Beinahe nachhaltig …

Die „Graue Energie“ in Gebäuden war in den vergangenen Jahren oft Thema. Besonders, wenn es um aufwendige Abrisse intakter Großbauten ging. Ein positives Beispiel entstand zwischenzeitlich in Frankfurt/Main: Die dortige „Frankfurt School of Finance & Management“ hatte in der Nachbarschaft drei schmucklose Sechziger-Jahre-Bauten für Studentenwohnungen und Büros umgenutzt (das Gebäude Adickesallee 36 diente vorher auch eine Zeitlang als Polizeipräsidiums-Kulisse im ARD-„Tatort“). Leider währte dieser nachhaltige Umgang mit Architektur nur rund vier Jahre: 2019 wurden die früheren Gerichtsgebäude an den Microappartement-Projektentwickler „i Live“ verkauft – und werden doch abgerissen. Zugunsten von 1100 neuen Appartements, die angeblich zu 80 Prozent an Studenten vermietet werden sollen.

Der geplante, spektakuläre Neubau ist ein Entwurf des New Yorker Büros hollwich kushner (HWKN) und sieht auf 39.000 Quadratmetern Micro-Wohnungen, Freizeitbereich, Fitnessstudio und einen Veranstaltungsraum vor. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau werden die Wohnungen etwa 20 Quadratmeter groß sein und etwa 600 Euro Miete pro Monat kosten. 140 Appartements sollen öffentlich gefördert werden, für diese soll für eine Warmmiete von 350 Euro im Monat erhoben werden. Zudem entsteht ein Hotel mit etwa 120 möblierten „Serviced Apartments“ für Seminarteilnehmer der privaten School of Finance & Management. Vom Projekt mag man halten, was man will – zum Turbofinanzplatz Frankfurt am Main passt es zumindest recht gut … (db, 12.11.20)

Frankfurt, Adickesallee 36 (Bild: Daniel Bartetzko)

Wohnen statt Zeitung

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zieht bald von der Frankenallee ins benachbarte Europaviertel. Dort entsteht nach Plänen des Berliner Architekturbüros Eike Becker ein Hochhaus, das 2022 fertiggestellt sein soll. Auf dem bisherigen Zeitungs-Areal sollen 650 Wohnungen und eine Grundschule gebaut werden – das „Hellerhof-Quartier“. Zur Vermarktung haben die FAZ und die benachbarte „Frankfurter Societät“ mit der Unternehmensgruppe Bauwens und dem Family Office Daniel Hopp ein Joint Venture gegründet, das das 2,4 Hektar große Areal zwischen Mainzer Landstraße, Frankenallee, Günderrodestraße und Gutenbergstraße entwickeln soll. In Abstimmung mit der Stadt ist ein zweiphasiger Realisierungswettbewerb vorgesehen, dessen Ergebnisse Grundlage für den neuen Bebauungsplan sein sollen. Die Fertigstellung des Quartiers ist für 2027 avisiert – wofür die Bestandsbauten abgerissen werden dürfen.

Dies betrifft auch das im Kern gründerzeitliche, mehrfach kunstvoll modernisierte Societäts-Gebäude sowie das 1987 errichtete, postmoderne FAZ-Redaktionshaus. Dessen Architekt war Artur C. Walter (1928-2017), der ab 1968 für etliche Frankfurter U-Bahnhöfe verantwortlich zeichnete. „Unser Haus ist alt, hat viel zu hohe Verbrauchs- und vor allem Energiekosten, hat einen hohen Renovierungsbedarf in der Größenordnung von 60 bis 80 Millionen Euro. Für uns ist es sinnvoll, den Standort zu wechseln (…)“, erklärte FAZ-Geschäftsführer Thomas Lindner bereits 2018 im Interview. Einen Beleg für die Zahlen lieferte er nicht. (db, 14.8.20)

oben: Frankfurt, FAZ-Haus; Titelmotiv: Frankfurt, Societätsdruckerei (Bilder: Daniel Bartetzko)

Frankfurter Kommunikaze

Ende 2019 sorgte die Nachricht, dass das traditionsreiche Frankfurter Haushaltswarengeschäft Lorey sein Stammhaus zwischen Schillerstraße und Großer Eschenheimer Straße aufgibt, für Aufsehen. Geplant ist der Umzug ins nahegelegene Einkaufszentrum „My Zeil“. Als Grund nannte Lorey-Geschäftsführer Philipp Keller das Alter der derzeit genutzten Immobilie. Gebaut wurde sie bis 1954 unter Einbeziehung einer Kriegsruine in der Schillerstraße. Wie üblich in der nahezu unbezahlbar gewordenen Frankfurter City fand sich jetzt in Lichtgeschwindigkeit ein Investor. Da nach Auskunft der Stadt kein Denkmalschutz bestand, kam der Verkauf (geräuschlos) ins Laufen. Ein weiteres Stück Stadtgeschichte droht zu verschwinden.

Doch Anfang April überraschte das hessische Landesamt für Denkmalpflege mit der Auskunft, dass das Lorey-Gebäude als Beispiel eines gut erhaltenen 1950er-Jahre-Geschäftshauses unter Denkmalschutz gestellt worden sei – eine Nacherfassung der zuletzt vor 20 Jahren überarbeiteten Innenstadt-Denkmalliste. Die Investoren, die das Haus durch einen Neubau ersetzen wollen, sollen ihre Pläne nun dem Landesamt für Denkmalpflege vorstellen. Die Stadt will dem bisherigen Eigentümer entgegenkommen und hält zumindest einen Teilabriss für möglich. Bei aller Freude über den (wahrscheinlichen) Erhalt zumindest des Bauteils in der Großen Eschenheimer Straße bleibt dennoch der Eindruck mangelnder Kommunikation zwischen den Denkmal-Fachleuten – die im schlimmsten Fall dem Verkäufer schweren wirtschaftlichen Schaden hätte zufügen können. (db, 7.7.20)

Frankfurt, Lorey-Haus (Bild: Deutsches Architektur Forum, Schmittchen)