Zum 50. Todestag Egon Eiermanns

Architekt, Designer und Hochschullehrer – all das war Egon Eiermann. Heute jährt sich sein Todestag zum fünfzigsten Mal: Er starb am 19. Juli 1970 an einem Herzinfarkt. Hans Poelzig diente ihm als Lehrmeister, Ludwig Mies van der Rohe war sein Idol. In der Tradition des Letzteren stand auch die Formensprache die der 1904 geborene Eiermann in den 1930ern entwickelte. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg wurde er mit Fabrikgebäuden und Villen bekannt. Nach 1945 mischte Eiermann die Architekturszene in der Bundesrepublik auf. Stahl wurde zu seinem bevorzugten Baumaterial. Detailverliebt entwarf er auch Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände, vom Stuhl bis zum Sarg (!). Zudem lehrte Er ab 1947 an der TH Karlsruhe und prägte eine Vielzahl von Studierenden mit seiner begeisternden wie fordernden Art. Unter ihm wurde die TH zu einer anerkannten Institution in der Ausbildung von Architekten.

Dass die Studierenden dem lässigen Mann, der im Porsche oder NSU Ro80 vorfuhr, nicht nur architektonisch begeistert nacheiferten, war kaum überraschend. Ob Burda, Horten, Neckermann oder IBM, wer etwas war in der Bonner Republik, der wollte mit Eiermann bauen. Doch nicht nur seine Verwaltungsgebäude waren wegweisend. Den Prototyp für die Berliner Gedächtniskirche, die Pforzheimer Matthäuskirche, soll Eiermann sogar Mies van der Rohe persönlich gezeigt haben. (mk, 19.7.20)

Frankfurt, Olivetti-Türme (Bild: Epizentrum, CC BY-SA 3.0)

Der virtuelle Eiermann

Egon Eiermann ist ja nun kein unbekannter: Sein Werk gilt als repräsentativ für die Architektur der Bonner Republik. Schon bei seinen Anfängen in den 1930er-Jahren gilt er als progressiv, macht sich im wieder aufzubauenden Deutschland schnell einen Namen. Die Taschentuchweberei Blumberg setzt auf diesem Weg ein erstes großes Zeichen. Für die Expo 1958 in Brüssel plant er gemeinsam mit Sep Ruf den ersten Weltausstellungs-Pavillon der jungen Bundesrepublik. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin ist bis heute eine Landmark für den Wiederaufbau der (damals nicht Haupt-)Stadt. Bilder dieser, und nahezu all seiner Bauten tauchen in jedem Nachkriegs-Fotobuch auf und in zahlreichen Publikationen zur Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Diese Omipräsenz führte in den letzten Jahren zu einem deutlich gestiegenen Interesse an Quellen.

Grund genug also, diesem wachsenden Interesse im Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) am KIT Karlsruhe, wo sich der gesamte Eiermann-Nachlass befindet, nun Rechnung zu tragen: In einem Projekt, gefördert von der Egon-Eiermann-Gesellschaft e.V. und der KIT-Stiftung, werden aktuell alle ca. 30.000 Objekte des Eiermann-Bestandes digitalisiert um sie im Anschluss der Öffentlichkeit besser zugänglich zu machen. Einen ersten Blick in die Arbeit dieses Projekts und der vielen bisher unbekannten Bilder kann man ab 7. Februar in einer Ausstellung in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe erhalten. Die Ausstellung geht bis 25.4.2020, die Eröffnung ist am 6.2. um 19 Uhr. (pl, 3.2.20)

Kulturdenkmal à la Mies zu verkaufen

Die Hänge der Bergstraße zwischen Darmstadt und Heidelberg sind wie geschaffen für großzügige Villen: Wie ein großartiges Panorama liegt einem die Rheinebene zu Füßen. Hier ließ sich ein Rechtsanwalt in den frühen 1960er Jahren ein Wohnhaus errichten. Der Bungalow mit Wandscheiben, raumhohen Fenstern und auskragender Dachplatte à la Mies wurde von den Architekten Jan und Waldemar Lippert geplant. Die Nähe zur architektonischen Auffassung Mies van der Rohes ist kein Zufall. Die Brüder hatten sich gezielt die Meister der Moderne als Lehrer ausgesucht. Jan Lippert hatte bei Mies van der Rohe am IIT in Chicago studiert und in dessen Büro gearbeitet. Waldemar Lippert legte 1956 bei Egon Eiermann sein Diplom ab. So verwundert es nicht, dass es auch Parallelen zu den Baden-Badener Wohnhäusern Eiermanns gibt, wie beispielsweise die Verwendung von Sichtmauerwerk.

Im Innneren gibt sich das Haus großzügig und hell. Dank der Schiebetüren lässt sich der Wohnraum nahtlos mit der Terrasse verbinden und ins Freie erweitern. Ein Außenkamin und der Swimming-Pool dürfen als unverzichtbare Insignien mondän-modernen Wohnens in der Nachkriegszeit natürlich nicht fehlen. Es fehlen nur noch passende Bewohner, denn das junge Kulturdenkmal steht aktuell zum Verkauf. (mk, 16.10.19)

Weinheim an der Bergstraße, Bungalow (Bilder: oben: via immobilienscout24.de, unten: historische Abbildung, via immobilienscout24.de)