Der Turm bleibt, das Schiff kommt weg

Der rund 20-jährige Streit um die Zukunft der Frankfurter Matthäuskirche wurde entschieden. Der symbolträchtige Bau, der heute als kirchlicher David zwischen Messe und Hauptbahnhof von Hochhäusern umringt wird, wurde von 1903 bis 1905 nach Plänen von Friedrich Pützer errichtet. Er galt als Musterbeispiel eines evangelischen Gruppenbaus, der Gottesdienst- und Gemeinderaum unter einem Dach zusammenbindet. Im Krieg teilzerstört, leitete Ernst Görcke den Wiederauf-/Neubau an. Erhalten blieb die Zweigeschossigkeit, hinzu kamen nachkriegsmoderne Ausstattungsstücke u. a. von Georg Meistermann, Hans Mettel und Hans-Bernt Gebhardt.

Bereits 1999 hatte der Regionalverband als Eigentümer für einen Verkauf entschieden. Die Gemeinde zog vors Kirchliche Verfassungs- und Verwaltungsgericht. Nach mehrfachem Hin und Her und einem neuen Hochhausrahmenplan einigte man sich auf einen Verkauf. Noch im März diesen Jahres sah es nach Entwarnung aus, denn der Investor des angrenzenden ehemaligen Polizeipräsidiums hatte auf einen Erwerb des Areals der Matthäuskirche verzichtet. Doch nun hat sich ein Käufer für den größten Teil des kirchlichen Geländes gefunden. Von den 3.100 Quadratmetern bleiben 450 Quadratmeter für die „neue“ Kirche vorgesehen. Stehen bleibt der Turm, abgerissen werden Schiff, Kindergarten, Pfarr- und Gemeindehaus. Wie die Hessenschau gestern meldete, soll das Schiff der Kirche „neu gebaut“ werden – frühestens in drei Jahren. (kb, 11.8.18)

Frankfurt/Main, Matthäuskirche, 2009 (Bild: Melkom, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Pützer: Eine Kirche fürs Tintenviertel

Darmstadt, Pauluskirche (Bild: Karin Berkemann)
Darmstadt, Blick über den Paulusplatz (Bild: K. Berkemann)

Mit halben Sachen gab sich der Architekt Friedrich Pützer (1871-1922) nicht zufrieden – und in Darmstadt bekam er die Chance, eine Kirche auf einen ganzen Platz zu beziehen. Als das Dorf Bessungen 1888 eingemeindet wurde, entstand ein neues Wohnviertel für die beamten- und gelehrtenlastige Bürgerschaft. Für die neue Predigtstätte des „Tintenviertels“ hatte Pfarrer Hermann Rückert sehr genaue theologische Vorstellungen. Die Gemeinde und die – ebenfalls in Darmstadt residierende – Kirchenleitung stritten um die beste Lösung, wozu der ausgleichende Pützer passgenaue Pläne zeichnete. Am 29. September 1907 schließlich konnte der Bau auf längsrechteckigem Grundriss eingeweiht werden. Ihn rahmen nach Süden das Pfarrhaus und eine Treppenanlage, nach Osten der Kirchturm und das Küsterhaus.

 

 

Modern gedacht und vielfältig genutzt

Vom Paulusplatz kommend, den Pützer als gestalterische Fortsetzung des Kirchhofs wesentlich mit geprägt hat, betritt man zwischen Pfarrhaus und Kirche zunächst einen kleinen Vorplatz mit Brunnen. Ein repräsentativer Treppenaufgang erschließt den tonnengewölbten Gottesdienstraum, der nach Norden auf den erhöhten Chor zielt, wo man Altar, Kanzel und Steinmeyer-Orgel übereinander gruppierte. Zur reichen künstlerischen Ausstattung trugen u. a. die Bildhauer Augusto Varnesi (1866-1941) und Robert Cauer (1863-1947) sowie die (Glas-)Maler Heinrich Altherr (1878-1947) und Paul Gathemann bei. Im Untergeschoss konnte Pützer einen Gemeinde- und einen Konfirmandensaal unterbringen, wo durchdachte Details wie Verankerungen für Reck und Barren eine breitgefächerte Nutzung erlaubten.

 

Zerstört und in die Nachkriegszeit überführt

Die kriegsbeschädigte Kirche wurde 1948 in schlichter Form wiederhergestellt, um 1957 durch die Architekten Karl Gruber und Fritz Soeder sowie den (Glas-)Maler Helmuth Uhrig im Geist des Rummelsberger Programms (1951) umgestaltet zu werden: Die Kanzel rückte zur Seite, Chor und Schiff erhielten ein neues Bildprogramm und zuletzt landete die neue Schuke-Orgel (1968) auf die Südempore. Mit der Darmstädter Pauluskirche dürfte Pützer auch für die Kirchenleitung seine architektonische wie konfessionelle Eignung außer Frage gestellt haben: 1908 wurde er zum evangelischen Kirchenbaumeister im Großherzogtum Hessen ernannt. Zugleich hat der Darmstäter Bau – neben der Frankfurter Matthäuskirche (1905/55) – unter den Pützer-Kirchen die stimmigste (Um-)Deutung der Nachkriegszeit erfahren, die sich mit Pützers Architektur heute zu einer im besten Wortsinn modernen Kirche verbündet. (kb, 7.8.15)

Vom 6. September bis 11. Oktober 2015 ist in der Kunsthalle Darmstadt eine Ausstellung über Friedrich Pützer zu sehen. Begleitend erscheint ein Katalog.

 

Literatur und Quellen

Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Objektakte

Evangelische Paulusgemeinde Darmstadt, Pfarrarchiv

Die Pauluskirche. Eine Festschrift zur Einweihung am 29. September 1907, Darmstadt 1907 [Faksimile: Darmstadt 1992]

Fünfzig Jahre Pauluskirche zu Darmstadt. Festschrift, hg. vom Kirchenvorstand der Evangelischen Paulusgemeinde zu Darmstadt, Darmstadt 1957

Endemann, Traute u. a. (Bearb.), 75 Jahre Pauluskirche (Mittteilungen aus der Paulusgemeinde), Darmstadt o. J. [1982]

Britz, Emil u. a. (Bearb.), Die Chronik der Evangelischen Paulusgemeinde Darmstadt. 1902–1997, Darmstadt 1997

Jäger, Wolfram, Die Pauluskirche in Darmstadt (Sonderheft des Gemeindebriefs der Paulusgemeinde Darmstadt), Darmstadt 2007

Gehrig, Gerlinde, Friedrich Pützer und das Paulusviertel in Darmstadt (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte, 169), Darmstadt 2014