Gasolin gefällig?

Idyllischer als die Gemeinde Unterwössen im Chiemgau liegen nur wenige Orte in Deutschland – und eben auch recht weit von Schuss. Das dürfte erklären, wieso an der Hauptstraße des Ortsteils Brem eine seit langem stillgelegte ehemalige Gasolin-Tankstelle aus den 1950ern bis heute nahezu unversehrt die Jahrzehnte überdauert hat. Doch nun soll der Typenbau „T6“ abgerissen werden und damit Platz für die Neugestaltung der Durchgangsstraße machen. In der Bevölkerung rührt sich dagegen kein Protest: Die Straße wurde zuletzt 1977 erneuert …

Holger Hink, Mitarbeiter des Freilichtmuseums am Kiekeberg, hat die bedrohte Zapfstation entdeckt. Und vielleicht findet sich ja in letzter Sekunde jemand, der das Relikt der 1971 erloschenen Marke Gasolin retten möchte. Am Kiekeberg hat man’s vorgemacht: Dort wurde Mitte September eine baugleiche Gasolin eingeweiht, die 2018 in Stade an der Elbe demontiert wurde. Für den Denkmalschutz ist es wohl zu spät, da die Abrissgenehmigung offenbar schon erteilt wurde. Also – jemand zur Translozierung bereit? Sie finden Unterwössen-Brem, wenn Sie die A8 an der Ausfahrt Bernau verlassen und immer der Bundesstraße 305 Richtung Reit im Winkl folgen. Vergessen Sie den Tieflader nicht! (db, 22.10.19)

Unterwössen, Ex-Gasolin 2019 (Bild: Axel Strunge)

Bartning-Kirche: Ein Klappaltar auf Reisen

„Eine Kirche ist kein Museum!“ An diesem Satz stimmen mindestens zwei Dinge nicht: das verstaubte Bild von Museen ebenso wie das kulturferne Bild von Kirche. Und seit Mitte diesen Monats trifft diese Aussage erst recht nicht auf zwei Bartning-Notkirchen zu. Denn die Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis, stolze Nutzerin einer dieser Inkunabeln, hat einen ihrer beiden Original-Klappaltäre an das LVR-Freilichtmuseum Kommern verschenkt. Nach dem Abriss einer anderen Notkirche hatte die Gemeinde in den 1960er Jahren das Sakralmöbel übernommen und wollte es jetzt einer sinnvollen Drittverwendung übergeben. Denn in Kommern wird gerade eine Bartning-Notkirche wiederaufgebaut.

Hintergrund der praktisch klappbaren Altäre war der hohe Bedarf an neuen Kirchenräumen nach dem Zweiten Weltkrieg. Um den vielen Provisorien in Schulen und Wirtshäusern abzuhelfen, entwickelte der Architekt Otto Bartning das heute legendäre Notkirchensystem: kostengünstige, leicht transportable und montierbare Systembauteile wurden mit viel Eigenleistung zu einem Gottesdienstraum gefügt. Auf die äußerst erfolgreichen Typen A bis C folgte D, die „Diasporakapelle“ bzw. das „Gemeindezentrum“. Das Konzept wurde zwischen 1949 und 1953 ingesamt an 52 Orten umgesetzt. Der Innenraum konnte sowohl für ganz profane Veranstaltungen als auch – mit einer aufgeklappten Altarnische – für den sonntäglichen Gottesdienst genutzt werden. Viele Gemeinden lieben und nutzen diese multifunktionalen Baukunstwerke bis heute, so auch in Oberpleis.

In Overath hingegen sah sich die Evangelische Gemeinde gezwungen, sich zugunsten eines Neubaus von ihrer Versöhnungskirche, einem Bartning Typ D, zu trennen. Daraufhin wurde der hölzerne Systembau in seine Einzelteile zerlegt und im Freilichtmuseum Kommern wieder zusammengesetzt. Hier gingen die Experten detailgetreu vor, suchten u. a. via Social Media nach den passenden Kacheln für den Sanitärbereich. Die fertige Notkirche wird in Kommern am 21. Juli 2019 als Teil der Baugruppe „Marktplatz Rheinland“ eröffnet und größtenteils im Originalzustand von 1951 präsentiert – inkl. des geschenkten Klappaltars aus Oberpleis. (kb, 25.5.19)

Titelmotiv: Übergabe eines Bartning Klappaltars von der Ev. Kirchengemeinde Oberpleis an das LVR-Frelichtmuseum Kommern (Bild: Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis, Zielke)