Urlaubsmöblierung

Bilder und Text von Thomas Beutelschmidt

Bereits die Publikationen von Vittorio M. Lapugnani und Konstanze S. Domhardt oder auch die aktuelle Ausstellung des Stadtmuseums Paderborn haben den Blick auf die „kleinen Dinge im Stadtraum“ gelenkt: Urbane Mikroarchitekturen, charakteristische Gebrauchsobjekte und normierte Möblierungen in urbanen Zentren gehören mit zum Bild der Straßen, Plätze oder Bürgersteige. Sie prägen wie selbstverständlich das öffentliche Umfeld, auch wenn sie im Alltag kaum bewusst wahrgenommen werden. Wie alle Bauten sind auch diese materiellen Zeugen dem gesellschaftlichen Wandel wie den Moden unterworfen und entsprechen oftmals nicht mehr dem Zeitgeschmack. Das gilt wohl insbesondere für die typischen Beispiele aus den 1970er und 80er Jahren. Im Gegensatz zu nobilitierten Stilen wie der Pariser Art nouveau um 1900 erfüllen sie weniger den Begriff des Schönen und leisten kaum einen Beitrag für eine schon seit Friedrich Schiller geforderte „ästhetische Erziehung des Menschen“ … Sie wirken eher profan, irgendwie abgestellt und selten einladend – von Pflege gar nicht zu sprechen.

Entsprechende Modelle finden sich überraschenderweise sogar an der mondänen Côte d’Azur. Statt ansprechender Entwürfe zeigen sich unbequeme Bänke, profane Müllkästen, seltsam platzierte Pflanzkübel oder undefinierbare Schmuckelemente. Allesamt serielle Industrieprodukte mit fragwürdigem ‚Gestaltungswillen’ aus dem einst beliebten Waschbeton in einer Art Bonsai-Brutalismus, deren einziger Anspruch funktional, preiswert und dauerhaft zu sein scheint. Galten sie jemals als attraktiver, identitätsstiftender Blickfang und lösten eine erlebbare Aufenthaltsqualität ein? Und wie sieht die heutige Bewertung aus? Bekommen die Hinterlassenschaften wieder einen gewissen Coolness-Faktor und sogar Denkmalwert oder werden sie mit dem fortlaufenden Refurbishing der Städte stillschweigend verschwinden? (6.8.21)

alle Aufnahmen: Thomas Beutelschmidt

Vergessene Zeugen

Nach 1945 sollten die jeweiligen Visionen eines besseren, demokratischen Deutschland – in der BRD wie in der DDR – auch und besonders baulich sichtbar werden. Dieses Vorhaben wurde zwar vorwiegend von den Deutschen selbst umgesetzt, aber ebenso von den alliierten Besatzungsmächten gefördert und überwacht. Das Erbe dieser Anstrengungen findet sich heute überall in der Landschaft des wiedervereinigten Deutschlands.

Für die Tagung „Architektur und Demokratisierung: Vergessene Zeugen alliierter Intervention im besetzten Deutschland nach 1945“, die vom 4. bis zum 6. Juni 2020 in Bamberg stattfinden soll, werden von der Universität Bamberg (Lehrstuhl Denkmalpflege) noch bis zum 15. Januar 2020 Themenvorschläge gesucht: Willkommen sind Abstracts von max. 300 Wörtern per E-Mail an konferenz.denkmalpflege@uni-bamberg.de, Rückfragen sind möglich unter johanna.blokker@uni-bamberg.de. Ziel der Konferenz ist es, vergessene oder vernachlässigte Artefakte dieser Zeit wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, die dahinterliegenden Konzepte zu analysieren und zur Erhaltung dieser fragilen baulichen Strukturen beizutragen. Mögliche Tagungsthemen sind: Wie und warum beeinflussten die USA, England, Frankreich und die Sowjetunion damals das deutsche Bauen? Wie gingen die deutschen Ausführenden mit diesen Wünschen und Vorgaben um? Und welche Rolle spielten dabei Design- und Planungsausstellungen, Fachtagungen oder der Austausch von Experten? (kb, 1.12.19)

Ulm, Amerikahaus (Bild: Cora Schönemann)

Leichte Schalen

Mit fünf Zentimetern über 80 Meter: Für die Betonschale der ehemaligen Sendehalle von „Europe 1“ gingen der Architekt Jean-François Guédy und der Ingenieur Bernard Laffaille an die Grenzen des damals technisch Möglichen. Zunächst hatten sie 1953 eine schlaff bewehrte Konstruktion im Sinn, die dann aber zu einer vorgespannten Schale hin abgewandelt werden sollte. Bei diesen Arbeiten zerriss die Schale, so dass der Altmeister Eugène Freyssinet im Herbst 1954 helfend einspringen und die Konstruktion abwandeln musste. 1980 traten dann Bauschäden auf, daher wurde das Tragkonzept nochmals geändert und dadurch das Ensemble bewahrt.

Somit spannt die Sendehalle von Felsberg-Berus einen bemerkenswerten Bogen zwischen Architektur und Ingenieurskunst, zwischen zwei ehemals verfeindeten Nachbarländern. Nicht zuletzt zeugt diese Schadensgeschichte vom „Tanz auf Messers Schneide“, den die Nachkriegszeit zugunsten einer leichten schwerelosen Bauweise riskierte. Ein Wagnis, das heute beim Erhalt solcher Baukunstwerke viele Fragen aufwirft. Dieser Herausforderung stellt sich der Workshop „Grenzgänger – Vom Umgang mit leichten Schalentragwerken“ vom 11. bis 13. Oktober 2018 in der ehem. Sendehalle Europe 1 in Überherrn-Berus. Die Veranstaltung erfolgt im Rahmen des saarländischen ECHY-Projekts „Resonanzen. Die langen Wellen der Utopie“. Um Anmeldung bis zum 30. September 2018 wird gebeten unter: a.boecker@bildung.saarland.de (kb, 3.9.18)

Felsberg-Berus, Sendehalle „Europe 1“ (Bild: Marco Kany)