Die Rathauspassagen – Träume in Beton

Es wird kälter und das bunte Herbstlaub weicht langsam der Monochromie des Winters. Das muss für Architekturfans aber kein Grund für einen Winterblues sein: Die Initiative Offene Mitte Berlin veranstaltet am 26. November um 18 Uhr einen Filmabend, der sich den Berliner Rathauspassagen widmet. Die Veranstaltung ist Teil der Ausstellung zum 50. Jubiläum des benachbarten Fernsehturms. Gezeigt wird Oliver Päßlers dokumentarischer Film „Straße Nummer Eins“, der die Geschichte der Rathauspassagen bis in die jüngste Vergangenheit verfolgt und dabei auch Erbauer und Bewohner zu Wort kommen lässt. Nach dem Film folgt ein Gespräch mit dem Architekten Dietmar Kuntzsch, der im Planungskollektiv entscheidend an den Rathauspassagen mitwirkte.

Der zwischen 1967 und 1972 nach Entwürfen eines Kollektivs um Heinz Graffunder entstandene Komplex weist konzeptionelle Parallelen zu Le Corbusiers Unités auf. Neben Wohnungen gab es hier auch Arztpraxen, Büros, Gemeinschaftsträume und nicht zuletzt eine Vielzahl von Geschäften, die die Rathauspassagen zu einem der wichtigsten Einkaufszentren der DDR machte. Wer dabei nun an fantasielose Architektur der Standardisierung denkt, der irrt. Die baukünstlerische Ausstattung samt Fayencen und Springbrunnen wirkte fast so, als ob sie mit den absolutistischen Zeugnissen des alten Berlin wetteifern wollte. (mk, 23.11.19)

Berlin, Rathauspassagen (Bild: Initiative Offene Mitte Berlin)

Pomo zum Abreißen

Ein goldener Ring, ein byzantinischer Turm, römische Säulen: Klingt wie ein Gebäude von James Stirling oder Michael Graves, ist aber ein 2007 eröffnetes Einkaufszentrum in Kasan. Nach Russland kam die Postmoderne zeitverzögert, und in der ausgeprägtesten Form zu den Einkaufszentren. Bis Ende der 1980er Jahre errichtete man gerade Funktionsbauten im nüchternen Stil der Moderne. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schossen Einkaufszenten wie Pilze aus dem Boden – je auffälliger, desto besser. Besonders zwischen 1995 und 2010 versuchte man scheinbar, dem Funktionalismus eine farbenfrohe postsozialistische Konsumwelt entgegenzusetzen. Für viele Russen verkörpern diese Zentren heute den „wilden Kapitalismus“ und tragen gemeinsam mit der Postmoderne einen zweifelhaften Ruf. Manche sprechen gar von Barbarei, die meisten einfach nur von schlechtem Geschmack.

Ein Problem solcher Bauten: Sie wurden schnell und billig hochgezogen und werden wohl keine lange Lebensdauer haben. Grund genug also, so viele wie möglich fotografisch festzuhalten, und Sie als Kalender herauszugeben. Das hat nun Jiří Hönes getan. In Stuttgart geboren, ist Hönes aktuell als Redakteur für die Moskauer Deutsche Zeitung tätig. Schon früh interessierte er sich für Nachkriegsarchitektur und auch Mobilitätsgeschichte. Zu haben ist der Katalog für 10 Euro inkl. Versand innerhalb Deutschlands via E-Mail an: jirihoenes@googlemail.com. (pl, 4.11.19)

(Bilder: Jiří Hönes)

Braunschweig: Abriss der Burgpassage

Braunschweig: Abriss der Burgpassage

Diese PoMo-Herrlichkeit in der Braunschweiger City hat spätestens 2018 ausgedient (Bild: Mattes, CC BY SA 2.0)
Diese PoMo-Herrlichkeit in der Braunschweiger City hat spätestens 2018 ausgedient (Bild: Mattes, CC BY SA 2.0)

Bald hat es ein Ende mit der postmodernen Stahl-Glas-Dachlandschaft der Burgpassage in Braunschweig. Das 1983 eröffnete Einkaufszentrum soll nach Plänen des Eigentümers Development Partner im kommenden Jahr abgerissen und neu gebaut werden. Vor zwei Jahren übernahm der Großinvestor die innerstädtische Einkaufsmeile, die im Blockinneren zwischen Hutfiltern und Schuhstraße verläuft. In den vergangenen Jahren zogen sich bereits mehrere Großmieter zurück, die Wirtschaftlichkeit der Anlage wurde mehrfach diskutiert. Nun soll die komplette Neukonzeption für eine Wiederbelebung sorgen.

Das Düsseldorfer Architekturbüro Faltin + Sattler führt hierfür ein Gutachterverfahren mit sechs Architekturbüros durch. Vorgesehen ist, die bislang überdachten Passage durch eine zweigeschossige Bebauung zu ersetzen, die über den nach wie vor für den Einzelhandel vorgesehenen  Bereichen Platz für Wohnungen bieten soll. Gebaut wurde die Burgpassage 1981-83 im Auftrag der Allianz AG durch den Braunschweiger Entwickler Munte. Auf 6600 Quadratmetern finden (noch) etwa 40 Geschäfte und diverse Büros Platz. Die jeweiligen Eingangsbauten am Hutfiltern und in der Schuhstraße sind vom 2018 anstehen Abriss nicht betroffen: Hier wurden historische Gebäude in den damaligen Neubau mit einbezogen, beide stehen unter Denkmalschutz. Solche Ehren wird das rückwärtige, 34 Jahre alte Einkaufszentrum nun nicht mehr erlangen. (db, 20.3.17)