Einheitsbrei

Neubau "Hoppegarten" (Bild: immowelt.de)

Die ergraute Republik

Gestatten Sie, dass ich mit einem Gropius-Zitat beginne – obwohl moderneREGIONAL 2019 so wenig Bauhaus-Hype wie möglich betreiben will. Doch ein wunderbar passender Kommentar zum allgemeinen Beige-Grau-Elend, das uns landauf, landab in immer weiter wuchernden Eigentums-Wohnanlagen überkommt, stammt halt vom einstigen Kunstschul-Direktor: „Bunt ist meine Lieblingsfarbe“. Und aufs Bauhaus berufen sich Investoren-Hausarchitekten gerade sehr gerne. Paradoxerweise haftet ja der meist weißen Klassischen Moderne das Klischee der Farblosigkeit hartnäckig an – außer acht lassend, dass weiß sehr wohl eine Farbe ist. Wissenschaftlich gesagt, eine additive Mischung gleicher Intensitäten der Farben Rot, Grün und Blau. Wer es lieber popkulturell verifizieren mag, kann das Cover der Pink-Floyd-Schallplatte „Dark Side of the Moon“ studieren, auf dem ein weißer Lichtstrahl im Prisma aufgedröselt wird. Aber wir drohen, jetzt schon vom Thema abzukommen.

Gotische Kathedralen in rotem Sandstein, helle Fachwerkhäuser mit dunkel hervorgehobenem Gebälk, weiße Bauhaus-Kuben mit wohlgesetzten – bisweilen grellbunten – Farbakzenten. Auch der nüchterne International Style kam selten bleich daher. Von den poppig-schrillen späten 1970ern und den modischen Farbspielereien der Postmoderne ganz zu schweigen. Unterschiedlicher könnten die Baustile nicht sein, und doch eint sie die gezielt eingesetzte Farbe als Ausdrucksmittel. Warum ist nichts mehr davon übrig? Wann ist es aus der Mode gekommen, mit Farbe ein Bekenntnis abzugeben? Gefühlt wird sie heute als Beruhigungsmittel eingesetzt: Die Grundfarbe Weiß wird begleitet von beige, hellbeige, dunkelbeige, mittelbeige, graubeige, lichtgrau, hellgrau, mausgrau – pastell abgetönt und Ton für Ton aufeinander abgestimmt kommen sie daher, die Wohnkuben, in denen sich die Individualisten von heute wohlfühlen und selbst verwirklichen dürfen. So sie denn Geld haben, eine Wohnung dort zu kaufen.

Mittlerweile hat die blasse Einförmigkeit das öffentliche Bauen längst erreicht. Vergleichsweise junge, gestenstarke Gebäude wie der Berliner Hauptbahnhof oder das Frankfurter Museum für Moderne Kunst sind Zeugen einer vergangenen Ära. Selbst das Stuttgarter Porsche-Museum fällt nach 10 Jahren schon allmählich aus der Zeit. Heute stellt man lieber das Bauhaus-Erbe in Weimar in einen frisch errichteten Sarkophag. Der weder mit Humor noch mit Transparenz dem benachbartem pompös-klassizistischen NS-Gauforum eine architektonische Geste entgegenzusetzen vermag. Er versucht es stattdessen mit gleicher Wucht. Und das ist nicht unbedingt der Architektin Heike Hanada vorzuwerfen, deren Entwurf für das gerade eröffnete Bauhaus-Museum zigfach geändert wurde. Bis er genau das Elend ausdrückt, das die Baukultur (fast schon europaweit) erfasst hat: keine klare Position zu beziehen, keine eindeutigen Farbakzente zu setzen. Selbst die nachträgliche Entscheidung, Beton- statt Glaswände zu wählen, ist eher Reaktion denn Aktion. Sicher, eine klarer Standpunkt macht angreifbar. Grau-beiger Einheitsbrei hingegen sollte angegriffen werden. Das sah die Bauhaus-Schule doch auch schon so … (8.4.19)

Daniel Bartetzko

Neubau „Hoppegarten“ (Bild: immowelt.de)