Wer denkt schon an den Brutalismus …

… oder an den Strukturalismus? Zu wenige, meint Bernd Denkinger, zumindest heute. Anfang der 1950er Jahre sah die Situation anders aus: Denn die rasch hingestellten, funktionalistisch geplanten Stadtviertel und Siedlungen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Versprechen der einstigen archtektonischen Avantgarde nicht einlösen. Also musste sich die moderne Architektur neu erfinden. Über die bildende Kunst des frühen 20. Jahrhunderts erschloss sich nun auch der Baukunst eine „primitive“ außerrationale Erfahrung – gebündelt im New Brutalism. Der Strukturalismus hingegen wollte die Philosophie der Zeit in Architektur zu fassen.

Anhand von 150 Abbildungen und Plänen stellt Bernd Denkinger in seinem neuen Buch „Die vergessenen Alternativen“ die Strömungen der Nachkriegsmoderne vor. Dabei berücksichtigt er sowohl die frühen Konzepte des New Brutalism als auch die späteren Raumschöpfungen des Strukturalismus. Zuletzt verknüpft Denkinger die damalige erweiterte Wahrnehmung der physischen Welt mit den heutigen „rationalen“ Ambitionen der Architektur. (kb, 22.5.19)

Barcelona, Casa de la Ciutat (Bild: Enfo, CC BY SA 3.0, 2013)

Denkinger, Bernd, Die vergessenen Alternativen. Strukturalismus und brutalistische Erfahrung in der Architektur, Jovis Verlag, Berlin 2019, Flexocover, 16,5 x 24 cm, 288 Seiten, ca. 150 Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen, ISBN 978-3-86859-551-2.

Kramer zum Umhängen

Ferdinand Kramer verbindet man in erster Linie mit den nüchtern-modernen Universitätsbauten, die er beim Wiederaufbau der Frankfurter Goethe-Universität in den 1950er und 1960er Jahren baute. Dabei beschränkte er sich nicht auf die Planung der Gebäude, sondern entwarf in vielen Fälle auch gleich das passende Mobiliar dazu. Nun erfährt eine Arbeit Kramers aus einer ganz anderen Richtung eine Wiederauflage: eine Handtasche, die der Architekt 1963 entworfen hatte.

Das Unikat entstand ursprünglich aus einer privaten Verlegenheit: Als Kramer kein passendes Geschenk für seine Ehefrau finden konnte, entwarf er kurzerhand selbst Handtasche und Abendkleid für die Gattin. Das Frankfurter Label Tsatsas nahm den schlicht-eleganten Entwurf nun zur Vorlage einer kleinen Handtaschenkollektion. Die ursprüngliche Handtasche wurde dabei nur leicht verändert, da die zeitlose Form bis heute modern wirkt. Die Handtasche ist nicht die erste Wiederauflage eines Kramermodells. So hat die Firma e15 seit 2013 verschiedene Möbel nach Entwurf des Architekten im Sortiment. (jr, 26.1.18)

Kramer-Handtasche (Bild: TSATSAS)