Coventry verschwindet

Noch immer schüttelt man verwundert den Kopf, wenn man sich so manche „Stadtsanierung“ der 1960er oder 1970er Jahre vor Augen führt. Mit großer Geste wurden ganze Innenstädte leergeräumt, zum Glück oft nur auf dem Papier. In Coventry jedoch setzt man gerade ebenso selbstbewusst den Rotstift an. Werden die Planungen umgesetzt – und es sieht sehr danach aus -, dann werden bald weite Teile des Stadtzentrums von Coventry abgerissen. Entstehen soll „Coventry City Center South“ mit, so das Werbeversprechen, viel Raum für öffentliches Leben und Vergnügungen in Cafés, Hotels, Geschäften u. v. m.

Vom bevorstehenden Abriss wird u. a. der Bull Yard – mit den markanten Lamellenstrukturen und dem identitätsstiftenden Schriftzug – betroffen sein, fertiggestellt 1969 nach Entwürfen der Architekten Arthur Ling und Terence Gregory. Teil der großen Anlage ist das vier Meter hohe und über 11 Meter lange „Three Tuns“-Relief, seit 2009 in der Heritage Category II gelistet. Denn geschaffen wurde das abstrahierende Band vom Bildhauer William Mitchell (*1925) als frühes Zeugnis seines „Atztec Style“. Mitchel zeichnet ebenso verantwortlich für die Betonfassade des Bull-Yard-Gebäudes. (kb, 6.7.20)

Coventry, Bull Yard (Bild: The Justified Sinner, CC BY NC SA 2.0, 2016)
Coventry, Three Tuns (Bild: The Justified Sinner, CC BY NC SA 2.0, 2016)

Coventry, Three Tuns und Bull Yard (Bilder: oben: RobJN, CC BY SA 3.0, 2013; E.Gammie, CC BY SA 2.0, unten: The Justified Sinner, CC BY NC SA 2.0, 2016)

100 Jahre. 100 Kirchen.

Nach den Vorgängerbänden – „100 Buildings. 100 Years“ und „100 Houses. 100 Years“ – lag der nächste Buchtitel für die britische Twentieth Century Society auf der Hand: „100 Churches. 100 Years“. Auf 208 Seiten wird so der britische Kirchenbau der Moderne seit 1914 entfaltet. Mit von der Partie sind ikonische Bauten wie die Coventry Cathedral von Basil Spence von 1962 oder die Liverpool Cathedral von Giles Gilbert Scott von 1978.

Neben solch allgemein geschätzten Baukunstwerken werden ebenso erhaltenswerte Orte porträtiert wie das brutalistische St Peter’s Seminary von 1966 oder die lichtdurchflutete Bishop Edward King Chapel von 2013. Das Buch umfasst Kirchen, Moscheen und Syngogen, befasst sich mit dem Werk von Architekten wie George Pace, Eric Gill oder Frederick Gibberd. Zudem warten auf den geneigten Leser Essays von Architektur- und Kunsthistorikern über bauliche Details ebenso wie Betonblas und Bezüge zum europäischen Kontinent. Unter den Autoren finden sich Experten wie Elain Harwood, Alan Powers und Clare Price. (kb, 9.3.19)

100 Churches. 100 Years, hg. Von der Twentieth Century Society, Batsford Ltd., London 2019, 208 Seiten, ISBN: 9781849945141.

Coventry Cathedral (Bild: Diliff, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2014)

Von der Idee eines „sozialistischen Erbes“

Die Geschichte des Denkmalschutzes versteht sich heute rückblickend als Produkt der westlichen Moderne – und lässt dabei die sozialistische Welt weit außen vor. Doch nach 1945 war der Umgang mit dem kulturellen Erbe auch in den sozialistischen Staaten – von China, den UdSSR, des Ostblocks bis zu Asien, Lateinamerika und Afrika – ein identitätsstiftender Faktor. In der aktuellen Forschung bleibt Beitrag der Experten aus diesem Teil der Welt zumeist unbeachtet. Diesem Mangel will jetzt eine Tagung abhelfen.

Für die Konferenz „State Socialism, Heritage Experts and Internationalism in Heritage. Heritage Protection after 1945“, die vom 21. bis 22. November 2017 in Exeter stattfinden soll, werden bis zum 20. Juni noch Themenvorschläge gesucht. Mögliche Schwerpunkte könnten sein: das erwachende Interesse am baulichen Erbe in der sozialistischen Welt nach 1945, die transnationale und transkulturelle Verbreitung der Idee des Kulturerbes über den Eisernen Vorhang hinweg, die Rolle sozialistischer Experten im internationalen Diskurs, die Rolle internationaler Institutionen wie UNESCO, ICOMOS, ICCROM oder UIA, die Rolle des Kalten Kriegs, nationaler Traditionen, und internationaler Kooperationen bei der Entwicklung der Idee eines „sozialistischen Erbes“. Willkommen sind Abstracts (300-500 Worte) mit einem begleitenden Kurz-CV unter der Adresse: Natalie Taylor, N.H.Taylor@exeter.ac.uk. Ausgewählten Teilnehmer werden bis zum 20. Juli 2017 benachrichtigt. (kb, 5.5.17)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)