Frankfurt an der Oder

Frankfurt an der Oder, Paulinenhof (Bild: Global Fish, CC BY SA 3.0, 2012)

Zwischen nationalem Stil und Moderne

Als Polen unabhängig wurde, als bei Frankfurt an der Oder die Grenze zu Deutschland gezogen wurde, verlor die Stadt zugleich ihr wirtschaftliches Hinterland. Als Ausgleich verlegte man die Reichsbahndirektion Osten hierher. In dieser Gemengelage suchten die Architekten nach nationalen Ausdrucksformen. Der Architekt Martin Kießling schuf u. a. mit der Ostmarksiedlung (heute Paulinenhofsiedlung) prägende Orte der Zwischenkriegszeit. In Posen (Poznań) entwickelten Baumeister wie Adam Ballenstedt nach einer speziell polnischen Formensprache. Bei all dem blieben die Architekten untereinander weiter im engen fachlichen Kontakt.

In diesen Monaten reist eine deutsch-polnische Ausstellung, kuratiert von Uwe Rada und Szymon Piotr Kubiak, in einem begehbaren Überseecontainer durch die Region. Die Präsentation „Zwischen nationalem Stil und Moderne“, die sich der Architektur der Zwischenkriegszeit in Frankfurt (Oder) und Posen widmet, ist zu sehen vom 18. Oktober bis zum 3. November 2018 auf dem Marktplatz von Frankfurt an der Oder. Die Eröffnung wird am 18. Oktober um 18 Uhr gefeiert, der Eintritt in die Ausstellung ist frei. Das Projekt bildet Teil des umfassenderen Projekts „1918: Die vergessene Grenze“ mit Ausstellungen und Vorträgen in der Region. (kb, 16.10.18)

Frankfurt an der Oder, Paulinenhof (Bild: Global Fish, CC BY SA 3.0, 2012)

NS im Museum

Potsdam, Am Alten Markt 9 (Bild: Giorgio Michele, CC BY SA 3.0)
Ein historisches Tagungsort für ein zeitgeschichtliches Thema: Potsdam, Am Alten Markt 9 (Bild: Giorgio Michele, CC BY SA 3.0)

Wird die NS-Zeit von Museen im Osten der Bundesrepublik nur ungern thematisiert, weil hier das antifaschistische Dogma der DDR wie traumatisch nachhallt? Wie ideologisch normiert sind die Antifa-Ausstellungen in Stadt- oder Bezirksmuseen der DDR eigentlich gewesen? War es wirklich alternativlos, sie 1989/90 nahezu durchweg ersatzlos zu schließen? Und was ist nach der „friedlichen Revolution“ an deren Stelle getreten? Diesen Fragen stellte sich das Forschungsprojekt des brandenburgischen Museumsverbands „Entnazifizierte Zone? Zur Darstellung der NS-Geschichte in ostdeutschen Stadtmuseen“.

Dazu wurden mit Unterstützung der Bundestiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Stiftung Erinnerung – Vergangenheit – Zukunft an ausgewählten Museumsstandorten im Land Brandenburg Sondagen vorgenommen. Es gelang, eine Reihe von Ausstellungen jenseits der politischen Wende zu rekonstruieren. Auch aktuelle Präsentationen wurden einer kritischen Sichtung unterzogen. Die Ergebnisse sollen im Rahmen der Tagung „NS im Museum – jenseits und diesseits der Wende“ im „Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte“ vom 19. bis 20. September zur Diskussion werden. Dazu wurden Experten aus Ost und West eingeladen, dieses zentrale Stück (ost-)deutscher Erinnerungskultur zu reflektieren. Am Ende steht die Frage, was wir denn lernen sollten aus der Erfahrung des Nationalsozialismus und was Museen mit ihren Ausstellungen dazu beitragen können. (kb, 11.8.16)

Penthesilea wurde geraubt

Kleist-Museum Ralf Lotus CC-BY-3.0
Das Kleist-Museum mit drei verbleibenden Skulpturen von Wieland Förster (Bild: Ralf Lotus, CC BY 3.0)

Eine Serie von Kunstrauben erschüttert Brandenburg: Diebe entwenden Bronzeskulpturen. Nicht für den illegalen Kunstmarkt, sondern wegen des wertvollen Metalls. Schon vor Kurzem verschwand eine Bronzebüste Werner Seelenbinders, dann die Bronzeplatten am Kleistdenkmal und weitere Bronzeskulpturen.

Nun rissen Diebe die Plastik „Penthesilea I“ von Wieland Förster vom Sockel, warfen sie über den Zaun und brachten sie fort, wahrscheinlich um sie einzuschmelzen. Der Künstler soll sehr betroffen reagiert haben. Erst vor drei Jahren wurde seine „Große Badende“ vom Oderufer entwendet. Das eherne Gesetz der Amazonen forderte, dass die Kriegerinnen die Väter ihrer Kinder im Zweikampf besiegen und rauben sollten. Königin Penthesilea verliebte sich in den Helden Achilles, doch im wilden Kampf tötete sie den Geliebten. Das Drama von Kleist setzte Wieland Förster in den 80er Jahren in vier Bronzeplastiken um. Drei von ihnen stehen vor dem Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder, die vierte stand dahinter. Sie ist nun wohl für immer verloren, denn die Gipsform ist nicht mehr vorhanden. (ps, 1.3.16)

FACHBEITRAG: Frankfurt/Oder

von Paul Zalewski (Heft 15/2)

Große Scharrnstraße in Frankfurt/Oder: einst das „Herzstück des innerstädtischen Bauens“, heute ein melancholischer Windfang (Bild: Heinz Köhler, 2010)
Große Scharrnstraße, Frankfurt/Oder: einst „Herzstück des innerstädtischen Bauens“, heute melancholischer Windfang (Bild: Heinz Köhler, 2010)

Mit dem historischen Namen Große Scharrnstraße bezeichnet man in Frankfurt/Oder eine stadtgeschichtlich wichtige, mittlere Längsachse des rasterförmigen Stadtgrundrisses. Sie verbindet geradlinig das Gebiet der vorstädtischen Siedlung nördlich der heutigen Grenzbrücke mit dem Areal der jüngeren, planmäßigen Stadtgründung des 13. Jahrhunderts. Die hier seit dem Mittelalter gewachsene Bebauung verschwand 1945, als die weitgehend verlassene Innenstadt zu 70% durch Flächenbrände vernichtet wurde. Erst in den mittleren 1950er Jahren lief die verspätete Wiederaufbauplanung an. Das betreffende Quartier zwischen der neuen Hauptstraße der Innenstadt, der sogenannten „Magistrale“ (Karl-Marx-Straße), und dem Grenzfluss Oder wurde in den frühen 1960er Jahren gebaut.

 

Die Vorgeschichte

Ausschnitt aus dem Übersichtsplan zur Nachverdichtung der Innenstadt (alle schwarz angelegten Bauten gehören zu den spätsozialistischen Maßnahmen, in der Mitte das Quartier um die Große Scharrnstrasse), 1986 (Bild: Stadtarchiv Frankfurt/Oder, Büro für Städtebau, Sign. 18224)
Übersichtsplan zur Nachverdichtung der Innenstadt (alle schwarz angelegten Bauten gehören zu den spätsozialistischen Maßnahmen, in der Mitte das Quartier um die Große Scharrnstraße), 1986 (Bild: Stadtarchiv Frankfurt/Oder, Büro für Städtebau, Sign. 18224)

Maßgeblich für die Planung war natürlich das Leitbild der „aufgelockerten und gegliederten“ Stadt. Die fünfstöckigen Zeilenbauten mit Steildächern wurden weitgehend abweichend von früheren Parzellengrenzen und Bebauungsmustern aufgestellt. Entscheidend für die Zukunft des Quartiers wurden zwei Aspekte. Erstens: die Auflockerung. Sie ging so weit, dass „die Große Scharrnstraße, ehemals eine wichtige Handelsstraße […] als offener Wohnhofweg zwischen Häusergiebeln ohne städtischen Charakter verlief“. (Architektur der DDR 1/89, S.12).

Zweitens: Im Inneren des wiederaufgebauten Quartiers waren so gut wie keine Einkaufs- und Dienstleistungsangebote vorgesehen. Diese wurden praktisch entlang der „Magistrale“, also der Hauptstraße der Innenstadt konzentriert. Erst viel später thematisierte man die Konsequenzen dieser Wiederaufbauplanung: Die Beschränkung des Quartiers auf die reine Wohnfunktion, ohne zusätzliche Dienstleistungsangebote sowie die leeren Freiflächen zwischen den Zeilenbauten boten nicht gerade eine „urbane“ Aufenthaltsqualität. Nach Thomas Topfstedt machte das wiederaufgebaute Stadtzentrum von Frankfurt/Oder „zu Beginn der 1970er Jahre noch einen recht unfertigen, geradezu tristen Eindruck“.

 

Die Stadtreparatur

Auf diesem zeitgenössischen Foto wird nicht nur die Bewunderung für die kunstvolle Straßenmöblierung visualisiert. Deutlich wird die sehr belebte und differenzierte Fassadengestaltung. Viele von diesen Differenzierungen ergaben sich nahezu automatisch, indem man den Anschluss der Neubauten an die bestehenden Gebäude plante (Architektur der DDR 1/89, S. 14).
Auf diesem zeitgenössischen Foto wird nicht nur die Bewunderung für die kunstvolle Straßenmöblierung deutlich, sondern auch die sehr belebte Fassadengestaltung in der Großen Scharrnstraße. Viele Differenzierungen ergaben sich nahezu automatisch, indem man den Anschluss der Neubauten an die bestehenden Gebäude plante (Architektur der DDR 1/89)

Eine in der Endphase der DDR aufgegriffene „Stadtreparatur“, um die es hier geht, ist auch in einem breiteren politischen Kontext gut erklärbar. Angesichts der wirtschaftlichen Krise in den beginnenden 1980er Jahren (v. a. Devisenmangel, Teuerung der Rohstoffe) erwiesen sich die Neubauinvestitionen auf der „grünen Wiese“ schon allein aufgrund der hohen Erschließungskosten als problematisch. Auf diese Weise kehrten die Bauaktivitäten in die Innenstädte zurück. Es hat also eine gewisse Logik, dass in Frankfurt etwa Mitte der 1980er Jahre diverse Gutachten über die „Nachverdichtung“ der Innenstadt erschienen.

Das Projekt zur Nachverdichtung und „Funktionsunterlagerung“ der Großen Scharrnstraße wurde erstaunlich schnell geplant und durchgeführt. Im April 1987 nahm man die Bauarbeiten in Angriff und schloss sie bereits im Januar 1988 ab. Die Sorgfalt der Vorbereitung, der relativ hohe gestalterische Aufwand und die öffentlichkeitswirksame Begleitung des Projekts lassen seine besondere politische Bedeutung erkennen. Als Ziel wird von Anfang an die Belebung der Innenstadt anvisiert.

 

Die „Belebung“

Den Kern dieser „Stadtreparatur“ bildeten die sechs nach dem „Kranbahn-Prinzip“ ausgeführten, fünfgeschossigen Wohngebäuden nach dem Entwurf des Planungskollektivs unter der Leitung des Stadtarchitekten Dr. Manfred Vogler. Es handelte sich um den modifizierten P2-Typus mit einer (nicht sehr hellen) Mittelgang-Erschließung. Hauptsächlich waren die hier errichteten 180 kleinen Wohnungen für alleinstehende, jüngere Personen bestimmt. Die Auswahl dieser Zielgruppe scheint in Verbindung mit der anvisierten „Belebung“ des Zentrums nicht zufällig.

Harald Schulze, Boulevardpassanten, 1988 Acryl auf  Aluminiumplatten an der Wand eines Hauses der Großen Scharrnstraße. Die mysteriös zusammengesetzte Gruppe ist stets mit dem Rückblick auf die offizielle „Agitprop“ als Gegenstück zur abgedroschenen Symbolik des Arbeiter- und Bauernstaates (s. Abb. 6) zu verstehen. Die hier dargestellte Welt ist alles andere als heil und bieder. In dem expressionistisch anmutenden Gemälde wird eine kritische Stimmung deutlich, die im Vorjahr der Wende präsent war. Es ist verwunderlich, dass ein derart sozialkritisches Bild in bester Zentrumslage geduldet wurde (Bild: wikimedia, CC, Sicherlich, 2006)
Harald Schulze, Boulevardpassanten, 1988, Acryl auf Aluminiumplatten an Hauswand: Die mysteriös zusammengesetzte Gruppe ist mit Rückblick auf die offizielle „Agitprop“ als Gegenstück zur abgedroschenen Symbolik des Arbeiter- und Bauernstaats zu verstehen. Die hier dargestellte Welt ist alles andere als heil und bieder. Das expressionistisch anmutende Gemälde zeigt die kritische Stimmung im Vorjahr der Wende präsent war. Es ist verwunderlich, dass ein derart sozialkritisches Bild in bester Zentrumslage geduldet wurde (Bild: wikimedia, CC, Sicherlich, 2006)

Im Gegensatz zu den flachen, schlichten und verputzten Plattenbau-Fassaden der Wiederaufbauzeit bekamen die neuen Fassaden keinen Putz, dafür aber eine sehr plastische Fassadendurchbildung. Dabei sind nicht nur die Loggien, sondern auch die durchgehenden Arkadengänge auf beiden Straßenseiten gemeint. Sie sollten gewissermaßen einladen in die neuen Handels- und Dienstleistungseinrichtungen. Hierzu zählten, außer der billigen „Bierbar Gockel“ oder einem Eiskiosk, eher neuartige bzw. hochwertige Angebote wie eine Pizzeria, eine Weinprobierstube, ein Schmuckladen, die (Leder-)“Boutique Reni“ und das – sehr wichtige, repräsentative – Café „Frankfurter Kranz“.

Der als Fußgängerzone kreierte Straßenabschnitt erhielt auch eine besondere Ausstattung in Form von differenziert gepflasterten Gehflächen, Rankgerüsten, Pflanzkörben oder Leuchtkandelabern. Doch das ist noch nicht alles. Seit 1985 führte der sogenannte „Baustab für Bildkunst“ Untersuchungen zur Umsetzung von Dekorationsarbeiten durch. Der leitende Stadtarchitekt, Dr. Vogler, setzte sich engagiert für die Auswahl von qualitätsvollen Bildern und Reliefs ein, die insgesamt von 18 teilweise renommierten Künstlern beigesteuert wurden. Interessanterweise ist die Auswahl der Kunstwerke erstaunlich vielfältig und bisweilen sozialkritisch ausgefallen.

 

Der politische Kontext

Die Nachverdichtung der Großen Scharrnstraße kann jedoch im breiteren Kontext der Stadtplanung in der DDR nicht als besonders innovativ gelten, denn derartige Fußgängerzonen wurden – trotz der Zuspitzung der Ökonomisierung des Bauwesens – seit den späten 1960er Jahren immer wieder realisiert (Weimar, Schillerstrasse oder Berlin, Nikolaiviertel, usw.). Erstaunlich ist allerdings, wie plötzlich diese Idee auftrat, nahezu sofort und ziemlich anspruchsvoll umgesetzt sowie als „Modellvorhaben“ angepriesen wurde.

Sonderbriefmarke zu den 22. Arbeiterfestspielen im Bezirk Frankfurt/Oder
Sonderbriefmarke zu den 22. Arbeiterfestspielen im Bezirk Frankfurt/Oder

Die einzige nachvollziehbare Erklärung dafür, wie die Kräfte zur Verschönerung der Innenstadt mobilisiert wurden, liegt in deren Verbindung mit einem anderen hochrangigen kulturpolitischen Ereignis: mit den 22. Arbeiterfestspielen. Sie fanden vom 24. bis zum 26. Juni 1988 im Bezirk Frankfurt/Oder und damit zum letzten Mal überhaupt statt. Es handelte es sich dabei um eine der größten Massenveranstaltungen der DDR. Den auswärtigen Gästen sollte das Zentrum der Bezirksstadt als belebt, attraktiv und voller junger Leute präsentiert werden.

 

Gute Zeiten, schlechte Zeiten?

Die politische Wende kam nur ein Jahr nach der gefeierten Fertigstellung der Straße und ließ die Neubauten im Handumdrehen „alt“ aussehen. Bis auf zwei oder drei Adressen (für das Stammpublikum) wurden die meisten Läden schrittweise geschlossen. Frankfurts Bevölkerungszahl, insbesondere direkt nach der Wende, ist von fast 90.000 auf unter 60.000 gesunken. Doch die leeren Erdgeschosse sind nicht nur im Kontext der Stadtschrumpfung zu deuten. Große Teile des Zentrums wurden inzwischen sehr ansehnlich runderneuert. Dabei haben sich allerdings die Schwerpunkte der Handelsansiedlung, die drei innenstädtischen Einkaufszentren, vom Standort des Grenzübergangs – und damit auch von unserem Straßenabschnitt – entscheidend entfernt.

Eine „demonstrative Aneignung“: eine Kundgebung studentischer Initiativen auf der Großen Scharrnstraße (Bild: Heinz Köhler, November 2010)
„Demonstrative Aneignung“: Kundgebung studentischer Initiativen auf der Großen Scharrnstraße (Bild: Heinz Köhler, November 2010)

1999 fiel der Sanierungsbeschluss für das Gebiet „Ehemalige Altstadt“: Fördermittel für die Gestaltung des öffentlichen Raums wurden bereitgestellt. Durch fehlende Eigenmittel der zuständigen Wohnungsbaugesellschaft wurden hier jedoch zunächst keine Schritte unternommen. Seitdem gab es immer wieder – leider erfolglose – Initiativen, den Straßenraum zu beleben. 2010 wurde im Rahmen eines Seminars ein ergreifender Dokumentarfilm von den Studierenden der Europa-Universität über „unsere“ Straße gedreht. Er lief seit diesem Zeitpunkt – auch als open-air-Kino vor Ort – mehrmals und lenkte das Interesse der studentischen Arbeitskreise auf den Straßenraum mit leerstehenden Gewerbeflächen. Da einige von den insgesamt 43 an der Europa-Universität registrierten studentischen Arbeitsgruppen unter Raummangel litten, lag es durchaus nahe, die Büroräume im Norden der Scharrnstraße in Anspruch zu nehmen.

Seit 2011 konnten hier im Rahmen der sogenannten „Studierendenmaile“, mit Unterstützung der Universität, des Studentenwerks und der zuständigen Wohnungsbaugesellschaft noch weitere studentische Büros und Redaktionen studentischer Medien sowie eine Fahrradwerkstatt eröffnet werden. In den letzten Jahren brachte sich das Kunstprojekt „Slubfurt“ in die Belebung der Straße ein. All diese Unternehmungen werden erfreulicherweise durch die aktuelle Stadtverwaltung unterstützt. So trägt die totgesagte sozialistische Stadtreparatur dazu bei, dass das jahrelange „Nebeneinander“ der Stadt und der Universität überwunden werden kann. Ob es diesmal tatsächlich gelingt, die Straße dauerhaft zu beleben, bleibt jedoch abzuwarten.

 

Ein Fazit

Ein erneuter Wiederbelebungsversuch im Norden der Großen Scharrnstraße (Bild: Milena Manns 2011)
Ein erneuter Wiederbelebungsversuch im Norden der Großen Scharrnstraße (Bild: Milena Manns 2011)

Die Plattenbauten an der Großen Scharrnstraße können dezidiert nicht als herausragende Architektur bezeichnet werden. Daher kann hier kaum suggeriert werden, dieselben aus gestalterischen Gründen auf die Denkmalliste einzutragen. Dennoch ergeben die zeittypischen Fassaden, gemeinsam mit der künstlerischen Ausstattung des Straßenraums, ein äußerst spannendes bauliches Zeugnis der Endphase des langen DDR-Systems. Sie belegen zunächst den Wandel der städtebaulichen Leitbilder, der nicht nur in der west-, sondern auch in der ostdeutschen Spätmoderne stattfand. Das parallel mit den propagandistischen Arbeiterfestspielen geplante „Pilotprojekt“ ließ erstaunlicherweise Freiräume für subversive individualistische Kunstwerke zu. Gerade durch diesen Widerspruch ist der Straßenraum heute auch für die politische Bildung interessant. Daher wäre es wünschenswert, dass der künftige Umgang mit dem Straßenraum zumindest wohl überlegt ist.

 

Rundgang

Begleiten Sie Paul Zalewski beim Wiederentdecken der Großen Scharrnstraße.