England

Coventry Cathedral (Bild: Diliff, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2014)

100 Jahre. 100 Kirchen.

Nach den Vorgängerbänden – „100 Buildings. 100 Years“ und „100 Houses. 100 Years“ – lag der nächste Buchtitel für die britische Twentieth Century Society auf der Hand: „100 Churches. 100 Years“. Auf 208 Seiten wird so der britische Kirchenbau der Moderne seit 1914 entfaltet. Mit von der Partie sind ikonische Bauten wie die Coventry Cathedral von Basil Spence von 1962 oder die Liverpool Cathedral von Giles Gilbert Scott von 1978.

Neben solch allgemein geschätzten Baukunstwerken werden ebenso erhaltenswerte Orte porträtiert wie das brutalistische St Peter’s Seminary von 1966 oder die lichtdurchflutete Bishop Edward King Chapel von 2013. Das Buch umfasst Kirchen, Moscheen und Syngogen, befasst sich mit dem Werk von Architekten wie George Pace, Eric Gill oder Frederick Gibberd. Zudem warten auf den geneigten Leser Essays von Architektur- und Kunsthistorikern über bauliche Details ebenso wie Betonblas und Bezüge zum europäischen Kontinent. Unter den Autoren finden sich Experten wie Elain Harwood, Alan Powers und Clare Price. (kb, 9.3.19)

100 Churches. 100 Years, hg. Von der Twentieth Century Society, Batsford Ltd., London 2019, 208 Seiten, ISBN: 9781849945141.

Coventry Cathedral (Bild: Diliff, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2014)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)

Von der Idee eines „sozialistischen Erbes“

Die Geschichte des Denkmalschutzes versteht sich heute rückblickend als Produkt der westlichen Moderne – und lässt dabei die sozialistische Welt weit außen vor. Doch nach 1945 war der Umgang mit dem kulturellen Erbe auch in den sozialistischen Staaten – von China, den UdSSR, des Ostblocks bis zu Asien, Lateinamerika und Afrika – ein identitätsstiftender Faktor. In der aktuellen Forschung bleibt Beitrag der Experten aus diesem Teil der Welt zumeist unbeachtet. Diesem Mangel will jetzt eine Tagung abhelfen.

Für die Konferenz „State Socialism, Heritage Experts and Internationalism in Heritage. Heritage Protection after 1945“, die vom 21. bis 22. November 2017 in Exeter stattfinden soll, werden bis zum 20. Juni noch Themenvorschläge gesucht. Mögliche Schwerpunkte könnten sein: das erwachende Interesse am baulichen Erbe in der sozialistischen Welt nach 1945, die transnationale und transkulturelle Verbreitung der Idee des Kulturerbes über den Eisernen Vorhang hinweg, die Rolle sozialistischer Experten im internationalen Diskurs, die Rolle internationaler Institutionen wie UNESCO, ICOMOS, ICCROM oder UIA, die Rolle des Kalten Kriegs, nationaler Traditionen, und internationaler Kooperationen bei der Entwicklung der Idee eines „sozialistischen Erbes“. Willkommen sind Abstracts (300-500 Worte) mit einem begleitenden Kurz-CV unter der Adresse: Natalie Taylor, N.H.Taylor@exeter.ac.uk. Ausgewählten Teilnehmer werden bis zum 20. Juli 2017 benachrichtigt. (kb, 5.5.17)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)

Lost Futures

Als vor einigen Jahren die Welle der Brutalismus-Begeisterung von England nach Deutschland schwappte, hatte dies nicht nur den Grund in der dortigen reichen Moderne-Landschaft. Die Neubewertung ging auch mit der Erfahrung des raschen Verlustes einher. Eine neue Publikation will nun dieser in weiten Teilen verschwindenden oder vom Verlust bedrohten Bauepoche zwischen 1945 und 1975 ein kleines Denkmal setzen.

Der fortschritszugewandter sozialer Ethos dieser Jahre scheint heute so manchem Stadtplaner und Architekten obsolet geworden. Doch haben sich der Architekturhistoriker und Kurator Owen Hopkins und verschiedene Fotografen zusammengetan, um viele dieser Bauten zu dokumentieren, in ihrer architektonischen Gestaltung und Design-Ausstattung nachzuzeichnen und damit ihre einstigen Ideale ebenso nachzuzeichnen wie die Gründe für ihren (möglichen) Verlust. Das Buch „Lost Futures“ umfasst damit viele Bauten vom Wohnungs- bis zum Industriebau, von Einkaufszentren bis zu Energieversorgungsbauten, von heute ikonisch verehrten bis zu Unrecht vergessenen Architekten. (kb, 2.2.17)

Londons U-Bahn-Modernismus

Weber: Modernismus (BIld: Mann-Verlag)
Die U-Bahnhöfe von London repräsentieren eine spezifische englische Moderne (Bild: Gebrüder-Mann-Verlag)

Die Entwicklung der Metros und U-Bahnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war von  transnationalem Austausch der beteiligten Experten geprägt. Erfahrungen mit unterschiedlichen Tunnelkonstruktionen und Baupraktiken wurden länderübergreifend rezipiert. Eine der meistbeachteten U-Bahnen der Welt war und ist die London Underground. Gerade in ihrer sichtbaren Architektur entwickelte sie bis 1933 eine spezifische Ästhetik, wie eine jüngst erschienene Monographie von Ulrike Weber herausstellt.

Die Londoner U-Bahnhöfe zeigen demnach eine bewusste nationale Abgrenzung gegenüber dem Internationalen Stil: In Stahlbeton errichtet und mit Backstein verkleidet, verbanden sie englische Traditionen mit hochmodernen Baukonstruktionen. Bei der Genese dieser Formensprache spielte jedoch auch der Architekturtransfer mit dem Kontinent und besonders dem Deutschen Reich eine Rolle. Die Aktivitäten des Deutschen Werkbundes stießen im Vereinten Königreich auf großes Interesse, mit der DIA (Design and Industries Association) wurde 1915 ein britisches Gegenstück geschaffen. Die Dissertation analysiert diesen Austausch und den spezifisch englischen Modernismus der Londoner Metro erstmals umfassend nach architekturtheoretischen und -historischen Gesichtspunkten. (jr, 28.1.17)

Weber, Ulrike, Modernism in England. Londoner U-Bahnhöfe und der deutsch-englische Architekturtransfer vor 1933, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-7861-2745-1.

Datenbank für „C20-Kirchen“

c20In Großbritannien sorgt sich die „C20 (Twentieth Century) Society“ um das 20. Jahrhundert und seine Baukunst. Nun hat die Initiative sich ein neues verdienstvolles Projekt zum Schutz der modernen Kirchen im United Kingdom vorgenommen, unterstützt von „Historic England“. Man weiß hier um und wirbt für die Vielfalt und Bedeutung dieser Baugattung – und findet sie zugleich dramatisch unterrepräsentiert in den Denkmalschutzlisten des Landes. Daher will man diese noch unterschätzte Kirchenlandschaft über eine Datenbank sichtbar machen.

Der Datenbanknutzer kann in einer Kirchenliste suchen – nach individuellen Suchbegriffen wie Name, Architekt, Ort, Konfession usw. Die Listung der Ergebnisse umfasst verschiedene Schutzgrade, wie sie in England, Schottland und Nordirland üblich sind. Die Initiative hofft, das Angebot der Datenbank künftig um detailliertere Informationen zu den Architekten erweitern zu können. Die Nutzer können Korrekturen oder Anregungen senden an: website@c20society.org.uk. Auch (niedrig aufgelöste) Bilder sind herzlich willommen. Und, sollten die Nutzer um Objekte wissen, die von einer Beschädigung oder gar dem Abriss bedroht sind, sind Nachrichten willkommen unter: caseworker@c20society.org.uk. (kb, 11.11.16)

Birmingham: Der Abriss hat begonnen

Birmingham, Abriss der Central Libary (Bild: The Brutalism Appreciation Sociaty, Richard says Hello)
Vorne bleibt, hinten geht: aktuelle Aufnahme vom Abriss der Central Libary in Birmingham (Bild: The Brutalism Appreciation Society, Richard Says Hello)

Knapp vor Weihnachten gibt es schlechte Nachrichten aus Good old Britain: In Brimingham hat der Abriss der Central Library gerade begonnen. Errichtet nach Entwürfen des Architekten John Madin, war das brutalistische Baukunstwerk 1974 Teil des ehrgeizigen Vorhabens, der Stadt eine neue kommunale und damit auch soziale Mitte zu verpassen. So wurde die Central Library zu ihrer Zeit die größte nicht nationale Bibliothek Europas. Auch wenn in Birmingham einige der von Madin geplanten Details aus Kostengründen nicht mehr umgesetzt werden konnten, bestach der Bau bis vor Kurzem noch durch seine außergewöhnliche geometrische Großform.

Die Central Library galt Fachleuten als eines der wegweisenden Baukunstwerke des englischen Brutalismus – und als Zeugnis einer sozialen Aufbruchsstimmung. Vor diesem Hintergrund unternahm die Organisation English Heritage schon zwei Anläufe, die Central Library auf die Liste erhaltenswerter Bauten zu setzen. Zweimal scheiterte sie am Widerstand der Kommune, die sogar eine „Immunität“ erwirkte: Bis 2016 darf der Bau nicht gelistet werden. 2013 hatte man den Bibliotheksbetrieb bereits zugunsten eines Neubaus eingestellt, 2014 den Abriss des „Altbaus“ beschossen. Noch Anfang des Monats hatte man per Online-Petition einen letzten Rettungsversuch unternommen. (kb, 14.12.15)