Eiermann und die Computer

Nun sage noch jemand, Politiker hätten zu wenig Sinn für Humor. “Frankfurt stärkt seinen Status als Internet-Hauptstadt und Digitalstandort – und bekommt das erste denkmalgeschützte Rechenzentrum der Welt”. Ein Zukunftsstandort als Denkmal? Doch, das geht. Denn das, was der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef (SPD) vor wenigen Tagen verlautbarte, wird Wirklichkeit: Die ehemalige Zentrale des Neckermann-Konzerns wird zum Rechenzentrum umgebaut. Dafür hat nun auch das hessische Landesamt für Denkmalpflege grünes Licht gegeben – denn der seit 2012 weitgehend ungenutzte, 257 Meter lange Industriebau steht unter Schutz. Errichtet wurde er 1958-60 nach Plänen von Egon Eiermann, der in Frankfurt auch die Hochtief-Zentrale (1968/ R. Wiest 1974; abgerissen 2004) und die Olivetti-Türme (1967-72) verantwortete.

Der niederländische Rechenzentrenbetreiber Interxion hat das Neckermann-Gelände vor einiger Zeit erworben und will hier einen Server-Campus errichten. Die Investitionssumme: eine Milliarde Euro. Dabei entsteht das größte Rechenzentrum der Stadt; Frankfurt ist ohnehin bereits größter Internetknoten der Welt. Erhalten bleiben soll beim Umbau die Fassade mit ihren 1000 Fenstern, die 1975 aufgesetzte siebte Etage wird dagegen entfernt. Stattdessen wird ein vom Altbau klar getrennter Aufsatz für die notwendige Kühltechnik integriert. Der Umbau soll noch im ersten Quartal 2021 beginnen, die Ausführung übernimmt das Immobilienunternehmen Drees und Sommer. Wie hieß es einst? Neckermann geht ran! (db, 26.1.21)

Frankfurt/M., Neckermann (Bild: Popie, CC BY-SA 3.0)

Zum 50. Todestag Egon Eiermanns

Architekt, Designer und Hochschullehrer – all das war Egon Eiermann. Heute jährt sich sein Todestag zum fünfzigsten Mal: Er starb am 19. Juli 1970 an einem Herzinfarkt. Hans Poelzig diente ihm als Lehrmeister, Ludwig Mies van der Rohe war sein Idol. In der Tradition des Letzteren stand auch die Formensprache die der 1904 geborene Eiermann in den 1930ern entwickelte. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg wurde er mit Fabrikgebäuden und Villen bekannt. Nach 1945 mischte Eiermann die Architekturszene in der Bundesrepublik auf. Stahl wurde zu seinem bevorzugten Baumaterial. Detailverliebt entwarf er auch Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände, vom Stuhl bis zum Sarg (!). Zudem lehrte Er ab 1947 an der TH Karlsruhe und prägte eine Vielzahl von Studierenden mit seiner begeisternden wie fordernden Art. Unter ihm wurde die TH zu einer anerkannten Institution in der Ausbildung von Architekten.

Dass die Studierenden dem lässigen Mann, der im Porsche oder NSU Ro80 vorfuhr, nicht nur architektonisch begeistert nacheiferten, war kaum überraschend. Ob Burda, Horten, Neckermann oder IBM, wer etwas war in der Bonner Republik, der wollte mit Eiermann bauen. Doch nicht nur seine Verwaltungsgebäude waren wegweisend. Den Prototyp für die Berliner Gedächtniskirche, die Pforzheimer Matthäuskirche, soll Eiermann sogar Mies van der Rohe persönlich gezeigt haben. (mk, 19.7.20)

Frankfurt, Olivetti-Türme (Bild: Epizentrum, CC BY-SA 3.0)

Der virtuelle Eiermann

Egon Eiermann ist ja nun kein unbekannter: Sein Werk gilt als repräsentativ für die Architektur der Bonner Republik. Schon bei seinen Anfängen in den 1930er-Jahren gilt er als progressiv, macht sich im wieder aufzubauenden Deutschland schnell einen Namen. Die Taschentuchweberei Blumberg setzt auf diesem Weg ein erstes großes Zeichen. Für die Expo 1958 in Brüssel plant er gemeinsam mit Sep Ruf den ersten Weltausstellungs-Pavillon der jungen Bundesrepublik. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin ist bis heute eine Landmark für den Wiederaufbau der (damals nicht Haupt-)Stadt. Bilder dieser, und nahezu all seiner Bauten tauchen in jedem Nachkriegs-Fotobuch auf und in zahlreichen Publikationen zur Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Diese Omipräsenz führte in den letzten Jahren zu einem deutlich gestiegenen Interesse an Quellen.

Grund genug also, diesem wachsenden Interesse im Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) am KIT Karlsruhe, wo sich der gesamte Eiermann-Nachlass befindet, nun Rechnung zu tragen: In einem Projekt, gefördert von der Egon-Eiermann-Gesellschaft e.V. und der KIT-Stiftung, werden aktuell alle ca. 30.000 Objekte des Eiermann-Bestandes digitalisiert um sie im Anschluss der Öffentlichkeit besser zugänglich zu machen. Einen ersten Blick in die Arbeit dieses Projekts und der vielen bisher unbekannten Bilder kann man ab 7. Februar in einer Ausstellung in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe erhalten. Die Ausstellung geht bis 25.4.2020, die Eröffnung ist am 6.2. um 19 Uhr. (pl, 3.2.20)