Zum Tod von Ernst Otto Glasmeier

Gelsenkirchen würde heute anders aussehen, hätte Ernst Otto Glasmeier in dieser Stadt nicht über Jahrzehnte hinweg gewirkt – und dies auf vielen Ebenen: Als Architekt, als Stadtplaner, als Politiker, als engagierter Bürger, als Kunstsammler und Förderer. Er war das, was man heute gerne als „Netzwerker“ bezeichnet, und ohne Glasmeiers Netzwerk aus Freunden, Künstlern und Förderern hätte es in Gelsenkirchen wohl keine vorbildliche Architektur, kein Theater, kein Fluxus, kein ZERO gegeben, und auch die Sammlung des Museums würde sich heute sicherlich anders präsentieren. Gemeinsam mit Werner Ruhnau zählte Glasmeier zu denjenigen, die in ihrem architektonischen Schaffen sehr eng mit der Kunst verwoben waren und entscheidenden Wert auf die Integration von Kunst und Bau legten. Das prominenteste Beispiel dürfte in diesem Zusammenhang das Schalker Gymnasium sein: Die Decke der großen Aula hatte der ZERO-Künstler Ferdinand Spindel, ein langjähriger Freund Glasmeiers, mit einer riesigen Schaumstoff-Plastik versehen. Leider konnte das Material der Zeit nicht standhalten und musste entfernt werden. Auf dem Schulhof findet man aber noch heute eine Plastik von Günther Uecker. Für seinen Sohn Rolf Glasmeier (1945-2003) entwarf Ernst Otto Glasmeier ein Atelierhaus in Gelsenkirchen, das zu dessen Lebzeiten ebenfalls ein wichtiger Künstlertreffpunkt war.

Ernst Otto Glasmeier, geboren am 16. September 1921, begann sein Architekturstudium an der TH Aachen bei Hans Schwippert und beendete es an der TH München bei Hans Döllgast. Er zählte zur Architektengeneration der ersten Nachkriegsmoderne, deren Veränderungs- und Gestaltungswille zur Voraussetzung für den Aufbau einer neuen Gesellschaft wurden. Glasmeiers Bauten – und die seiner damaligen Partner Hubert Halfmann und Egbert Drengwitz – haben das Bild der Stadt Gelsenkirchen entscheidend mitgeprägt und gelten in vielen Fällen als vorbildlich. Geboren in Wanne-Eickel, war er dem Ruhrgebiet immer verbunden geblieben, verstand sich immer als „politischer Architekt“. Mit seinen Wohn- und Geschäftshäusern und weiteren öffentlichen Bauten in Gelsenkirchen hat er gestalterisch neue Maßstäbe gesetzt. Wenn es irgendwann soziale Architektur gegeben hat – Ernst Otto Glasmeier hat sie in Gelsenkirchen etabliert. Auftraggeber waren unter anderem die Arbeiterwohlfahrt oder das Sozialwerk St. Georg, die Gelsenkirchener Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft mbH, die Rheinisch-Westfälische Wohnstätten AG und natürlich die Stadt Gelsenkirchen. Über zwei Wahlperioden saß er zudem für die SPD im Rat der Stadt Gelsenkirchen und war Mitglied im Ausschuss für berufsbildende Schulen, im Kulturausschuss und im Bauvergabeausschuss. In den 1960er-Jahren initiierte er in Gelsenkirchen zwei Kongresse, die eigentlich Themen der Jetztzeit vorwegnahmen: „Gesellschaft durch Dichte“ und „Die Großstadt, in der wir leben wollen“. Bereits 1985 wurde Glasmeier für seine Verdienste um den Berufsstand des Architekten und die Baukultur in Nordrhein-Westfalen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Am 16. September wäre er 100 Jahre alt geworden.

(Alexandra Apfelbaum/db)

Gelsenkirchen: Was wird aus der Stephanuskirche?

Die Stephanuskirche in Gelsenkirchen-Buer ist das Spätwerk des Architekten Peter Grund, bestens bekannt für eine der frühen deutschen Stahlbetonkirchen: die Nicolaikirche in Dortmund aus dem Jahr 1930. In Gelsenkirchen errichtete man bis 1970, posthum nach den Entwürfen des 1966 verstorbenen Architekten, einen kristallinen Baukörper. Die abstrakte Betonglasgestaltung stammt von der Darmstädter Künstlerin Inge Vahle. 1991 wurde von Josef Baron an der Altarwand eine bronzene Plastik des Auferstandenen ergänzt.

Wie zahlreiche Gottesdiensträume in Gelsenkirchen befindet sich die Stephanuskirche aktuell im Umbruch. Mitte der 2010er Jahre verkaufte man den Bau an einen privaten Investor, der das umliegende Gelände mit einem Altenheim bestücken wollte. Für die neue Nutzung wurde das Gemeindehaus bereits niedergelegt. Das Richtfest für den Seniorenheim-Neubau feierte man 2019, die Arbeiten soll(t)en im Sommer 2020 abgeschlossen sein. Für den Kirchenraum ist eine funktionale Einbindung in das Altenheim angedacht. Die Gemeinde hat sich zudem vom neuen Eigentümer ein 10-jähriges Nutzungsrecht zusichern lassen. Wie genau die Zukunft des Gottesdienstraums aussehen soll, ist bislang noch unbekannt. (kb, 27.10.20)

Virtuelle Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rot) Kirchenbauten (Historismus und Moderne) in Gelsenkirchen (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte “invisibilis”)

Titelmotiv: Gelsenkirchen-Buer, Stephanuskirche (Bilder: Christian Klusemann)

Rings und Mendelsohn in Celle

Auch wenn nur einer von ihnen berühmt ist, zählen sie doch beide zu den wichtigen Architekten der Moderne in Deutschland und später in Palästina. Die Rede ist von Josef Rings (1878–1957) und Erich Mendelsohn (1887–1953). Gemeinsam war ihnen, dass sie als Architekten den Zenit ihres Erfolges in der Bauhaus-Ära erreicht hatten und durch den Machtantritt der Nationalsozialisten ins Exil gezwungen wurden. Beiden gelang es, sich in Palästina erneut zu etablieren, obwohl sie ihr Exilland bald wieder verließen: Mendelsohn emigrierte 1941 in die USA, Rings zog 1948 zurück nach Deutschland, übernahm in Mainz eine Professur.

Beide Baumeister sahen sich der Moderne verpflichtet, repräsentierten aber inhaltlich wie formal unterschiedliche Strömungen. Der Sozialist Rings widmete sein Werk dem Wohl der Arbeiterklasse, entwarf Pläne zur Verbesserung der Lebensqualität der Massen und Arbeitersiedlungen. Der bürgerliche Mendelsohn realisierte Kaufhäuser, Villen, Universitäten und Banken. In der Synagoge Celle ist nun ab 4. September die Ausstellung “Josef Rings und Erich Mendelsohn: Neues Bauen in Deutschland und Erez Israel” zu sehen, eine Leihgabe der Alten Synagoge Essen. Vernissage ist am 3. September 2020 um 19 Uhr; aufgrund Corona ist es erforderlich, sich hierfür unter Tel. 05141/124719 anzumelden. (db, 1.9.20)

Berlin, Schaubühne von Erich Mendelsohn (Bild: Manfred Brueckels, CC BY SA 3.0)

Titelbild: Gelsenkirchen, Siedlung Spinnstuhl von Josef Rings (Bild: W.Strickling, CC BY-SA 4.0)