Geldsegen für vier Bahnwaggons

Im hessischen Loheland, der wohl ältesten anthroposophischen Siedlung Deutschlands aus dem Jahr 1919, steht seit den 1920er Jahren ein ungewöhnliches Baudenkmal: die „Waggonia“. Vier ausrangierte Reichsbahnwaggons wurden über Eck auf Sandsteinfundamente gesetzt und mit Satteldächern und einer Holzverschalung versehen. Das Ensemble beherbergte die Lederwerkstatt und die Schneiderei der Loheland Werkstätten GmbH, die Wohnstube eine der dortigen Komponistinnen sowie die kunsthistorisch bedeutsame Lichtbildwerkstatt Loheland. Doch leider hat das Ensemble mit den Jahren Schaden genommen und musste zuletzt mit einer Notdachkonstruktion gesichert werden.

Schon 2015 wurde „Waggonia“ unter Denkmalschutz gestellt und der Expertenworkshop „Von der Schiene unters Dach“ näherte sich diesem Bauwerk aus technik- kulturgeschichtlichem Blickwinkel. Nun fördert die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit 200.000 Euro die Restaurierung der vier umbauten Reichsbahnwaggons. Spätestens zum 100-jährigen Gründungsjubiläum der Reform-Frauensiedlung soll auch „Waggonia“ fachgerecht hergerichtet sein und wieder in neuem Glanz erstrahlen. (kb, 4.3.18)

Loheland, Waggonia (Bild: K. Berkemann)

Klaus Staeck feiert einen runden Geburtstag

„Heute noch – ich bin sehr viel mit der Bahn unterwegs – gibt es immer mindestens einen der kommt und sagt: ‚Sind Sie nicht der mit der Villa im Tessin?'“ So erzählte Klaus Staeck im Interview für die Ausstellung „märklinMODERNE“ (Vernissage am 18. Mai im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt). International bekannt wurde der 1938 geborene Grafikdesigner, der Ausbildung nach ernsthafter Jurist, als politischer Plakatkünstler. 1972 gestaltete er ein damals aufsehenerregendes Plakat zur Bundestagswahl : „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“. Die darunter abgebildete Villa erscheint vielen Modellbahnern wohlbekannt, erinnert sie doch an den Faller-Bausatz „Villa im Tessin“.

Dabei zeigt das Motiv eigentlich ein Stuttgarter Wohnhaus (Chen Kuen Lee, 1961), dessen Foto auch noch um ein Stockwerk eingekürzt wurde, um Platz für den Text zu schaffen. Staeck ging es weniger um den Plastikbausatz (das sei ihm erst später aufgegangen), als vielmehr um das italiensehnsüchtige Neureichentum der Nachkriegsjahrzehnte. Bis heute mischt er sich kunstvoll und leidenschaftlich in den politischen Diskurs ein. Der langjährige Präsident der Akademie der Künste und bekennende Bahnfahrer feiert heute seine 80. Geburtstag – wir gratulieren! (kb, 28.2.18)

Klaus Staeck – vor seinem berühmten Plakat, mit dem Faller-Modell „Villa im Tessin“ – im Interview für „märklinMODERNE“ (Screenshot aus dem Film zur Ausstellung, Regie: Otto Schweitzer)

moderneREGIONAL baut eine Villa im Tessin

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten Edwin und Hermann Faller in Gütenbach ein Produkt, das bald in keinem Hobbykeller fehlen durfte: „Häuschen“-Bausätze für die Modelleisenbahn. Im Schweiz-Urlaub waren die Brüder von einem futuristischen Bungalow derart begeistert, dass sie sich daheim im Schwarzwald ein ähnliches Haus errichten ließen. 1961 nahmen sie dann den Bausatz „Villa im Tessin“ in ihr Programm auf, der zum Klassiker werden sollte. Im Wahljahr 1972 überschrieb der Plakatkünstler Klaus Staeck das Foto eines Appartementhauses mit: „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“. Damit spiegelt ein kleines Stück Plastik mehrere Jahrzehnte bundesdeutscher (Architektur-)Geschichte.

Die Wanderausstellung „märklinMODERNE“ zeigt an diesem und anderen Beispielen, wie die „große“ Architektur den Weg in den Modellbau fand – und umgekehrt. Im Sommer 2018 starten wir im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt und in der Architekturgalerie am Weißenhof Stuttgart. Für den „Film zur Ausstellung“ reist Otto Schweitzer von Berlin bis ins Tessin, zu Modellbaufreunden wie dem Architekturkritiker Falk Jaeger und dem Plakatkünstler Klaus Staeck. So werden nicht nur die (Modell-)Häuser, sondern auch die mit ihnen verbundenen Menschen und ihre Geschichten sichtbar. Um den Film finanzieren zu können, brauchen wir eure Unterstützung: Besucht unsere Crowdfunding-Aktion mit attraktiven „Dankeschöns“ und werdet Teil von „märklinMODERNE“: www.startnext.com/maerklinmoderne/. (db/kb/jr, 15.9.17)