Sitzen mit Wolfgang Voigt

Nicht genug, dass das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt moderne Architekturgeschichte ausstellt – es ist auch selbst Ort moderner Architekturgeschichte. Bis 1984 leitete Oswald Mathias Ungers den Umbau einer historischen Villa zum vielbeachteten Gesamtkunstwerk. Im Herzen dieses erneuerten Innenlebens findet sich das Auditorium, der Vortrags- und Veranstaltungsraum des Museums. Und hier, genau hier auf den von Ungers entworfenen Stühlen, sprach moderneREGIONAL mit Wolfgang Voigt, dem langjährigen stellvertretenden Direktor des DAM.

mR: Herr Voigt, Hand aufs Herz: Sitzt man auf Ungers Stühlen bequem?

Wolfgang Voigt: Dazu fällt mir ein schönes Zitat von Heinrich Klotz ein, dem Gründungsdirektor des DAM. Er hat als Bauherr auch diese Stühle bestellt. Als er sie zum ersten Mal als Prototypen sah, hat er in sein Tagebuch geschrieben: „Sie sind nicht eigentlich bequem, aber doch sehr schön.“ Das bezeichnet genau den Konflikt, den wir hier haben. Ich habe in meinen 18 ½ Jahren hier am Museum einige Klage über die Stühle gehört. Das ist so etwas wie der Running Gag des Hauses. Man kann darauf aber durchaus gut sitzen, wenn man den Rücken fest an die Lehne presst und gerade sitzt. Dann gibt es keine Rückenschmerzen, ich würde sogar sagen, dass es gesund ist. Aber es ist natürlich keine relaxte Haltung, ganz klar. Aber apropos Bequemlichkeit: Es gibt auch von anderen berühmten Designern und Architekten Stühle, die nicht bequem sind, weil sie Formalismen darstellen. Anlässlich der Werkbundausstellung von 1914 gab es eine hübsche Karikatur: „Van de Velde schuf den individuellen Stuhl, Muthesius die Stuhltype und Schreinermeister Heese den Stuhl zum Sitzen“. Oder denken Sie an Gerrit Rietveld und seinen Red and Blue Chair. Der huldigt der Farbe, dem Rechteck, dem rechten Winkel und dem rohen Material. Stehen Sie aus diesem Stuhl erst einmal wieder auf – das ist nicht angenehm!

mR: Was zeichnet das Auditorium des DAM aus?

W. Voigt: Das Auditorium ist ein geradezu ikonischer Raum. Ich erinnere mich gut an die Feier im Jahr 2004 anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Hauses. Ungers lebte damals noch und war gekommen, ebenso Charles Jencks, der große Autor der Architekturpostmoderne. In seiner Rede sagte er den bemerkenswerten Satz: „This is a church of architecture.“ Das trifft es! Das sind Stühle zur Andacht. Wenn man sie zu einer Reihe zusammenstellt, ist es fast eine Kirchenbank. Das Auditorium ist keine Wellnessoase. (lacht) Wenn wir aber Besucher aus Asien und Nordamerika haben, kommen die wenigsten, weil sie eine bestimmte Ausstellung sehen wollen. Sie wollen das Museum sehen. Sie interessiert das berühmte Haus im Haus. Und natürlich auch das Auditorium. Also auch, wenn diese Räume reiner Formalismus sind und nicht funktional, sind sie das große Kapital des Museums.

mR: Also ein gelungener Entwurf?

W. Voigt: Sicherlich gelungen. Aber man bringt ein Opfer.

mR: Wenn es nicht die Bequemlichkeit ist, was macht den Reiz der Stühle aus? 

W. Voigt: Hier steht die Form vor der Funktion, das ist klar. Es handelt sich um extremen Formalismus. Aber schauen wir den Stuhl näher an. Wir sehen ein Liniengerüst aus schwarzen, dicken Holzstäben mit vier Beinen. An diesem Stuhl ist nichts geschraubt, es gibt kein Metallteil. Es ist alles handwerklich verzapft. Das ist übrigens ein Grund, dass diese Stühle hier seit 33 Jahren stehen und kein einziger Ermüdungserscheinungen aufweist. Der ganze Stuhl ist 94 cm hoch. Die Sitzhöhe beträgt 47 cm, die Lehne ebenso: zwei gestapelte Quadrate. Die Breite weicht etwas ab, was man mit bloßem Auge nicht erkennt, das verleiht dem ganzen etwas mehr Erdung. Die Lehne ist wie ein Fensterkreuz, wieder aufgeteilt in vier Quadrate mit weißer Kunstlederfüllung. Alles an den Stühlen huldigt dem Quadrat, wie überhaupt vieles, wenn nicht alles in diesem Museum. Nun gibt es Architekten, die fragen: „Was hatte der Ungers eigentlich?“ Der rechte Winkel hat zwar seine Berechtigung in der Architektur und macht im Planen und Anfertigen von Entwürfen Sinn. Das Rechteck, bei dem vorher das Verhältnis von Seite und Länge nicht festgelegt ist, ist dafür wie geschaffen. Das Quadrat legt dagegen so viel fest, dass nicht viele Möglichkeiten bleiben. Aber genau das faszinierte Ungers. Ich denke, er wollte zeigen, dass die Architektur Regeln braucht. Das auszudrücken, hat er geschafft.

mR: Was ist Ihr Sitzrekord?

W. Voigt: Ich habe die Stunden nicht gezählt, aber hier durchaus schon ganze Tage zugebracht. Danach braucht man einige Zeit, um wieder zu sich zu kommen. Wir haben der Bequemlichkeit aber eine Konzession gemacht, indem wir schwarze Kissen auf die Sitzfläche legen, die zumindest etwas mehr Komfort bieten.

mR: Sie selbst haben einen der Auditoriumsstühle in Ihrer Wohnung – was hat es damit auf sich? 

W. Voigt: Ich habe hier die Architekturgeschichte vertreten. Das Museum hat mir mit dem Stuhl ein sehr schönes Abschiedsgeschenk gemacht – oder eigentlich eine lebenslange Dauerleihgabe an mich, ich habe einen entsprechenden Vertrag unterschrieben. Leute wie ich haben viele Bücher und leider immer mehr Dinge als Platz dafür. Ich muss gestehen: Derzeit ist der Stuhl bei mir eine Bücherablage.

 mR: Liegt das an der Konkurrenz bei Ihnen zu Hause? 

W. Voigt: Ja, ich habe den Grand Repos Sessel von Jean Prouve. Das ist der Entwurf von 1932, den man auch den Katapultstuhl nennt. Er ist in sich beweglich und man kann sich in eine schöne und unerwartet bequeme Ruheposition gleiten lassen.

Das Gespräch führte Julius Reinsberg.

Dr.-Ing. habil. Wolfgang Voigt, * 1950, Studium der Architektur in Hannover, verschiedene wissenschaftliche und redaktionelle Tätigkeiten und Lehraufträge, von 1997 bis 2015 stellvertretender Direktor des DAM, seit 2016 tätig als freier Architekturhistoriker, stellvertretender Sprecher der Föderation deutscher Architektursammlungen und stellvertretender Vorsitzender der ernst-may-gesellschaft.

ganzes Heft als pdf

Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

Sitzen im Fußballstadion

FACHBEITRAG: Matthias Marschik zwischen Nordkurve und Souvenirstand.

Sitzen im Kino International

Sitzen im Kino International

FACHBEITRAG: Dietrich Worbs unterwegs zum Kinosessel.

Sitzen im Bonner Loch

Sitzen im Bonner Loch

FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck über (ehemals) konsumfreie Räume.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

Sitzen mit Wolfgang Voigt

INTERVIEW: ein Architekturhistoriker und drei Ungers-Stühle.

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

PORTRÄT: Julius Reinsberg zwischen Pomp und Bescheidenheit.

Sitting in Motion

Sitting in Motion

FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.

Café „Heimat“

von Stefan Timpe (17/3)

Er passt so gar nicht ins kalte Hochhausimage der Mainmetropole, der nierentischförmige Kiosk in einer Biegung der Berliner Straße. Zwischen Goethehaus und Paulskirche, inmitten mehrgeschossiger Bürohausriegel, wirkt die Kleinarchitektur mit dem geschwungenen Flugdach fast ein wenig verloren. Doch vor zehn Jahren wurde dem Kiosk nach einer wechselvollen Nutzungsgeschichte wieder neues, nicht nur kulinarisches Leben eingehaucht.

Von der Eisdiele zur Jazzkneipe

Der ursprünglich als Café mit Kiosk angelegte Pavillon wurde 1956 nach einem Entwurf von Edgar Schäfer unmittelbar gegenüber dem Bundesrechnungshof errichtet. Einige Zeit diente der Bau auf ovalem Grundriss als Eisdiele. In den 1960er und 1970er Jahren machte er dann Furore als Jazzkneipe. Hier traten Musikgrößen auf, wie Nana Mouskouri oder Caterina Valente. Es folgten wechselnde Nutzungen, wie Imbiss oder Kneipe.

Das äußere Erscheinungsbild entwickelte sich in dieser Zeit nicht gerade zum Vorteil: Der Kiosk war in den 1980er Jahren durch eine eingreifende Fassaden-Umgestaltung vollends in die Banalität gerutscht. Man tauschte die großzügig verglasten bauzeitlichen Stahlfenster gegen kleinteilig gegliederte Holzsprossenfenster mit klobigen Profilen aus. Spätestens mit der – dem damaligen Zeitgeschmack entsprechenden – plakativen Farbgebung war die ursprüngliche Qualität des Gebäudes kaum noch zu erahnen.

Mit alten Plänen zu neuem Leben

Vor diesem Hintergrund mag die Unterschutzstellung im Jahr 1999 als ein seltenes Zeugnis von denkmalpflegerischem Optimismus gewertet werden. Niemand mochte damals erahnen, dass jemand das bauzeitliche Erscheinungsbild wiederherstellen könnte. Nach jahrelangem Leerstand wurde 2007 durch einen Besitzerwechsel aus der denkmalpflegerischen Vision Realität.

Die neuen Nutzer planten in den begrenzten Räumlichkeiten eine gastronomische Nutzung. Darüber hinaus sollten auch die Sprossenfenster gegen ungeteilte Fensterscheiben ausgetauscht werden. Gestützt auf die Entwurfszeichnungen von 1956, konnte der Offenbacher Architekt Christian Schmidt – in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege – 2007 die fast vollständig verglaste Fassade inklusive Eingangstür und Farbgebung im ursprünglichen Sinne wiederherstellen. Die hochstehenden Kacheln im Sockelbereich wurden von jüngeren Farbschichten freigelegt und gereinigt. Die Überreste der einstigen Kioskfenster und der Mosaikverkleidung aus den 1950er Jahren blieben erhalten. Sie wurden jedoch aufgrund der nutzungsbedingt veränderten Innenraum-Gliederung durch Paneele geschützt und den Blicken (zumindest vorläufig) entzogen.

Kleine Küche, großer Anspruch

Der behutsam sanierte Pavillon beherbergt heute ein beliebtes Szene-Restaurant, das sich – in Entsprechung zur kleinen Küche – für eine überschaubare, aber erlesene Wein- und Speisekarte mit regionalem Anstrich entschieden hat. In der wärmeren Jahreszeit kann der Innenraum durch die Terrassen-Außenflächen um fast das Doppelte erweitert werden. Bereits kurz nach Abschluss der Baumaßnahme feierte die Presse das Ergebnis als „Inbegriff der Wiederaufbaumoderne“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. Dezember 2007). Für Frankfurts Architekturliebhaber hat sich der Pavillon in den letzten zehn Jahren zu einem der Schlüsselbauten für die Wiederentdeckung der Architekturmoderne gemausert. Dass man hier zudem gutes Bauen bei gutem Essen genießen kann, soll noch der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Titelmotiv: Frankfurt, Café „Heimat“ nach der Sanierung (Bild: Christian Schmidt, Offenbach)


Alfred Biolek und Regine Hildebrandt backen 1996 einen Frankfurter Kranz: Für die Crème: 2-3 Päckchen Vanillesoße, Zucker nach Augenmaß, 1 Prise Salz, 1/2 Liter Milch, 250 Gramm Margarine. Für den Kuchenteig: 250 Gramm Zucker, 500 Gramm Mehl, 4 Eier, 250 Gramm Kartoffelstärke, 1/2 Päckchen Backpulver, ein bisschen Wasser. Für den Belag: Margarine, grobe Haferflocken, Zucker. Und 1 Flache Kochwein für den Koch.

ganzes Heft als pdf

Sommer 17: Mettigel

Brutalistisch kochen?

Brutalistisch kochen?

LEITARTIKEL: Jürgen Dollase über gut konstruiertes Essen.

Kantine oder Küchentisch?

Kantine oder Küchentisch?

FACHBEITRAG: Christos Vittoratos zur Geschichte des Kochens.

Hajeks Mensa in Saarbrücken

Hajeks Mensa in Saarbrücken

FACHBEITRAG: Chris Gerbing über viel farbenfrohen Beton.

Brücken-Raststätte "Dammer Berge"

Brücken-Raststätte „Dammer Berge“

FACHBEITRAG: Daniel Bartetzko über 104 Meter Urlaub.

Auf ein Milcheis mit Mark Escherich

Auf ein Milcheis mit Mark Escherich

INTERVIEW: der Ostmodernist vor dem Erfurter Rundpavillon.

Café "Heimat"

Café „Heimat“

PORTRÄT: Stefan Timpe über ein wiedererstandenes Szene-Restaurant.

Kochen wie einst im Osten

Kochen wie einst im Osten

FOTOSTRECKE: wie Kochbücher 1968 den Ostblock sahen.

mR-Adventskalender 2020

Vor 50 Jahren, im Herbst 1970, wurde das erste Frankfurter Haus besetzt. Um die historistischen Wohnblocks durch Hochhaus-Neubauten ersetzen zu können, wurden damals angestammte Mieter aktiv verdrängt. 1970 protestierten Bewohner, Studierende und Gastarbeiter daher gegen die Interessen der Immobilienwirtschaft. Diese – teils auch gewaltsam ausgetragenen – Konflikte markierten einen Wendepunkt in der Stadtplanung und stärkten nicht zuletzt die Denkmalpflege. Heute geraten viele Quartiere (nicht nur) in Frankfurt erneut unter Gentrifizierungsdruck. Zugleich sind es gerade die damals bekämpften Hochhaus-Neubauten, denen der Abriss droht. Vor diesem Hintergrund lässt der mR-Adventskalender 2020 den Frankfurter Häuserkampf und seine Folgen anhand markanter Zitate und Bilder lebendig werden.

„50 Jahre Hausbesetzung“: Sie können hier jeden Tag ein virtuelles Türchen öffnen – oder Sie folgen uns auf instragram unter #50jahrehausbesetzung

Wir danken für die Mitarbeit von: Daniel Bartetzko, Karin Bekemann, Maximilian Kraemer, Peter Liptau, Johannes Medebach.

Sie suchen noch ein modernistentaugliches Weihnachtsgeschenk? Da hätten wir was!

Titelmotiv: (gemeinfrei, via pixabay.com)

Der mR-Adventskalender 2020 wird unterstützt vom Dezernat Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main.