Ein Baukunstarchiv für NRW

Ein Baukunstarchiv für NRW

von Ute Reuschenberg

Düsseldorf, Mannesmann-Hochhaus (Bild: Ute Reuschenberg)
Düsseldorf, Mannesmann-Hochhaus (Paul Schneider-Esleben, 1958) (Bild: Ute Reuschenberg)

Stellen Sie sich vor, ein Düsseldorfer Pionier der Nachkriegsmoderne wird mit einer Retrospektive geehrt – und diese findet in Bayern statt. Klingt irgendwie falsch? Stimmt. Und doch war es so: Zu seinem hundertsten Geburtstag würdigte man Paul Schneider-Esleben (1915-2005) zwar auch in seiner Heimatstadt. Aber die maßgebliche Ausstellung war im Architekturmuseum der Technischen Universität München zu sehen. Denn der umfangreiche Nachlass des 1915 geborenen Architekten – Erbauer der Haniel-Garage, des Mannesmann-Hochhauses oder des Flughafens Köln-Bonn, um nur einige Ikonen der späten Moderne NRWs zu nennen – wanderte 2006 mangels hiesiger Möglichkeiten in die bayrische Landeshauptstadt.

 

Eine Sache des Ortes

Dortmund, Baukunstarchiv, Ansicht Ostwall (Bild: Podehl Foto Design)
Dortmund, Ostwall 7: Leonie Reygers, Gründerin des Museums am Ostwall, bewahrte die Segmentbogenfenster als Erinnerung an das alte Oberbergamt (Bild: Podehl Foto Design)

Derartige Verluste soll das Baukunstarchiv NRW künftig verhindern, da sind die berufsständischen Vereinigungen des Landes NRW, die Stadt Dortmund und die Technische Universität Dortmund einig. Mit Unterstützung des Landes NRW stemmen sie dieses Projekt gemeinsam. Architektur ist eine Sache des Ortes, eng mit der lokalen Baugeschichte verknüpft und nur in diesen Zusammenhängen wirklich zu verstehen und zu erschließen. Daher will das Baukunstarchiv, das seine Pforten schon nächstes Jahr im ehemaligen Museum am Ostwall in Dortmund öffnen wird, zur Aufgabe gemacht, Nachlässe einflussreicher und regional bedeutsamer Bauschaffender aus ganz NRW sichern und zugänglich machen. Den Grundstock wird das „Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst“, kurz A:AI, der TU Dortmund bilden. In seiner Obhut befinden sich zahlreiche Nachlässe einflussreicher Architekten, die mit der Nachkriegsmoderne im bauintensivsten Bundesland eng verbunden sind. Zu nennen sind hier etwa Harald Deilmann, Eckhard Gerber, Bruno Lambart oder Eckhard Schulze-Fielitz.

 

Die Rettung des Museumsbaus am Ostwall

Dortmund, Baukunstarchiv, Erker (Bild: Podehl Foto Design)
Dortmund, Ostwall 7: Im Bereich des ehemaligen Kupferstichkabinetts von 1956 öffnet das Haus zur Stadt (Bild: Podehl Foto Design)

Seit Mitte Januar 2017 laufen am Dortmunder Ostwall nun die Umbauarbeiten. Nach dem Umzug des dort bis dato ansässigen Kunstmuseums in das Dortmunder U – das Gebäude der ehemaligen Dortmunder Union Brauerei – stand der Altbau leer. 2013 wurde er von der Stadt als Eigentümerin quasi zum Abriss freigeben, ein Investor lockte bereits mit einem lukrativen Neubauprojekt. Doch in der Dortmunder Bürgerschaft regte sich Widerstand. Die Abrisspläne konnten am Ende gestoppt werden, die Nutzung als Baukunstarchiv setzte sich durch. Durch diese glückliche Fügung erhält NRW endlich sein Gedächtnis der Bauschaffenden. Gleichzeitig bekommen die Studierenden der Campus-Uni Dortmund einen Lernort mitten in der City und die Dortmunder zusätzlichen Ort des kulturellen Lebens. Und ihnen bleibt ein vertrautes und liebgewonnenes Bauwerk mit Geschichte und Charisma erhalten, ein Bau, der letztlich den Genius Loci bewahrt. Tatsächlich lassen sich in dessen heutiger Gestalt noch immer die verschiedenen Phasen seines langen Lebens ablesen.

 

Vom Königlichen Oberbergamt zum Baukunstarchiv

Dortmund, Baukunstarchiv, Lichthof (Bild: Podehl Foto Design)
Dortmund, Ostwall 7: Der zweigeschossigen Lichthof entstammt dem Umbau des ehemaligen Oberbergamts zum Museum für Kunst und Gewerbe im Jahre 1911 (Bild: Podehl Foto Design)

So würdevoll-bescheiden der ehemalige Museumbau mit dem großzügigen zentralen Lichthof daherkommt, so überraschend und wechselvoll ist seine Geschichte. 1872-75 vom Berliner Architekten Gustav Knoblauch als Königliches Oberbergamt im Stil des Historismus erbaut, wurde das älteste Profangebäude der Stadt bereits 1911 zum städtischen Museum umgebaut. Das „Museum für Kunst und Gewerbe“ entstand unter der Federführung des Dortmunder Stadtbaurats Friedrich Kullrich. Diese frühe kulturelle Nutzung belegt den Wandel Dortmunds zur selbstbewussten Großstadt. Den Zweiten Weltkrieg hat das Gebäude erstaunlich gut überstanden. Dennoch wurde es zugunsten der Oberlichtsäle auf zwei Geschosse reduziert. An diesen Umgestaltungen der 1950er Jahre hatte die damalige, auch in baulichen Dingen sehr engagierte Museumsdirektorin Leonie Reygers einen hohen Anteil. Die schlichten Formen der Nachkriegsfassung entsprechen dabei durchaus der damaligen puristischen Bescheidenheitsästhetik. Die Segmentbogenfenster verraten dabei dennoch den Ursprungsbau. Das Dortmunder Museum war bundesweit eines der ersten, das die zuvor von den Nazis verfemte Kunst der Moderne ab 1949 wieder zugänglich machte. Bis 2009 war der Ostwall 7 eine DER Adressen für Gegenwartskunst. Von der bildenden Kunst geht es nun zur Baukunst.

 

Förderverein als wichtiger „Stützpfeiler“

Dortmund, Baukunstarchiv, Stufen (Bild: Copyright Spital-Frenking + Schwarz)
Dortmund, Ostwall 7: Symbolische Grundsteinlegung zum künftigen Baukunstarchiv NRW im Januar 2017 (Bild: Copyright Spital-Frenking + Schwarz)

Einen zentralen „Stützpfeiler“ des entstehenden Baukunstarchivs bildet das bürgerschaftliche Engagement, gebündelt im Förderverein für das Baukunstarchiv NRW. Dieser hat sich verpflichtet, einen Teil der jährlichen Betriebskosten des künftigen Baukunstarchivs aufzubringen. Um dieses dauerhaft gewährleisten zu können, sind weitere Mitglieder, Unterstützer und Förderer dringend erwünscht. Denn so sehr, wie dieser Dortmunder Glücksfall nun Gestalt annimmt, so sehr werden auch seine weiteren Geschicke vom Engagement Vieler abhängen! (14.2.17)


Literatur

Rose, Christof, Baumaßnahmen zum „Baukunstarchiv NRW“ starten, in: DAB Regional, Ausgabe 02, 2017, S.7.

Sonne, Wolfgang/Wittmann, Regina, Baukunst im Archiv, Das Potential des Archivs für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW (A:AI) für Lehre, Forschung und Kultur, in: Sonne, Wolfgang/Welzel, Barbara (Hg.), St. Reinoldi in Dortmund, Dortmund 2016, S.45-49.

Hnilica, Sonja, Das alte Museum am Ostwall. Das Haus und seine Geschichte, Essen 2014.

Großstadt gestalten

In vielen deutschen Großstädten ist das frühe 20. Jahrhundert mit bekannten Stadtbaumeistern verbunden: Fritz Schumacher in Hamburg, Ludwig Hoffmann und Martin Wagner in Berlin, Theodor Fischer in München oder Ernst May und Martin Elsaesser in Frankfurt. Ihnen ist am 6. Juni 2014 die Veranstaltung „Großstadt gestalten. Das Vermächtnis der Stadtbaumeister“ gewidmet. Im Rahmen der Dortmunder Vorträge zur Stadtbaukunst – als Kooperation des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst an der TU Dortmund mit dem Forum Stadtbaukultur der Stadt Dortmund – wird im dortigen Rathaus gefragt: Wie gestalteten die Architekten im frühen 20. Jahrhundert das rasante Wachstum der Städte?

Die neuen Metropolen erhielten nicht nur neue Quartiere, sondern veränderten auch ihren Altstadtkern durch neue Dienstleistungs-, Geschäfts- und Verkehrsstrukturen. An die Seite der Ingenieure und Tiefbauinspektoren traten zunehmend Architekten. Städtebau wurde verstärkt als kulturelle Herausforderung diskutiert – nicht ohne Folgen für das Aufgabenfeld, die Organisation und den Zuschnitt der kommunalen Baubehörden. Diesen Wandel nachzuzeichnen und auf Anregungen für heutige kommunale Stadtplanung zu befragen, ist das Ziel der Dortmunder Vorträge. (24.5.14)

Moderne Stadtbaumeister wie Fritz Schumacher gestalteten mit neuen Quartieren – hier Groot Bossel in Hamburg – die Entwicklung der Metropolen (Bild: flamenc)

WDWM in Dortmund

"Welche Denkmale welcher Moderne", Frühjahrstagung 2015 in Dortmund (Bild: K. Berkemann)
Der Forschungsverbund traf sich an der TU Dortmund (Bild: K. Berkemann)

„Welche Denkmale welcher Moderne?“: eine große Frage, der sich die Frühjahrstagung des gleichnamigen Forschungsverbunds vom 12. bis zum 13. März 2015 in Dortmund widmete. Genauer gesagt ging es den Veranstaltern – der Bauhaus-Universität Weimar und der Technischen Universität Dortmund – ums Erfassen, Bewerten und Kommunizieren von Nachkriegsmoderne. Der erste der insgesamt fünf Themenblöcke kreiste um die Denkmalerfassung von Baukunst nach 1945. Aus verschiedenen innereuropäischen Blickwinkeln schilderten die Referenten – Katja Hasche und Torben Kiepke aus Weimar, Michael Hanak aus Zürich und Marieke Kuipers aus Delft – die unterschiedlichen Herangehensweisen. Braucht ein guter Bau im einen Land 30 bis 50, genügen im andere kaum zehn Jahre bis zum Denkmalschutz.

 

Die DDR, der Denkmalwert und die Migranten

Die Referenten der zweiten Gruppe – Simone Bogner aus Weimar, Hans-Georg Lippert aus Dresden sowie Sandra Uskokovicz und Boris Bakal aus Dubrovnik bzw. Zagreb – beleuchteten das Tagungsthema mit Blick auf den Staatssozialismus: „Wie schuf und wie behandelten Systeme wie die DDR ihre eigenen Denkmale?“. Im Anschluss stellten acht Nachwuchswissenschaftler im „Forschungsfenster“ in kurzen Schlaglichtern ihre Projekte vor, die am Rande der Tagung ebenso auf Postern erkundet und diskutiert werden konnten: von den Planungsphasen der Berliner U-Bahn über die Industriearchitektur der DDR bis zur Frage, wie sich die Architekturdebatte der 1970er Jahre ganz konkret in ausgewählten Siedlungen des Ruhgebiets niederschlug.

Im dritten Themenblock „Denkmalbegriff erweitert“ knüpften die Referenten – Ingrid Scheuermann aus Dortmund, Dietmar Schenk aus Berlin und Bernhard Serexhe aus Karlsruhe – nicht allein an die Diskussion des Europäischen Denkmaljahrs 1975 an. Sie fragten auch danach, worin ein Denkmalwert künftig liegen könnte. Im vierten und vorletzten Schwerpunkt beleuchteten die Referenten – Carsten Müller aus Weimar, Lika Sharifi Sadegh und Laura Torreiter aus Weimar – die Rolle der Einwanderer. „Was ist geblieben von denen, die geblieben sind“ – hatten Migranten wirklich fassbaren, „materiellen“ Einfluss auf die bauliche Gestaltung der Nachkriegsjahrzehnte?

 

Großbauten, Heimat und ein Ausblick

Zuletzt kehrten die Referenten der fünften Einheit – Sonja Hnilica aus Dortmund, Silke Langenberg aus München sowie Angelika Schnell und Lisa Schmidt-Colinet aus Wien – zu den großen Fragen und Bauten zurück. Welche Zukunft haben Großformen und Megastrukturen, nutzt oder schadet Denkmalschutz ihrem Erhalt? In der abschließenden Diskussionsrunde suchten Kooperationspartner des Forschungsverbunds von Bonn bis Breslau nach Perspektiven für das Forschungsvorhaben: Heimat, so Martin Bredenbeck vom BHU, könne neu bestimmt werden als „der Ort, mit dem ich tiefe Gefühle verbinde, an dem ich in Beziehung mit anderen trete und für den ich ganz konkret Verantwortung übernehme“. Ein hohes Ziel, das – so Barbara Welzel (Dortmund) – nur in enger Zusammenarbeit mit den Schulen umzusetzen sei. (kb, 13.3.15)