Essen: Horten-Haus kommt weg

Bis 1977 stand in der Essener City am Platz von Galeria Kaufhof ein 1920er-Jahre Bau. 40 Jahre lang war darin das „DeFaKa“-Kaufhaus untergebracht, ursprünglich befand sich dort das Hotel Königshof. Das alles ist längst Geschichte: Das „Deutsche Familen Kaufhaus“ war schon seit den 1950ern Teil der Horten AG, die ab 1978 das neu errichtete Kaufhaus auch unter eigenem Namen betrieb. Horten selbst wurde 1994 von Galeria Kaufhof übernommen und selbige Kette ging nach mehreren weiteren Übernahmen und Fusionen 2020 in die Insolvenz. Für das Essener Kaufhaus bedeutete das die Schließung. Und nun verschwindet auch der markant-wuchtige Beton-Bau, dessen Fassade mit den typischen Horten-Kacheln aufgelockert war. Die Kölner Koerfer-Gruppe, Eigentümer der Immobilie, lasst sie komplett umgestalten.

Das Ergebnis ist die Abkehr von den 1970ern hin zur noch weiter zurückliegenden Vergangenheit: Mehr als deutlich lässt sich das vor 44 Jahren abgerissene 1920er-Jahre-Gebäude als Reminiszenz erkennen. Dazu bekommt das Ganze fortan sogar den Namen „Königshof“ – wie das vor 84 Jahren geschlossene Hotel an dieser Stelle. Der neugestaltete Bau soll fortan diverse Nutzer bekommen. Erd- Untergeschoss stehen für Geschäfte und Restaurants zur Verfügung, in den oberen Etagen sollen Büro- und Multifunktionsflächen entstehen. Derzeit wird das Bestandsgebäude entkernt, und erneut drohen wieder einige hundert der ikonischen Horten-Kacheln im Altmetallcontainer zu verschwinden … (db, 30.5.21)

Essen, Neubau Horten-Haus (Copyright Koerfer-Gruppe)

Essen: Begegnung mit dem Bagger?

Die Zeichen stehen auf Abriss für das Haus der Begegnung in Essen. Entstanden 1921 als Ledigenwohnheim, diente der dreiflügelige Bau später u. a. als Sitz der Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfe behinderter Menschen. Zuletzt wurden die Räume 2017 für Veranstaltungen der Grünen Hauptstadt Europas genutzt, dann stand das Ensemble leer. Der Projektentwickler Allbau, der das Haus von der Stadt erwerben wollte, erklärte zunächst: Bei der anstehenden Sanierung bliebe die historische Fassade erhalten. Doch geschätzte Kosten von 5 bis 6 Millionen Euro wertete das Unternehmen 2019 als unwirtschaftlich und stellte daraufhin einen Abrissantrag. Dem erteilten die Denkmalbehörden der Stadt Essen und des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) ihre Zustimmung. Ein Gutachten war zu dem Schluss gekommen: Bei einer Sanierung müsste man zwei Drittel der historischen Bausubstanz verloren geben, womit der Denkmalschutz entfiele.

Der drohende Abriss stieß auf Widerstand. Im September 2020 besetzten Aktivist:innen das Gebäude und gründeten darin ein selbstverwaltetes anti-rassistisches Zentrum. Auch aus der Politik fand die Aktion Zuspruch. Oberbürgermeisterkandidat Daniel Kerekeš (Die Linke) erklärte: „Nachdem die Stadt keine Idee hatte, was mit dem Haus geschehen sollte, ist es nur richtig, dass die Menschen in der Stadt selbst überlegen wie sie das Haus nutzen wollen”. Das Ensemble, für das verschiedene Gruppen immer wieder gemeinschaftsorientierte Konzepte entwickelt hatten, wurde kurz darauf von der Polizei geräumt. Gegenüber der Neuen Ruhrzeitung (NRZ) erklärte Allbau noch Anfang des Jahres, ohne wirklich konkret zu werden, man wolle über einen bloßen Abriss hinausgehen. Denkbar sei eine städtebauliche Entwicklung, um das Essener Uni-Viertel besser an die nördliche Innenstadt anzuschließen. (re, 17.3.21)

Essen, ehemaliges Ledigenwohnheim (Bild: C. Schulze, 2021)

Essen, ehemaliges Ledigenwohnheim (Bild: Cordula Schulze, 2021)

Streit um „Hakenkreuz-Dekor“ geht weiter

Der Streit schwelt seit zwei Jahren: Ab 2019 wollte man in Essen die Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung umgestalten – und in ein neues, weiß-neutrales Gewand hüllen. Erbaut 1937 von den Architekten Carl Conradi und Paul Dietsch, zeigte der Gottesdienstraum typische Merkmale seiner Zeit: eine neoklassizistische Wandgliederung und viel Holz. Doch dann schlug die Debatte um die figurative bzw. zeichenhafte Ausstattung der Kapelle hohe Wellen. Das Altarbild mit dem blondgelockten Jesus wurde bereits 1994 entfernt. Für die Glasgestaltung hatte Carl Bringmann eine ähnlich herbe Formensprache der 1930er Jahre gewählt. Und die Balkendecke schmückte man mit christlichen Symbolzeichen in ornamentalen, hakenkreuzartigen Verschlingungen. Trotz anhaltender Proteste wurde die Kapellendecke im Mai 2019 „aus Gründen des Brandschutzes“ abgenommen und eingelagert.

Inzwischen steht die Kapelle unter Denkmalschutz (samt Decke), aber ihr Schicksal ist weiterhin offen und macht Schlagzeilen. Vor zwei Tagen meldete „Bild“, dass der Denkmalschutz die Wiedereinweihung der Kapelle verzögere. Superintendentin Marion Greve äußerte gegenüber der Zeitung: Sollten die Hakenkreuze bleiben müssen, sei für sie eine Weiternutzung des Raums als Kapelle „ganz unvorstellbar“. Das LVR-Denkmalamt hingegen empfahl gegenüber „Bild“ eine öffentliche Diskussion, ob eine „nur teil- oder zeitweise Sichtbarmachung der Decke“ eine Alternative sein könne – und bot damit schon eine weitreichende Kompromisslösung an. Der Totalverlust könnte Essen um eine prägende Dimension seiner modernen Geschichte berauben, denn gerade solch spannungsvolle Räume lehren die Betrachter:innen – über altes Schubladendenken von „guter“ und „schlechter“ Moderne hinaus – viel über eine vielschichtige Stilepoche. (kb, 14.3.21)

Titelmotiv: Essen, Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: StagiaireMGIMO, CC BY SA 4.0, 2018). Facebookbild: Essen, Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: Wiki05, gemeinfrei, 2009).