Der Architekt Tassilo Sittmann ist tot

Der gebürtige Frankfurter Tassilo Sittmann (*1928), der das architektonische Bild seiner Heimatstadt über Jahrzehnte geprägt hat, ist im Alter von 94 Jahren verstorben. Nach dem Studium an der TH Darmstadt gründete er 1952 ein Büro mit seinem älteren Berufskollegen Walter Schwagenscheidt (1886-1968). Letzter war in seinen Anfängen mit dem Neuen Bauen verbunden, hatte für Ernst May gearbeitet und das Siedlungskonzept der Raumstadt entwickelt. Dem Gedanken der Klassischen Moderne blieb das Büro Schweigenscheidt-Sittmann in den ersten Nachkriegsjahrzehnten verpflichtet. Bekannt wurde das Duo vor allem mit der Frankfurter Nordweststadt, die in den 1960er Jahren entstand. Hier kamen die Ideen der Raumstadt zur Anwendung: viel Grün, wechselnde Grundrissformen und Gebäudegrößen sowie eine Wegeführung, welche die Fußgänger:innen von den Autofahrer:innen trennte.

Neben dem Siedlungs- und Wohnungsbau waren Schwagenscheidt und Sittmann zudem im Kirchenbau aktiv, auch hier in einer klaren, reduzierten Formensprache: mit der evangelischen Cantate-Domino-Kirche (1966) und mit dem Evangelisch-Reformierten Gemeindezentrum (1970), beide in der Nordweststadt. Nicht minder sehenswert ist die Markuskirche, die in Kronberg 1978 nach einem Sittmann-Entwurf entstand. In seinen letzten Lebensjahren, im selbst entworfenen Wohnhaus in der Nordweststadt, kämpfte er für den Erhalt des gegenüberliegenden Evangelisch-Reformierten Gemeindezentrums. Nach zähem Ringen und langem Leerstand wurde der Bau im letzten Jahr als Sozial- und Kulturzentrum neu eingeweiht – und trägt seitdem den Namen Sittmanns. (kb, 29.4.22)

Die evangelische Cantate-Domino-Kirche in der Frankfurter Nordweststadt entstand von 1963 bis 1966 nach den Entwürfen von Walter Schwagenscheidt und Tassilo Sittmann (Bild: Gaki64, CC BY SA 3.0)

Bausünden wertschätzen

Die Reihe “Stadt plus” im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM) zählt zu den feinsten Veranstaltungen für Freunde der Stadt: Einmal im Monat, immer mittwochs, gibt es einen 30-Minuten-Vortrag zu ausgewählten Frankfurter Themen, danach ist das Museum für einen Rundgang offen, und an der Bar kommt es (hoffentlich) zu spannenden Diskussionen bei anregenden Getränken. Die Corona-Pandemie und der vorübergehende Umzug des DAM ins frühere Neckermann-Gebäude am Danziger Platz haben die Regelmäßigkeit von “Stadt plus” ein wenig durcheinandergebracht. Nun aber geht es wieder los, und gleich in der ersten Veranstaltung wird im DAM auch ein wenig über die Grenzen von Frankfurt hinausgeschaut: Unsere geschätzte Kollegin Turit Fröbe spricht am 6. April um 19.00 Uhr über “Die Stadt + die Bausünden. Wie wir lernen, ungeliebte Gebäude wertzuschätzen”.

Das fotografische Sammeln vermeintlicher Bausünden ist bei Turit Fröbe zur Kunstform geworden, und der Blick auf die kruden architektonischen Zeugnisse hat sich – nicht nur bei ihr – gewandelt: Statt als Schrecken, lassen sich die meisten schrägen Objekte eben auch als Bereicherung, mindestens jedoch als Auflockerung der Uniformität “gelungener” Architektur sehen. Und als Spiegel der Seele ihrer Bauherren. Bausünden gibt es natürlich auch in Frankfurt einige – von daher ist dieser Ort doch das geeignete Pflaster für den Vortrag, der bereits im vergangenen Dezember hätte stattfinden sollen und aus bekannten Gründen verschoben worden war. Die nächsten Termine 2022 sind am 11. Mai “Die Stadt + die Gangs” mit Andrea Stevens, am 8. Juni “Die Stadt + die Megaprojekte” mit Wolfgang Voigt und am 13. Juli “Die Stadt + der Stehschoppen” mit Andreas Maier. Beginn ist jeweils um 19.00 Uhr. Man sieht sich! (db, 30.3.22)

Frankfurt, Technisches Rathaus (Bild:Michael König, CC BY-SA 3.0)

Baubeginn an der Schwedlerbrücke?

Seit mehr als 10 Jahren ist sie gesperrt, und 2016 wurden sogar die beiden Brückenbögen ausgehoben und eingelagert. Trotzdem soll die Schwedlerbrücke im Osten von Frankfurt/Main saniert werden, denn sie ist ein hochrangiges Technikdenkmal. Die Baubeginn ist nun ein gutes Stück nähergerückt: Die Bau- und Finanzierungsvorlage für das Projekt ist in der Endabstimmung und geht in Kürze in den Unterschriftengang bei Maistrat und Stadtverordnetenversammlung. Das Land Hessen wird das dieses Bauprojekt mit bis zu zehn Millionen Euro über das Programm Nahmobilität finanziell fördern. Ebenso werde die Deutsche Bahn sich als Kreuzungspartner mit rund drei Millionen Euro beteiligen, so Mobilitätsdezernent Stefan Majer in einer Mitteilung der Stadt Frankfurt. Erleichtert wird der Start durch eine Finanzspritze des Planungsdezernats: „Die kurzen fußläufigen Wege für die Menschen im Ostend sind städtebaulich so wichtig, dass der zügige Fortgang der denkmalgerechten Brückensanierung unterstützt werden muss. Wo früher Hafen- und Werftarbeiter täglich über das Bahngelände liefen, soll es bald wieder eine angemessene Verbindung zwischen Hafenpark und Ostpark geben. Dafür finanzieren wir gerne den Start der Arbeiten noch in diesem Jahr“, wird Dezernent Mike Josef zitiert.

Die 245 Meter lange Schwedlerbrücke verbindet den Ostpark samt den angrenzenden Stadtteilen mit dem Ostafen. Gebaut wurde die Fußgängerbrücke 1910 anlässlich des Hafenbaus. Ihre Stahlkonstruktion ruht auf Pfeilern und Widerlagern aus rotem Mainsandstein und Beton. Wie viele andere Bauwerke im Osthafen wurde die Schwedlerbrücke gemeinsam von der Preußischen Staatseisenbahn und der Stadt Frankfurt errichtet. Ihr Konstruktionsprinzip – und wohl auch die ursprüngliche Planung – gehen auf den Ingenieur Johann Wilhelm Schwedler (1823-1894) zurück, der auch die Stahlkonstruktion der Hallen des Frankfurter Hauptbahnhofs entworfen hat. Bei einem offenen Wettbewerb zur Revitalisierung 2016 legte die Arbeitsgemeinschaft Christoph Mäckler Architekten und Bollinger + Grohmann Ingenieure den späteren Siegerentwurf vor. Die vergangenen Jahre wurden vorrangig genutzt, zu klären, welche Teile erhalten bleiben können und welche durch einen Neubau ersetzt werden. Die voraussichtlichen Gesamtkosten werden rund 18 Millionen Euro betragen. (db, 29.1.22)

Frankfurt, Schwedlerbrücke 2008 (Bild: Urmelbeauftragter, CC BY-SA 3.0)