Das Haus spielt mit

Das Haus spielt mit

Anne König und Maya Schweizer: Utopien aus Beton, 2016 (Bild: Videostill, Kunsthaus Dresden)
Anne König und Maya Schweizer: Utopien aus Beton, 2016 (Bild: Videostill, Kunsthaus Dresden)

Le Corbusier baute 1952 in Marseille die Cité Radieuse, auf deren Dach er einen Kindergarten platzierte. Im Jahre 1969 wurde in Suhl, der thüringischen Bezirksstadt im südwestlichen Zipfel der DDR, ein modernes CENTRUM-Warenhaus  eröffnet. Auf dem Dach hatten die Architekten einen betriebseigenen Kindergarten gebaut. Für die meisten Kleinkinder ist der Kindergarten der erste öffentliche Ort und an dem sie Gemeinschaft erproben.

Die Dresdener Ausstellung „Das Haus spielt mit. Künstlerische Positionen zu Kindergärten von 1926 bis heute“ nimmt einen filmischen Essay von Anne König und Maya Schweizer zu heute visionär wirkenden Dachkindergärten in Marseille und Suhl zum Ausgangspunkt, um weitere historische und gegenwärtige Entwürfe von Kindergärten des Neuen Bauens und der faschistischen Architektur mit den Mitteln der Kunst zu hinterfragen. Von Architekten der Moderne, die ausgehend von der Reformpädagogik versuchten, das Neue Bauen, das Neue Lernen und auch das Neue Sehen zu verknüpfen, schlägt die Ausstellung einen Bogen zu wegweisenden aktuellen künstlerische Interpretationen. Exemplarisch werden so gesellschaftliche Wertvorstellungen und bestimmte Ideologien, die der Architektur wie auch den mit ihr verbundenen Erziehungskonzepten zugrunde liegen, beleuchtet. Die Ausstellung ist im Kunsthaus Dresden noch bis zum 31. Juli 2016 zu sehen. (kb, 18.5.16)

Große Pläne

Große Pläne im Harz

Grosse_Plaene_im_Harz_Bild_Diakonissenmuterhaus_ElbingerodeModerne Wohnsiedlungen, reformierte Schulen, aufsehenerregendes Produktdesign, technische Rekorde und künstlerische Kraft – trotz aller politischen und wirtschaftlichen Instabilität nach dem Ersten Weltkrieg waren die Jahre von 1919 bis 1933 in Sachsen-Anhalt voller Aufbruchsstimmung, Geschwindigkeit, Beschleunigung, Bewegung: Mit einer sehr eigenen Dynamik wurde das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt in den 1920er Jahren in die politische, kulturelle und künstlerische Moderne katapultiert. Diese Aufbruchsstimmung teilten Künstler, Gestalter, Architekten, Techniker, Unternehmer und Politiker.

Diese Zeit hat auch in Elbingerode ihre Spuren hinterlassen, als die damalige Oberin Schwester Klara Sagert den noch jungen Architekten Godehard Schwethelm beauftragte das neue Mutterhaus zu bauen. In vielen Details erkennt man bis heute die Ideen des Neuen Bauens. Im Rahmen des Projekts „Große Pläne!“ wird im Foyer des Diakonissen-Mutterhauses Elbingerode (Unter den Birken 1, 38875 Elbingerode) am 18.Mai 2016 um 16.30 eine Präsentation eröffnet, welche die Geschichte des Diakonissen-Mutterhauses und des Neubaus von 1932-1934 dokumentiert. Im Anschluss finden Führungen durch das Diakonissen-Mutterhaus statt, sind Vorträge mit Gespräch geplant. (kb, 17.5.16)

Neues zur Frauensiedlung

Sören Wolf stellt in Loheland im Mai 2016 die von ihm mitherausgegebene Publikation über die älteste anthroposophische Siedlung vor (Bild; K. Berkemann)
Sören Wolf (Landesamt für Denkmalpflege Hessen) stellte in Loheland am 29. Mai 2016 einen von ihm mit-bearbeiteten Tagungsband über Deutschlands älteste anthroposophische Siedlung und ihre Stellung in der Lebensreformbewegung vor (Bild: K. Berkemann)

Im hessischen Loheland konnten Louise Langgaard und Hedwig von Rohden – beide reformbewegte Gymnastinnen mit Kontakt zu Rudolf Steiner – ihrer Lehre 1919 endlich einen festen Ort geben. Heute gilt Loheland als älteste anthroposophische Siedlung Deutschlands, die u. a. auf Planungen des Gartenarchitekten Max Karl Schwarz zurückgeht. Einige der Bauten, die hier in den folgenden Jahrzehnten entstanden, ersetzten den rechten Winkel durch viel Fantasie. Doch daneben war ebenso Platz für viele schlaue Provisorien und ungewöhnliche Einzellösungen, die heute Historiker wie Denkmalpfleger vor spannende Fragen stellen – erste Antworten darauf gibt nun eine frisch erschienene Publikation.

 

Gymnastik, Handwerk und prägende Bauten

Loheland, Steinhaus, 1925 (Bild: K. Berkemann)
Loheland, Steinhaus, 1925 (Bild: K. Berkemann)

Der neue Tagungsband, herausgegeben in der Reihe „Arbeitshefte des Landesamts für Denkmalpflege Hessen“, widmet sich den vergangenen fast hundert Jahren wechselvoller (Bau-)Geschichte dieser besonderen Frauensiedlung. Zunächst standen die Loheländerinnen vor der Herausforderung, die notwendigsten Räume zu schaffen: das Holzhaus für die Landwirtschaft (1919), den Rundbau für die gymnastischen Übungen (1920), Wohnhäuser, Werkstätten und Trafostation (1923) – und erste prägende Steinbauten wie das hochaufragende Evahaus (1924), das organische Steinhaus (1925) und den expressiven Franziskusbau (1925/1982).

Im regen Austausch mit den Anthroposophen, dem Bauhaus oder dem Werkbund erarbeitete man sich in den 1920er Jahren einen guten Ruf. Man bildete eine ganze Frauengeneration im Sinne einer ganzheitlichen Wahrnehmungsschulung und betrieb erfolgreich kunstgewerbliche Werkstätten. Auch die Loheländer Tänzerinnen, allen voran Eva-Maria Deinhardt und Berta Günther, erregten Aufmerksamkeit. Baulich halfen günstige Holzbauten durch die wirtschaftsschwachen Jahre: wie die charmante Post (1927), das naturoffene Sutorhaus (1933) oder die experimentelle „Waggonia“ (1927), eine holzverkleidete Verbindung von vier Vierte-Klasse-Eisenbahnwaggons.

Nach 1933 suchte Loheland einen Mittelweg: Man bildete für das neue Regime Gymnastiklehrerinnen aus und blieb zugleich eines der letzten Refugien für bombengeplagte Freidenker. Nach Kriegsende wurde weiter gelehrt und gebaut – vom Wiesen- (1958) bis zum Giebelhaus (1962). Langsam gewann die Waldorfschule mit ihren Um- und Neubauten der 1980er Jahre an Bedeutung. Ein Versuch, die ruhende Gymnastinnen-Ausbildung wiederzubeleben, endete 2009 (vorerst) endgültig. Doch rücken Geschichte und Bedeutung Lohelands in den letzten Monaten wieder neu in den Mittelpunkt, nicht zuletzt weil die Sanierung erster bedeutender Bauten der Siedlung ansteht oder bereits angelaufen ist.

 

Neu erforscht und frisch veröffentlicht

Die_Frauensiedlung_Loheland_Bild_WBGNun haben die Stiftung Loheland und das Landesamt für Denkmalpflege Hessen die besondere Geschichte des Orts in einem Buch aufgearbeitet. „Die Frauensiedlung Loheland in der Rhön und das Erbe der europäischen Lebensreform“, die Dokumentation zweier Fachtagungen des letzten Jahres, wurde in einer kleinen Feierstunde am 29. Mai 2016 in Loheland der Öffentlichkeit vorgestellt. Der reich bebilderte Band bündelt nicht allein erste Forschungsergebnisse zu Loheland und seinen Bauten. Darüber hinaus stellen rahmende Fachbeiträge die hessische Siedlung auch in ihren weiteren Kontext – vom Monte Verità bis zum Bauhaus. Im Anschluss an die Buchvorstellung standen Eva- und Sutorhaus, die aktuell mit Landesmitteln denkmalgerecht saniert werden, noch einmal zum Besuch offen. Parallel fand der beliebte Kunst- und Handwerkermarkt statt, denn die bald hundertjährige Frauensiedlung zeigt sich aktuell höchst lebendig. (kb, 17./29.5.16)

Griesbach, Dieter/Wolf, Sören (Bearb.), Die Frauensiedlung Loheland in der Rhön und das Erbe der europäischen Lebensreform. Beiträge zur Fachtagung am 29./30. Mai 2015 und zum Waggonia-Workshop am 8. Oktober 2015 (Arbeitshefte des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen 28), Theiss-Verlag, Darmstadt 2016, 144 Seiten, 21 x 30 cm, ISBN: 9783806233643.