Kranichsteins Neue Mitte

Der Darmstädter Stadtteil Kranichstein war eines der letzten Projekte des Frankfurter Architekten und Städtebauers Ernst May (1886-1970). Ursprünglich sollte die 1968 begonnene Trabantenstadt Wohnraum für 18.000 Menschen schaffen. Wegen einbrechender Nachfrage wurde jedoch nur der erste Bauabschnitt realisiert. Die Hochhaussiedlung blieb Fragment, entwickelte sich zum sozialen Brennpunkt und galt lange als Musterbeispiel verfehlter Stadtplanung. In den letzten Jahren wollte man den Stadtteil jedoch vermehrt aufwerten und die sozialen Spannungen gezielt angehen. Im Jahr 2000 wurde Kranichstein in die Bund-Länder-Initiative „Soziale Stadt“ aufgenommen.

Mit den neuen Geldern können nun die öffentlichen Grünanlagen und maroden zentralen Einrichtungen modernisiert und wieder hergerichtet werden. Auch einige städtebauliche Umgestaltungen nahm man in Angriff. Am 11. Juli 2014 wird der zentrale Platz, Kranichsteins „Neue Mitte“, offiziell eingeweiht. Die Bartningstraße im Herzen der Siedlung hat sich in eine begrünte Promenade verwandelt. In Zukunft soll sie für Märkte, Stadtteilfeste oder Kulturveranstaltungen genutzt werden. Vieleicht wird man den Namen Ernst May künftig auch in Darmstadt nicht mehr nur mit Hochhaustristesse verbinden. (jr, 5.7.14)

Die Hochhäuser in Kranichstein (Bild: Julius Reinsberg)

Neues Bauen am Ural

Fällt der Name Ernst May, denkt man wohl in erster Linie an die Siedlungen des Neuen Frankfurts, vielleicht noch an Hamburg Neu Altona oder die Neue Vahr in Bremen. Mit dem Entwurf prototypischer Arbeitersiedlungen in der UdSSR verbinden ihn jedoch die Wenigsten. Und doch verbrachte der ehemalige Frankfurter Stadtbaurat die Jahre 1930 bis 1934 in der Sowjetunion, wo er mit Unterstützung seiner Kollegen Mart Stam, Grete Lihotzky, Walter Schwagenscheidt und anderen die von Nikolaj Miljutin umrissene Vision des „Sozgorod“ (dt. „sozialistische Stadt“) praktisch umsetzen sollte. Mit großen Kompetenzen ausgestattet, gingen die deutschen Architekten und Stadtplaner daran, auf der grünen Wiese Retortenstädte für die sowjetischen Arbeiter zu entwickeln. Sie befanden sich im Wettlauf mit der rasanten Industrialisierung.

Die ernst-may-gesellschaft in Frankfurt widmet diesem Themenkomplex seit Mitte Mai unter dem Titel „Magnitogorsk – Alte und neue Ansichten einer May-Stadt am Ural“ eine Fotoausstellung. Gezeigt werden historische und aktuelle Bilderpaare mit Motiven der von May geplanten Stadt Magnitogorsk. Die Perspektiven sind die gleichen, der Zahn der Zeit hat dem Motiv aber in der Regel sichtlich zugesetzt. Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Juli 2014 zu sehen. (jr, 4.6.14)

Verwaiste Schule in Magnitogorsk, Architekt Wilhelm Schuette (Bild: Mark Escherich)

Dr. C. Julius Reinsberg

* 1987, Historiker, 2007-12 Studium der Geschichtswissenschaften und Germanistik in Bonn und Gießen, 2014-17 Promotion am Lehrstuhl für Neueste Geschichte in Frankfurt am Main, 2017/18 Geschäftsführer der ernst-may-gesellschaft Frankfurt am Main, seit 2018 Referent im Kulturdezernat Frankfurt. 2015-18 Mit-Herausgeber von moderneREGIONAL.

Heftredaktionen: Bleu – Blanc – Brut (18/3, mit M. Kany); Nehmen Sie Platz! (17/4), Vernetzt (17/1), Umbrüchig (16/2, mit K. Sebold), Gestrandete Wale (14/2, mit D. Bartetzko); Beiträge: Innere Angelegenheiten (18/3), Interview mit DW Dreysse (18/3), Pjönjang, Ryugyŏng-Hotel (18/1), Interview mit Wolfgang Voigt (17/4), Sitzen im Staatstheater Saarbrücken (17/4), Interview mit Werner Durth (17/1), Stadt-Autobahn (17/1), Fotostrecke zum Zeiss-Panetarium Jena (16/3), Interview mit Karl Schlögel (16/2, mit K. Sebold), Moskau, Metro (15/3), Erfurts neue Synagoge (15/1), Palast der Sowjets (14/2), aktuelle Meldungen und Newsletter (2015-18).