INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

„Vollkommen abgedrehter Komplex“

Mit Peter Cachola Schmal in Offenbach

 

Offenbach_Gothaer-Haus_Bild_D_Bartetko_und_J_Reinsberg (4)
Die Verhältnisse auf den Kopf stellen: DAM-Direktor Peter Cachola Schmal im Gothaer-Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko)

Berliner Straße 175, ein Tag im Juli: Drei Männer drücken sich mit kindlicher Begeisterung auf Feuerwehr-Umläufen herum, fotografieren ihre Spiegelbilder in der Glasfassade und erfreuen sich an leberwurstfarbenen Kieselplatten im Treppenhaus. Das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Was könnte man in den vier Geschäfts- und Büroetagen einrichten, wie das darüber thronende Wohnhochhaus beleben? Ein urbaner Spielplatz für Menschen mit Visionen: Julius Reinsberg und Daniel Bartetzko treffen Peter Cachola Schmal, den Direktor des Deutschen Architektur Museum (DAM) im 1977 eröffneten Gothaer-Haus in Offenbach am Main.

„In der jetzigen Form wird es dieses Gebäude in zehn Jahren wohl nicht mehr geben“, sagt Schmal. Auch Offenbach leidet darunter, dass die ungeliebten Spätsiebziger-Kuben entweder saniert werden müssen oder schon zur Unkenntlichkeit gedämmt wurden. Kurzfristig dürfte sich kein Investor finden, der einen Sinn für diesen Großbau mit Spiegelglasfassade hat. Das Gothaer-Haus steht bald zum Verkauf.

Offenbach_Gothaer-Haus_Bild_D_Bartetko_und_J_Reinsberg (5)
Stadt im Spiegel: In den Siebzigern bot Offenbach bessere Hochhäuser als Frankfurt (Bild: D. Bartetzko)

„Weiß jemand, wer der Architekt dieses vollkommen abgedrehten Komplexes ist?“ fragt der DAM-Direktor 2013 via Facebook. Seit einem Jahr wohnt er in Offenbach und fährt täglich am Spiegelturm vorbei. Wochen später führt er Interessierte für die Initiative Offenbach loves U durchs Gebäude. Den „abgedrehten Komplex“ auf spitzwinkligem Grundstück entwarfen die Darmstädter Martin Müller (1921-1993) und Peter Opitz (*1938). Zwar wurde der einstige Versicherungssitz 1977 eingeweiht, doch stammen die Pläne von 1972. Damit zählt er zu den frühen Vertretern jener multifunktionalen Großbauten, die damals als zukunftsweisend galten.

Peter Cachola Schmal: Das Gebäude ist ein Kind seiner Zeit: braunes Spiegelglas, Trapezblech, Edelstahl, Marmorplatten, die skulpturale Form. Dazu die Einheit von Wohnen, Einkaufen und Arbeiten plus Tiefgarage und Parkdeck: Das ist urban gedacht, sehr edel ausgestattet und an diesem Platz spektakulär.

Offenbach, Gothaer Haus, Seitenansicht (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)
„Seiner Zeit um Haaresbreite voraus“, bescheinigt Schmal dem Gothaer-Haus (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)

moderneREGIONAL: Und warum begeistern wir uns heute für diesen Bau? Ist es der Charme des Schrägen oder ist es sein Konzept?

PCS: Letztlich beides. Wir befinden uns hier zwischen Moderne und Postmoderne, ein Teil der phantastischen Bewegung der 1970er. Klare Strukturen wie die Fensterbänder oder die Rasterfassade des Parkdecks stehen im Kontrast zum kunstvoll zerklüfteten Wohnhaus – das erinnert etwa an die japanischen Metabolisten um Kenzo Tange, Kiyonori Kikutake und Kisho Kurokawa. Das Nutzungskonzept folgt einem wieder aktuellen Anspruch: weg von der Trennung von Wohnen und Arbeiten. Die Entmischung wurde gerade in den Siebzigern ja gefördert und hat manche Innenstädte veröden lassen.

mR: Also ist dieser Bau sogar moderner als gedacht?

PCS: Begrünte Dachflächen, für jeden Mieter ein Platz in der Tiefgarage, schlichte und luxuriöse Wohnungen beieinander – das war seiner Zeit um Haaresbreite voraus. Zugegeben, was uns vordergründig begeistert, ist das Unzeitgemäße: Spiegelglas statt klobiger Fassadendämmung. Eine wilde skulpturale Komposition von Einzelteilen statt eines klaren stereometrischen Baukörpers. Und die verwendeten Bronzetöne der Fassaden treffen nicht nur den damaligen Geschmack, sondern auch unseren bald wieder. Leider wurde das dunkle Wellblech überstrichen, aber ernsthaft in die Bausubstanz eingegriffen hat man bis heute nicht.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: D. Bartetzko/Julius Reinsberg)
Heute wieder zu 75 % ausgelastet (Bild: J. Reinsberg)

2001 war das elfgeschossige Gothaer-Haus noch zu 30 % genutzt. Eine neue Hausverwaltung hat das Gebäude durch hohes Engagement nun wieder zu 75 % vermietet, unliebsame Nutzer sind verschwunden: Der frühere Kinderspielplatz auf der Terrasse im 5. Stock war zeitweise Drogenumschlagsplatz. Die Büroetagen beherbergten etliche Scheinfirmen.

mR: Die Betriebs- und Instandhaltungskosten eines derartigen Großbaus sind hoch. Und der Sanierungsbedarf kündigt sich an einigen Ecken an. Ist das eine Sackgasse?

PCS: Wir stehen zwar nicht in einer Ruine, aber man sieht den Handlungsbedarf. Das könnte auch erklären, warum sich die Denkmalpflege noch zurückhält. Es ist ein Dilemma: Eine Unterschutzstellung wird Kaufinteressenten abschrecken. Gleichwohl drohen dem Amt Kosten, wenn es eine Sanierung fördern müsste. Momentan kann man hoffen, dass der Status Quo erhalten bleibt: Es wird nicht saniert, aber der Verfall gebremst. Solange das Grundstück noch nicht so viel wert ist, ist der Bau nicht bedroht. Er steht ja nicht auf der Frankfurter Zeil, wo selbst die Zeilgalerie von 1992 möglicherweise abgerissen wird.

mR: Und wäre das Gothaer-Haus für Sie ein Baudenkmal?

PCS: Definitiv. Unter Denkmalschutz stellen bedeutet ja, ein besonders typisches Bauwerk zu retten, nicht ein besonders gefälliges.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: J. Reinsberg)
Blick ins Ungewisse (Bild: J. Reinsberg)

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte Altkanzler Helmut Schmidt einmal. Die Anwesenden, die vor ihrem geistigen Auge Künstlerateliers in Praxisräumen und wucherndes Grün auf kahlen Flachdächern sehen, fühlen sich gesund – und bestätigt: Die Frankfurter Rundschau schrieb 1977: „Hier wurde ein wertbeständiges Haus für 100 Jahre nach dem Grundsatz der Solidität für eine gemischte, möglichst vielseitig verwertbare Nutzung bestellt.“ 21 Millionen D-Mark kostete der Bau, heute dürfte er günstiger zu haben sein. Wer greift zu?

Das Gespräch führten Daniel Bartetzko und Julius Reinsberg  (Heft 14/2).

 

Zur Person Peter Cachola Schmal

Peter Cachola Schmahl auf dem Gothaer Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg) Peter Cachola Schmal, geboren 1960, studierte Architektur in Darmstadt. Nachdem er 1989 für Behnisch + Partner tätig war, arbeitete er von 1990-1993 als angestellter Architekt bei Eisenbach + Partner. Von 1992 bis 1997 war Schmal wiss. Mitarbeiter an der TU Darmstadt, lehrte im Anschluss bis 2000 an der FH Frankfurt. Für das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt ist Schmal seit 2000 als Kurator, seit 2006 als Direktor tätig.

 

 

Ein Rundgang durch das Gothaer-Haus

Heft als pdf

Sommer 14: Gestrandete Wale

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

Kerstin Wittmann-Englert vergleicht die Wale mit Architektur: Gestandet seien die modernen Großbauten hoffentlich nicht.

FACHBEITRAG: "Zentrum am Zoo"

FACHBEITRAG: „Zentrum am Zoo“

Karin Wilhelm schildert Berlins Aufbruch der Nachkriegszeit: als 1957 das „Bikini-Haus“ von Paul Schwebes und Hans Schoszberger entstand.

FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

Olaf Gisbertz geht in Hannover auf Spurensuche nach dem gebauten, zerstörten und wiederaufgebauten Stadtzentrum – mit dem Kröpcke-Center aus dem Jahr 1976.

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

Julius Reinsberg beschreibt eine Utopie des Sozialismus um 1930. Der Wettbewerb erzielte Höchstleistungen und beendete die russische Avantgarde.

FACHBEITRAG: Das "frappant"

FACHBEITRAG: Das „frappant“

Sylvia Necker folgt der Zwischennutzung des Hamburger Frappant. 1977 als Geschäfts- und Wohngebäude eingeweiht, steht heute an seiner Stelle ein neuer IKEA.

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

Der DAM-Direktor zeigt das Gothaer-Haus in Offenbach, das im Jahr 1977 die veschiedensten Nutzungen einfach übereinander stapelte.

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

Karin Berkemann befragt die moderne Baugeschichte des Kulturtempels: 1957 im Ostseebad eingeweiht, steht er seit der Wende leer und verfällt.

„Mitunter garstig“

von Daniel Bartetzko (19/2)

Wer in den 1930er Jahren vom Taunus aus zu Fuß Richtung Frankfurt unterwegs war, sollte nebst stabilem Schuhwerk auch wetterfeste Kleidung tragen – und am besten ein Köfferchen für empfindliche Dinge dabei haben. In Niederursel, dem 1910 eingemeindeten nordwestlichsten Stadtteil Frankfurts, kann das Wetter mitunter garstig werden: Die kühlen Winde des Mittelgebirges treffen hier unmittelbar auf den warmen Dunst der Rhein-Main-Ebene. Scheint in der City die Sonne, kann’s hier zünftig gewittern. Oder schneien. Oder stürmen – je nach Jahreszeit. Seit 1928 hält aber ein Ort allen Wettern stand: Wie eine Krone überragt die Gustav-Adolf-Kirche den historischen Dorfkern Niederursels – ein kantiger Betonbau, umgeben von einem kleinteiligen Fachwerk-Ensemble. Die Synthese von Alt und Neu ist so oft grandios gescheitert, doch ausgerechnet ein Bau des sonst so nüchtern-zurückhaltenden Neuen Frankfurt schafft an dieser Stelle den Spagat.

Betonfachwerk

Stadtbaudirektor Martin Elsaesser (in Gemeinschaft mit Gerhard Planck) entwarf das achteckige Gebäude, dessen Hanggrundstück von einer historischen Sockelmauer des Vorgängerbaus wie eine Terrasse herausgehoben wird. Durch die eng bebaute Dorfsituation ist die Gustav-Adolf-Kirche nie im Ganzen zu sehen. Und ist dennoch aus allen Blickwinkeln erkennbar: Der mit einem kupferbeschlagenen Zeltdach gedeckte Kirchraum aus Mauerwerk und Eisenbeton zeigt sich verputzt, vorwiegend ungegliedert und wird von Turm und Treppenhaus eingefasst.

Erst im oberen Bereich ist das Achteck des Zentralraums zweifelsfrei abzulesen. Hier bildet ein umlaufendes Fensterband – mit seinen Betonsprossen als Fachwerkzitat deutbar – über dem Altar fünf, ansonsten drei Zeilen aus. Auch das Treppenhaus und der rund 30 Meter hohe Turm weisen diese bandförmigen Öffnungen auf. Das abfallende Grundstück nutzend, führt ein Zugang von der Straße ebenerdig zur Sakristei sowie zu Konfirmanden- und Gemeindesaal, die sich unter dem Gottesdienstraum befinden. Zu diesem gelangt man über eine Treppe.

Demontiert und eingelagert

Den Krieg hat die Kirche nahezu unbeschadet überstanden – renoviert wurde sie in den 1950er Jahren, in den späten 1970ern und zuletzt bis 2017. Seine Anmutung hat dieser letzte von Martin Elsaesser entworfene Sakralbau nie eingebüßt, einige spätere Zutaten hat man zuletzt trotzdem wieder entfernt: Die Kelsterbacher Künstlerin Marianne Scherer-Neufahrth schuf in den 1950er Jahren abstrakt-farbige Bleigläser für das Fensterband und Arnold Rakete, Architekt der Bauabteilung, entwarf ein Altarkreuz. Beides wurde demontiert und eingelagert – schade eigentlich. Dafür hat die grüne, emaillierte Beschreibungstafel an der Sockelmauer überlebt. Mit ihnen wies die Stadt Frankfurt Ende der 1970er auf ihre Denkmäler hin, und allzu viele dieser Tafeln sind nach rund 40 Jahren nicht übrig geblieben.

Eine richtige Kathedrale?

Der Gustav-Adolf-Kirche kommt im Werk von Martin Elsaesser eine Sonderstellung zu: Sie ist nicht nur seine letzte Kirche, sondern auch die einzige Predigtstätte, die er als reinen Zentralraum verwirklichte. Okay, für eine richtige Kathedrale zeichnet der Architekt, zu Zeiten des Neuen Frankfurt vor allem für die repräsentativen Bauten zuständig, auch noch verantwortlich: Im selben Jahr wie die Gustav-Adolf-Kirche wurde die Frankfurter Großmarkthalle eingeweiht. Auch sie hält noch heute Wind und Wetter stand – und hat sogar den Eingangs-Prügel, den der EZB-Neubau durch sie treibt, verkraftet …

Titelmotiv: Frankfurt-Niederursel, Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche (Bild: Andreas Beyer)

Titelmotiv: Frankfurt-Niederursel, Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche (Foto: Andreas Beyer)

ganzes Heft als pdf

Frühjahr 19: Moderne Mobil

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Ein Blick auf die religiöse Landschaft der Mainmetropole.

"Ungemein sympathisch"

„Ungemein sympathisch“

Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor der Heilig-Kreuz-Kirche.

"Das ist komplizierter"

„Das ist komplizierter“

Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle.

"Eine vornehme Ruhe"

„Eine vornehme Ruhe“

Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus.

"Mitunter garstig"

„Mitunter garstig“

Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche.

"Da Du mich nicht liebst"

„Da Du mich nicht liebst“

Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frauenfriedenskirche.

So ein Theater

von Alexander Kleinschrodt (19/3)

Eine etwas größere Dorfkirche, noch dazu mit einer Doppelturmfassade, würdigt man im Rheinland gern mit dem Ehrentitel „Dom“. Überregional bekannt wurde 2018 der „Immerather Dom“, die neuromanische Pfarrkirche St. Lambertus im gleichnamigen Stadtteil von Erkelenz. Sie musste dem Tagebau Garzweiler weichen. An diesem Beispiel zeigt sich nur die Spitze eines Eisbergs: Menschen benennen Bauwerke nach anderen Bauwerken. Dabei kommt nicht immer nur Bewunderung zum Ausdruck – und folgt man zunächst der Spur der kleinen rheinischen „Dome“, stößt man auf dasselbe Sprachspiel auch in einer säkularen Variante. Der wahrscheinlich prominenteste Fall findet sich in Hessen: „Gemieskerch“, also Gemüsekirche, nannten die Frankfurter ihre 1928 fertiggestellte Großmarkthalle (heute Europäische Zentralbank) – einen Profanbau von sakralen Ausmaßen.

Kritische Konnotationen 

Die Großmarkthalle entstand nach einem Entwurf von Martin Elsaesser, den Stadtbaurat Ernst May für das Neue Frankfurt angeworben hatte. Der Spruch „Alles neu macht der May – alles besser Elsaesser“ schaffte es als „zeitgenössisches Bonmot“ bis in Wikipedia. Man merkt schon: Hier kommt ein Staunen zum Ausdruck, sicher auch eine gewisse Skepsis. Das gleiche gilt für die „Gemüsekirche“. Dass ein modernes Bauwerk für den Lebensmittelvertrieb solche Dimensionen erhält, würdigt dieser Spitzname mit einer gewissen Hochachtung. Auch die als sakral empfundene Halle hat wohl ihre Spur hinterlassen. Doch wenn der Eindruck nicht täuscht, enthält der Spitzname auch eine kritische Konnotation. Dass dieser Aufwand für einen recht profanen Zweck betrieben wurde, kann eine Irritation bedeutet haben: In diesem Riesenbau wechseln nun also Kartoffeln und eingelegte Gurken den Besitzer? Ist diese Halle, wie man heute sagen würde, ein „Konsumtempel“?

Welche Bedeutungsebene man in den Vordergrund rückt, muss der individuellen Einschätzung vorbehalten bleiben. Die Geschichte der „Gemieskerch“ bliebe aber unvollständig, wirft man nicht einen Blick auf den damaligen Kirchenbau. Denn eben genau seit den 1920er Jahren herrschte Unsicherheit, wie eigentlich eine Kirche auszusehen hat. In Dortmund entstand zwischen 1927 und 1930 die Nicolai-Kirche, deren konstruktive Verwandtschaft mit der Frankfurter Großmarkthalle nicht zu übersehen ist. Auch hier ist der Innenraum bestimmt von einem angeschrägten Stahlbetonrahmen-Tragwerk und Wänden, die in Fensterraster aufgelöst wurden. Peter Grund und Karl Pinno, die diese evangelische Kirche entworfen hatten, sahen sich mit dem keineswegs gegenstandslosen Vorwurf konfrontiert, ihr Bau gleiche einer Industriehalle. Mit der Pointe, dass vermeintliche Zweckbauten dieser Zeit ihrerseits (namentlich) zu Kirchen erhoben werden konnten. So auch in der Dortmunder Nachbarschaft: Die neusachliche Schachtanlage der Zeche Zollverein in Essen (Fritz Schupp/Martin Kremmer, 1928-32) erhielt – wenn auch wohl erst später – die Zuschreibung „Kathedrale der Arbeit“.

Opernhäuser aller Art

Soll ein Gebäude als bemerkenswert markiert werden, dann bietet sich auch ein Vergleich mit Bauwerken der Hochkultur an – die natürlich ihrerseits schon als „Tempel der Kunst“ vorgeprägt sind. Besonders aufschlussreich ist hier das Wuppertaler Stadtbad: Das zwischen 1955 und 1957 von Friedrich Hetzelt errichtete, damals häufig publizierte Haus erhielt den Spitznamen „Schwimmoper“. Ausgangspunkt war hier anscheinend, dass auf dem Johannisberg, wo – neben der historistischen Stadthalle – die „Schwimmoper“ ihren Platz fand, tatsächlich vorübergehend ein Opernhaus geplant war. Nach Fertigstellung der Schwimmhalle erschien der saloppe Spitzname offensichtlich weiter plausibel, er avancierte sogar zur offiziellen Bezeichnung der Sport- und Freizeitstätte. Die großen Tribünen zu beiden Seiten des Wettkampfbeckens erinnern tatsächlich an ein Theater. Auch die städtebauliche Freistellung passt zu der seit dem 19. Jahrhundert beliebten Platzierung von Bauten der Hochkultur. Jene Transparenz, welche die großflächig verglaste Schwimmoper auszeichnet, findet sich dann wenig später in einem benachbarten, auch als Opernhaus genutzten Bau: dem 1959 eröffneten Theater Gelsenkirchen von Werner Ruhnau.

Schon eine schnelle Recherche zeigt, dass es in Deutschland weitere „Schwimmopern“ gibt. Mit diesem Namen versehen wurden unter anderem zwei bemerkenswerte Bauten der 1970er Jahre: die Alster-Schwimmhalle in Hamburg (Horst Niessen/Rolf Störmer mit Leonhardt Andrä, 1968-73) und das Rebstockbad in Frankfurt (Dieter Glaser, 1979-82). Die Hamburger Schalenkonstruktion soll, so ein Bericht des NDR, bereits vor ihrer Fertigstellung zu Namensvorschlägen angeregt haben („Hanseaten-Großwäscherei“, „Zitterrochen“). Doch während es die Alster-Schwimmhalle in die Denkmalliste geschafft hat und saniert wird, schließt das Rebstockbad im Frühjahr 2020 und wird abgerissen.

Kollektive Imaginationen 

Der Logik dieses Artikels folgend, steht nun die Frage im Raum: Wurden moderne Opernhäuser ebenfalls mit architektonischen Spitznamen versehen? Natürlich! Die Kölner Oper (Wilhelm Riphahn, 1954-57), zuletzt vor allem für die Schwierigkeiten bei der Sanierung bekannt, machte zu Beginn ganz andere Schlagzeilen: als „Denkmal des unbekannten Intendanten“. Stein des Anstoßes waren hier wohl die abgeschrägten Anbauten an den Bühnenturm. Dieser ungewohnte Umriss erinnerte manche Betrachter anscheinend an die Gedächtnisorte für die Gefallenen der Weltkriege. Auch die Variante „Grabmal“ ist überliefert. Womöglich hat man dabei an altägyptische Sepulkralarchitektur gedacht, denn das Kölner Opernhaus ähnelt in seiner Großform unbestreitbar einer Pyramide.

So oder so kommt hier einmal mehr zum Ausdruck, dass da etwas Unerwartetes im Stadtraum auftauchte. Eine Wahrnehmung, für die heute fast reflexhaft die Allegorie „Ein Ufo ist gelandet“ bemüht wird – wohl das größte Klischee der gegenwärtigen Architekturkritik. Geläufig ist diese Metapher aber erst seit der weiten Verbreitung von Science-Fiction-Literatur bzw. Alien-Filmen, die in der Nachkriegszeit von den USA ausging. In Europa bestimmten damals andere, etwas bodenständigere Bilder die kollektive Imagination. Wichtig war die Hoffnung auf die Segnungen der Atomenergie. Das zur Weltausstellung in Brüssel 1958 errichtete Atomium war deren baulicher Ausdruck, eine frühe Form von „iconic architecture“, die keines Spitznamens mehr bedurfte. So überrascht es nicht, dass neuartige Architektur metaphorisch mit dieser Technologie in Verbindung gebracht wurde. Vereinzelt bezeichnete man die Oper Köln als „Atommeiler“. Doch hier ging es nicht um Ähnlichkeit, sondern um eine Unbestimmtheit. Für einen konkreten Vergleich mit einem Atomkraftwerk fehlte um 1960 noch die Grundlage. Große kommerzielle Anlagen dieser Art – typisch wurde später die halbrunde Stahlbetonkuppel von Obrigheim oder Biblis – gingen in der Bundesrepublik erst Ende der 1960er Jahre in Betrieb.

Schlupfloch oder Denkmal?

Wie die Rezeptionsgeschichte des Mainzer Rathauses (Arne Jacobsen/Otto Weitling, 1970-74) zeigt, braucht es aber keine derart hochfliegenden Sprachbilder, um originell und subversiv zu sein. Der Bau direkt am Rhein war ein zentrales Projekt des damaligen Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs. In Anlehnung an ihn wurde das nicht zu übersehende, hochwertig ausgestattete Rathaus „Fuchsbau“ getauft. Die Interpretation scheint klar: Augenzwinkernd gibt man zu erkennen, dass der beliebte Politiker sich hier ein Denkmal gesetzt habe. Das gilt umso mehr, seit der Platz vor dem Rathaus nach Jockel Fuchs benannt wurde. Gelegentlich wird aber behauptet, bei „Fuchsbau“ schwinge ein Unbehagen an der Architektur des Rathauses mit. Hierin liege, so heißt es dann, auch Kritik an dem unscheinbaren Haupteingang, der wie ein Schlupfloch daherkomme. Als Befund ist das natürlich nicht falsch, doch geraten darüber die sonstigen Qualitäten des Mainzer Rathauses leicht aus dem Blick. Muss dieses von einer selbstbewusst agierenden Stadt umgesetzte Gebäude, das nicht weit vom Mainzer Dom entfernt ist, nicht schon als eine „Kathedrale der Kommunalpolitik“ gelten?

Titelmotiv: Frankfurt am Main, Großmarkthalle (Bild: Urmelbeauftragter, bearbeitet von Dontworry, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2009)

ganzes Heft als pdf

Sommer 19: Nicknames

Echo vom Bürgersteig

Echo vom Bürgersteig

LEITARTIKEL: Stefan Rethfeld über Architektur-Spitznamen.

So ein Theater

So ein Theater

FACHBEITRAG: Alexander Kleinschrodt nennt Bauten nach anderen Bauten.

Gib mir Tiernamen!

Gib mir Tiernamen!

FACHBEITRAG: Anke von Heyl über faunistische Artenvielfalt.

Im Gotteskäfig

Im Gotteskäfig

FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Sakralsynonyme.

St. Horten

St. Horten

PORTRÄT: Heinrich Otten über eine „Kaufhaus-Kirche“ in Ahaus.

"Abhängig von Bildern"

„Abhängig von Bildern“

INTERVIEW: Der Architekt Peter Busmann über Metaphern.

Nickname-Bilderrätsel

Nickname-Bilderrätsel

FOTOSTRECKE: Welcher Bau passt zu welchem Spitznamen-Bild?