Corbu hat Saison

Es wird Frühling – und zumindest in Zürich kann damit am Pavillon Le Corbusier (Höschgasse 8, 8008 Zürich) die Ausstellungssaison beginnen: Am 7. Mai 2021 startet die neue Schau „Le Corbusier und die Farbe“, die hier bis zum 28. November 2021 zu sehen sein wird. Mit Fotografien, Originalen, Plänen und großformatigen Installationen soll die Polychromie – als für den Schweizer Architekten raumbildendes und identitätsstiftendes Element – sinnfällig in Szene gesetzt werden. Denn Le Corbusier (1887–1965) konnte sich Baukunst ohne Farbe schlicht nicht vorstellen. „Ganz in weiss wäre das Haus ein Sahnetopf“, brachte er es 1926 auf den Punkt. Mal hob er mit einer Farbe einzelne Wandscheiben hervor, mal band er damit einen ganzen Raum zusammen. Nach dem Krieg verknüpfte er verschiedene Farbtöne zum Ornament, um damit materialgerechte Oberflächen wie Beton, Backstein oder Beton zu strukturieren. Um einen gleichbleibend hohen Qualitätsstandard zu gewährleisten, kooperierte Le Corbusier z. B. eng mit dem Basler Tapetenhersteller Salubra – für einen „Ölfarbenanstrich in Rollen“.

In seinen bekanntesten Werken, von der Kapelle in Ronchamp (1955) bis zum Philips-Pavillon an der Weltausstellung in Brüssel (1958) arbeitete Le Corbusier mit farbigem Glas bzw. Licht. Der Zürcher Pavillon bildet den Endpunkt dieser Entwicklung: Außen markieren bunte Emaillepaneele den Standort, im Inneren herrscht naturbelassenes Eichenholz vor. Innerhalb der Pavillonräume wird die neue Ausstellung um eine kleinere Präsentation ergänzt – mit Arbeiten des Zürcher Magnum-Fotografen René Burri (1933–2016), die Le Corbusier in den Jahren 1955 bis 1965 zeigen. Schon seit 1967 wird der Pavillon für thematische Ausstellungen genutzt. Seit die Stadt Zürich den Bau 2019 erworben hat, wird er vom dortigen Museum für Gestaltung bespielt. Begleitend zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen, die im Museumsshop erhältlich ist. (kb, 28.4.21)

Reklamefoto für das Desing „Marmor I“ in horizontal versetzter Anordnung, um 1959, Möbel der Firma Idealheim AG, Basel (Bildquelle: ac 29, Internationale Asbestzement-Revue, 1962, © Salubra AG, Grenzach)

Le Corbusier anlässlich des am 12. Januar 1938 vom Ingenieur- und Architekten-Verein in der Schmiedstube in Zürich organisierten Vortrags „Les relations entre architecture et peinture“ (Bild: Gotthard Schuh, © gta Archiv/ETH Zürich, Arthur Rüegg)

Le Corbusier, Notizen zum Vortrag „Les relations entre architecture et peinture“, festgehalten auf den Rückseiten seiner Hochzeitsanzeige von 1930 (Bild: Privatsammlung, Zürich, © Fondation Le Corbusier, Paris)

Ost- und Nordfassade der Unité d’habitation in Marseille mit farbigen Loggien, 1951 (Bild: © Fondation Le Corbusier, Paris)

Le Corbusier, Loggien der Unité d’habitation in Marseille (Bild: © Arthur Rüegg)

Le Corbusier, Pavillon Le Corbusier Zürich, Detail der Fassade (Bild: © Foto: Georg Aerni)

Zürich, Pavillon Le Corbusier, Ausstellung „Le Corbusier und die Farbe“, Installation mit Pigmenten der ersten Salubrareihe von 1932 (Bild: Umberto Romito und Ivan Suta, 2021, Museum für Gestaltung Zürich/ZHdK)

Titelmotiv: Le Corbusier vor dem Paravent in der Halle des Immeuble Molitor: bemalte, mit Beton hintergossene Welleternitplatten, ausgeführt als Prototyp einer Brise-soleil-Konstruktion (Bild: © Willy Rizzo, 1959)

Schneider und die Farbe

Auf der Suche nach einer zeitgemäßen Ausdruckskultur entfaltete sich in den 1920ern eine Bewegung zur Farbe in der Baukunst: In Magdeburg initiierte Bruno Taut den „Aufruf zum farbigen Bauen“, am Bauhaus schuf Johannes Itten seine Farbenlehre. Während De Stijl und Le Corbusier mit Farbe experimentierten, feierte die heute in populärer Verallgemeinerung stets mit dem Bauhaus assoziierte Architektur der Moderne ihren Durchbruch. Bereits 1925 wurde in Hamburg der „erste deutsche Farbentag für Architektur“ veranstaltet. 1926 folgte die Gründung des „Bundes zur Förderung der Farbe im Stadtbild“. In diesem Umfeld entstanden auch die maßgeblichen Arbeiten des Hamburger Architekten Karl Schneider. Durch seine vormaligen Tätigkeiten in den Büros von Walter Gropius und Peter Behrens war Schneider der Hamburger Gestalter, der mit den Themenfeldern der am Bauhaus erörterten Architekturentwicklung am besten vertraut war und heute als Hauptrepräsentant der hanseatischen Moderne gilt.

Unterm Titel „Farbe in der Architektur – Karl Schneider in Hamburg. Eine Annäherung aus Anlass des Bauhausjahres 2019“ befasst sich nun ein Symposium mit den Farbgestaltungen des Architekten, der von 1921 bis Ende 1937 in Hamburg arbeitete. Initiatoren der Veranstaltung am am 3./4. Mai in der Hochschule für Bildende Künste Hamburg sind die Karl-Schneider-Gesellschaft und das Denkmalamt Hamburg. Schneiders Farbgestaltungen stellen die Grundlage sowohl für theoretische Fragen als auch Erörterungen zur Praxis dar. Der erste Tag behandelt die Entwicklung der farbigen Konzeption, am zweiten Tag werden ausgesuchte Projekte vorgestellt und mit anderen Farbgestaltungen der Zeit verglichen. Auch Probleme der Restaurierung sowie Anregungen zur heutigen Verwendung von Farbe sollen diskutiert werden. (db, 12.4.19)

„Farbe in der Architektur“ (Bild: Karl-Schneider-Gesellschaft)

Die ergraute Republik

Gestatten Sie, dass ich mit einem Gropius-Zitat beginne – obwohl moderneREGIONAL 2019 so wenig Bauhaus-Hype wie möglich betreiben will. Doch ein wunderbar passender Kommentar zum allgemeinen Beige-Grau-Elend, das uns landauf, landab in immer weiter wuchernden Eigentums-Wohnanlagen überkommt, stammt halt vom einstigen Kunstschul-Direktor: „Bunt ist meine Lieblingsfarbe“. Und aufs Bauhaus berufen sich Investoren-Hausarchitekten gerade sehr gerne. Paradoxerweise haftet ja der meist weißen Klassischen Moderne das Klischee der Farblosigkeit hartnäckig an – außer acht lassend, dass weiß sehr wohl eine Farbe ist. Wissenschaftlich gesagt, eine additive Mischung gleicher Intensitäten der Farben Rot, Grün und Blau. Wer es lieber popkulturell verifizieren mag, kann das Cover der Pink-Floyd-Schallplatte „Dark Side of the Moon“ studieren, auf dem ein weißer Lichtstrahl im Prisma aufgedröselt wird. Aber wir drohen, jetzt schon vom Thema abzukommen.

Gotische Kathedralen in rotem Sandstein, helle Fachwerkhäuser mit dunkel hervorgehobenem Gebälk, weiße Bauhaus-Kuben mit wohlgesetzten – bisweilen grellbunten – Farbakzenten. Auch der nüchterne International Style kam selten bleich daher. Von den poppig-schrillen späten 1970ern und den modischen Farbspielereien der Postmoderne ganz zu schweigen. Unterschiedlicher könnten die Baustile nicht sein, und doch eint sie die gezielt eingesetzte Farbe als Ausdrucksmittel. Warum ist nichts mehr davon übrig? Wann ist es aus der Mode gekommen, mit Farbe ein Bekenntnis abzugeben? Gefühlt wird sie heute als Beruhigungsmittel eingesetzt: Die Grundfarbe Weiß wird begleitet von beige, hellbeige, dunkelbeige, mittelbeige, graubeige, lichtgrau, hellgrau, mausgrau – pastell abgetönt und Ton für Ton aufeinander abgestimmt kommen sie daher, die Wohnkuben, in denen sich die Individualisten von heute wohlfühlen und selbst verwirklichen dürfen. So sie denn Geld haben, eine Wohnung dort zu kaufen.

Mittlerweile hat die blasse Einförmigkeit das öffentliche Bauen längst erreicht. Vergleichsweise junge, gestenstarke Gebäude wie der Berliner Hauptbahnhof oder das Frankfurter Museum für Moderne Kunst sind Zeugen einer vergangenen Ära. Selbst das Stuttgarter Porsche-Museum fällt nach 10 Jahren schon allmählich aus der Zeit. Heute stellt man lieber das Bauhaus-Erbe in Weimar in einen frisch errichteten Sarkophag. Der weder mit Humor noch mit Transparenz dem benachbartem pompös-klassizistischen NS-Gauforum eine architektonische Geste entgegenzusetzen vermag. Er versucht es stattdessen mit gleicher Wucht. Und das ist nicht unbedingt der Architektin Heike Hanada vorzuwerfen, deren Entwurf für das gerade eröffnete Bauhaus-Museum zigfach geändert wurde. Bis er genau das Elend ausdrückt, das die Baukultur (fast schon europaweit) erfasst hat: keine klare Position zu beziehen, keine eindeutigen Farbakzente zu setzen. Selbst die nachträgliche Entscheidung, Beton- statt Glaswände zu wählen, ist eher Reaktion denn Aktion. Sicher, eine klarer Standpunkt macht angreifbar. Grau-beiger Einheitsbrei hingegen sollte angegriffen werden. Das sah die Bauhaus-Schule doch auch schon so … (8.4.19)

Daniel Bartetzko

Neubau „Hoppegarten“ (Bild: immowelt.de)