Wo die Neuen Menschen wohnen

In den 1920er Jahren konstituiert sich in Frankfurt am Main ein beispielloses Programm baulicher und kultureller Erneuerung, das unter dem Namen „Neues Frankfurt“ in die Kulturgeschichte einging. Unter Oberbürgermeister Ludwig Landmann und seinem Stadtbaurat Ernst May nahm hier die Moderne als Lebensform Gestalt an. Im Kern des Projekts stand ein beispielhaftes Wohnungs- und Städtebauprogramm von internationaler Ausstrahlung. Die aus dem In- und Ausland rekrutierten Architekten des Hochbauamtes leisteten auf zahlreichen Gebieten Pionierarbeit.

Die Ausstellung „Neuer Mensch, Neue Wohnung – Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925-1933“startet mit der Vernissage am 22. März um 19 Uhr und ist anschließend bis zum 18. August 2019 zu sehen. Die Ausstellung versammelt die Siedlungen und ausgewählte Bauten des Neuen Frankfurt, die den Ruhm der Stadt als Hochburg der Moderne begründeten. Die Ausstellung ist Teil einer gemeinsamen Initiative von drei Frankfurter Museen — dem Museum Angewandte Kunst, dem Deutschen Architekturmuseum und dem Historischen Museum Frankfurt — und dem Forum Neues Frankfurt anlässlich des Bauhaus-Jubiläums 2019. (kb, 10.3.19)

Frankfurt am Main, Bruchfeldsiedlung, Donnersberger Straße (Bild: © Hermann Collischonn)

Kulti für alle

Der DAM-Preis für Architektur geht 2019 an das Büro von Gerkan, Marg und Partner – nicht für ein Neubauprojekt, sondern für eine Sanierung: Der Kulturpalast Dresden (Entwurf Leopold Wiel, ausführender Architekt Wolfgang Hänsch) wurde 1969 eingeweiht und zeigt sich heute nach dem mehrjährigen Umbau samt Neuaufteilung noch immer als ein lichtdurchtetes Bauwerk der Internationalen Moderne. Und steht damit für einen so ganz anderen Stil als jenen, der derzeit die Architekturdebatten beherrscht. Nennen wir ihn einfach mal „Rekonstruktivismus“.

Die Revision der Moderne (um gleich nochmal das DAM mit seiner 1984er Eröffnungsausstellung zu zitieren) wird immer lauter und emotionaler gefordert. Und das natürlich nicht zugunsten der Postmoderne – die ist längst auch schon ad acta gelegt. Es geht ums Ganze: um traditionelle, jeglicher Moderne unverdächtiger Architektur mit hochrechteckigen Sprossenfenstern, Satteldächern, Steinfassaden, gerne auch Fachwerk. Und wo immer sich die Chance bietet, sich von einem öffentlichen Bau der Jahre 1945 bis 1995 zu verabschieden oder eine grundlegende Umgestaltung dräut, stehen die Wiederaufbaufans bereit. Was an Stelle der ungeliebten Nachkriegs-, Spät- oder Postmoderne einst stand, soll doch bitteschön dort wieder entstehen (Zugegeben: Das Beispiel Frankfurter Altstadt zählt zu den Besseren). Wie wohltuend ist in dieser allgemein historisierenden Gemengelage die diesjährige Frankfurter Juryentscheidung – in der man mehrere Botschaften und Bezüge erkennen mag.

Als hessischer Kulturbürger fühlt man sich angesichts des Dresdner Wunderwerks an Zuhause erinnert. Genauer: an die Städtischen Bühnen Frankfurt. Die 1963 fertiggestellte, dem „Kulti“ ausgesprochen ähnliche Doppelanlage aus Oper und Theater (in der auch noch das historistische alte Schauspielhaus von 1902 steckt) steht schon länger in der Diskussion. Abriss oder Umbau lautet die Gretchenfrage bezüglich des sanierungsbedürftigen Ensembles von ABB Architekten. Währenddessen wird in Sachsen ein eleganter Wiedergänger einfach so – gegen den Trend – gerettet. Eine bewusste Entscheidung der barocksatten Stadt Dresden für einen identitätsstiftenden Bau der Moderne. Und mit Gerkan, Marg und Partner auch für ein Architekturbüro, das andernorts nicht erwünscht war, um ein weiteres prägendes Nachkriegsgebäude zu restaurieren: Volkwin Marg lief 2015 mit seinem Sanierungsentwurf für die Hamburger City-Höfe ins Leere. Der Bau von Rudolf Klophaus soll trotz Denkmalschutz plattgemacht werden. Was bleibt den Entscheidungsträgern in Frankfurt und Hamburg nun angesichts des im wahren Wortsinn ausgezeichneten Kulturpalasts Dresden zu sagen? „Bürgermeister der Republik – schaut auf diese Stadt!“ Das Heil liegt nicht immer im Rückgriff auf Vorgestern. (27.1.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Dresden, Kulturpalast (Bild: SchiDD, CC BY SA 4.0, 2017)

Neuer Bauen

Sie dürfen in Frankfurt schon „Bauhaus-Jahr“ sagen, nur sollten Sie die Anführungszeichen hörbar machen. Denn der wahre Main-Modernist spricht lieber vom „Neuen Bauen“, von jener klaren Moderne unter Architekturgrößen wie Ernst May. So heißt die Koordinierungsstelle der Mainmetropole zum Thema folgerichtig auch „Forum Neues Frankfurt“. Unter dessen niegelnagelneuem virtuellen Dach finden sich ab sofort Beiträge und Veranstaltungen rund um „Neues Frankfurt, Bauhaus und Wohnen in der Großstadt des 21. Jahrhunderts“. Mit dabei sind das Deutsche Architekturmuseum, die Ernst-May-Gesellschaft, das Historische Museum Frankfurt, die Martin-Elsaesser-Stiftung, das Museum Angewandte Kunst Frankfurt – und moderneREGIONAL als Medienpartner.

Empfehlen können wir besonders drei Frankfurter Ausstellungen im Jahr 2019: Das Museum Angewandte Kunst widmet sich vom 19. Januar bis 14. April der „Moderne am Main“, den Umbrüchen im Städte- und Wohnungsbau, in Produkt-, Raum- und Werbegestaltung, in Mode, Musik, Fotografie und Film zwischen 1919 und 1933. Die Ausstellung „Neuer Mensch, Neue Wohnung“, vom 23. März bis 18. August 2019 im Deutschen Architekturmuseum zu sehen, präsentiert die Bauprojekte unter dem Oberbürgermeister Ludwig Landmann und seinem Stadtbaurat Ernst May. Das Historischen Museum Frankfurt legt vom 16. Mai bis 15. September 2019 den Schwerpunkt auf die Frage „Wie wohnen die Leute?“ – heute – in den 1920er-Jahre-Siedlungen. (kb, 18.1.19)

Frankfurt am Main, Treppe zum Bierkeller, Grete Leistikow, ca. 1930 (Bild: © Galerie Berinson, Berlin)