erlebte eher an der „École des Beaux-Arts“, für die ich ein Stipendium hatte. Dort traf ich auf wilde Kerle, die sich mehr für Musik und Feste interessierten als für das Architekturstudium. Ganz anders als an der Hochschule in Deutschland. An diesem Studium hatte ich wenig Interesse, nach einem Vierteljahr fing ich an, zu arbeiten. Ich begann im Büro von Georges Candilis und blieb dort über sieben Jahre. In dem internationalen Büro arbeiteten 20 bis 30 Mitarbeiter aus allen Nationen – es gab alles, nur erstaunlicherweise keine Franzosen! Vielleicht hatte ich einen Stein im Brett, weil ich aus Frankfurt kam und das Büro gerade einen Entwurf für den Römerberg gemacht hatte. Jedenfalls kam ich gleich an Wettbewerbe, konnte mir Freiheiten erarbeiten und wurde schon nach einem Jahr Projektleiter für städtebauliche und Hochbauprojekte in Südfrankreich.  

mR: Architektur funktionierte also in Frankreich nicht anders als in Frankfurt? 

DWD: Was in Frankreich grundsätzlich anders war und teilweise noch heute ist, ist das Berufsverständnis. Die Architekten selbst betreuen im Wesentlichen die Entwurfsphase. Die ganze Ausführungsphase wird abgegeben. Das übernehmen Ingenieurbüros, die sich um Statik, Haustechnik, Brandschutz und so weiter kümmern. Der planende Architekt hat zwar die gestalterische Oberleitung, aber mit den Details wenig zu tun. Außerdem ist die Architektenszene in Frankreich eine völlig andere als in Deutschland, schon numerisch. Es gibt schlicht wesentlich weniger Architekten, vielleicht ein Zehntel der Anzahl der deutschen Kollegen.  

mR: Warum gibt es so wenige Architekten? Ist die Ausbildung so schwer? 

DWD: Nein, das hängt vor allem mit der traditionellen gesellschaftlichen Stellung des Architekten in Frankreich zusammen. Früher gehörte er zu den Berufen, die im Dienste des Königs tätig waren. Eine ganz besondere Auszeichnung. Lange wurden Architekten nicht mit Namen, sondern mit „Monsieur l‘Architecte“ angesprochen. Herr Architekt! Davon hat sich bis heute etwas erhalten. Die Architektenschaft hat lange wie eine Art Kaste dafür gesorgt, unter sich zu bleiben. Es war eine große Ehre, in die Berufskammer, den „ordre des architectes“, aufgenommen zu werden. Heute ist das alles einfacher, aber es gibt immer noch die Hürde des Diploms. In Deutschland gibt es etwa 75 Architekturschulen, in Frankreich sind es 20. An der Architekturschule in Straßburg, an der ich später lehrte, brauchte man sechs bis sieben, manchmal acht Jahre, bis man das Diplom bekam. Pro Jahr gab es 40 bis 50 Absolventen, nicht mehr. Der Beruf ist also bis heute exklusiv. Und im Gegensatz zu Deutschland gibt es die Kategorie des angestellten Architekten nicht. Ich arbeitete bei Candilis etwa als technischer Zeichner. Ich war zwar Projektleiter, durfte Bauanträge unterzeichnen und hatte viele Kompetenzen, durfte mich aber nicht Architekt nennen. 

mR: Ließ sich dieses spezifische Berufsbild mit dem Wiederaufbau vereinen, als Architekten in ganz Europa sehr gefragt waren? 

DWD: Die Vichy-Regierung hatte schon 1942 eine Kommission für den Wiederaufbau eingerichtet. Sie verfügte über ausgezeichnete Kontakte zu einzelnen profilierten Architekten. Die wurden dann ziemlich schnell beauftragt, Wiederaufbaupläne zu entwickeln und umzusetzen, also nicht nur ein Team zusammenzustellen, sondern die gesamte Planung in die Hand zu nehmen. Bevorzugt beauftragt wurden Architekten, die nachweislich über städtebauliche Kompetenzen verfügten. Auguste Perret beispielsweise hatte 1930 utopische städtebauliche Entwürfe für Paris vorgelegt. Das war seine Referenz, um mit dem Wiederaufbau von Le Havre beauftragt zu werden. Wie die meisten seiner Kollegen, die als Hochschullehrer tätig waren, verfügte er über ein sogenanntes Atelier, seine Studierendenklasse an der „École des Beaux-Arts“. Sie folgte ihrem Meister bedingungslos und musste seine Wünsche an den Lippen ablesen können. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Für die konkrete Arbeit vor Ort wurden die Schüler in die Pflicht genommen, während Perret selbst seine Projekte in Paris politisch vertrat und nur hin und wieder in Le Havre auftauchte. Auch andere Wiederaufbauprojekte liefen ähnlich ab. 

mR: Was bedeutete das für die deutschen Städte in der französischen Besatzungszone? 

DWD: Auch hier sind solche Großmeister mit den Planungen beauftragt worden. Diese Teams und Ateliers waren mit allen notwendigen Vollmachten ausgestattet, schon von der Struktur völlig anders als in Deutschland. Beim Wiederaufbau haben sie versucht, die städtebaulichen Ideale umzusetzen, die sie in den 1920er und 1930er Jahren entwickelt hatten, ohne Rücksicht auf die Geschichte der Stadt zu nehmen. Eine Radikalität, die typisch ist für die französischen Architekten dieser Zeit. In Frankreich ging man mit einer aus heutiger Sicht bewundernswerten Radikalität ans Werk. In Deutschland ist das übrigens damals kaum wahrgenommen worden. Dabei war Frankreich viel weiter, abgesehen von Ausnahmen wie dem Berliner Hansaviertel. 

mR: Wann wagten die deutschen Architekten den Blick über den Tellerrand? 

DWD: Erst in den 1960er Jahren. Nachdem die ersten großen Wohnsiedlungen in Frankreich gebaut worden waren, die „Grands Ensembles“. Das hat viele deutsche Architekten inspiriert, Trabantenstädte wie Neuperlach in München oder Kranichstein in Darmstadt sind ohne die „Grands Ensembles“ undenkbar. Auch die Industrialisierung im Bauwesen ist eine französische Errungenschaft. Sie hat ihren Ursprung zwar in Deutschland, wo etwa Ernst May als Pionier auf diesem Gebiet tätig war, wurde aber hier nicht weitergeführt. Das erste Beispiel der Vorfabrikation im großen Stil liegt in Straßburg, die „Cité Rotterdam“. Die Siedlung war ein Pilotprojekt für ganz Frankreich, hier wurden seit dem Ende der 1940er Jahre verschiedene Methoden der Vorfabrikation sowie ganz unterschiedliche Gebäudetypen getestet. Entsprechende Siedlungen haben im ganzen Land Schule gemacht, in den 1970er Jahren uferte der Trend jedoch aus. Die Planungen wurden riesenhaft und entwickelten sich oft zu Brennpunkten. Wenn eine so große Anzahl von Menschen neu zusammengewürfelt wird, hat das soziale Folgen. Eine bittere Erfahrung in Frankreich wie in Deutschland.  

mR: Gab es auch Dinge, die sich die französischen Architekten von ihren deutschen Kollegen abschauten? 

DWD: Da gab es wenig abzugucken. Abgesehen vom Bauhaus natürlich. Das Bauhaus hatte in den 1920er Jahren einen großen Einfluss in Frankreich, der sich gehalten hat. Im Gegensatz zu Deutschland, wo das Bauhaus erst ab den 1960ern wieder als Referenz dienen konnte.

Das Gespräch führte C. Julius Reinsberg.

Titelmotiv: DW Dreysse (Bild: Peter Paul Schepp) und Le Havre, Rathaus (Bild: Francesco Bandarin, CC BY SA 3.0)

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Frühjahr 18: Bleu – Blanc – Brut

Mit großer Geste

Mit großer Geste

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FACHBEITRAG: Axel Böcker über einen besonderen Wohnturm.

Innere Angelegenheiten

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PORTRÄT: C. Julius Reinsberg über europäische Räume.

Neue Schulen

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FOTOSTRECKE: von Kerstin Renz und Marco Kany.

"Monsieur l'Architecte"

„Monsieur l’Architecte“

INTERVIEW: DW Dreysse über französische Grenzerfahrungen.