Architekturen des Gebrauchs

Architekturen des Gebrauchs

Berlin, Flughafen Berlin-Schönefeld (Bild: Dina Dorothea Falbe)
Private Flugversuche in Berlin-Schönefeld (Bild: Christopher Falbe)

Am Anfang fanden wir sie einfach schön, die öffentlichen Bauten der Nachkriegsmoderne. Dann haben wir uns gefragt: Woher kommt diese Faszination? Also sind wir auf Erkundungstour gegangen, haben fotografiert, recherchiert, mit Nutzern, Architekten und unabhängigen Experten gesprochen. Jetzt möchten wir unsere Entdeckungen durch ein Buch mit Anderen teilen. Unter dem Titel „Architekturen des Gebrauchs“ erzählen wir darin sechs Geschichten von besonderen Räumen der 1960er und 1970er Jahre.

 

Sechs Orte im Westen und Osten Deutschlands

Potsdam, FH (Bild: Christopher Falbe)
Industrielle Materialien, gute Details: Potsdam, FH (Bild: Christopher Falbe)

Ausgewählt haben wir sechs „Architekturen des Gebrauchs“ im Osten und im Westen Deutschlands: das Rathaus Elmshorn, die Alte Parteischule Erfurt, die Fachhochschule Potsdam, die Medizinische Hochschule Hannover, den Hauptbahnhof Ludwigshafen und den Flughafen Berlin-Schönefeld. Sie zeigen Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider deutscher Staaten. Auf eine Phase des bescheidenen Wiederaufbaus in den 1950er Jahren folgte damals eine selbstbewusste Aufbruchsstimmung.

Moderne Gestaltungsansätze trafen auf die abstrakte Konzeption neuer Architektur, doch vor allem sollten die Räume im Alltag reibungslos funktionieren. Endlich konnte die Normierung in großem Maßstab angewandt werden, endlich konnten Akteure wie Rudolf Hillebrecht oder Hermann Henselmann ihre Ideen umzusetzen. Diese Architekten teilten ein Ziel: Der Wohlfahrtsstaat ebenso wie der Sozialismus waren zutiefst überzeugt, dass der wirtschaftliche Fortschritt zugleich eine hohe Lebensqualität für viele Menschen garantiert. Heute lieben wir diese Architekturen für ihren Optimismus, für die industriellen Materialien, die vielen durchdachten Details. Gleichzeitig schätzen wir aber auch die Formen der Aneignung, die diese Bauten erfahren (haben). Jeder „Gebrauch“ moderner Architektur erzählt uns von gesellschaftlichen Veränderungen und kann damit auch zum Ausgangspunkt für Zukunftsvisionen werden.

 

Eine gute Idee braucht Unterstützer

Erfurt, Alte Parteischule (Bild: Christopher Falbe)
Alte Zukunft trifft neue Ideen: Erfurt, Alte Parteischule (Bild: Christopher Falbe)

Bewusst interdisziplinär angelegt, bringt unser entstehendes Buch „Architekturen des Gebrauchs“ unterschiedliche Positionen zusammen: Fotos, Zeichnungen, Interviews, Erläuterungen und fachliche Texte regen zur Auseinandersetzung und zum Gespräch über dieses architektonische Erbe an. Inhalt und Layout sind fast fertig und das Buch kann bereits auf Startnext vorbestellt werden. Alle Unterstützer (ja, wir suchen und brauchen noch Geld für den Druck) werden im Buch genannt werden, anonyme Unterstützung ist natürlich auch möglich. Wir glauben, es lohnt sich, denn die Beschäftigung mit den „Architekturen des Gebrauchs“ ist die beste Diskussionsgrundlage rund um kreative Freiräume, persönliche Identität und kulturelles Erbe. Außerdem zeigen wir einfach schöne Bilder. Mit 7.500 Euro könnten wir die Druckkosten decken und das Buch in einer Auflage von 500 Stück im Weimarer Verlag „M Books“ herausgeben. Insgesamt betragen die Produktionskosten 10.500 Euro. Wenn diese schon vor dem Druck zusammenkommen sollten, hätten wir mehr Zeit für den Feinschliff, damit ein wirklich tolles Buch entstehen kann. (9.4.17, Dina Dorothea und Christopher Falbe)

Pünktlich zur Buchmesse: Das von Christopher und Dina Dorothea Falbe herausgegebene Buch „Architekturen des Gebrauchs“ ist im im Weimarer Verlag M Books erscheinen. (kb, 8.10.17)

So soll das Ganze aussehen …

FACHBEITRAG: Erfurts Neue Synagoge

von Julius Reinsberg (Heft 15/1)

Erfurt, Neue Synagoge, Eingang (Bild: U. Knufinke)
In Erfurt entstand 1952 die erste deutsche Nachkriegssynagoge (Bild: U. Knufinke)

Vor 62 Jahren errichte man nach dem Zweiten Weltkrieg die erste Synagoge auf deutschem Boden. Der Standort vermag zu überraschen: Erfurt, Thüringen. An der Stelle, an der bis zur Pogromnacht 1938 das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde gestanden hatte, wurde 1952 ein Neubau fertiggestellt. Neben dem Oberbürgermeister und Kirchenvertretern nahm an der feierlichen Einweihung auch Otto Nuschke teil – der stellvertretende Ministerpräsident der DDR.

Nuschke, Vorsitzender der CDU-Ost und stets um religiöse Freiheit im Staatsozialismus bemüht, betonte in seiner Rede: Die „Wiedergutmachung an den Juden“ sei für die DDR-Regierung „oberstes Gebot“. Damit inszenierte sich der junge Staat öffentlichkeitswirksam als das bessere, weil antifaschistische Deutschland. Die neue Synagoge sollte jedoch ein Einzelfall bleiben. In den folgenden Jahren wandte sich der ostdeutsche Antifaschismus immer weiter von den jüdischen Opfern der Naziherrschaft ab.

 

Neubau mit Hindernissen

Erfurt, Große  Synagoge, um 1900 (Bild: Stadtarchiv Erfurt)
Die „Große Synagoge“ wurde in der Pogromnacht 1938 zerstört – an ihrem Standort errichtete man in Erfurt 1952 die „Neue Synagoge“ (Bild: Stadtarchiv Erfurt, um 1900)

Durch den Naziterror war die traditionsreiche jüdische Gemeinde in Erfurt fast gänzlich vernichtet worden. Gerade einmal 15 Erfurter Juden kehrten nach Kriegsende in die Stadt zurück. Daneben kamen jedoch auch zahlreiche jüdische Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Gebieten in Polen. Die Stadt Erfurt und das Land Thüringen standen der Gemeinde vergleichsweise offen gegenüber.

Dennoch verlief der Synagogenneubau nicht reibungslos. Zwar übergab die Stadt der jüdischen Gemeinde – auf Drängen Otto Nuschkes – das Grundstück, auf dem die alte Synagoge bis 1938 gestanden hatte. Die Baugenehmigung verschleppten die Behörden jedoch, angeblich aus städtebaulichen Gründen. Immer wieder musste die für 1950 angepeilte Grundsteinlegung aufgeschoben werden. Zu repräsentativ schien der erste Entwurf des Architekten Willy Nöckel. Er sah über dem Betsaal eine große Kuppel vor, und griff damit die Gestaltung des Vorgängerbaus auf.

 

Verschämte Wiedergutmachung

Der letztlich verwirklichte Bau ist sehr viel schlichter. Statt von einer Kuppel bekrönt, ist er mit einem Satteldach versehen. Von weitem kann man ihn mit einem Wohnhaus verwechseln. Einzig die Davidsterne im Rundfenster am Giebel und über dem Eingang zeichnen das Gebäude als jüdisches Gotteshaus aus. Der repräsentativste Teil des unscheinbaren Bauwerks ist das von vier Pfeilern gestützte Eingangsportal.

In Dresden diente eine ehemalige Trauerhalle jahrzehntelang als Synagoge (Foto: U. Häßler, Bild: Bundesarchiv Bild 183-1988-1105-012, Copyright: CC-BY-SA 3.0)
In Dresden diente eine ehem. Trauerhalle als Synagoge (Foto: U. Häßler, 1988, Bild: Bundesarchiv Bild 183-1988-1105-012, CC-BY-SA 3.0)

Dennoch konnte sich die Erfurter Gemeinde vergleichsweise glücklich schätzen: Die Juden in Halle mussten ihre Trauerhalle umbauen, um eine neue Synagoge zu bekommen – ebenso die traditionsreiche jüdische Gemeinde in Dresden. Hier erinnerte einzig der Davidstern auf dem Dach an die prunkvolle „Kathedrale“, die 1840 von Gottfried Semper gestaltet und 1938 den Brandstiftern der Pogromnacht zum Opfer gefallen war. Der Stern schmückte ursprünglich den Semperbau und wurde heimlich von einem Feuerwehrmann gerettet.

 

Antisemitismus beim großen Bruder

Erfurt, Neue Synagoge (Bild: U. Knufinke)
Die Neue Erfurter Synagoge erregte 1952 Anstoß (Bild: U. Knufinke)

Der Neubau und insbesondere die feierliche Eröffnung der Erfurter Synagoge sind auch von daher bemerkenswert, dass sie mit einer „Eiszeit“ zwischen der DDR und ihren jüdischen Bürger zusammenfielen. So entwickelte der – von der SED-Führung geradezu vergötterte – sowjetische Diktator Stalin eine immer ausgeprägtere Paranoia. 1953 konstruierte er mit seinen Gefolgsleuten die „Ärzteverschwörung“: Eine Gruppe vorwiegend jüdischer Ärzte habe sich zusammengetan, die sowjetische Staatsführung zu vergiften.

Ein großer Schauprozess, der sich bereits in Vorbereitung befand, wurde 1953 nur durch den Tod des Diktators verhindert. Schon in vorherigen Jahren hatte sich der antisemitische Ansatz abgezeichnet – und er wirkte lange nach. Seit dem Ende der 1940er Jahren standen Juden in der UdSSR unter Generalverdacht: „Kosmopolitismus“ und gemeinschaftliche Verschwörung mit dem US-amerikanischen Klassenfeind.

 

Unter Generalverdacht

Der sowjetische Antisemitismus strahlte auch auf die osteuropäischen Satellitenstaaten aus. Ende 1952 wurde in der Tschechoslowakei der jüdischstämmige Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Rudolf Slánskí, des Hochverrats bezichtigt und zum Tode verurteilt. In der DDR bezog man sich in der Folgezeit vermehrt auf das tschechoslowakische Beispiel, wenn man besonders jüdische Mitbürger, die während der NS-Zeit ins westeuropäischen oder US-amerikanischen Exil geflohen waren, der Spionage verdächtigte.

Viele jüdische Gemeinden sahen sich in der DDR staatlichen Durchsuchungsaktionen gegenüber. Auch SED-Genossen mit jüdischem Hintergrund mussten sich Stasi-Verhören stellen. Zahlreiche Juden flohen aus Angst vor Verfolgung in die Bundesrepublik – unter ihnen auch Julius Meyer, Vorsitzender des „Verbands Jüdischer Gemeinden in der DDR“.

 

Selektives Gedenken

Die Figurengruppe in Buchenwald von Fritz Cremer (Bild Rudolf Klein, CC-BY-SA 3.0-de)
In der Gedenkstätte Buchenwald wollte Fritz Cremer mit seiner Figurengruppe 1958 den Befreiungskampf der KZ-Häftlinge verkörpern (Bild: R. Klein, CC-BY-SA 3.0-de)

Diese zunehmende Judenfeindlichkeit wirkte sich auch auf den – von der Staatsführung beanspruchten – Antifaschismus aus. Zwar erkannte man jüdische KZ-Häftlinge weiterhin als Opfer des Faschismus an. Jedoch versuchte man, die Judenverfolgung zu marginalisieren. Stattdessen wurden der kommunistische Widerstand gegen die Nazis und der 1944 ermordete KPD-Führer Ernst Thälmann hervorgehoben. Die SED nutzte den Widerstandskampf prominenter Kommunisten, um jegliche politische Verantwortung für die Naziverbrechen von sich zu weisen. Forderungen nach Wiedergutmachungszahlungen, wie sie die Bundesrepublik leistete, wurden von DDR-Seite stets brüsk zurückgewiesen.

Dieser Ansatz wirkte sich auch auf die offizielle Erinnerungskultur aus. Die 1958 eröffnete „Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald“ war gänzlich auf den hier ermordeten Ernst Thälmann zugeschnitten. Auch der Bildhauer Fritz Cremer musste sich den Direktiven der SED beugen. Seine ersten Entwürfe für ein Buchenwald-Denkmal zeigten die Häftlinge drastisch vom Lageralltag gezeichnet – sie wurden von den Auftraggebern verworfen.

Die letztlich verwirklichte Figurengruppe wird von einem Häftling angeführt, der die Gesichtszüge Ernst Thälmanns trägt und seine Hand heroisch zum Schwur erhebt. Obwohl die Körper durch die Haft geschwächt sind, wirken die Figuren entschlossen und kämpferisch. Einer von ihnen hält eine wehende Fahne in Händen. In der SED wollte man der Gruppe noch einen Rotarmisten hinzufügen, um die Sowjetunion als Befreier zu würdigen. Dieser Vorschlag konnte sich jedoch nicht durchsetzen und war überdies unhistorisch: Das Lager wurde 1945 von der US Army, nicht von sowjetischen Truppen befreit.

 

Wandel durch Annäherung?

Der staatlich betriebene Antisemitismus ebbte mit Stalins Todesjahr 1953 zwar wieder ab, das Verhältnis zu den jüdischen Mitbürgern blieb aber schwierig. Der „Verband der jüdischen Gemeinde in der DDR“ solidarisierte sich gelegentlich mit der Staatsführung, was diese gegenüber dem Westen herausstrich. Dennoch schrumpften die Gemeinden kontinuierlich. Belastend wirkte sich vor allem aus, dass die PLO von der SED massiv unterstützt wurde. Den Staat Israel hingegen attackierte die Parteipresse scharf.

Bronfman-Besuch, Berlin
Erich Honecker verleiht Edgar Miles Bronfman, dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, in Ost-Berlin 1988 den „Großen Stern der Völkerfreundschaft“ (Bild:  Bundesarchiv Bild 183-1988-1017-415, CC-BY-SA 3.0)

Erst als die DDR nach internationaler Anerkennung strebte, interessierte sie sich verstärkt für das Judentum. Dass US-amerikanische Juden von der DDR Wiedergutmachung einforderten, hemmte die Beziehungen zu den USA. 1976 hatte die SED halbherzig eine einmalige Zahlung von 1 Million US-Dollar angeboten – aus „humanitären Gründen“, nicht als Wiedergutmachung. Die jüdische Seite wies das Angebot umgehend zurück. Angesichts der 37 Milliarden US-Dollar, welche die Bundesrepublik gezahlt hatte, wirkte es nicht einmal als ein Zeichen des guten Willens.

1988 erkannte die Staatsführung – anlässlich eines Besuchs des Präsidenten des World Jewish Congres in Ost-Berlin, Edgar Bronfman – schließlich an, moralisch zu Wiedergutmachungszahlungen verpflichtet zu sein. Im Gegenzug erklärte Bronfman gegenüber der Presse, dass nichts mehr gegen einen Empfang Erich Honeckers im Weißen Haus spreche. Dazu kam es nicht mehr: 1990 bekannte sich die erste frei gewählte Volkskammer aber zu einer Verantwortung der DDR für die nationalsozialistischen Verbrechen.

 

Neubau oder Umnutzung?

Die neue Synagoge in Dresden (Bild Maros, CC-BY-SA-3.0)
Die Neue Synagoge wurde in Dresden wurde 2002 als „Europäisches Gebäude des Jahres“ ausgezeichnet (Bild: Maros, CC-BY-SA-3.0)

Als der Ostblock zusammenbrach, wuchsen die jüdischen Gemeinden in der ehemaligen DDR wieder. Ihre neuen Mitglieder stammten größtenteils aus der früheren UdSSR und Osteuropa. Am 9. November 1998, genau 60 Jahre nach der Zerstörung der Semper-Synagoge, legte man in Dresden den Grundstein für ein neues jüdisches Gotteshaus. Der strenge, in sich gedrehte Betonkubus des Architektenbüros Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch wurde 2002 zum „Europäischen Gebäude des Jahres“ gewählt. Der aus den Trümmern gerettete Davidstern erhielt über dem Eingang der Synagoge einen neuen Platz.

2015 soll auch in Cottbus eine Synagoge geweiht werden – Brandenburg war bislang das letzte ost- und gesamtdeutsche Bundesland ohne ein jüdisches Gotteshaus. Statt für einen spektakulären Umbau entschieden sich die Lausitzer pragmatisch für eine Umnutzung bestehender Räumlichkeiten, die in der Sache aber nicht weniger spektakulär ist. Im November wurde die Cottbusser Schlosskirche an die jüdische Gemeinde der Stadt übergeben.

 

Literatur

Offenberg, Ulrike, „Seid vorsichtig mit den Machthabern“. Die jüdischen Gemeinden in der SBZ und der DDR 1945-1990, Berlin 1998

Mertens, Lothar, Davidstern unter Hammer und Zirkel. Die jüdischen Gemeinden in der SBZ/DDR und ihre Behandlung durch Partei und Staat 1945-1990, Hildesheim u. a. 1997

Timm, Angelika, Hammer Zirkel Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel, Bonn 1997

 

Rundgang

Erkunden Sie – mit bauzeitlichen Aufnahmen des Bundesarchivs und aktuellen Fotografien von Ulrich Knufinke – die Neue Synagoge Erfurt …

Heft als pdf

Winter 15: „Gibt es nicht!“

LEITARTIKEL: Jewish Architecture!

LEITARTIKEL: Jewish Architecture!

Edward van Voolen fragt, was Jüdisches Bauen heute ausmacht – von den neuen Synagogen und Museen weltweit schaut er zurück auf die Anfänge der Moderne.

PORTRÄT: Geometry in the Negev Desert

PORTRÄT: Geometry in the Negev Desert

Rudolf Klein rechnet nach, was Zvi Hecker 1970 aus Beton mitten in die Negev-Wüste stellte: die skulpturale Synagoge im israelischen Militär-Lager.

FACHBEITRAG: Erfurts Neue Synagoge

FACHBEITRAG: Erfurts Neue Synagoge

Julius Reinsberg über die einzige moderne DDR-Synagoge – und wie die DDR-Regierung langsam die jüdischen Opfern des Nationalsozialismus vergaß.

FACHBEITRAG: Neues Bauen in Israel

FACHBEITRAG: Neues Bauen in Israel

Alexandra Klei weiß, wie die Moderne nach Israel kam: Nicht nur die europäische Avantgarde, sondern auch das mediterrane Umfeld prägten den neuen Stil.

FACHBEITRAG: Helmut Goldschmidt

FACHBEITRAG: Helmut Goldschmidt

Ulrich Knufinke zu einem der produktivsten Synagogenbauer der deutschen Nachkriegsmoderne: Godschmidt arbeitete in Dortmund, Köln, Bonn, Münster, …

FACHBEITRAG: Palästina fast-modern

FACHBEITRAG: Palästina fast-modern

Karin Berkemann zu Missionsdörfern und Orientkulissen im Heiligen Land, das mit dem Ersten Weltkrieg schüchtern zum Sprung in die Moderne ansetzt.

INTERVIEW: Hannover - Kirche wird Synagoge

INTERVIEW: Hannover – Kirche wird Synagoge

Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, die Pastorin der evangelischen Gemeinde und Ulrich Knufinke sprechen über die Gründe und die Folgen der Umnutzung.

Erfurt, Gästehaus

von Dina Dorothea Falbe (18/1)

Als ich die alte Parteischule in Erfurt zum ersten Mal besuchte, fühlte ich mich wie in meine Kindheit zurückversetzt. Langsam stieg ich die flachen, breiten Stufen hinab, gepflastert mit zerbrochenen kleinen Betonplatten, die zum Teil von hellem Gras überwuchert sind. Ich ging vorbei an Becken, die einmal mit Wasser gefüllt waren, auf das schwebende Volumen mit den blauen Kacheln zu. Darunter  die gläserne Eingangsfront mit schlanken Aluminiumprofilen, links eine Gartenmauer aus Betonformsteinen. Rechts überragt eine Kiefer das flache Verbindungsgebäude, an dessen Ende sich das Internatshochhaus befindet – ein klassischer „Plattenbau“ mit abblätterndem weißen Anstrich. Dort kann man übernachten.

Magische Kindheit

Auf Facebook schreibt jemand eine Bewertung zur Alten Parteischule: „Perfekt – Der morbide Charme des Verfalls!“ Diese Beschreibung hätte ich selbst nicht gewählt, muss mir aber eingestehen, dass sie irgendwie zu den Kindheitserfahrungen passt, die ich in einem kleinen Ort an der Ostsee machte, nachdem meine Eltern mit mir aus der westdeutschen Großstadt dort hingezogen waren. Über den zumeist unbefestigten Straßen wehten an heißen Sommertagen Sandwolken, durch die ich barfuß und mit dem Handtuch über der Schulter zum Strand ging, vorbei an bunt angestrichenen Metallzäunen und den zerbrochenen und von hellem Gras überwachsenen Betonplatten, die damals in dem Dorf Gehwege markierten und vor der Erfurter Parteischule noch heute zu finden sind. Der Zauber verlassener Häuser zog uns Kinder in seinen Bann, es war ein bisschen unheimlich sie zu erkunden, vermittelte aber ein starkes Gefühl von Freiheit. Ich verstand damals nicht, warum manche Mitschüler in den verlassenen Bungalowsiedlungen Möbel kaputt schlugen. Die waren doch alle noch gut erhalten.

Im Unterschied zu den erwähnten Bungalows überstand die Parteischule in Erfurt die Wendezeit unzerstört, und ist auch in der Folge weder abgerissen, noch kaputtsaniert worden. Trotz des „morbiden Charmes“ ist die bemerkenswert gut erhaltene Substanz aus den 1970er Jahren bis heute weitgehend nutzbar und in Gebrauch. Um die Instandhaltung kümmert sich der Hausmeister Manfred Rommeiß seit den 1980er Jahren. Er hat Parteischüler gekannt, die mit ihrem Aufenthalt im „Roten Kloster“ ihre Karriere voranbringen wollten und Zusammenkünfte der Mächtigen belauscht, die noch kurz vor dem Zusammenbruch an „ihre Fatamorgana geglaubt“ hätten, wie Rommeiß sich ausdrückt. Der Hausmeister legte ein umfangreiches Ersatzteillager an. So gelang es ihm über Jahrzehnte, den funktionstüchtigen Originalzustand des Gebäudekomplexes am Erfurter Stadtrand zu erhalten.

Das „Rote Kloster“

Zunächst war die ehemalige Bezirksparteischule der SED an das Thüringer Bildungsministerium übergegangen, in den Nuller Jahren wurde ein Käufer gesucht. Ein Shoppingcenter wäre vermutlich an diesem Standort profitabler gewesen, doch 2008 erhielt die Parteischule Denkmalstatus. Tatsächlich fand sich ein privater Käufer, der die Parteischule erhalten und pragmatisch weiternutzen wollte. Die repräsentative, blau verkleidete Kiste – als Stahlskelettbau hebt sie sich auch konstruktiv vom eher standardisierten Rest ab – enthält ein reich verziertes Foyer und das große, geschichtsträchtige Auditorium, in dem einst der Kosmonaut Sigmund Jähn zu den Parteischülern gesprochen hat. An Jähns Stelle stehen heute Politikprofessoren auf der Bühne, oder Referenten verschiedener Tagungen, wenn die Parteischule nicht gerade als Kulisse für einen DDR-Film dient. Das ehemalige Internatshochhaus ist heute Gästehaus, die Großküche ist vermietet und im ehemaligen Speisesaal finden Rockkonzerte statt. Die vielseitigen Umnutzungen erlauben eine Umdeutung, eine Ent-Ideologisierung des Gebäudekomplexes, der ursprünglich der Machtsicherung der SED diente. Das ehemalige „Rote Kloster“, indem sich die SED-Elite abschottete, ist heute frei zugänglich und für jeden nutzbar.

Warum hier übernachten?

Warum sollte ich aber nun in dem Gästehaus eine Nacht verbringen? In dem schmalen Bett versinke ich sofort, wenn ich versuche, mich darauf zu platzieren. Ich denke zurück an das Kinderzimmer meiner Grundschulfreundin, in dem ein solches Bett stand. Ich fand es schon damals unbequem. Trotzdem habe ich die Abende mit ihrer Familie genossen. Es gab selbst geerntete Kirschen und die Nachbarn kamen oft vorbei.

Der Aufenthalt in der Alten Parteischule ist in mehrerlei Hinsicht authentisch. Wenn ich jemanden nach irgendetwas frage, bekomme ich zunächst eine unfreundliche Antwort, freue mich dann aber umso mehr, wenn ich meinem Gegenüber dann durch Freundlichkeit und Verständnis einen Gefallen abringen konnte. Als Kind hatte ich große Angst vor solchen Begegnungen, weil ich die Menschen um mich herum oft nicht verstand. Eine ähnliche Unsicherheit spüre ich auch jetzt noch, vielleicht wird eine vergessen geglaubte Erinnerung wach. Die jahrzehntealten Materialien können ihr Alter nicht mehr verbergen, doch in meinen Augen sind sie so perfekt, wie nur etwas sein kann, mit dem man die vielleicht schönste Zeit seines Lebens verbindet.

Widersprüchlichkeiten

Die goldene Heizkörperverkleidung, die vielen kleinen Lampen in der Decke des Foyers und viele weitere Details lassen die Parteischule opulent wirken im Vergleich zu den Gebäuden meiner Kindheit. Doch diese Oppulenz ist nur aufgesetzt, wie die Bemalung am Internatsgebäude, vom Denkmalpfleger Mark Escherich als „Nobilitierungsversuche“ bezeichnet, die der „Standardplatte“ den Schein des Besonderen geben sollten. Mit dem System der Parteischulen wollte sich die SED die ideologische Vormachtstellung in der DDR-Gesellschaft sichern. Das Parteischulgebäude scheint dies als gescheiterten Versuch zu entlarven, spätestens dann, wenn die Zeit die dünne Goldfarbe abwäscht. Ein bisschen unheimlich wird mir dennoch, wenn ich durch die Räume streife und über die Intentionen der Planer sinniere. Ging die unheimliche Stimmung in meiner Kindheit von den verlassenen Häusern aus, oder von einer sozialen Umgebung, in der gesellschaftliche Machtstrukturen plötzlich auch im Alltag neu verhandelt werden mussten?

Ich bin allen Akteuren, die zur Erhaltung der Parteischule bis heute beigetragen haben, dankbar für das nostalgische Erlebnis, dass das Gebäude mir persönlich bietet. Noch dankbarer bin ich dafür, dass die Parteischule auch vielen anderen Mitgliedern dieser, unserer Gesellschaft, mit anderen Erfahrungshintergründen die Möglichkeit bietet, über die Prozesse des Umbruchs emotional, aber auch rational zu reflektieren. Die Parteischule dient als Denkmal für etwas, das war, als Mahnmal für etwas, das nie wieder sein soll, aber auch als Symbol dafür, dass eine gemeinsame Zukunft möglich ist, in die wir unsere Vergangenheit und unsere persönlichen Geschichten ganz selbstverständlich mitnehmen, so widersprüchlich diese rückblickend auch sein mögen.

Zum Weiterlesen

Falbe, Dina Dorothea Falbe und Christopher (Hg.), Architekturen des Gebrauchs. Die Moderne beider deutscher Staaten 1960-1979, Verlag Mbooks, Weimar September 2017, 236 Seiten, Hardcover.

Erfurt, Alte Parteischule (Bild: Christopher Falbe)

ganzes Heft als pdf

Winter 18: Im Hotel

Portugal, Hotel Arribas

Portugal, Hotel Arribas

Chrstina Gräwe an einem ikonischen Wim-Wenders-Drehort.

Erfurt, Gästehaus

Erfurt, Gästehaus

Dina Dorothea Falbe besucht das „Rote Kloster“.

Costa Brava, Hotel Parador de Aiguablava

Costa Brava, Hotel Parador de Aiguablava

Uta Winterhager sieht Stil bis ins Detail.

Marl, Hotel "Marschall 66"

Marl, Hotel „Marschall 66“

Heiko Haberle über 100 Stunden im „Brutalismus-Hotel“.

Pjönjang, Ryugyŏng-Hotel

Pjönjang, Ryugyŏng-Hotel

C. Julius Reinsberg über zeichenhafte Unvollendetheit.

Wien, Hotel Daniel

Wien, Hotel Daniel

Daniel Bartetzko wählt das Hotel seines Namens.

Jerusalem, Beit Belgiyah

Jerusalem, Beit Belgiyah

Karin Berkemann in einem modernen Rundtempel.