Schlagwort: Ernst May

Umstritten: Die Hochhäuser in Darmstadt Kranichstein (Foto: Julius Reinsberg)

Die Eiger-Nordwand steht in Darmstadt

1968 legte man in Darmstadt den Grundstein für eine der letzten großen Trabantenstädte der Bundesrepublik. Die Siedlung „Neu-Kranichstein“ nach Plänen Ernst Mays sollte mit Wohnhochhäusern vor den Toren der Stadt 18 000 Wohneinheiten schaffen. Nun feiert sie ihren 50. Geburtstag und kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken.

Wurden die Pläne bei der ersten Präsentation durch Ernst May 1965 noch hochgelobt, machte sich bald Kritik breit. Zwar wurde der erste Bauabschnitt der Wohnsiedlung in Rekordzeit gebaut, die Einrichtung der nötigen Infrastruktur ließ dagegen auf sich warten. Besonders die „Eiger-Nordwand“, ein 12-stöckiges Hochhaus mit einer Länge von 175 Metern, fand außerdem wenig Fürsprecher in der Bevölkerung. Noch während der Bauarbeiten schlug die Stimmung zu Ungunsten der Planung um. Realisiert wurde schließlich nur der erste Bauabschnitt, bevor der Planungsprozess von Neuem begann. Jahrzehntelang haftete dem Stadtteil das Image verfehlter Stadtplanung sowie eines sozialen Brennpunkts an. Zum Jubiläum kann sich Kranichstein jedoch wachsender Beliebtheit erfreuen. Der Stadtteil gilt als multikulturell, ist gut an die Darmstädter Innenstadt angebunden und – dies geht auf die Maysche Planung zurück – in eine Parklandschaft eingebettet. mR gratuliert herzlich! (jr, 17.2.18)

„Eiger-Nordwand“, Darmstadt-Kranichstein (Bild: Julius Reinsberg)

C. Julius Reinsberg (Bild: privat)

C. Julius Reinsberg erhält Bethmann-Studienpreis

„Der Internationale Stil des Neuen Frankfurt. Zum transnationalen Kulturtransfer in der Architektur-, Stadtplanungs- und Designgeschichte 1925-1960“ – oder etwas kürzer: Das Neue Frankfurt ist nicht dasselbe wie das Bauhaus. Der Historiker C. Julius Reinsberg hat in seiner jüngst abgeschlossenen Promotion herausgearbeitet, wie sich um Baukünstler wie Ernst May, Martin Elsaesser, Ferdinand Kramer und Margarete Schütte-Lihotzky eine einmalige Expertenkultur mit einem umfassenden sozialen Anspruch herausbildete, der bis in die Nachkriegszeit hinein international wirkte. Reinsberg ist Mitherausgeber von moderneREGIONAL und arbeitet seit 2017 als Geschäftsführer der Frankfurter ernst-may-gesellschaft.

Für die Jury des 1984 gestifteten Johann Philipp von Bethmann-Studienpreises erweitert die Arbeit von Reinsberg in hervorragender Weise „die wissenschaftliche Basis zur Erforschung der Frankfurter Geschichte“. Prof. Christoph Cornelißen (Frankfurt am Main), Doktorvater des Ausgezeichneten, hatte das Projekt nicht allein fachlich, sondern auch sprachlich anempfohlen: „Das schnörkellos geschriebene Manuskript liest sich hervorragend.“ Der mit 5.000 Euro dotiert Preis wurde gestern Abend in einer Feierstunde im Dormitorium des Instituts für Stadtgeschichte im Karmeliterkloster durch die Kulturdezernentin Ina Hartwig überreicht. Vertreter der Familie des Stifters waren ebenfalls Gäste der Preisverleihung. Wir gratulieren herzlich! (db/kb, 20.12.17)

Julius Reinsberg (Bild: privat)

Seff Weidl, Skulptur "Einigkeit" in der Gartenstadt Vahr, Bremen, 1959 (Bild: Hamburgisches Architekturarchiv)

Ernst May und die Skulptur

Der Architekten Ernst May fühlte sich ein Leben lang eng mit der Bildhauerei verbunden. Nach eigener Aussage wäre er selbst gerne bildender Künstler geworden, entschied sich dann jedoch für das Bauen. Während der Zeit des Neuen Frankfurt tauschte sich May stets mit zeitgenössischen Bildhauern aus, darunter Richard Scheibe und Josef Hartwig. In den 1950er Jahren folgten Bernhard Heiliger und Seff Weidl. Weidls monumentale Bronzeskulpturen etwa gehörten unauflöslich zu den städtebaulichen Ensembles, die Ernst May für die Neue Heimat realisierte.

Diesem fruchtbaren Zusammenspiel widmet sich vom 15. Oktober 2017 bis zum 1. April 2018 eine – vom Berliner Architekten Florian Seidel kuratierte – Ausstellung im Frankfurter ernst-may-haus. Thema ist die Wechselwirkungen zwischen Ernst Mays Architektur und der Bildhauerei, angefangen bei seinem Frühwerk, seinen Arbeiten in Frankfurt am Main, bis hin zu seinen Arbeiten der Nachkriegszeit. Die Vernissage wird am 14. Oktober 2017 um 18 Uhr im ernst-may-haus (Im Burgfeld 136, 60439 Frankfurt) gefeiert. (db, 8.10.17)

Seff Weidl, Skulptur „Einigkeit“ in der Gartenstadt Vahr, Bremen, 1959
(Bild: Hamburgisches Architekturarchiv)

Frankfurt, Bruchfeldstraße (Bild: Christos Vittoratos,CC BY-SA 3.0)

Architektur und Exil

Viele nationalsozialistisch verfolgte Baumeister mussten Deutschland nach 1933 verlassen. Eine Doppelausstellung in Hamburg beleuchtet an zwei parallelen Orten am Beispiel von fünf Architekten die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe der Emigration, die Aufnahme und den Erfolg der Exilanten in ihren Gastländern, die Entwicklung ihres architektonischen Werkes, Kontinuität oder Brüche vor und nach dem Exil. Unter ihnen sind Robert Friedmann, Oskar Gerson, Karl Schneider, Gustav Oelsner und Ernst May – der in den 1920ern nicht nur das „Neue Frankfurt“ prägte, sondern nach dem Krieg auch am Ausstellungsort sowie in Lübeck und Bremen neue Siedlungen schuf. Darunter die Neue Vahr (1956-61), die nicht erst durch einen gewissen „Herrn Lehmann“ bekannt wurde…

Auch die anderen Architekten sind mit der Stadt Hamburg biografisch verbunden: Oskar Gerson wirkte unter anderem am Sprinkenhof mit, Karl Schneider schuf den Wohnblock am Habichtsplatz in Barmbek, Gustav Oelsner verantwortete diverse Wohnsiedlungen und öffentliche Gebäude. Anlässlich der Tage des Exils werden ab dem 15.6. in der Galerie im Georgshof und in der Galerie Renate Kammer Werk und Wirken der Exilanten präsentiert. An diesem Tag bieten auch beide Häuser Eröffnungsveranstaltungen; insgesamt ist die Doppelschau bis zum 15.7. zu sehen. (db, 14.6.17)

Ernst May: „Zickzackhausen“ Frankfurt/M. (Bild: Christos Vittoratos)

 

Spätkoloniale Moderne

Spätkoloniale Moderne (Bild: Birkhäuser Verlag)

Le Corbusier, Ernst May und Frank Lloyd Wright – sie alle verbindet der Weltruhm in der klassischen Moderne. Ihre Bauprojekte in Europa und Nordamerika begeisterten Zeitgenossen wie Spätgeborene. Für die jüngst erschienene Monographie von Regina Göckede ist dies jedoch eher zweitrangig. Sie nimmt stattdessen die oft kaum bekannte Tätigkeit der Architekten in den ehemaligen Kolonien Europas in den Blick.

So plante die französische Regierung in den 1930er Jahren, Algier zu einer modernen Metropole nach europäischen Maßgaben zu transformieren, einer „Hauptstadt des französischen Afrikas“. Le Corbusier befasste sich hierfür fast zehn Jahre mit städtebaulichen Entwürfen. Auch Ernst May, seit 1934 Emigrant in Ostafrika, suchte die koloniale Idealstadt. Mitte der 1940er Jahre plante er für die britische Kolonialverwaltung eine Erweiterung für Ugandas Hauptstadt Kampala. Frank Lloyd Wright schließlich entdeckte Bagdad als Schaffensfeld. Der Band stellt die Arbeit dreier Modernisten in Afrika bzw. dem Nahen Osten vor. Dabei dekonstruiert er jedoch den Mythos einer per se moralisch integren Moderne. Neben Bauten und Planungen werden auch die Entstehungsbedingungen beleuchtet, die Verflechtungen mit den imperialen Bestrebungen der europäischen Kolonialmächte offenbaren. Lesenswert! (jr, 8.1.17)

Göckede, Regina, Spätkoloniale Moderne. Le Corbusier, Ernst May, Frank Lloyd Wright. The Architects Collaborative und die Globalisierung der Architekturmoderne, Birkhäuser Verlag, Basel 2016, ISBN 978-3-03821-123-5.