Ritual und Abstraktion

Nüchtern, modern, marmorverkleidet – die Architektur des italienischen Faschismus hat über siebzig Jahre nach dem Ende der Diktatur nicht an Reiz eingebüßt. Die verführerische Faszination dieser Bauten hat seit der Nachkriegszeit viele Architekten, Historiker, Künstler und Intellektuelle auf- und angeregt. Heute stehen die Schönheit und Qualität der meisten Bauwerke der Mussolini-Zeit für die italienische Öffentlichkeit außer Frage, das war allerdings nicht immer so. Mal galten sie als hassenswerte Kulissen für die Selbstverherrlichung der Diktatur, mal als Meisterwerke der Moderne.

Warum werden ihre geometrisch geschnittenen Formen von heutigen Betrachtern immer stärker von den Umständen ihrer Entstehungszeit getrennt? Warum hat sich eine Ästhetisierung der faschistischen Architektur durchgesetzt? Die Ausstellung “Ritual und Abstraktion” untersucht dieses Phänomen anhand dreier Fallbeispiele. Durch historisches Material, Texte und Fotografien wird der Besucher eingeladen, das Thema zu hinterfragen und Schlussfolgerungen zu einem zeitgemäßen und kritischen Umgang mit diesen komplexen Gebäuden zu ziehen. Die Präsentation ist noch bis zum 10. März zu sehen (je 9-13 und 14-18 Uhr) in der Fakultät für Architektur der TU München (Ecke Luisen-/Gabelsbergstr., Raum 2349 (2.Stock), 80333 München). (kb, 7.3.18)

Rom, Palazzo della Civiltà Italiana, 1943, Giovanni Guerrini, Ernesto Bruno Lapadula and Mario Romano (Ausstellung: “Ritual und Abstraktion”, TU München, Bild: Julián Bustamante)

Faschismus und Moderne

Faschismus und Moderne

Obersalzberg, Berghof, 1936 (Bild: Bundesarchiv Bild 146-1991-077-31, CC BY SA 3.0)
Am Obersalzberg ließ sich Hitler den Berghof 1933 zur Sommerresidenz ausbauen (Bild: Bundesarchiv Bild 146-1991-077-31, CC BY SA 3.0, 1936)

In den kommenden Monaten dreht sich gleich eine Handvoll von Veranstaltungen um die Frage, wie die Kultur und das NS-Regime miteinander zusammenhingen. In der Kunsthalle Rostock wird vom 29. April bis 18. Juni 2017 die Ausstellung “Artige Kunst. Kunst und Politik im Nationalsozialismus” zu sehen sein. Werke der offiziell geduldeten und geförderten Kunst der NS-Zeit werden Werken von verfolgten oder verfemten Künstlern gegenübergestellt. Zum Auftakt findet am 29. April in Rostock ein gleichnamiges Symposion statt. Auch in Freiburg nimmt man sich des Themas mit der Ausstellung “Kunstpolitik im Nationalsozialismus” im örtlichen Augustinermuseum und einer begleitenden Vortragsreihe an.

Noch wenige Tage (bis zum 30. März 2017) können Interessierte ihre Themenvorschläge für die Tagung “Modernism, Fascism and the Pursuit of Culture” einreichen, die vom 15. bis 16. September 2017 in Dublin stattfinden soll. Es sollen Wechselbezüge zwischen dem Faschismus und der künstlerischen Avantgarde Europas aus dem Blickwinkel des Kulturschaffens analysiert werden. Über den nachkriegsmodernen Umgang mit den Hinterlassenschaften des NS-Regimes widmet sich der “Arbeitskreis für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen” unter dem Titel “Lager nach 1945” am 1. April 2017 in Hannover (Gedenkstätte Ahlem, Heisterbergallee 8, 30453 Hannover-Ahlem). (kb, 27.3.17)

Moderne in Afrika

Moderne in Afrika

Moderne in Afrika (Bild: Reimerverlag)
Moderne in Afrika (Bild: Reimerverlag)

Das ostafrikanische Eritrea war in den Jahren 1889 bis 1941 Teil des italienischen Kolonialreichs. Erst der Einsatz alliierter Truppen im Zweiten Weltkrieg beendete diese Fremdherrschaft, die zuletzt von Mussolinis Faschisten ausgeübt wurde. In den vorangegangenen 50 Jahren prägte sie das Land maßgeblich, nicht zuletzt auf den Gebieten Stadtplanung und Architektur. Besonders die Hauptstadt Asmara wurde zum Spielfeld italienischer Baumeister, die das Land in kolonialer Manier als gigantisches Laboratorium adaptierten, ohne lokale Bautraditionen zu berücksichtigen. Eine jüngst erschienene Monografie nimmt diesen bislang kaum berücksichtigten Teil der Moderne ausführlich in den Blick.

In Asmara finden sich bis heute zahlreiche bauliche Zeugnisse der kolonialen Vergangenheit Eritreas. Avantgardistisch anmutende Bauten zeigen eine Spielart der Moderne, die für europäische Verhältnisse vielleicht zu radikal gewesen wäre, im kolonialen Kontext jedoch den rigorosen kulturellen Führungsanspruch der Kolonialherren verdeutlichte. Die Autorin wertete für die Untersuchung bislang unberücksichtigte Quellen und Archivalien aus, die tieferen Aufschluss über Moderne und Nationalismus als Strategien kolonialer Entwicklung, die koloniale und später faschistische Raumorganisation in Eritrea und die Entwicklung einer neuen Identität in Asmara ermöglichen. (jr, 6.6.16)

Bader, Simone, Moderne in Afrika. Asmara – Die Konstruktion einer italienischen Kolonialstadt 1889 – 1941, Reimer Verlag, Berlin 2016, 200 Seiten, Hardcover, ISBN 978-7861-2759-8.