(Nicht nur) an Dresdener Wänden

Manche Pressebeschreibungen sind so formvollendet gedrechselt, dass wir sie im Original wiedergeben: “Architekturbezogene Werke bildnerischer und dekorativer Gestaltung finden sich nach 1945 in zahllosen Objekten unterschiedlichster Techniken und Gattungen. Sie stehen in einer langen, komplexen und vielschichtigen kulturgeschichtlichen Tradition und besitzen zugleich ihren konkreten zeitgeschichtlichen Bezug. Sie können rein ästhetische Zeugnisse sein, aber zugleich als Träger unterschiedlichster programmatischer Inhalte fungieren. Der Umgang mit ihnen ist ebenso multipel und changiert – wiederum aus unterschiedlichsten Gründen – zwischen Gleichgültigkeit und Wertschätzung. Neben den diversen Mal- und Putztechniken stellen Mosaik- sowie affine keramische Bild- und Dekorationstechniken eine eigene Werkgruppe dar: durch ihre gegenüber klimatischen und mechanischen Beanspruchungen vermeintlich resistentere Materialität sind Werke in diesen Techniken für besondere Bauaufgaben sowie für den Außenraum – ob architekturgebunden oder den Freiraum mitgestaltend – geeignet. Der handwerkliche, künstlerische Duktus artikuliert sich dabei äußerst unterschiedlich und kann darüber hinaus Botschaften unterschiedlicher Bedeutungsebenen transportieren: von einer Steigerung festlicher Atmosphären bis hin zu weltanschaulichen Statements ist die Bandbreite sehr groß.” Bäm!

Die Rede ist von Kunst am Bau in Keramik: Mosaike und Wandgestaltungen, hier insbesondere auf Bauten der DDR-Moderne. Viele dieser Objekte stehen mittlerweile unter Denkmalschutz und stellen besondere Herausforderungen an Eigentümer, Denkmalpfleger:innen und Restaurierer:innen. Die Ausstellung Bewahren?! Mosaiken und keramische Wandflächen im Zentrum für Baukultur Sachsen in Dresden befasst sich mit dieser bisweilen herausfordernden Kunst. Der Schwerpunkt liegt im lokalen Bezug, es gibt aber auch einen Blick auf die europäische Mosaiklandschaft. Ein Themenschwerpunkt ist die Restaurierung des großformatigen Dresdner Wandbildes „Mutter und Kind“ (1975-79) von Siegfried Schade. Die Ausstellung steht eigentlich im Zusammenhang mit der 5. Dresdner Denkmalfachtagung, die verschoben auf den 4. bis 6. Oktober 2022 zum gleichen Thema stattfinden wird. ZfBK – Zentrum für Baukultur Sachsen im Kulturpalast Dresden, Schloßstraße 2, 01067 Dresden (Eingang über Galeriestraße oder das Foyer im Kulturpalast), geöffnet Dienstag bis Samstag 13.00 bis 18.00 Uhr, der Eintritt ist frei. Eine Ausstellung der Landeshauptstadt Dresden/ Amt für Kultur und Denkmalschutz in Kooperation mit Freie Akademie Kunst + Bau e. V. und Zentrum für Baukultur Sachsen (db, 20.5.22)

Vorlage des Wandbilds Mutter und Kind, Dresden (Bild: Marco Dziallas)

Der Architekt Leopold Wiel ist verstorben

Noch 2016 konnte moderneREGIONAL dem Architekten Leopold Wiel zum 100. Geburtstag gratulieren. Als Professor an der TH Dresden bildete er bis 1981 Generationen von Architekt:innen aus, sein Lehrbuch “Baukonstruktionen des Wohnungsbaues” – das ostmoderne Gegenstück zum westdeutschen “Neufert” – erfuhr zwölf Neuauflagen und gilt bis heute als Standardwerk. Angefangen hatte Wiel eigentlich in Weimar, zunächst mit dem Studium, dann nach dem Krieg als Architekt und Dozent an der dortigen Hochschule. 1951 folgte der Ruf an die TH Dresden, wo er drei Jahrzehnte lehren sollte. Zum 100. Geburtstag widmete ihm die Stiftung Sächsischer Architekten dann, nicht ohne Augenzwinkern, “Das Buch zum ‘Wiel'” als biografische Annäherung an das reiche Werk des Jubilars, der sich immer wieder gegen eine allzu strikte Normierung der Baukonstruktion und für den Erhalt historischer Bauten in Dresden eingesetzte hatte.

Bis zuletzt hatte er das Baugeschehen in Dresden sehr genau verfolgt. Auf die Pläne zum Umbau des Dresdner Kulturpalastes reagierte er 2012 mit einem offenen Brief an die Oberbürgermeisterin, in dem er sich gegen den Ausbau des Mehrzwecksaals wandte. Immerhin stellt dieser Bau ein zentrales Werk in seiner Laufbahn als Architekt dar. Die SED träumte 1959 von einem Turmhaus, das die Stadt überragen und von der Überlegenheit der sozialistischen Kultur künden sollte.  Wiel entwarf dagegen einen modernen, viergeschossigen Bau mit gläserner Fassade – und fing sich harsche Kritik der Partei ein. Nach der Intervention der Moskauer Architektenschaft revidierte sie jedoch ihre Meinung und schickte den 1. Sekretär der SED-Stadtleitung zu Wiel nach Hause, um sich bei ihm zu entschuldigen und um Unterstützung beim Bau des zentralen Kulturhauses zu bitten. Der Turm war vom Tisch, stattdessen beauftragte man Wolfgang Hänsch mit dem Bau des Kulturpalastes, der sich an den Planungen Wiels orientierte. Nun ist Wiel im hohen Alter von 105 Jahren verstorben. (kb, 5.3.22)

Leopold Wiel, Baukonstruktionen des Wohnungsbaues (Bild: privat)

FOTOSTRECKE: Nordsüdostmoderne

mit Fotografien von Elena Kotonskaya

Was sich so alles hinter dem Sammelbegriff Ostmoderne verbergen kann, hat Elena Kotonskaya jüngst mit ihrer Kamera eingefangen. Für moderneREGIONAL hat sie ihre schönsten Motive aus zwei geografisch entgegengesetzten Polen zusammengestellt: Wo man in Dresden voller Fortschrittsglauben eine weitläufige Prachtstraße wagte, suchte man in Rostock den regionalen Charme mit der Großtafelbauweise zu verbinden. In beiden Fällen gilt: Genau hingesehen, entfaltet jede Spielart der DDR-Moderne ihren ganz eigenen Reiz. (kb, 7.2.22)

Rostock (Bild: Elena Kotonskaya)
Dresden (Bild: Elena Kotonskaya)
Rostock (Bild: Elena Kotonskaya)
Dresden (Bild: Elena Kotonskaya)
Rostock (Bild: Elena Kotonskaya)
Rostock (Bild: Elena Kotonskaya)
Dresden (Bild: Elena Kotonskaya)

alle Farbaufnahmen: Rostock, alle Schwarz-Weiß-Aufnahmen: Dresden, Prager Straße (Bild: Elena Kotonskaya)